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Full text of "Die spätantiken Kanontafeln kunstgeschichtliche Studien über die eusebianische Evangelien-konkordanz in den vier ersten Jahrhunderten ihrer Geschechte .."

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DIL ßÜCHEKORNAMENTIK 
DER SPÄTANTIKE I 





Photo Coli. Haut. Etud. 

Ammonius und Eusebius. 

Florenz, Biblioteca Laurentiana, Plut. I, 56, fol. 2a. 

Beth-Zagba (Syrien), a. 586. 


CARL NORDENFALK 

tr^ — ^ - 


DIE SPÄTANTIKEN 

KANONTAFELN 


Kunstgeschichtliche Studien über die eusebianische 

Evangelien-Konkordanz in den vier ersten 

Jahrhunderten ihrer Geschichte 


TEXTBAND 


GÖTEBORG 1938 

OSCAR ISACSONS BOKTRYCKERI A.B. 




RARISS 

■'GAGO, ^^' 



!hj) 


1260251 


Mina föräldrar 

tillägnas med tacksamhet 
denna bok 


INHALTSVERZEICHNIS 


Vorwort '. 13 

Quellen 19 

I. Handschriften xind andere Kunstdenkmäler 19 

II. Litteraturverzeichnis 19 

A. Serienpublikationen 19 

B. EinzelveröfFentlicliungen 25 

EINLEITUNG 43 

ERSTES KAPITEL: DIE GRIECHISCHEN KANONTAFELN 55 

Zur Einführung 57 

1. Der eusebianis«he Archetypus 65 

A. Die textliche Verteilung der Kanones 65 

B. Die Kanonbögen 73 

Vorbemerkung 73 

1. Die struktive Gestaltung des Rahmenwerkes 74 

a. Die Kanontafeln als Grundrißform 74 

b. Die Kanontafeln als Aufrißform 83 

2. Die ornamentale Ausstattung des Rahmenwerkes.... 85 

a. Die Besatzornamente . 86 

b. Die Füllornamente 88 

C. Die Prologseiten 94 

D. Die Schlußseite 102 

E. Zusammenfassung und Gegenprobe 109 

Nachtrag zu S. 110 113 

IL Die Entstehung des K an on bogen s.. 117 

TIL Das Londoner Fragment 127 

IV. Das Wiener Fragment 147 

Vorbemerkung 147 

A. Die textliche Verteilung der Kanones 148 

B. Die Kanonbögen 153 

C. Die Zierseite 157 

9 


ZWEITES KAPITEL: DIE LATEINISCHEN KANONTA- 
FELN 165 

Zur Einführung 167 

I. Die kleinere Kanonfolge 171 

A. Die textliche Verteilung der Kanones 171 

B. Die Kanonbögen 173 

Vorbemerkung 173 

1. Der Bogentypus 174 

a. Die Handschriften 174 

b. Die struktive Gestaltung des Rahmenwerkes ...... 178 

a. Die Kanontafeln als Grtuidrißform 178 

ß. Die Kanontafeln als Aufrißform 182 

c. Die dekorative Ausstattung des Rahmenwerkes 184 

a. Die Füllornamentik 184 

ß. Die Besatzornamentik 187 

d. Die Kreuz- und Itemzeichen 193 

e. Datierung und Lokalisierung des Archetypus 193 

f. Vatikan, Vat. lat. 3806, f ol. 1—2 194 

2. Der Gebälktypus 195 

IL Die erste größere Kanonfolge 208 

A. Die textliche Verteilung der Kanones 208 

B. Die Kanonbögen 211 

1. Die struktive Gestaltung des Rahmenwerkes 211 

2. Die dekorative Ausstattung des Rahmenwerkes 213 

C. Datierung und Lokalisierung des Archetypus 216 

D. London, British Museum, Harl. 1775 219 

DRITTES KAPITEL: DIE SYRISCHEN KANONTAFELN 221 

Zur Einführung 223 

1. Der Archetypus 228 

A. Die textliche Verteilung der Kanones 228 

B. Die Kanonbögen 231 

1. Die struktive Gestaltung des Rahmenwerkes 231 

a. Die Kanontafeln als Grundrißform 231 

b. Die Kanontafeln als Aufrißform 234 

2. Die dekorative Gestaltung des Rahmenwerkes 236 

C. Die Randminiaturen 239 

IL Das R a b u 1 a - E V a n g e 1 i a r 255 

10 


VIERTES KAPITEL: DIE GOTISCHEN KANONTAFELN 261 

RÜCKBLICK AUF DIE ERGEBNISSE 271 

I. Die Entwicklung der spätantiken 
K a n o n t a f e 1 n. Zusammenfassung und Ergänz- 
ungen 273 

IL Die Eigenart der spät antiken Ka- 
non t a f e 1 n 288 

Vorbemerkung . 288 

A. Die Grundrißform 289 

B. Die Aufrißform 297 

VERZEICHNISSE 299 

I. Verzeichnis der Handschriften.... 300 
IL Verzeichnis der zum Vergleich her- 
angezogenen Kunstd'enkmäler 305 

HL Personenverzeichnis 308 

IV. Orts- und Sachverzeichnis 312 

V. Terminologisches Verzeichnis.... 314 

VI. Ikonographisches Verzeichnis 315 

VIL Verzeichnis der Ornamentmotive. 316 
VIIL Verzeichnis der Textabbildungen 318 

TABELLEN 

Die kleinere griechische Kanonfolg e Beilage A 
Die grössere griechische Kanonfolge Beilage A 

Die syrische Kanonfolge Beilage B 

Die kleinere lateinische Kanonfolge Beilage B 
Die erste grössere lateinische Kanon- 

f o 1 g e . Beilage G 

Die zweite grössere lateinische Ka- 

n o n f o 1 g e Beilage C 


11 


VORWORT 


Es war ursprünglich meine Absicht, eine zusammenfassende 
Untersuchung über das ganze Gebiet der spätantiken Bücher- 
ornamentik vorzulegen. Allmählich erreichten aber die Vorarbei- 
ten einen solchen Umfang, daß eine Beschränkung der Aufgabe 
notwendig wurde. Ich habe mich dann für die Behandlung der 
spätantiken Kanontafeln entschieden, weil dieses Material die 
reichsten und für die spätantike Kunstgeschichte im allgemeinen 
wichtigsten Ergebnisse versprach. Ich hoffe aber, die hier begon- 
nene Geschichte der spätantiken Bücherornamentik in Zukxinft 
weiterführen zu können. 

Die eusebianischen Kanontafeln sind bisher niemals Gegen- 
stand einer gründhchen Untersuchung gewesen. Von kunstge- 
schichtlicher Seite ist das Thema, so viel ich weiß, nur einmal 
getrennt behandelt worden. H. J a n i t s c h e k hat im Straß- 
burger Festgruß an Anton Springer (Berlin und Stuttgart 1885) 
"^Zwei Studien zur Geschichte der carolingischen Malerei" ver- 
öffentlicht, von denen die erste, "Das orientalische Element in 
der Miniaturmalerei", einen Überblick über die älteste Geschichte 
der Kanontafeln zu geben versuchte. Obwohl diese Abhandlmig 
für ihre Zeit eine bewundernswerte Leistung darstellte, ist sie 
für eine systematische Behandlung des Themas nicht von wesent- 
licher Bedeutimg; ich habe deshalb in meiner Untersuchung 
kaum Anlaß gefunden, mich mit ihren Ergebnissen auseinander- 
zusetzen. Nach Janitschek hat sich die Kunstwissenschaft nicht 
einmal gelegentlich für die Geschichte der eusebianischen Kano- 
nes interessiert. In der sonst reichen Rüstkammer von metho- 
dischen Erfahrungen und sachlichen Erkenntnissen, die während 
der letzten fünfzig Jahre durch die Erforschung der spätantiken 
und frühmittelalterlichen Buchmalerei entstanden ist, mangeln 
die Spezialwerkzeuge für die Behandlung der Kanontafeln so 
gut wie vollständig. 

13 


Wenn unter diesen Umständen die Untersuchung im Wesent- 
lichen nach eigenen Richtlinien angelegt wurde, so stand mir 
bei der Materialsammlung eine unschätzbare Vorarbeit in Biblio- 
thekskatalogen, Handschriftenpublikationen und stilgeschicht- 
lichen Untersuchungen zur Verfügtmg. Besonders wertvoll er- 
wiesen sich die Standardwerke der neutestamentlichen Textkritik. 
Es ist mir allerdings nicht möglich gewesen, die großartige Denk- 
mälerkenntnis, die in den Handschriftenlisten eines Tischendorf, 
eines Scrivener und eines v. Soden niedergelegt ist, für meine 
Untersuchung auch nur annähernd auszuwerten. Mit Absicht 
habe ich bei der Darstellung auf Vollständigkeit in der An- 
führung der Zeugnisse verzichtet und statt dessen eine Auswahl 
der wichtigsten Denkmäler erstrebt. Zweifellos sind mir Hand- 
schriften unbekannt geblieben, die Berücksichtigung verdient 
hätten; doch bin ich der Hoffnung, daß die herangezogenen Zeug- 
nisse der Untersuchung eine hinreichend feste Grundlage sichern. 
Für die zeitliche Abgrenzung des Themas war als Anfangsdatum 
die Entstehung der Kanones um 330 n. Chr. gegeben. Als End- 
termin konnte der Ausgang der Spätantike angenommen werden. 
Allerdings stellt die zeitliche Festlegung einer Grenze zwischen 
Spätantike und Frühmittelalter selbst ein belangreiches wissen- 
schaftliches Problera dar, für das sehr verschiedene Lösungen 
vorgebracht werden. Meine eigene Auffassung habe ich in einer 
vorbereitenden Studie, die in Göteborgs Kimgl. Vetenskaps- och 
Vitterhetssamhälles handlingar Folge V, Ser. A, Bd. 6, N:o 5 
erschienen ist, skizziert. Meiner Ansicht nach hat das Mittel- 
alter im Westen erst mit dem endgültigen Eintritt der nordeuro- 
päischen Völker in die christliche Kulturgemeinschaft während 
des VH. Jahrhunderts begonnen. Der mittelalterliche Stil ist 
in den neuen Klostergründungen des merovingischen Reiches 
und der brittischen Inseln entstanden und hat sich um 700 nach 
Norditalien, im Laufe des VHL Jahrhunderts und später nach 
Mittel- und Süditalien verbreitet. Im Osten bedeuten die 
Eroberungskriege des Islams und der Bilderstreit die entschei- 
denden Einschnitte, Im Ganzen wäre als'o die Spätantike um 700 
zu Ende, Demnach behandelt die Untersuchung die eusebiani- 
schen Kanones in den vier ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte. 


14 


In einem besonderen Tafelband, der gleichzeitig mit dem Text- 
band separat erseheint, werden die wichtigsten in der Unter- 
suchung behandelten Kanontafeln in Lichtdrucken wiedergegeben. 
Die Tafeln dieses Bandes sind folgendermaßen geordnet: Taf. 
1 — 47 umfassen die griechischen (darunter einige von griechi- 
schen Prototypen herstammende orientalische), Taf: 48 — 113 die 
lateinischen und Taf. 114 — 159 die syrischen Kanontafeln, 
während auf Taf. 160 Proben einer gotischen und einer ihr nahe- 
stehenden lateinischen Handschrift gegeben werden. Eine klei- 
nere Abweichung von dieser Gruppierung nach Sprachen ist 
leider erfolgt, weil es bei einer Planveränderung während der 
Drucklegung notwendig wurde, Abbildungen einer griechischen 
luid vier lateinischer Handschriften als Taf, 161 — 168 am Ende 
nachz?utragen. Ich hoffe aber, daß diese Unregelmäßigkeit die 
Benutzung des Tafelbandes nicht erschweren wird. 

Mit Absicht habe ich die Bilder auf lose Tafeln drucken lassen. 
Nur diese Anordnung gibt dem Leser volle Freiheit, die Tafeln 
gegenseitig zu vergleichen. Die Auswahl der Abbildungen sowie 
die in den Titeln gegebenen Bestimmungen finden in dem Text- 
band ihre Begründung. Ihm ist auch die Wiedergabe des für 
die Untersuchung wesentlichen Vergleichsmaterials vorbehalten. 


Bei der Veröffentlichung dieser Untersuchung ist es mir ein 
Bedürfnis, allen denjenigen zu danken, die meine Arbeit auf 
verschiedene Art gefördert haben. 

Die erste Anregmig zu Forschungen auf dem Gebiet der Buch- 
malerei verdanke ich meinem Lehrer und Freund Professor 
Henrik Cornell. In einem vorbereitenden Stadium der 
Arbeit habe ich bestirnte methodische Probleme mit Professor 
Gregor Pauls, son erörtern dürfen und daraus, wertvolle 
Belehrung geschöpft. Von großem Vorteil war es mir schließlich, 
daß ich die Untersuchung unter der anregenden Leitung meines 
verehrten Chefs und Lehrers Professor Axel L. Romdahl 
zu Ende führen durfte. Ich bleibe ihm für viel Geduld und 
stetiges Entgegenkommen tief verbunden. 

15 


Von den ausländischen Gelehrten, die mir bei der Arbeit 
behilflich gewesen sind, habe ich an erster Stelle Professor 
Fritz Saxl zu nennen. Meine Untersuchtxug ist durch die 
Diskussionen, die ich mit ihm über die Hauptprobleme hatte, 
außerordentlich gefördert worden. Er hatte auch die Freund- 
lichkeit, die Abhandlung im Manuskript zu lesen. Für viele 
wertvolle Hinweise bin ich ihm zu wärmstem Dank verpflichtet. 

Mit wissenschaftlichen Auskünften und Überlassung von Pho- 
tographien halfen mir die folgenden Gelehrten : Bernhard 
Bischoff, München, Albert Boeckler, Berlin, 
Axel Boethius, Göteborg, Paul Buberl, Wien, 
Georges Collen, Tours, A. M. F r i e n d Jr., Princeton, 
Adolph Goldschmidt, Berlin, Dom Georges 
Grand O.S.B., Rom, Belle da Costa Green e, New 
York, Arthur H aseloff, Kiel, PaulHenrici, 
Göteborg, Roger Hinks, London, Ellen j0rgen- 
s e n , Kopenhagen, Wilhelm Köhler, Harvard, Phi- 
lippe Lauer, Paris, Paul Lehmann, München, 
E. A. Lowe, Oxford, Frederique Macler, Paris, 
Gabriel Millet, Paris, Axel N e 1 s s o n , Upp- 
sala, H. S. N y b e r g , Uppsala, Meier Schapiro, 
New York, Georg Swarzenski, Frankfurt a/M., Hanns 
Swarzenski, Princeton, HansWegener, Berlin, 
Kurt Weitzmann, Princeton, Dom A. Wilmart O.S.B., 
Rom und Francis Wormald, London. Ich bitte sie 
alle, meinen aufrichtigen Dank entgegenzunehmen. 

Dankbar gedenke ich auch aller Bibliotheken und Museen, 
die mir Handschriften und Bücher zur Verfügung stellten. Vor 
allem habe ich den Bibliotheken in Uppsala, Stockholm und 
Göteborg für ihr stetiges Entgegenkommen zu danken. 

Professor Konstantin Reich ard, jetzt Mineapolis 
University, U. S. A., und Frau Dr. Gertrud Bing, London, 
haben sich der Mühe unterzogen, das Manuskript auf die Sprache 
hin durchzugehen. Beim Lesen der Korrekturen half mir Frau 
Dr. Käthe Hamburger, Göteborg. Auf die Zeichnung 
der Textillustrationen hat Herr Hugo Karls son, Göteborg, 
große Sorgfalt verwandt. An diese Förderer meiner Arbeit 
möchte ich auch hier meinen besten Dank richten. 

16 


Die Lichtdrucke des Bildbandes wurden mit großer Sorgfalt 
durch Malmö Grafiska Anstalt ausgeführt, bei deren Leiter, 
Hovintendent John Kroon ich stets bereitweilliges Ver- 
ständnis für meine Wünsche fand. Die schwierige Drucklegung 
des Textbandes besorgte die Firma Oscar Isacson, Göteborg. Bei 
dieser Gelegenheit möchte ich besonders Herrn Wigge Isac- 
son für das Interesse danken, das er der Herstellung des Druc- 
kes gewidmet hat. 

Zuletzt danke ich meiner Frau für alles^ was sie mir 
während der Arbeit an dieser Abhandlung bedeutet hat. 

Kxmstmuseum, Göteborg im Oktober 1938. 

C. N. 


17 


QUELLEN 


I. HANDSCHRIFTEN UND ANDERE KUNST 
DENKMÄLER. 

siehe Verzeichnis S. 300 — 307. 


n. LITERATURVERZEICHNIS. 


Acta Arch. 

Amer.Journ. 
Arch. 


Anz. Akad. Wien 

ArchAnz. 
Art.Bull. 


Ath.Mitt. 


Serienpublikationen. 

Acta archaelogica, redigenda curavit J. Brönd- 
sted, Kopenhagen. 

American Journal of Archaelogy. The Jour- 
nal of the Archaelogical Institute 'of Ame- 
rica. Concord, N. H. 

Anglican Theological Review. Evanston und 
Lancaster. 

Annales du Musee Guimet. Bibliotheque d'etu- 
des. Paris. 

Antikvarisk tidskrift för Sverige, utgiven av 
Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets 
Akademien genom E. Eckhoff och S. Cur- 
man, Stockholm. 

Wien, Akademie der Wissenschaften, Anzei- 
ger. 

siehe Jahrb. Deutsch. Arch.Inst. 

The Art Bulletin. Chicago. 

Art Studies, Mediaeval, Renaissance and Mo- 
dern. Edited by Members of the Depart- 
ments of Eine Arts at Harvard and Prin- 
ceton Universities. Cambridge, Mass. 

Mitteilungen des deutschen archäologifjchen 
Instituts, Athenische Abteilung. Athen, 

Beiträge zur Einleitung in das Neue Testa- 
ment, iherausg. von A. Harnack, Leipzig. 

Bergens Museums Aarbok. Bergen. 

19 


Beschr.Verz.il- 
lum.Hss.Österr. 


Bull.Corr.Hell. 


BulLComm. 
BurLMag. 

Byz.Neugr.Jrbr. 

Byz.Zs. 

Class.Quart. 
Coll.Bibl.Lat. 


Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten 
Handschriften in Österreich, begründet 
von F. Wickhoff. Leipzig. 

Biblica. Commentarii editi quarter in anno a 
Pontificio Instituto Biblico. Rom. 

Bibliotheque catholique des sciences religieu- 
ses. Lyon. 

Bibliotheque de l'Slcole des chartes. Paris. 

Bibliotheque -des ficoles frangaises d'Athenes 
et de Rome, publice sous les anspices du 
Ministere de l'instruction publique. Paris. 

Bulletin de correspondance hellenique, piiblie 
par l'fioole frangaise d'Athenes. Paris. 

Bulletin de la Societe archeologique id'Alexan- 
drie. Alexandria und Wien. 

Bulletin de l'Institut archeologique Bulgare. 
Sofia. 

BuUettino de la Commissione archeologica 
communale. Rom. 

The Burlingtone Magazine for Connaisseurs. 
London. 

Byzantinische Denkmäler, herausg. von J. 
Strzygowski. Wien. 

Byzantinisch-Neugriechische Jahrbücher. In- 
ternationales Wissenschaftliches Organ, 
unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenos- 
sen herausg. von N. Bees. Athen. 

Byzantinische Zeitschrift, begründet von Karl 
Krumbacher, mit Unterstützung zahlrei- 
cher Fachgenossen. . . herausg. von F. 
Dölger. Leipzig und Berlin. 

The Classical Quarterly. London und New 
York. 

Collectanea bibhca latina. Rom und Paris. 

Collectanea Hierosolymitana. Veröffentlich- 
ungen des Orientalischen Instituts der 
Görres-Gesellschaft in Jerusalem. Pader- 
born. 


20 


Corp.Inscr.Lat. 


Denkschr.Akad. 
, Wien 


Forsch.Fortschr. 


Gaz.B.-A. 
Göteb. Vitt. S amh. 

Handl. 
Harv.Theol.Rev. 


Istanb. Forsch. 


Jahrb. Deutsch. 
Arch.Inst. 

Jahrb.Kunst- 
saniinl.Wien. 


J ahrb.Kunstw. 

Jahrb.Preuß. 
Ktmstsaininl. 
Journ.asiat. 


Gollections de documents inedits sur l'histoire 
de la France. Paris. 

Corpus inscriptionum latinarum consilio et 
auctoritate Academice litt. reg. Boruss. edi- 
tum. Berlin. 

Wien, Akademie der Wissenschaften, Denk- 
schriften. 

Der alte Orient. Gemeinverständliche Dar- 
stellungen, herausg. von der Vorderasia- 
tisch-ägyptischen Gesellschaft. Leipzig. 

Die Antike. Zeitschrift für Kunst und Kultur 
des klassischen Altertums. Berlin. 

Forschimgen und Fortschritte. Berlin. 

Forschtmgen zur Geschichte des neutestament- 
lichen Kanons und der altkirklichen Li- 
teratur herausg. von Th. Zahn. Erlangen. 

Gazette des Beaux-Arts. Paris. 

Göteborgs Kungl. Vetenskaps- och Vitterhets- 
Samhälles handlingar. Göteborg. 

The Harvard Theological Review, issued quar- 
terly by the Faculty of Divinity. New 
York. 

Istanbuler Forschungen herausg. von der Ab- 
teilxuig Istanbul des archäologischen In- 
stitutes des deutschen Reiches. Bamberg. 

Jahrbuch des deutschen archäologischen Insti- 
tuts mit dem Beiblatt Archäologischer An- 
zeiger. Berlin. 

•Jahrbuch der Kunstsammlungen des aller- 
höchsten Kaiserhauses in Wien, bzw. Jahr- 
buch der kixnsthistorischen Sammlungen 
in Wien. Wien. 

Jahrbuch für Kunstwissenschaft, herausg. von 
Ernst Gall. Leipzig. 

Jahrbuch der preußischen Kunstsammlungen. 
Berlin. 

Journal asiatique, public par la Socitete asia- 
tique. Paris. 


21 


Journ.Hell.Stud. 
J ourn. Warb. Inst. 
Krit.Ber. 


Mem.Acad.Inscr. 
Mon.Germ.Hist. 

Mon.Piot. 


N.BulLArch. 
Crist. 


N.KirchLZs. 
Not.Extr. 


Not.Scavi 
Or. Christ. 


The Journal of Hellenic Studies. London. 
Journal of the Warburg Institute. London. 
Kritische Berichte zur kunstgeschichtlichen 

Literatur, redigiert von F. Antal und B. 

Fürst. Leipzig. 
Kunstwissenschaftliche Forschungen. Schrift- 
leitung: O. Pacht. Berlin. 
La Giviltä cattolica. Roma. 
L'antiquite classique. Louvain. 
Materialy po archeologii Kavkaza. Moskwa. 
Melanges de l'Universite de Saint- Joseph de 

Beyrouth. Beyrouth. 
Paris, Academie des inscriptions et belies lett- 

res, Memoires. 
Monumenta Germaniae historica. Edidit So- 

cietas aperiendis fontibus rerum Germani- 

carum medii aevi. Berlin. 
Monuments et memoires publies par l'Academie 

des inscriptions et belles-lettres. Fonda- 

tion Eugene Piot. Paris. 
Nuovo bulletino di archeologia cristiana. Rom. 

Monumenta armenologica. Wien. 

Neutestamentliche Abhandlungen, herausg. von 
M. Meinertz. Münster i/W. 

Neue Kirchliche Zeitschrift, herausg. von W. 
Engelhardt. Erlangen und Leipzig. 

Notices et extraits des manuscrits de la Biblio- 
theque nationale et autres bibliotheques. 
Paris. 

Notizie degli scavi di antichitä. Rom. 

Oriens christianus. Halbjahrshefte für die 
Kunde des christlichen Orients, begründet 
vom PriestercoUegium des deutschen Cam- 
po Santo in Rom, im Auftrag der Görres- 
gesellschaft herausg. von A. Baumstark. 
Leipzig. 


22 


Österr. J ahresh. 


Pauly-Wissowa, 
Real-Encycl. 


Publ.Univ.Strasb. 

Quart.Antiq.- 

Palest. 
Rep.Kunstw. 

Rev.Arch. 

Rev.Bened. 
Rev.Bibl. 


Röm.Mitt. 
Röm.Quart. 


Jahreshefte des österreichischen archäologi- 
schen Instituts. Wien. 
Palladio. Rivista di Storia dell'Architettura. 

Milano. 
Patrologia orientalis, pubHee par R. GraflFin et 

F. Nau. Paris. 
Pauly's Real-Encyclopädie der classischen Al- 
tertumswissenschaft. Neue Bearbeitung, 
begonnen von G. Wissowa unter Mit- 
Wirktmg zahlreicher Fachgenossen her- 
ausg. von W. Kroll und K. Witte. Stutt- 
gart. 
Publications de la Societe frangaises de repro- 
ductions de nianuscrits ä peintures. Paris. 
Strasbourg, Universite, Faculte des lettres, Pu- 
blications. 
Quarterly of the Deijartnient of Antiquities 

in Palestine. Jerusalem und London. 
Repertorium für Kunstwissenschaft. Berlin 

und Leipzig. 
Revue archeologique, publice sous la direction 

de E. Pottier et S. Reinach, Paris. 
Revue benedictine. Abbaye de Maredsous. 
Revue biblique, publice par l'Ecole pratique 
d'etudes bibliques etablic aus couvent do- 
minicain Saint-Eticnne de Jerusalem. Pa- 
ris. 
Römisch-germanische Forschxmgcn, herausg. 
von der römisch-germanischen Kommis- 
sion des deutschen archäologischen Insti- 
tuts zu Frankfurt a/M. Berlin und Leip- 
zig- 
Mitteilungen des deutschen archäologischen 

Instituts, Römische Abteilung. Rom. 
Römische Quartalschrift für christliche Alter- 
tumsktmdc und für Kirchengeschichtc. 
Freiburg i/Br. 

23 


Sitz.Ber.Münch. 


Stud.BibLEccl. 


Stud.Spätant. 
Ktmstg. 


TheoLStud.Krit. 


München, Bayerische Akademie der Wissen- 
schaften, Sitzungsberichte. 

Skrifter utgivna av Kungl. Humanistiska Ve- 
tenskapssamfundet i Uppsala. Uppsala 
und Leipzig. 

Skrifter utgivna av svenska litteratursällska- 
pet. Uppsala. 

Spicilegium sacrum Lovaniense. fitudes et 
documents. Louvain-Paris. 

Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blät- 
ter. Freiburg i/Br. 

Studia biblica et ecclesistica. Essays chiefly in 
Biblical and Patristic Criticism. Oxford. 

Studi et testi, publicati per cura degli scrittori 
della Biblioteca Vaticana, Roma. 

Studien über christliche Denkmäler, heraus g. 
von J. Ficker. Leipzig. 

Studien zur Geschichte der Theologie und der 
Kirche, herausg. von N. Bonwetsch nxiö 
R. Seeberg. Leipzig. 

Studies of the Warburg Institute, edited by 
Fritz Saxl. London. 

Studien zur spätantiken Kunstgeschichte, im 
Auftrage des deutschen archäologischen 
Instituts herausg. von H. Lietzmann luid 
G. Rodenwaldt. Berlin-Leipzig. 

Syria. Revue d'art oriental et d'archeologie 
publ. sous le patronage du haut-commis- 
saire de la Republique Frangaise en Syrie. 
Paris. 

Text and Studies edited by J. Armitage Robin- 
son. Cambridge. 

Theologische Studien und Kritiken . . . begrün- 
det von C. Ullman imd F. W. C. Umbreit, 
Stuttgart und Gotha. 

Trierer Zeitschrift für Geschichte und Kunst 
des Trierer Landes und seiner Nachbarge- 
biete. Trier. 


24 


Wien. Jahrb. 

Kunstg. 
Vortr.Bibl.Warb. 
Zap .Russk. Ark. 


Zs.Ästhet. 


Zs.Kunstg. 
Zs.Neut.Wiss. 


Zs.Paläs.t.Ver. 


Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte iind 
Kunst, herausg. von K. Lamprecht. Trier. 

Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte. Augs- 
burg. 

Vorträge der BibHothek Warburg. Leipzig. 

Zapiski Imperatorskago Russkago arkeologit- 
scheskago Obschestwa. St. Petersburg. 

Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunst- 
wissenschaft. Berlin. 

Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunst- 
wissenschaft, herausg. von Max Dessoir. 
Stuttgart. 

Zeitschrift für Kunstgeschichte. Berlin. 

Zeitschrift für die neutestamentliche Wissen- 
schaft und die ICunde der älteren ICirche, 
begründet von E. Preuschen. Giessen. 

Zeitschrift des deutschen Palästina- Vereins. 
Leipzig. 

Zur Ktoistgeschichte des Auslandes. Straßburg. 


B. Einzelveröffentlichungen. 


Ä b e r g , N. , Den germanska stjärnornainentiken under 3- och 

400-talet e. Kr. (Antikvarisk tidskrift för Sverige XXI: 3. "^ 

1919). ^ ^^. 

Achelis, H., Altchristliche Kunst (Zs.Neute8t.Wiss. X VI, ^ 5" ^/ -' ^ - 
1915, S. 1—16). 

Adler, J. C. , Novi Testamenti Version es syriacae simplex, 

Philoxeniana et Hierosolymitana, Kopenhagen 1789. ^'<i> - • '^* "^^ 

Ainalow, D.^7^ JEllinistitscheskia osnovy wisantiiskago iskusst- 

wa (Die hellenistischen Grundlagen der byzantinischen i/^ , /^y 'v?3 
Kunst) (Zap.Russk.Ark.XII) Petersburg 1901 (referiert von 
O. Wulff in Rep.Kunstw. XXVI, 1903, S. 35—55) . 

Allgeier, A. Cod. Phillipps 1388 in Berlin und seine^^/ ^d > (=> 
Bedeutung für die Geschichte der Peschitta (Or. Christ. Ser. 
III, Bd. VII, 1932, S. 1—15). 


25 


'^Allgeier, A. , Cod. syr. Phillipps 1388 und seine ältesten Pe- 
rikopenvermerke (Or.Christ. Ser. 11, Bd. VI, 1916, S. 147 
—152). 
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42 


EINLEITUNG 


Iii der ersten Hälfte des II. Jahrhtinderts wurden, wie ange- 
nommen wird, in Kleinasien die Evangelien nach Matthäus, Mar- 
kus, Lukas vaid Johannes zu einem kirchlich giltigen Evange- 
lienbuch zusammengefügt^). Dieses Evangelienbuch, das inner- 
halb weniger Jahrzehnte bei dem größten Teil der christlichen 
Welt Aufnahme fand, ergab insofern eine wesentliche Schwierig- 
keit, als es eine neue Variante jenes formalen Hauptproblems 
stellte, das fast der ganzen älteren Dogmengeschichte zugrunde- 
liegt, des Problems der Einheit in der Vielfältigkeit. 
Die ebenso für die geschichtliche Überlegtuig, wie für das reli- 
giöse Empfinden und die kirchliche Praxis notwendige Einheit- 
lichkeit der Überlieferung schien dadurch gefährdet, daß die 
Lehre und das Leben Jesu von vier verschiedenen Quellen ge- 
schildert wurden. Man konnte nicht umhin, das Bedürfnis zu 
empfinden, die Vielfalt der Zeugnisse in eine Einheit zusammen- 
fassen. Die Auseinandersetzung mit diesem Problem ist im 
Wesentlichen in drei Etappen verlaufen. 

1. In der zweiten Hälfte des II. Jahrhunderts wurden Ver- 
suche gemacht, das Problem dadurch zu lösen, daß man die 
Vierzahl der Evangelien vollständig aufhob, indem man sie zu 
einer Evangelien harmouie zusammenarbeitete. Das 
wichtigste Beispiel dieses Verfahrens bildet das sog. Diatessaron 
des Tatianus, das von der syrischen Kirche als kanonisches Evan- 


^) Hier und zum folgenden vgl. A. Harnack, Die Chronologie der alt- 
christlichen Litteratur bis Eusebius (Geschichte der altchristlichen Litteratur 
bis Eusebius II: 1) Leipzig 1897, S. 681 — 701. Derselbe, Einige Bemerk- 
ungen zur Geschichte der Entstehung des Neuen Testaments (Reden und Auf- 
sätze II, Gießen 19062, s. 239—245). Derselbe, Die Entstehung des Neuen 
Testaments und die wichtigsten Folgen der neuen Schöpfung (Beiträge zur 
Einleitung in das Neue Testament VI), Leipzig 1914, S. 46 — 56. 

45 


gelienbuch atif genommen wurde und dort bis in das V. Jahrhun- 
dert in Geltung blieb^\ 

2. Vielleicht hat man ursprünglich überall das vierteilige 
Evangelienbuch als etwas Vorläufiges angesehen. Im Kampf mit 
den gnostischen Irrlehren hat aber die Kirche den Wert der 
durch ihre Verfassemamen als authentische Zeugnisse beglaubig- 
ten vier Evangelien zu schätzen gelernt. "Dem Gnostizismus 
gegenüber wurde der Buchstabe der vier Evangelien geheiligt und 
damit bewahrt"-). Die Vierzahl der Evangelisten konnte nicht 
mehr dem Bedürfnis einer einheitlichen Ausformxing der evan- 
gelischen Überlieferung geopfert werden. Wenn wir im III. 
Jahrhmidert wieder von einem Versuche hören, das vierteilige 
Evangelienbuch zu einer systematischen Einheit umzuarbeiten, 
so hat dieses Unternehmen einen wesentlich anderen Charakter 
als die Evangelienharmonie Tatians. Wir erfahren durch Euse- 
bius, daß ein alexandrinischer Gelehrter namens Ammonius eine 
Evängeliensynopsis veröffentlichte, in welcher er den 
Text des Matthäus zur Richtschnur nahm und diesen die inhalt- 
lich übereinstimmenden Stellen der übrigen Evangelien in paral- 
lelen Seitenkolumnen anreihte^\ Während die vier Evangelien 
im. Diatesisaron des II. Jahrhimderts in eine neue Einheit auf- 
gingen, blieben sie also in der Evangeliensynopsis des III. Jahr- 
hunderts als selbständige Schriften bestehen. 

3. Die ammonianische Evangeliensynopsis hatte aber den 
Fehler, daß sie nicht gestattete, die Texte der drei letzten Evan- 


^) Th. Zahn, Tatians Diatessaron (Forschungen zur Geschichte des neu- 
testamentlichen Kanon und altkirchlichen Literatur I) Erlangen 1881. 
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273 — 83. Neuere Literatur siehe luiten S. 252, Anm. 2. — Eine Evangelienhar- 
nionie hat in der zweiten Hälfte des IL Jahrhunderts nach Hieron3Tnus auch 
der Bischof Theophilus von Antiochia verfasst (A. Harnack, Die Ent- 
stehung des Neuen Testaments, Leipzig 1914, S. 54, Anm.l). 

-) A. Harnack, Reden und Aufsätze H, Gießen 1906, S. 241. 

?) Th. Zahn, Tatian's Diatessaron, Erlangen 1881, S. 31 — 34. A. Harnack, 
Geschichte der altchristlichen Litteratur bis Eusebius 1 : 2, Leipzig 1893, S. 
406—07 u. n:2, Leipzig 1904, S. 81—83. 

^6 


gellen vollständig und in richtiger Abfolge der einzelnen Stellen 
wiederzugeben. Um diesem Nachteil zu entgehen, eirfand Euse- 
bius von Caesarea (f 339/40) ein neues System, das kurz gesagt 
darin bestand, daß er die konkrete Textsynopsis des Aniinonius 
durch eine abstrakte Ziffern Synopsis ersetzte. Er 
teilte die Evangelien in Sektionen (aoidpioi) ein imd num- 
merierte diese bei jedem Evangelium vom Anfang bis zum Ende 
fortlaufend durch. Mit Hilfe der dadurch erhaltenen Sektionsnum- 
niem stellte er zehn verschiedene Konkordanztabellen auf, die 
er K a n o n e s fjcavöveg) nannte. Zuerst ordnete er in einer 
vierspaltigen Tabelle die Nummern derjenigen Sektionen, deren 
Inhalt er in allen vier Evangelien (Mt-Mk-Lk-Jh) belegen konnte, 
darnach in drei Kombinationen (Mt-Mk-Lk, Mt-Lk-Jh und 
Mt-Mk-Jh) die Nummern derjenigen Sektionen, deren Inhalt in 
drei verschiedenen Evangelien vorkam, dann in fünf Kombina- 
tionen (Mt-Lk, Mt-Mk, Mt-Jh, Lk-Mk und Lk-Jh) die Nummern 
derjenigen Sektionen, deren Inhalt nur in zwei Evangelien wie- 
derkehrte, und schließlich zählte er die Nummern derjenigen 
Sektionen einzeln auf, zu denen er in den übrigen Evangelien 
keine Parallelstellen beibringen konnte. Die zehn Konkordanz- 
tabellen erhielten nach diesem Plan die folgende Gliederung: 


Anzahl der 






Evangelien : 

Kanon 

Mt 

Mk 

Lk 

Jh 

vier 

I 

+ 

1 

+ 


II 

+ 

+ 

+ 


drei 

III 
IV 

+ 


I 

+ 


+ 

+ 


+ 


V 

+ 


+ 



VI 

+ 

+ 



zwei 

VII 

+ 



+ 


VIII 


+ 

+ 



IX 



+ 

+ 


+ 


+ 


+ 


+ 


47 


Wie aus dieser Übersicht hervorgehit, wurden nicht sämtliche 
mathematisch möghchen Kombinationen berücksichtigt. Sowohl 
die dreigliedrige Vergleichsmöglichkeit Mk-Lk-Jh wie die zwei- 
gliedrige Mk-Jh sind übergangen worden. Das heißt: bei Mt 
würden sämtlidhe Kombinationen, bei Lk sämtliche außer einer 
und bei Mk und Jh sämtliche außer zweien ausgewertet. Ähnlich 
wie Ammonius ging also Eusebius von Mt als oberster Richt- 
schnur aus und zog in zweiter Linie Lk — das nach Mt sektions- 
reichste Evangelium — als Leitfaden heran. Er berücksichtigte 
mit anderen Worten die Evangelien nicht in ihrer gewöhnlichen 
Reihenfolge Mt-Mk-Lk-Jh, sondern nach der Anzahl ihrer Sek- 
tionen, das heißt in der Reihenfolge Mt-Lk-Mk-Jh. Die 
dadurch bedingte Umstellung der beiden mittleren 
Evangelien erklärt, warum in der Mehrzahl der Hand- 
schriften einerseits in Kanon VIII Lk dem Mk vorangestellt wird, 
und warum andererseits die Vergleichskombinationen, welche Lk 
aber nicht Mk enthalten (Kanon III imd V), denjenigen voraus- 
gehen, welche Mk aber nicht Lk (Kanon IV und VI) enthalten^). 

Für den rechten Gebrauch dieser Tabellen teilte Eusebius in 
der Form eines W"idmun gsbrief es an seinen Freund Karpiaiaus 
die nötigen Anweisungen mit-). Diesen Brief stellte er den 
Kanontabellen als Prolog voran. Textlich bestehen also die 
eusebianischen Kanones aus zwei verschiedenen Teilen: einem 
episch fortlaufenden Prolog und einer tabellarisch gruppierten 
Konkordanzserie. Zusammen bilden diese ein Vorstück zu den 
vier Evangelien, mit denen sie auch regelmäßig überliefert sind. 

Während das Diatessaron Tatians eine vollständige 
Ausscheidung und die Evangeliensynopsis des Amnionitis 
eine partielle Auflösung des vierteiligen Evangelien- 


^) Die den Konkordanztabellen strukturell zugrundeliegende Reihenfolge 
Mt-Lk-Mk-Jh entspricht nicht der Auffassung des Eusebius von der wirklichen 
Ordnung der Evangelien im neutestamentlichen Kanon. Aus seiner Historia 
ecclesiastica wissen wir, daß er die Folge Mt-Mk-Lk-Jh als die kanonische 
betrachtete, vgl. M. Müller, Die Überlieferung des Eusebius in seiner Kir- 
chengeschichte über die Schriften des N. T. und deren Verfasser (Theol. 
Stud.Krit. CV, 1933, S. 43). 

-) Eusebius, Epistula ad Carpianum (Ausgabe mit Varianten bei H. v. 
Soden, Die Schriften des Neuen Testamentes I, Berlin 1902, S. 388 — 89). 

48 


buches bewirkten, liessen also die eusebianischen Kanones das 
Evangelienbuch als solches völlig unberührt. Sie ermög- 
lichten zum ersten Mal eine systematische Zusammenfassimg der 
Berichte über die Geschichte Jesu unter Bewahrtmg der Quellen 
in ihrem ursprüaglichen Zustand. Die altchristliche Theologie 
hatte damit in Bezug auf die Evangelien die klassische Lösung 
der Problems der Einheit in der Vielfältigkeit erreicht. Wahr- 
scheinlich findet der ungeheure Erfolg, welcher der eusebia- 
nischen Erfindung sofort beschieden wurde, in dieser Tatsache- 
seine wichtigste Erklärung. 

Die Widmung des Prologs an Karpianus gibt an, daß Eusebius 
die Kanones in der Form eines Geschenkexemplars an diesen 
seinen Freund veröffentlichte. Daß die reiche und weitverzweigte 
Überlieferxuig der eusebianischen Kanones auf Kopien dieses 
Geschenkexemplares zurückgeht, ist aber von vornherein unwahr- 
scheinlich. Alles spricht dafür, daß Eusebius selber für die 
weitere Verbreitung seiner Erfindung sorgte. Dafür stand ihm 
die von seinem Lehrer Pamphilius gegründete Schreibschule zu 
Caesarea zur Verfügung, in der er selber erzogen worden war 
und die er als Nachfolger des Pamphilius im Bischofsamt leitete^ ■>. 
Diese Schreibschule wird sicher nicht nur das Geschenkexemplar 
an Karpianus, sondern in xmmittelbarem Auschluss dar^a auch 
eine größere Reihe von Evangelienbüchem mit Kanones produ- 
ziert haben. Unter idiesen Verhältnissen ^müssen wir das Vor- 
handensein eines Normal- oder Musterexemplares voraussetzen, 
nach dem die geschenkten oder verkaxifen Kopien hergestellt 
wurden. Dieses Normalexemplar der bischöflichen Schreibschule 
zu Caesarea wollen wir als den eusebianischen Arche- 
typus b ezeichnen. . 

Obwohl die eusebianischen Kanones liturgisch ohne Bedeutung 
waren, wurden sie auch den für den Gottesdienst bestimmten 
Evangelienbüchem als regelmäßiges Vorstück beigegeben. Wahr- 
scheinlich geht diese Sitte auf Eusebius selbst zurück. Man kann 


1) Vgl. E. Schwartz, unter Eusebios in Pauly-Wissowa, Real-Encycl. VI, 
1909, Sp. 1371ff., A. Harnack, Geschichte der altchristlichen Litteratur bis 
Eusebius I: 2, Leipzig 1893, S. 543 — 45 und O. Bardenhewer, Geschichte der 
altkirchlichen Literatur II, Leipzig 1914^, S. , 10 — 12. 

4 49 


niit der Voraussetzung, daß die Schreibschule zu Caesarea Evain- 
gelienbücher mit Kanones serienweise herstellte, die bekannte 
Nachriciht des Eusebius in Verbindung setzen, daß Konstantin 
im Jahre 331 "fiiafzig Exenxplare der wirklich göttlichen Schrif- 
ten" für die Kirchen seiner neuen Haupstadt bei ihm bestellte^). 
Es ist wahr, daß wir mit dieser Deutung insofern das Gebiet des 
Unsicheren betreten, als Eusebius nicht näher angibt, welche 
Texte die für Konstantinopel bestellten Codices enthielten^) Da 
aber die Kirchen der neuen Hauptstadt die Empfänger waren, 
können unter den fünfzig Handschriften Evangelienbücher 
schwerlich gefehlt haben^^. 

Wenn diese Annahme zutrifft, haben wir in dem Jahr 331 
einen festen terminus ante quem für die Abfassungszeit der 
eusebianischen Kanones. Einen annehmbaren terminus a quo 
bilden die Jahre um 314, als Eusebius nach den diocletiani- 
schen Verfolgungen, denen Pamphilius zum Opfer fiel, Bischof 
von Caesarea wurde. Die Entstehungszeit der Kanones inner- 
halb dieses Zeitraums näher zu bestimmen, erscheint bei dem 
heutigen Stand der Eusebiusforschimg unmöglich. Aus welchen 
Gründen ein älterer Bibelkritiker zu dem Ergebnis gekommen 


^) Eusebius, De vita Constantini IV, 36 — 37 (ed. I. A. Heikel, S. 136ff.). 
Die Nachricht ist schon von E. Schwartz (Pauly-Wissova, Real-Encycl. VI, 
Sp. 1437) mit den eusebianischen Kanones-Evangeliaren zusammengestellt 
worden. Ihm folgt O. Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur 
II, Freiburg i/Br. 1912, S. 257 — 58, der die Bücherbestellung Konstantins "um 
332" ansetzt. Obwohl der Text deutlich besagt, daß die fünfzig Codices 
bei Eusebius in Caesarea bestellt und von dort auf zwei besonderen Wagen 
nach Konstantinopel gebracht wurden, vertritt V. Gardthausen, Griechische 
Paläographie II, Leipzig 19132, s. 125 die Meinung, daß sie "hauptstädtischen 
Ursprungs" waren. Aus diesem Irrtum ist bei R. Herzog, Zwei griechische 
Gedichte des 4. Jahrhunderts aus St. Maximum in Trier (Trierer Zeitschrift 
XII, 1937, S. 124) eine von Konstantin dem Großen in Konstantinopel ge- 
gründete Kalligraphenschule geworden! 

2) Über die verschiedenen Deutungsversuche, welche die Worte Euseb's 
hervorgerufen haben, vgl. kurz zusammenfassend E. v. Dobschütz, Eberhard 
Nestle's Einführung in das Griechische Neue Testament, Göttingen 1923, S. 31. 

2) Auch wenn die Handschriften, wie einige wollen, aus lauter Vollbibeln 
von der Art des Codex Vaticanus oder des Codex Sinaiticus bestanden, könn- 
ten sie die Kanontafeln enthalten haben. Vgl. unten S. 274. 

50 


ist, daß die Kanones im Jahre 320 entstanden seien^), habe ich 
vergeblich zu ermittehi versucht. 

Die Kanones wurden von Eusebius in griechischer Sprache 
verfasst. Später wurden sie in die meisten Schriftsprachen der 
antiken Welt übertragen. Wir kennen sie heute außer in der 
Originalsprache in lateinischer, gotischer, syrischer, armenischer, 
georgischer, koptischer, arabischer und aethiopischer Übersetz- 
ung. In ihrer Gesamtheit besteht die Überlieferung aus einer 
fast unübersehbaren Menge von Handschriften verschiedenen 
Ursprungs und Alters. Die meisten stammen aber aus dem 
Mittelalter. Spätantike Evangeliare mit eusebianischen Kanones 
gehören zu den großen Seltenheiten. Ganz oder fragmentarisch 
erhalten sind in griechischer Sprache zwei, in lateinischer drei, 
in gotischer ein und in syrischer fünf Codices. Es ist ohne 
weiteres klar, daß die Untersuchung nicht auf diesen wenigen 
Denkmälern allein aufgebaut werden kann. Wir würden sehr 
wenig über -die spätantike Geschichte der eusebianischen Kanones 
ermitteln können, wenn uns nicht ein reicheres Material aus dem 
frühen Mittelalter erhalten wäre, das uns gestattet, Rückschlüsse 
auf die ältere Entwicklxmg. 

Für diese Aufgabe wäre ein günstiger Ausgangspunkt gegeben, 
wenn die textliche Üb erlief erungsgeschiohte der eusebianischen 
Synopsis einigermaßen geklärt wäre, so wie es in Bezug auf 
den Evangeliemtext selbst dank der intensiven Forschungsarbeit 
mehrerer Generationen geschehen ist. Dies ist aber nicht der 
Fall. E. Nestle hat vor dreißig Jahren in einem Aufsatz, der 
in dieser Frage imrner noch das letzte Wort der Wissenschaft 
geblieben ist, auf die peinliche Tatsache hingewiesen, daß sich 
von den modernen Textkritikem, die sich überhaupt mit den 
Kanones beschäftigt haben, von Tischendorf bis v. Soden, nie- 
mand die Mühe gemacht hat, die griechischen Kanontexte in 
den Originalhandsohriften nachzulesen; sie haben sich bei ihren 
kritischen Beiträgen damit begnügt, ältere gedruckte Ausgaben 
abzuschreiben, von denen nicht einmal alle die griechische 


^) J. Burgon, The Last Twelve Verses of the Gospels according to St. 
Marc, Oxford-London 1871, S. 295. 

51 


Überlieferung boten^). An einen Versuch, diesen Mangel aus- 
zugleichen, konnte bei einer rein kunsthistorischen Untersuchung 
nicht gedacht werden^). Um uns in der Fülle des Materials 
einigermaßen zurechtzufinden, brauchen wir deshalb einen ande- 
ren, einfacheren Leitfaden. Einen solchen bietet eine Analyse 
der Seite n- xuid Kolumnen Verteilung der 
K a n o n e s. Die Voraussetzungen dieser Methode sind die 
folgenden. 

Die zehn Kanones, in die Eusebius seine Synopsis gegliedert 
hat, sind verschiedenen Umfangs. Einerseits variiert die 
Breite der Tabellen mit der Anzahl der verglichenen Evange- 
lien, andererseits wechselt ihre Länge mit der Häufigkeit der 
Parallelstellen bei den verschiedenen Vergleichskombinationen. 
Am breitesten ist Kanon I, der aus vier Zifferspalten, am 
schmälsten Kanon X, der nur aus einer Zifferspalte besteht, 
während die übrigen Kanones mit zwei oder drei Zifferspalten 
einte mittlere Breite einhalten. Am längsten wiederum ist Kanon 
II, in welchem die Synoptiker verglichen werden, am kürzesten 
Kanon VII, worin Mt und Jh einander gegenübergestellt sind, 
während die übrigen Kanones in der Länge ihrer Tabellen 
zwischen diesen beiden variieren ^'^• 

Es ist unter diesen Umständen ohne weiteres klar, daß bei 
der Niederschrift der Kanones jede Tabelle nicht gleich viel 
Platz beanspruchen durfte. In erster Linie wirkte die Länge' 
der Kanones entscheidend: einige reichten bei gewöhnlichem 


^) Die Eusebianische Evangelien-Synopsis (N. Kirchl. Zs. XIX, 1908, S. 
40—51, 93—114 Tl. 219 — 232). An dieser Kritik ändert auch H. von Sodens 
Antwort in Die Schriften des Neuen Testamentes I: 3, Berlin 1910, S. 2101 — 02 
nichts Wesentliches. 

2) Welche verwickelten und weitgespannten Probleme sich einer text- 
kritischen Untersuchung der eusehianischen Kanoiies eröffnen, lehren schon 
die Andeutungen Nestles zur Genüge. Es wäre sehr erwünscht, daß die 
schwierige, aber verheissungsvoUe Aufgabe recht bald von berufener Seite 
ernstlich angegriffen würde. 

3) Die Zahl der Sektionen in den einzelnen Kanones unterliegt in der 
handschriftlichen und gedruckten Überlieferung gewissen Schwankungen. 
Wie viele Sektionen die einzelnen Kanones im eusehianischen Archetypus 
hatten, gehört zu den ungelösten Problemen der Textkritik, vgl. E. Nestle, 
a. a. O. S. 221. 

52 


Handsohriftenformat kaum für eine einzige Textkplumne aus, 
andere wiederum erforderten zwei oder mehrere Kolumnen. 
Dementsprechend verlangte bei der Entscheidung, wie viele Text- 
kolunmen pro Seite anzubringen waren, die Breite der betreffen- 
den Kanontabellen besfondere. Berücksichtigung. 

Der Herausgeber hatte infolgedessen bei der Niederschrift 
des Textes ein redaktionstechnisches Problem zu lösen, das darin 
bestand, daß er einerseits eine möglichst gleichmäs- 
sige Ausfüllung der Kolunmen und Seiten durch 
die Kanones, andererseits eine möglichst klare Gliederung 
der Kanones in Kolmnnen und Seiten zu gewiimen versuchen 
mußte. Es galt die Tabellen in der Weise zu verteilen, daß 
bei fortlaufender Textabfolge die variablen Einhei- 
ten der Kanones und die konstanten der 
'J'extkolumnen und Seiten einander so 
weitgehend wie möglich deckten. Bei dieser 
Aufgabe waren aber vierschiedene optimale Lösimgen möglich 
je nach der Anzahl der Seiten, die man den Kanones anweisen 
wollte. 

Untersuchen wir nun, wie die erhaltenen spätantiken und 
frühmittelalterlichen Handschriften dieses Problem gelöst haben, 
so finden wir, daß sie mit Ausnahme von wenigen vereinzelten 
Stüöken nach der Verteilung ihrer Kanones sich in wenige 
große Gruppen ordnen lassen. Zwar ist vollständige tjber- 
einstimmung innerhalb der Gruppen — besonders unter den 
griechischen Handschriften — nicht vorhanden, doch sind die 
Abweichungen nie so groß, daß an der inneren Einheitlichkeit 
der Gruppen gezweifelt werden könnte. Es ergibt sich also, daß 
das Problem der Verteilmig nicht bei jeder Handschrift neu 
gestellt und voraussetzungslos gelöst wurde, sondern daß die 
Schreiber in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle sich 
damit begnügt haben, nicht nur den Text, sondern auch dessen 
Verteilung mehr oder weniger treu zu kopieren. 

Durch Analyse der Seiten- und Kolumnenverteilung der Kan'o- 
nes erhalten wir also eine erste grundlegende Ordnung des 
Materials^\ Es treten wenige Grundredaktionen der 


^) Eine "redaktionsanalytische" Methode haben schon A. Clark, The 
Primitive Text of the Gospels and Acts, Oxford 1915, G. Rudberg, Neutesta- 

53 


eusebicinischen Kanones hervor, die je auf einen besonderen 
A r c h e t y p u6 zurückweisen. Diese wenigen Archetypen bilden 
in der Geschichte der eusebianischen Kanones die eigentHchen 
Marksteine, an denen es zu wirklicher Neuschöpfung gekom- 
men ist. 

Da sich keiner der Archetypen im. Original erhalten hat, ist 
es die Hauptaufgabe unserer Untersuchung festzustellen, inwie- 
weit sich diese Archetypen aus den erhaltenen späteren Kopien 
rekonstruieren lassen. Dem Titel dieser Abhandlung entspre- 
chend beschränken wir uns dabei auf diejenigen Grundredak- 
tionen, von deren Archetypen wir eine Entstehmig .in spätan- 
tiker Zeit mit Sicherheit annehmen können. Bei dieser Auf- 
gabe werden wir nicht bei einer Rekonstruktion der buchtech- 
nischen Anordnung bleiben. Unser Interesse richtet sich nicht 
nur auf die Kanontabellen als solche, sondern auch und vor allem 
auf ihre künstlerische Ausstattung. Wir haben zu bestimnien, wie 
die- spätantiken Archetypen in ihrer anschaulichen Ganzheit 
gestaltet waren. 

Eine zweite Aufgabe dieser Untersuchung wird darin bestehen, 
mit Hilfe der bei der Rekonstruktion der Archetypen gewonne- 
nen Ergebnisse die geschichtliche Stellung der wenigen erhal- 
tenen spätantiken Handschriften mit Kanones näher zu bestim- 
men. 


mentlicher Text und Nomina Sacra (Skrifter utgivna av K. Humanisiiska 
Vetenskaps-Samfundet i Uppsala XVII: 3, Leipzig-Uppsala 1915) und H. J. 
Vogels, Zur Texteinteilung in altlateinischen Evangelienhandschriften (Bei- 
träge zur Geschichte des christlichen Altertums und der byzantinischen 
Literatur, Festgabe Albert Ehrhard, Bonn — ^Leipzig 1922, S. 434 — 450) auf 
Quellenprobleme der neutestanxentlichen Textkritik angewandt. Ohne zu 
den Ergebnissen dieser Untersuchungen Stellung zu nehmen, möchte ich 
prinzipiell betonen, daß die eusebianischen Kanones mit ihrer festen 
tabellarischen Aufstellung in ganz anderer Weise als der episch fortlaufende 
Bibeltext einer solchen redaktionstechnischen Prüfung entgegenkommen. 

54 


ERSTES KAPITEL 
DIE GRIECHISCHEN KANONTAFELN 


ZUR EINFÜHRUNG 


Aus spätantiker Zeit sind nur zwei Fragmente griechischer 
Evangeliare mit Kanontafehi erhalten, beide aus der Zeit nach 
500. Das eine dieser Fragmente, Wien, Nationalbibliothek, cod. 
847, fol. 1 — -6 (Taf. 40 — 46) ist nur der Sprache nach griechisch. 
Es ist mit einer gleichzeitigen und stilverwandten lateinischen 
Handschrift zusammengebunden und wird ebenso wie diese in 
Italien geschrieben worden sein. Das andere Fragment, London, 
British Museum, Add. 5111, fol. 10 — 11, besteht aus zwei stark 
beschnittenen Blättern einer spätantiken Prachthandschrift (Taf. 
1 — 4). Es ist ohne weiteres klar, daß die Untersuchimg sich 
nicht atif diese beiden Denkmäler allein stützen kann. Wir 
müssen die frühmittelalterlichen Handschriften mit Kanones zur 
Ergänzung heranziehen. 

Vergleichen wir die frühmittelalterlich-griechischen Evange- 
liare in Bezug auf die Verteilung ihrer Kanones, so lassen sie 
sich hauptsächlich in zwei größere Gruppen aufteilen. Die 
Handschriften der einen Gruppe sind dadurch gekennzeichnet, 
daß die Kanones atif zehn Seiten verteilt sind ; wir wollen 
diese die größere griechische Kanon folge 
nennen. In der anderen dagegen ist es Regel, daß die Kanones 
sich mit sieben Seiten begnügen ; diese Redaktion wollen wir 
die kleine regriechische Folge nennen. Dem 
Unterschied in der Seitenanzahl entsprechen Verschiedenheiten 
in der Kolumnenverteilung, wie ein Vergleich der in der Beilage 
A »»4 — B gegebenen tabellarischen Übersichten unmittelbar 
erkennen läßt^). 


^) Daß die Verteilung der Kanones in den Handschriften wechselt, hat 
schon H. von Soden Die Schriften des Neuen Testamentes I: 1, Berlin 1902, 
S. 391) kurz hervorgehoben. Was er sonst über die Verteilung der Kanones 
in der zehnseitigen Folge ausführt, ist eine Schreibtisclikonstruktion, die 

57 


Die ältesten Handschriften, in denen die größere Kanonfolge 
sich ganz oder teilweise erhalten hat, sind folgende: 

Athen, Nation albibliothek, cod. 56 
Athos, Stauron ikita, Klosterbibliothek, 
cod. 4 3 

Paris, Bibliotlieque Nationale, suppl. 
gr. 7 5 

Vatikan, Biblioteca Apostolica, Vat. 
g r. 3 6 4 

Wien, Nationalbibliothek, suppl. gr. 5 0*. 

Alle diese Codices sind in Konstantinopel vor oder um das 
Jahr 1000 geschrieben, keiner dürfte früher als Mitte des X. Jahr- 
hunderts entstanden sein^). Tatsächlich besteht auch kein 
Grund anziniehmen, daß die ganze größere Kanonfolge wesent- 
lich älter wäre. In der vermutlich ältesten Handschrift unter 
den angeführten, dem Stauronikita-Evangeliar, macht die Text- 
verteilung bei der fünften Kanontafel, die nur in dem linken 
Interkolumnium mit Ziffern ausgefüllt wurde (Abb. 1), den 
Eindruck eines vorbereitenden Versuches-). Alles spricht dafür, 
daß wir in der größeren griechischen Kanonfolge eine N e u r e- 
daktion der kons tan tinopolitanischen 
Illuminatorenschule des X. Jahrhunderts 
zu erblicken haben. Für die Geschichte der spätantiken Kano- 
nes kommen die Denkmäler dieser Folge als Quellen nicht in 
Betracht. 


durch keine Handschrift bestätigt wird. — Seit dem XI. Jahrhundert werden 
die Kanones in den griechischen Handschriften häufig mit auffälliger Nach- 
läßigkeit und Willkür kopiert. Es treten in der Seiten- und Kolunnien- 
verteilung eine Unmenge von individuellen Varianten auf, deren Zusammen- 
hang mit den ursprünglichen Grundredafctionen nur stellenweise hervortritt. 
Zur Aufstellung einer neuen Normalfolge ist man, soviel ich das Material 
kenne, nicht gekommen. 

1) Vgl. die Datierungen der betreffenden Handschriften bei K. Weitz- 
niann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. und 10. Jahrhunderts, Berlin 
1935, S. 21ff. 

-) Die gleiche Kanonverteilung wie in Stauronikita 43 findet man in 
Vat. gr. 364 (vgl. Beil. A). Aufnahmen nach den Kanontafeln der Stauro- 
nikita-Handschrift verdanke ich der Liebenswürdigkeit von Dr. K. Weitzmann 
und Professor A. M. Friend jr. 

58 



Photo : Athos-Princeton Expedition 1935, 

Abb. 1 : Athos, Stauronikita, Klosterbibliothek, cod. 43, fol. 8b. 

Kanontafel der größeren griechischen Folge. 

Konstantinopel um 960. 

Außer in den oben aufgeführten Handschriften ist die größere 
Kanonfolge in einer bis jetzt kaum übersehbaren Menge von 
Denkmälern überliefert; die kleinere Folge dagegen ist durch 
eine verhältnismäßig begrenzte Anzahl mittelalterlicher Denk- 
mäler zu belegen. Die wichtigsten mir bekannten sind folgende: 

1) Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Ha m. 
2 4 6, fol. 1—3 u. 50^). 

In eine jüngere Minuskelhandschrift (Evangelistar) sind 
vier Blätter einer älteren Unzialhandschrift eingebimden, 


^) J. Ebersolt, Miniatures hyzantines de Berlin, Rev.Arch. Ser. FV: 6, 
1905, S. 55 — 70. K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des IX. und 
X. Jahrhunderts, Berlin 1935, S. 68, Abb. 448—50. 

59 


von denen eines (fol. 50) die ersten zwei Drittel des Briefes 
an Karpianus (Taf. 5), ein anderes (fol. 2) wiederum die 
Kanones II — IV (Taf. 6—7) enthält. Das Fragment, das 
vermutlicJh. noch im IX. Jahrhundert geschrieben wurde, 
entstammt einer provinzialbyzantinischen Schule, die sich 
nicht sicher lokalisieren läßt^\ 

2) Paris, Bibliotheque Nationale, grecTO. 

Die Handschrift, die sicher in Konstantinopel im X. Jahr- 
hundert angefertigt wurde, enthält am Anfang (fol. 5a — 8a) 
eine vollständige Reihe von Kanontafeln (Taf. 12a) und 
am Schluß (fol. 188a— 189a) den Prolog^). 

3) Paris, Bibliotheque Nationale, Cois- 
1 i n g r e c 2 0. 

Das wie das vorige in Konstantinopel im X. Jahrhundert 
entstandene Evangeliar ist am Anfang unvollständig ; von 
den Kanones sind nur die drei ersten Seiten (fol. 5b — 6b) 
erhalten (Taf. 11) 3). 

4) Vatikan, Biblioteca Apostolica, Pai. 
gr. 2 2 0. 

Am Anfang der Handschrift (fol. Ib — 7a) befindet sich 
eine vollständige Folge von Prolog- und Kanonseiten, deren 
Ausstattung Beziehungen zu armenischen Handschriften des 
X. Jahrhunderts erkennen läßt (Taf. 13 — 14). Die Hand- 
schrift ist infolgedessen von Weitzmann nach dem öst- 


1) Weitzmann, a. a. O. vermutet eine Entstehung des Fragmentes in 
Kappadokien. 

. 2) H. Bordier, Description des peintures et autres ornements contenus 
dans. les inanuscrits grecs de la Bibliotheque Nationale, Paris 1883,. S. 106. 
J. Ebersolt, La miniature byzantine, Paris-Brüssel 1926, S. 33, 43 — 44, Taf. 
XXX, XXXVIII, 2 — 3 u. XL, 1. K. Weitzmann, Die byzantinische Buch- 
malerei, S. 14—15, Abb. 74r— 84, 87—88. Die Handschrift enthält am Schluß 
eine Subscriptio aus dem XV. Jahrhundert, nach der sie in das Jahr 964 zu 
setzen wäre. Wichtiger für die Datierung dürfte die enge paläographische 
Verwandschaft mit der auf das Jahr 914 datierten Handschrift Athen, 
Nationalbibl., cod. 641 sein (vgl. Journ.Hell.Stud. LVI, 1936, S. 116). 

3) Bordier, a. a. O., S. 121. Ebersolt, a. a. O., S. 33, Anm. 1, S. 44, Anm. 1, 
S. 47, Anm. 1, Taf. XXXIX u. XLIX: 1. Weitzmann, u. a. O., S. 11, Abb. 56. 

60 


liehen Kleinasien lokalisiert und ins X. Jahrhundert gesetzt 
worden^). 

5) Venedig, Biblioteca Marciana, gr. I, 8. 

Das in Konstantinopel im X. Jahrhundert geschriebene 
Evangeliar enthält am Anfang drei Prologseiten (fol. 
Ib — 2b) und eine vollständige Kanonfolge (fol. 4a — 7b) 
• (Taf. 9—10)2). 

6) Wien, N a t i o n a 1 bibliothek, theol. gr. 
2 4 0. 

Wie die vorige Handschrift ein konstantinopolitanisches 
Evangeliar aus dem X. Jahrhundert mit Prolog und voll- 
ständiger Kanonfolge (fol. 3a— 7a) (Taf. 12b) 2). 

7) Athois, Lawra, Klosterbibliothek,A. 2 3. 

Die Handschrift, die wahrscheinlich in Konstantinopel 
im IX. Jahrhiuidert geschrieben wurde*), enthält eine voll- 
ständige Kanonfolge (fol. 8b — 12a) ohne Prolog (Taf. 161). 

Die gleiche Kanonredaktion wie in den angeführten griechi- 
schen Codices liegt auch einigen armenischen Handschrif- 
ten des frühen Mittelalters zu gründe: 

8) Etschmiadzin, Patriarchalbiblio- 
t he k, cod. 2 2.9. 

Die als das Etschmiadzin-Evangeliar bekannte, 989 da- 
tierte Handschrift enhält am Beginn (fol. la — 5a) eine 
mit dem Evangelientext gleichzeitige, vollständige Folge 
von Prolog- und Kanonseiten (Taf. 15 — ^23)^). 


1) K. Weitznianii, Die armenische Buchmalerei des 10. und beginnenden 
U. Jahrhunderts, (Istanb. Forsch. IV), Bamberg 1933, S. 11—14, Taf. V— VII. 
Derselbe, Die byzantinische Buchmalerei, S. 44, 62, Abb. 402 — 404. 

-) K. Weitznianii, Die byzantinische Buchmalerei, S. 15 — 16, Abb. 92 — 96. 

3) H. Gerstinger, Die griechische Buchmalerei, Wien 1926, S. 28 und 32, 
Taf. 9 und IIa. Weitzmann, a. a. O. S. 15, Abb. 85—86. 

*) "Weitzmann, a. a. O., S. 2, Abb. 6 — 10. Vollständige Aufnahmen der 
Kanonfolge verdanke ich Dr. Weitzmanns Güte. 

2) J. Strzygowski, Das Etschmiadzin-Evangeliar. Beiträge zur Geschichte 
der armenischen, ravennatischen und syro-ägyptischen Kunst (Byzantinische 
Denkmäler I) Wien 1891. F. Macler, L'tvangile armenien. Edition photo- 
typique du manuscrit No. 229 de la bibliotheque d'Etchmiadzin, Paris 1920. 
K. Weitzmann, Die armenische Buchmalerei des 10. und beginnenden 11. 

61 


9) Jerusalem, ArmenischePatriarchal- 
b i b 1 i o t h e k , cod. 2 5 5 5. 

Der Godex, der aus einem Kloster der Provinz Taron 
(am Taurus) stammen soll und wohl erst dem XI. Jahr- 
hundert angehört, hat am Anfang eine vollständige Folge 
von Prolog, und Kanonseiten (fol. 2a — 6b) (Taf. 2,5 — 30)^). 

10) San Lazzaro bei Venedig, Kloster- 
bibliothek, cod. 114 4. 

Die Handschrift wird durch den Brief an Karpian (fol. 
la — 2a) und die ersten drei Seiten einer ursprünglich 
siebenseitigen Kanonfolge (fol. 2b — 3b) eingeleitet (Taf. 
34— 35)^\ Nach einer Eintragung soll sie im Jahre 902 
von der Königin Mike dem Kloster Warag gestiftet wor- 
den sein, was allerdings dadurch in Frage gestellt wird, 
daß die Königin erst 908 auf den Thron kam^^. 

11) Wien, Bibliothek der Mechitaristen, 
cod. 6 9 7. 

Das vermutlich im XI. Jahrhundert entstandene Frag- 
ment besteht aus den ersten acht Blättern eines Evange- 
lienbuches, von denen die beiden ersten (fol. Ib — ^2b) 
den Brief an Karpian und die folgenden vier eine voll- 


Jahrhunderts (Istanb. Forsch. 4) Bamberg 1933, S. 8 — 11. S. der Nersessian, 
The Date of ihe Initial Miniatures of the Etchmiadzin Gospel (Art Bull. 
XV, 1933, S. 327—360). 

^) J. Strzygowski, Ein zweites Etschmiadzin-Evangeliar (Huschardzan. 
Festschrift aus Anlass des 100 jährigen Bestandes der Mechitaristeii-Kongre' 
gation in Wien (1811 — 1911) und des 25. Jahrganges der philologischen 
Monatschrift "Randes Amsorya" (1887—1911), Wien 1911, S. 34^-52, Taf. 
I — ^III). K. Weitzmann, a. a. O., S. 15. der Nersessian, a. a. O., S. 335 — 36. 

2) M. Bodurian, Ornements de Vtvangile de la reine Mlqe, publie sur 
le voeu exprime par le P. Alichan ä l'occasion du millenaire du manuscrit: 
902 — 1902, Venedig 1902. F. Macler, Notices des manuscrits armeniens vus 
dans quelques bibliotheques de VEurope centrale (Journ. asiat. Ser. XI: 2, 
1913, S. 574—577). Derselbe, Raboula-Mlqe (Melanges Diehl, Paris 1930, 
II, S. 814 — 18). K. Weitzmann, a. a. O., S. 4 — 8. der Nersessian, a. a, O., 
S. 335 u. passini. Eine Neuausgabe der Handschrift ist von • G. Millet zu 
erwarten. 

2) Vgl. W. Lüdtke, Der Katalog der arr.ianischen Bibelhandschriften von 
S. Lazzaro (Zs.Neutest.Wiss. XVII, 1916, S. 71). 

62 


ständige Kanonfölge (foL 3a — 6a) enthalten (Taf. 31 — 

32)^). 

Endlich findet man die kleinere griechische Kanonfolge außer 
in den angeführten armenischen^) noch in einem aethiopi- 
sehen Codex : 

12) Knnsthandel, Aethiopisches E.vange- 
liaraus dem Jahre 140 2. 

Die durch eine Suhscriptio fest datierte Handschrift ist 
am Anfang unvollständig. Sie beginnt mit der letzten 
Seite des Briefes an Karpianus (fol. 3a) (Taf. 36) und 
enthält dann eine vollständige Kanonfolge (fol. 3b — 6b) 
(Taf. 37)3). 

Für das Vorhandensein der kleineren Kanonfolge in spätanti- 
ker Zeit haben wir einen unmittelbaren Beleg in dem oben 
genannten Londoner Bruchstück, Brit. Mus. Add. 5111, fol. 10 — 
11. Die beiden Blätter, aus denen es besteht, sind tmten und 
auf der einen Seite stark beschnitten; was erhalten ist, genügt 
aber, um die Zugehörigkeit dieses Bruchstückes zu der kleineren 
Folge eindeutig zu beweisen (vgl. Beilage A). Das erste Blatt 
(fol. 10) enthielt anf der Rückseite den ganzen Kanon I in zwei 
parallelen Kolumnen. Blatt 2 Vorderseite (fol. IIa) enthält 
auf der linken Hälfte Kanon VIII mid IX vollständig. Der Er- 


^) F. Macler, Miniatures armeniennes, Vie du Christ, peintures orna- 
mentales (Xe au XVIe siede), Paris 1913, S. 12—13, Taf. I— VIII (mit voll- 
ständiger Abbildung der Prolog- und Kanonseiten). Derselbe, Notices des 
manuscrits armeniens (Journ. asiat. Ser. XI: 2, 1913, S. 605 — 610). A. Merk 
S. J., Die Miniaturen des armenischen Evangeliars Nr. 697 der Wiener 
Mechitaristen-Bibliothek (Monumenta armenologica, Wien 1937, S. 162 — 68, 
Taf. I — II). K. Weitzmann, o. a. O., S. 16 — 17, der Nersessian, a. a. O., 
S. 336 u. passim. 

^) Die kleinere griechische Kanonfolge kommt noch in einer späteren 
armenischen Handschrift vor, die ich erst nach dem Abschluß dieser Unter- 
suchung kennen gelernt habe: San Lazzaro b. Venedig, Klosterbibliothek, 
cod. 196, fol. la — 5a (S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres des 
Xlle, Xllle et XlVe siecles de la Bihliotheque des Peres Mekhitharistes de 
Venise, Paris 1937, S. 15—29, Taf. I— V). Die Handschrift gehört dem XII. 
Jahrhundert an. Es wird im folgenden in den Anmerkungen auf sie Bezug 
genommen. 

■^) Die Handschrift ist mir nur durch Aufnahmen bekannt. 

63 


haltungszustand der rechten Hälfte läßt darauf schließen, daß 
Kanon X^* und X^^'' darauf verteilt waren. Die Rückseite ent- 
hielt auf der linken Hälfte Kanon X^^ und auf der rechten Kanon 
XJ^. Diese Verteilung entspricht in den Hauptzügen derjenigen 
der kleineren Keinonfolge; mit einer Handschrift, dem aethio- 
pisohen Evangeliar aus dem Jahre 1402, besteht sogar eine voll- 
kommene Übereinstimmung. 

Von den beiden vorherrschenden Redaktionstypen der griechi- 
schen Evangelien-Kanones ist also die kleinere Folge nachweis- 
lich spätantiken Ursprungs. Das Hauptproblem, das sich zunächst 
bietet, ist die Frage nach dem Verhältnis dieser 
Kanonredaktion zu dem eusebianischen 
Archetyp ua. 


64 


I. DER EUSEBIANISCHE ARCHETYPUS 


A. Die textliche Verteilung der Kanones. 


Es ist a priori anzunehmen, daß das in der Einleitung darge- 
legte Problem der Textverteilung sorgfältig durchdacht wurde, 
als die kleinere Kanonfolge zum ersten Mal aufgestellt wurde; 
eine optimale Stetigkeit und Klarheit in der Aufteilung der 
Tabellen in Textkolunmen und Seiten läfSt sich als inneres Kri- 
terium des Archetypus der kleineren Kanonfolge voraussetzen. 
Mit der Überlieferung der Originalausgabe von Kopie zu Kopie 
traten aber bewußt oder unbewußt Verschiebungen in der 
ursprünglichen Verteilung der Kanones ein. Daher kommt es, 
daß die Handschriften, in denen uns die kleinere Kanonfolge 
überliefert ist, in Bezug auf 'die Seiten- und Kolumnenverteiluiag 
kein durchgehend einheitliches Bild bieten. Unsere Aufgabe ist 
es, durch quellenkritische Betrachtung die genaue Aufteilung 
der Kanones im Archetypus der kleineren Folge zu rekon- 
struieren. 

Es empfiehlt sich dabei, zimächst zu untersuchen, in wie viele 
Textkolumnen jeder einzelne Kanon ursprünglich ein- 
geteilt war^\ Die Beantwortung dieser Frage ist fast durchweg 
sehr einfach: ein Blick auf die Zusammenstellung der Hand- 
schriften in Beilage A lehrt, daß Kanon I aus zwei, Kanon II aus 


^) Hier sei eine terminologische Erläuterung eingefügt. Wenn in dieser 
Untersuchung von Textkolumnen gesprochen wird, so wird darunter die 
Tabelle als geschlossene textliche Einheit verstanden, im Unterschied zu 
den einzelnen Ziffernspalten, aus denen die Textkolumne je nach Anordnung 
des betreffenden Kanons besteht. Die erste Kanonseite im Etschmiadzin- 
Evangeliar (Taf. 17) z. B. enthält nach dieser Terminologie zwei Textkolum- 
nen von je vier Ziffernspalten. Bei Kanon X, in dem die Evangelien- 
sefctionen ohne Parallelen aufgezählt werden, fallen die Begriffe der Text- 
kolumne und der Ziffernspalte zusammen. In diesem Falle pflegen 
aber die Textkolumnen (bzw. Ziffernspalten) zu Kolumnengruppen ohne 
tabellarische Bindung zusammengefasst zu werden (vgl. Taf. 4, 30, etc.). 

5 65 


drei, Kanon III und IV aus je einer, Kanon V aus drei, Kanon VI 
aus zwei, Kanon VII, VIII und IX aus je einer, Kanon X^* 
aus zwei, Kanon X^^ aus einer und Kanon X^^ aus drei Text- 
kolumnen bestehen. Unsicher ist die ursprüngliche Koluninen- 
zahl nur bei Kanon X^^. Dieser Kanönteil hat in den armeni- 
schen Evangeliaren in Etscbmiadzin, Jerusalem und Wien und 
in dem griechischen in Venedig zwei Kolumnen, in Paris gr. 70, 
Paris Coislin gr. 20, Athos Lawra A. 23, Wien theol. gr. 240, 
London Add. 5111 und im aethiopischeu Evangeliar v. J. 1402 
drei und in Vatikan Pal gr. 220 endlich vier. Von der letzten 
Handschrift abgesehen, haben wir also zwei Versionen, jede 
vertreten durch annähernd gleich viele Handschriften^ \ Welche 
von diesen dem Archetypus entspricht, wird sich erst entschei- 
den lassen, wenn wir die Verteilung der Textkolumnen pro Seite 
mit berücksichtigen. 

Unter den in Beilage A aufgenommenen Handschriften mit 
Kanones der kleineren Folge nehmen Jerusalem 2555, Vatikan 
Pal. gr. 220, Venedig gr. I, 8 imd Athos Lawra A. 23 insofern 
eine Sonderstellung ein, als hier die Kanones nicht wie üljlich 
auf sieben Seiten, sondern auf acht verteilt sind. Diese 
Vermehrung der Seitenanzahl entsteht dadurch, daß die beiden 
ersten Kanones, die in den übrigen Kopien je eine Seite ein- 
nehmen, sich über mehr als zwei Seiten ausdelinen. Bei der 
armenischen Handschrift in Jerusalem, wo Kanon II zwei volle 
Seiten einnimmt, hat diese Verdoppelung der Seitenanzahl auf 
die Verteilung der Kanones im übrigen nicht eingewirkt: sie 
stimmt sonst mit der siebenseitigen Kanonfolge des armenischen 
Evangeliars in Wien genau überein und kommt damit als Zeugnis 
für die ursprüngliche Verteilung der Textkolumnen durchaus 
in Betracht. Anders verhält es sich mit den beiden griechischen 
Evangeliaren, bei denen die ganze erste Hälfte der Kanonfolge 
an der Seitenvermehrung teilnimmt. Unter sich verwandt. 


^) Die oben S. 63, Anm. 2 erwähnte armenische Handschrift zu S. Lazzaro 
bei Venedig (cod. 196) stimmt in der Kolumnenaiifteilung mit dem griechi- 
schen Evangeliar in Wien genau überein (S. der Nersessian, Manuscrits 
armeniens illustres des XII«, Xllle et XlVe siecles, Paris 1937, Taf. II — ^V). 
Dainit stellen allerdings . die Kopien, die Kanon XLk in drei Kolumnen 
gliedern, eine deutlich überwiegende Mehrzahl dar. 

66 


weichen sie von den übrigen Kopien so stark ab, daß sie für 
die Frage nach der ursprünglichen Verteilung der siebenseitigen 
Folge keinen entschiedenden Quellenwert beanspruchen können^^ 

OflFensichtlich verunklärt ist auch die ursprüngliche Kanon- 
verteilung im Etschmiadzin-Evangeliar. Wie bei einigen der 
Handschriften mit achtseitigen Kanones ist es Kanon U, der die 
Unregelmäßigkeit verursacht, inidem er mit einer vierten Text- 
kolumne auf die dritte Keinonseite hinübergreift. Diese Ver- 
änderung hat den Schreiber zu fortgesetzten Verschiebungen 
genötigt, was u. a. das Miasgeschick zur Folge gehabt hat, daß 
in Kanon V tmd VI die parallelen Ziffemsp alten einer Text- 
kolumne auf getrennte Seiten gerieten 'Und in Kanon X^^ die 
letzte Ziffemsp alte außerhalb des Rahmenwerkes im Rand nach- 
getragen werden mixßte (Taf. 23). Es ist unter diesen Umstän- 
den ohne weiteres klar, daß für die Rekonstruktion der Kolum- 
nenverteilmig im Archetypus der kleineren Folge das Etschmiad- 
zin-Evangeliar ebenso wenig als Ausgangspunkt dienen kann wie 
die griechischen Handschriften der achtseitigen Variante. 

Hallen wir uns aber an die übrigen Kopien, so läßt sich an 
ihnen die ursprüngliche Verteilung der Textkolumnen wenigstens 
auf den ersten fünf Seiten immittelbar ablesen. Wie in Paris 
gr. 70, (Paris Coislin gr. 20), (Berlin Ham. 246), im aethiopi- 
schen Evangeliar, Wien Mechitaristenbibl. 697 und — mit Aus- 
nahme von Kanon II — in Jerusalem 2555 wird die ursprüng- 
liche Verteilxmg folgendermaßen ausgesehen haben: 


eite 1: 

I 

I 

„ 2 

II II 

II 

„ 3 

III 

IV 

« 4 

V V 

V . 

„ 5 

: VI VI 

VIP) 


Problematischer ist der Versuch, die ursprüngliche Kolunmen- 


^) Die achtseitige Variante der kleineren Kanonfolge wird unten S. 150 
besonders berücksichtigt. 

2) Die gleiche Kanonverteilung zeigt das armenische Evangeliar S. Lazzaro 
cod. 196 (vgl. S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres, Paris 1937, 
Taf. I— V). 

67 


Verteilung auf den beiden letzten Seiten zu erschließen. Es kom?- 
men die folgenden Möglichkeiten in Frage : 



Seite 6 

Seite 7 

Paris gr. 70 
Paris Coislin 20 

VIII 

: 

IX 

Mt Mk 

X(2) X(i) 

Lk 

X(3) 

JB 

X(3) 

Jerusalem 2555 
Wien Mechit. 697 

VIII 

IX 

Mt 

X(2) 

Mk Lk 

X(l) X(2) 

Jh 

X(3) 

Mk Lk; Lk Jh 

X(l) X(l) iX(i) X(l) 

Jh 

X(2) 

London Add. 5111 
Aethiop. Evang.') 

VIII 

IX 1 

Mt 

X(2) 

Mk 

X(2) 

Lk 

X(3J 

Jh 

X(3) 


Da a priori anzunehmen ist, daß bei der Urausgabe der klei- 
neren Kanonfolge eine möglichst gleichmäßige TextverteilTuig 
erstrebt wurde, können die Kanones auf den beiden letzten Seiten 
unmöglich so angeordnet gewesen sein wie in der ersten Gruppe 
(Pariser Evangeliare gr. 70 und. Coislin gr. 20); die starke 
Belastung der siebenten Seite mit dem ganzen zifPemreichen 
Kanon X ®teht in gar keinem Gleichgewicht zu der verhältnis- 
mäßig mageren Ausfüllung der sechsten mit den beiden kurzen 
Kanones VIII lind IX. In dieser Beziehung erscheint die Text- 
verteilung der dritten Gruppe (London, Add. 5111 und das 
aethiop. Evangeliar v. J. 1402) eher möglich, wenn diese auch 
umgekehrt Seite 6 stäriker belastet als Seite 7. Aus zwei Grün- 
den muß aber auch diese Version ausgeschlossen werden. Erstens 
erteilt sie der sechsten Seite nicht weniger als vier Kolumnen, 
bzw. Kolumnengruppen^) zu, während alle übrigen Kanonseiten 


1) In S. Lazzaro cod. 196 (vgl. oben S. 63, Anni. 2) sind die Kanones 
aiuf den beiden letzten so verteilt wie in der dritten Gruppe (London 
Add. 5111 und dem aethiop. Evangeliar), mit dem Unterschied, daß in der 
rechten Hälfte der. sechsten Seite; Kanon XM* drei und Kanon X^k eine 
Ziffernspalte aufweisen (S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres,. 
Paris 1937, Taf. V). 

2) ; "Kolumnengruppen" werden bei Kanon X gebildet, wo jede einzelne , 
Textkolumne ja nur aus einer Ziffernspalte besteht . 

68 


eütweder zwei oder drei Kiölüimaen häbeii. Zweitens muß sie 
im Interesse der Symmetrie Kanon X^^ in zwei Kolumnen zer- 
legen, was der geringe Sektionsreichtum idieses Kanons gär nicht 
erfordert imd dem Zeugnis der meisten Kopien widerspricht. 
So bleibt die zweite Gruppe (Jerusalem, Armen. Patriarchalbibl. 
2555 und Wien, Mechitaristenbibl. 697), die in Wirklichkeit auch 
dem Ideal einer vollkommen gleichmäßigen Textverteilung am 
nächsten kommt. 

Die beiden Zeugnisse dieser Gruppe unterscheiden sich nun 
aber darin von einander, daß das Jerusalemer Evangeliar die 
Tabellen in zwei, das Wiener Evangeliar dagegen in drei Kolum- 
nengruppen aufteilt. Welche von diesen beiden Alternativen 
die ursprüngliche Fassung darstellt, dürfte aus den folgenden 
Erwägungen hervorgehen. Die dreifache Auf teilimg der Tabel- 
len ist deshalb unwahrscheinlich, weil dadurch sowohl Kanon 
X'^^ als Kanon X^^ in getrennte Kolumnengruppen zerteilt 
werden. Wahrscheinlich ist diese Aufteilung einfach als eine 
Analogiebildung nach der ebenfalls in drei Textkolunmen geglie- 
derten vorangehenden Kanonseite zu erklären^). In dem Jeru- 
salemer Evangeliar dagegen läßt die Kolumnenaufteilung die 
texitlichen Einheiten unberührt. Wir dürfen infolgedessen die 
Gliederung in zwei Kolumnengruppen als die ursprünglichere 
betrachten. 

Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß die Kanones im 
Archetypus der kleineren Serie folgendermaßen verteilt varen : 


Seite 1: 

I 


I 

„ 2 

II 

II 

II 

„ 3 

III 


IV 

„ 4 

• V 

V 

V 

„ 5 

VI 

VI 

VII 

„ 6 

VIII 

IX 

X(2)Mt 

„ 7 

X(l)MkX(2)Lk 


X(3)Jh 


Es ist dies eine Kolumnenverteilurig, die sich in keiner der 
bewahrten Kopien völlig unversehrt erhalten hat. Am nächsten 
kommen ihr die Kanonfolgen der beiden armenischen Evange- 


^) Vgl. F. Macler, Miniatures armeniennes, Paris 1913, Taf . V. 


69 


liare in Jerusalem und Wien, von denen jenes nur in der Kolum- 
nenaufteilung von Kanon II, dieses nur in der Kolumnengrup- 
pierung von Kanon X^^ — XP^ — ^X^^^ abweicht. 

Nun gehören die drei armenischen Evangeliare in Etschmiad- 
zin, Jerusalem und Wien wegen auffälliger Ühereins'timmungen 
ihrer künstlerischen Ausstattung zusammen und bilden eine be- 
sondere Gruppe^\ In allen drei Handschriften enden die Kanon- 
tafeln mit der Darstellung eines Sanctuariums, dtinn folgt ein 
längerer oder kürzerer Bildzyklus. Die Bildzyklen haben bei 
einigen Darstellimgen eine so große ikono graphische Ähnlich- 
keit, daß es fraglos erscheint, daß sie im Kena von einer gemein- 
samen Vorlage abstammen^). Was die EvangeHare in Wien und 
Jerusalem betrifft, so erscheint diese Annahme durch die nahe 
Verwandschaft ihrer Kanonverteilung unmittelbar bestätigt. 
Aber auch beim Etschmiadzin-Evangeliar ist es eigentlich nicht 
schwer einzusehen, daß die Kolumnenverteilung ihrer Kanonfolge, 
wenn nicht das Ungeschick des Schreibers sie verdorben hätte, 
einem ähnlichen Schema gefolgt wäre wie im Wiener Codex. 

Grade das Etschmiadzin-Evangeliar hat nun aber in der Ka- 
nonverteilung einen Zug bewahrt, der als Zeichen ungewöhn- 
licher Ursprünglichkeit besondere Beachtung verlangt. Während 
nämhch die übrigen Kopien der kleineren Kanonfblge die ver- 
schiedenen Evangeliensektionen von Kanon X in der gewöhn- 
lichen Reihenfolge der Evangelien (Mt — ^Mk — Lk — Jh) ordnen, 
sind im Etschmiadzin-Evangeliar die Sektionen des 
Lukasevangeliums denen des Markusevan- 
geliums vorgestellt (Mt — Lk — Mk — Jh). Die Be- 
vorzugung des dritten EvangeUsten vor dem zweiten haben wir 


^) Siehe S. der Nersessian, The Date of the Initial Miniatures of the 
Etchmiadzin Gospel (Art Bull. XV, 1933, S. 327—360, bes. S. 352). 

^) Es ist zwar nicht anzunehmen, daß alle drei Codices unmittelbare Ko- 
pien derselben Vorlage seien. Wenigstens die Evangeliare in Etschmiadzin und 
Jerusalem sind aller Wahrscheinlichkeit nach in weit auseinanderliegenden 
Gegenden von Armenien entstanden (vgl. S. der Nersessian, a. a. O., S. 352). 
Wir müssen mit verschollenen Zwischengliedern rechnen, die den Stamm- 
baum dieser Evangeliare erst vollständig machen. An der Wurzel dieses 
Stammbaumes aber dürfen und müssen wir eine einzige armenische Urvorlage 
voraussetzen. An diesen Ausgangspunkt ist bei der quellenkritischen Beur- 
teilung der armenischen Kopien im allgemeinen zu denken. 

70 


aber bereits als eine grundlegende Eigenschaft der eusebianischen 
Evangeliensynopse erkannt: es ist das Ordnxiagsprinzip, welches 
veranlaßt hat, daß in Kanon VII Lk dem Mk vorangeht, und 
daß die Gleicbsetzuagen, die Lk aber nicht Mk enthalten (K^aon 
III xwjd V) denjenigen vorgestellt sind, die Mk aber nicht Lk 
(Kanon IV tuid VI) enthalten^). Wenn dies nun im Etschmiad- 
zin-Evangeliar auch noch auf die Reihenfolge der Evangelien 
in Kanon X angewandt erscheint, so haben wir darin einen Zug 
von besionderer Folgerichtigkeit zu erkennen, der keinem außer 
Eusebius selbst zugeschrieben werden kann. 

D-a nun aber das Etsohmiadzin-Evangeliar in seinen Grund- 
zügen der kleineren Kanonfolge angehört, so ist es gleichzeitig 
in höchstem Maß wahrscheinlich, daß auch dieses auf 
Eusebius selbst zurückgeht. Mit der Rekon- 
struktion der Kolumnenverteilxing im Archetypus der kleineren 
Kanonfolge haben wir also die Kolunmenanordnung im euse- 
bianischen Archetypus festgestellt, mit der Modi- 
fikation, daß die ursprüngliche Reihenfolge der Evangelien auf 
der letzten Kanonseite nicht wie im Jerusalemer Codex Mk — 
Lk — Jh, sondern wie im Etschmiadzin-Evangeliar Lk — ^Mk — Jh 
gewesen ist. 

Grade diese Korrektur liefert aber eine wichtige Bestätigtmg 
dafür, daß die Kolumnenverteilung der letzten Kanonseite im 
Jerusalemer Evangeliar eine im übrigen zuverlässige Wieder- 
holung des eusebianischen Archetypus darstellt. Es läßt sich 
nämlich in ihr eine Umstellung von Kanon X^^'^ und Kanon 
XJ^^ ohne die geringste Verrückung des Kolumnenschemas durch- 
führen, während bei den von den Pariser Evangeliaren, von 
Add. 5111 und vom ae^thiopischen Kodex vertretenen Versionen 
die gleiche Umstellung die gegebene Kolumnenordnung vollstän- 
dig sprengen würde^-'. 

Daß die große Mehrzabl aller Handschriften mit Kanontafeln 
in Kanon X die gewöhnliche Reihenfolge der Evangelien vor- 
zieht, beweist, daß die ursprüngliche, im System der eusebia- 
nischen Synopse :. begründete Ordnung auf einer sehr frühen 


1) Vgl. oben S. 48. 

2) Vgl. das Schema S. 68. 


71 


Stufe der Überlief erting, wahrscheinlioh schon zu Eusebius' Leb- 
zeiten und vielleicht sogar imter seinen eigenen Augen von einer 
neuen Variante verdrängt wurde, in der die funktionale Reihen- 
folge Mt — Lk— Mk — Jh durch die konventionelle Mt — ^Mk — Lk — 
Jh ersetzt wurde^). Diese Tatsache ist für die Beurteilung des 
Quellenwertes der Kopien bedeutsam. Daß die Gruppe der 
armenischen Evangeliare in Etschmiadzin, Jerusalem und Wien 
auf eine besonders zuverlässige Kopie der kleineren Kanonfolge 
zurückgeht, ist schon dadurch sichergestellt, daß allein in dieser 
Gruppe die Kolunuienverteilung des eusebianischen Archetypus 
in ihren Grvuidzügen erhalten geblieben ist. Daß aber außerdent 
eines dieser Evangeliare die ursprüngliche Ordnimg der Evange- 
lien im letzten Kanon bewahrt hat, läßt vermuten, daß nur 
wenige Zwischenglieder die armenische Urvorlage von dem euse- 
bianischen Archetypus trennen. 

Schon der erste Schritt in der Rekonstruktion des eusebiani- 
schen Archetypus hat also eine allgemeine Klärung der quellen- 
kritischen Lage gebracht. Sollte es überhaupt möglich sein, 
eine konkrete Vorstellung von der ursprünglichen Gestalt des 
eusebianischen "Normalexemplares" aus den erhaltenen Kopien 
zu gewinnen, so ist die Verwirklichung dieses Zieles in erster 
Linie von den armenischen Kanontafeln zu erhoffen. 


1) Außer in dem Etschmiadzin-Evangeliar habe ich die Ordnungsfolge 

,Mt,,Lk, Mk, Jh in Kanon X nur in einer einzigen Handschrift gefunden, 

Florenz, Bibl. Laur., Conv. soppr. 159, fol. 4. Die fragmentarisch erhaltenen 

Kanones dieser Handschrift scheinen von einer Vorlage der kleineren Folge 

abzustammen. 

72 


B. D i e K a n o n b ö g e n 


Vorbemerkung. 


Nicht nur sämtliche Kopien der kleineren griechischen Kanon- 
folge, sondern die meisten Handschriften mit Evangelien-Kanones 
überhaupt haben die Konkordanztabellen in künstlerisch 
gestaltete Rahmen gesetzt. Da die weitaus allgemeinste 
Rahmenform die Bogenstellung ist, pflegt man sie kurzum 
Kanon bog en zu nennen. (Unter Kanontafeln wie- 
derum wollen wir im folgenden die Kanonbögen einschließ- 
lich ihres textlich e n Inhaltes verstehen.) 

Die Tatsache, daß die eusebianischen Kanones regelmäßig in 
Kan'onbögen überliefert sind, läßt a priori voraussetzen, daß diese 
einen .ursprünglichen Bestandteil der eusebianischen Erfindung 
ausmachen. Ebenso wie die Kolumnengruppierung der Tabellen 
in der kleineren Folge auf Eusebius zurückgeht, wird das 
Rahmen werk, das in den Handschriften dieser Folge der Kolum- 
nengruppierung Halt und Stütze gibt, von dem eusebianischen 
Archetypus abstammen. Damit ist der eigentlich kunsthisto- 
rische Ausgangspunkt für diese Untersuchung gegeben. Wir 
werden versuchen müssen, mit Hilfe der erhaltenen Kopien der 
kleineren Folge die Kanonbögen des eusebianischen Archetypus 
zu rekonstruieren. 

Bei dieser Aufgabe empfiehlt es sich, zwei Formkomplexe, 
nämlich die struktive Gestaltung des Rahmen- 
werkee und dessen ornamentale A u-sst attun g 
auseinanderzuhalten. Die .einzelnen Kopien brauchen ; nicht 
unbedingt den Arichetypus in diesen beiden Beziehungen gleich 
treu wiöderzuspiegeln. Die eine kann die struktive Anlage des 
Rahmenwerkes mit wenigen Yerändermigen übernommen, . deji 
Ornamentenschatz aber gegen einen neuen ausgetauscht haben. 
IJmgeskehrt kann eine andere Handschrift die urspirüngliehe 
struktive -Anlage - der Kanonb ö gen stark v er ändert, dennoch aber 

73 


viele Omamentmotive des Archetypus behalten haben. Es ist 
auf diese Weise eine gewisse "Polyphonie" der Überlieferung a 
priori denkbar. 


1. Diestruktive Gestaltung des Rahmen- 

Werkes. 

Vorbemerkung. Die Aufgabe, ein Rahmenwerk für den 
textlichen Inhalt der Kanonseiten zu entwerfen, war eine dop- 
pelte. Einerseits bildeten die Tabellenkolunmen mit ihren Über- 
schriften einen auf die Grimtdfläche projizierten Zeichenfcomplex, 
welchen das Rahmenwerk als Grundrißform zu umschlie- 
ßen hatte. Andererseits war dieser Zeichenkomplex durch die ver- 
tikale Orientierung der Tabellen zugleich auf die Höhenachse 
bezogen und verlangte damit von den Vertikalseiten des Rahmen- 
werkes eine Au f r i ß f o r m. 

Das Verhältnis von Rahmenwerk und Schriftbild kann deshalb 
in jeder Kanontafel gleichzeitig auf zwei verschiedene 
Projektionsebenen bezogen werden. Demnach emp- 
fiehlt es isich, die Untersuchimg über die struktive Gestaltung 
der Kanonbögen im eusebianisohen Archetypus in zwei Ab- 
schnitte zu gHedem. Wir haben die Kanontafeln der erhaltenen 
Kopien zuerst als Grundrißform, nachher als Aufrißform quellen- 
kritisch zu analysieren. 


a. Die Kanontafeln als Grundrißform. 

Die erste unmittelbare Einrahmung der Kanontabellen erfolgt 
in sämtlicchen Kopien der kleineren Folge durch ein linea- 
res Netz von Rechtecken, dessen Längslinien 
die einzelnen Ziffemsp alten einfassen, dessen Querlinien wiede- 
rum die Ziffern jeder Spalte in Gruppen zu vier oder drei gliedern 
(Taf. 2 — 4, 5 — 6, 10 — 12 etc.). Außerdem werden die Längs- 
linien an den Außenseiten jeder Textkolumne (bzw. Kolumnen- 
gruppe) durch eine Doppellinie verstärkt. Dieses Rechteck- 

74 


netz ist nicht nur für die Kanontafeln der kleineren Folge 
bezeiclmend, es kommt ebenfalls in den Handschriften der 
größeren Folge (Abb. 1) regelmäßig vor^^. Es ist schlechter- 
dings die griechische Art, Kanontabellen einzufassen. Es besteht 
kein Zweifel, daß es zu der ursprünglichen Ausstattung der 
eusebianischen Kanones gehört. 

Dem linearen Rechtecknetz ist in sämtlichen Handschriften 
sowohl der kleineren wie der größeren Folge, ein äußeres 
struktives Rahmenwerk — der eigentliche Kanonbogen — 
hinzugefügt. Während das Liniennetz eine gliedernde Einrahmung 
der einzelnen Ziffernspalten darstellt, bezieht sich der Kanon- 
bogen auf die höheren Einheiten der Textkolumne und ides 
Sohriftspiegels als Ganzes. 

Den unteren Abschluß der Kanontafeln bildet in fast allen 
Kopien der kleineren Folge ein durchgehender Bodenstrei- 
f e n , an den die Vertikallinien des Rechtecknetzes imten 
anstossen (Taf. 10—12, 14b, 17—23, 26b— 30 etc.). Auf dem 
Londoner Fragment ist der Unterteil der Kanontafeln durch die 
starke Beschneidving der Blätter ausgefallen (Taf. 2. — 4). Es 
dürfte jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß Bodenstreifen auch 
hier ursprünglich vorhanden waren. Die einzige wirkliche 
Auisnahme bilden die beiden Kanontafeln in Berlin Harn. 246 
und diejenigen in Athos Lawra A. 23. Bei jenen sind die Boden- 
streifen zu einfachen Linien verkümmert, die in dem Rauten- 
netz aufgehen (Taf. 6 — 7), bei diesen fehlen sie vollständig (Taf. 
161). Selbstverständlich haben wir uns den unteren Abschluß 
der Kanonbögen im eusebianischen Archetypus nicht nach dem 
Vorbild dieser Hiandschriften, sondern nach dem der übrigen 
Kopien vorzustellen,! 

Die seitlichen Rahmenstreifen bestehen in sämtlichen Kopien 
aus Säulen. Diese können so verteilt sein, daß jede Text- 
kolumne (bzw. Kolunmengruppe) ihre besondere Einramung 
erhält. Eine isolche Rahmenstruktur mit alternierenden 
Säulen und T e x t k o 1 u m n e n ist für das spätantike 
Fragment in London (Taf. 2—4), für Berlin Ham. 246 (Taf. 6—7) 


^) Vgl. z. B. K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des IX. und 
X. Jahrhunderts, Berlin 1935, Taf. XXVII, Abb. 148, XXXI, 177—78, 
XXXIV, 194 etc. 

75 


lind für sämtliche armehische Evangeliare (Taf. 17—23, 26b— -^30, 
32b u. 35) bezeichnend^). In Venedig gr. I^ 8 begegnet sie uns 
auf der zweiten Kanontafel (Taf. 10a), auf den übrigen sind die 
Zwischensäulen zu einfachen Vertikalstreifen verkümmert j welche 
die gleiche Funktion erfüllen wie die Säulen (Taf. 10b). In 
den restlichen Handschriften haben die Kanontafeln nur auf 
den beiden Außenseiten des Schriftspiegels Säulen. Ein ein- 
faches Säulenpaar umfasst hier eine Mehrzahl 
von Textkolumnen, die höchstens durch Verdop- 
pelimg der Vertikallinien des Rautennetzes von einander 
getrennt sind (Taf. 11, 12, 14b u. 37). Wir können also zixnächst 
zwei verschiedene Rahmentypen xmterscheiden, je nachdem der 
Kanonbogen aus mehrfachen schmalen Interkoliinniien oder aus 
einem einfachen breiten Interkolunmium besteht. 

In sämtlichen Kopien werden die Interkolumnien durch runde 
Umfassung® bögen überdeckt, welche die Säulen oben 
mit einander verbinden. Besteht nun die Kanontafel aus mehre- 
ren Interkolumnien, kann jedes von diesen seinen eigenen Um- 
fassimgsbogen erhalten. Die Kanontafel bildet dann eine 
zusammenhängende Reihe gleichwertiger Bogen- 
s t e 1 1 u n g e n. Solche mehrachsigen Kanonbögen finden wir 
bei dem spätantiken Fragment in London (Taf. 2 — 4), in Berlin 
Ham. 246 (Taf. 6 — 7) und im armenischen Evangeliar zu 
Etschmiadzin (Taf. 17-— ^23). Auch in Venedig gr. I, 8 begegnet 
uns. auf der zweiten und dritten, auf der sechsten imd siebenten 
und: auf der achten Kanonseite eine ähnliche Kanonbogenform; 
nur ist hier, wie schon hervorgehoben, die Mittelsäule durch 
einen einfachen Vertikalstreifen ersetzt (Taf. 10b) ^). 

Hat aber die Kanontafel nur zwei Säulen, so genügt, um sie 
zu verbinden, ein einziger, den ganzen Schrifbspiegel überspan- 


.^) Eine Ausnahme; bildet allerdings das armenische- Evangeliar S. Lazzaro 
. co,d. , 196, bei dem jede Kanontafel nur aus einem einzigen ■ Interkolunmium 
besteht (S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres, Paris 1937, Taf. 
II— V). 

2) Eine Weiterbildung dieser Kanonbogenform zeigen die sieben ersten 
Kanontafeln , in Lawra A. 23, bei denen die Mittelsäule ganz fortgefallen ist, 
so. daß die koordijiierten Segmentbögen, welche die Kanontafeln krönen, bei 
der Vereinigungsstelle gleichsam in der Luft schweben (Tab. 161). 

76 


nender Umfassungsbogen. Der Kanonbogen bildet dann eine 
e i ü z i g e g r o ß e R a hmenarkade. Dies ist bei den 
griechischen Evangeliaren in Paris tmd Wien (Taf. 11 — 12), bei 
dem Vatikan Pal. gr. 220 (Taf. 14b) und bei dem aethiopischen 
Evangeliar v. J. 1402 (Taf. 37) der FalP). Hat der erste Rahmen- 
typus iii seiner Grundstruktur eine allgemeine Ähnlichkeit mit 
dem Buchstaben m, so erinnert der zweite an ein n. Wir wollen 
infolgedessen die beiden Rahmentypen kurzum den m - , bzw. 
den n - T y p u s nennen. 

Außerdem kommt bei den armenischen Handschriften in 
Jerusalem (Taf. 26b— 30), Wien (Taf. 32b) und S. Lazzaro (Taf. 
34 — 35) eine Vereinigung beider Rahmentypen vor. Die Kanon- 
tafeln zeigen hier wie bei dem m-Typus eine Mehrzahl koordi- 
nierter Interkolumnien ; desungeachtet werden die beiden Eck- 
säulen nach dem Schema des n-Typus durch einen großen Um-' 
fassungsbogen verbunden. Diese Mischform, auf die wir im 
Laufe der Untersuchung zurückkommen werden, wollen wir als 
den kombinierten m-n -Typus bezeichnen-^ 

Das Verhältnis des Kanonbogens zu dem von ihm eingeschlos- 
senen Schriftbild gestaltet sich bei den einzelnen Rahmentypen 
verschieden. Bei dem m-Typus ist die Aufteilung der Kanontabel- 
len in mehrere Kolumnen pro Seite das für die Rahmenbildiuig 
Entscheidende. Die Buchseite als solche hat keine unmittelbar 
formgebende Einwirkung auf den Kanonbogen, sondern es sind 
vielmehr die Kolumneneinheiten, auf welche die Griuid- 
form des Rahmens zugeschnitten erscheint, indem jede Kolunme 
(bzw. Kolumnengruppe) ihr eigenes Joch erhält (v^gl. Taf. 17 — 
23). Ein ähnliches Grundgefühl für die Textkolumne als das 
formale Grundelement des Buches kennzeichnet die ältesten 
griechischen Pergamentcodicesi, die beiden großen Bibelhand- 
schriften des IV. Jahrhunderts, den Codex Vaticanus und den 


■'•^ Auch die achte Kanontafel des Lawra-Evangeliars gehört diesem 
Rahmentypus an. 

^) Diesem Rahmentypus wird man wohl auch die erste, vierte und fünfte 
Kanontafel in Venedig gr. I: 8 zurechnen müssen, obwohl auch hier^ mit 
einer Ausnahme (Taf. 10a), die Mittelsäulen zu einfachen Vertikalstreifen 
verkümmert sind. 

77 


Codex Sinaiticiig, die mit ihren drei- oder vierspaltigen Text- 
seiten ein unmittelbares Fortwirken des Schriftprinzipe der 
antiken Buchrolle hekunden'^^ Bei dem m-n- und n-Typus 
dagegen steht keine Mehrteiligkeit des Rahmenwerkes der Unge- 
teiltheit der Buchseite gegenüber. Die Kanontafel nimmt durch 
den diie. ganze' -Schriftfläche überspannenden - Umfassinigsbogen 
von vornherein auf die Einheit der Buchseite Bezug. Dies ist 
aber ein Prinzip der Vereinheitlichung, das den endgültigen Sieg 
der Codexform über die Tradition der antiken BuoEroUe und 
damit auch eine spätere Entwicklungsstufe in der Typengeschichte 
des Kanonbogens bedeutet. 

Es ist demnach keine Frage, daß unter den Rahmentypen der 
kleineren Kanonfolge der m- Typus ursprünglicher ist als der 
n- und m-n-Typus. Damit haben wir auch festgestellt, welchem 
der beiden Rahmentypen die Kanonbögen im eusebianischen 
Archetypus zugehörten. Sie können nur den älteren von ihnen, 
d. i. den m-Typus dargestellt haben. 

Nun haben bei dem m-Typus die Umfassungsbögen offenbar 
nicht nur die Funktion, die Laterkolunmien oben abzuschließen 
— dazu hätte, wie auf der Unterseite, ein horizontaler Rahmen- 
streifen genügt. Es ist vielmehr so, daß die bogenförmige Aus- 
dehnung des Rahmenwerkes auf der Oberseite unmittelbar durch 
die Überschriften der Tabellenkolumnen vereinlaßt wird. Für 
sich betrachtet bedeutet der Umifassungsbogen die obere 
Hälfte eines Kreisrahmens. Als solche .stellt er 
in erster Linie einen Sonderrahmen für die Über- 
schriften dar, der sozusagen a posteriori als Archivolte an 
die Säulenstellung einschließt. 

In dieser Weise erscheint das ganze Rahmenwerk des m-Typus 
aus den gegebenen textlichen Voraussetzungen logisch entwickelt 
wie der Grundriß eines Baues aus seinem Zweck. Daß dies von 
den übrigen Rahmentypen nicht mit derselben Berechtigung 
behauptet werden kann — der große Umfassungsbogen hat bei 
ihnen keine primäre Rahmenfunktion — erhärtet die Annahme, 


1) F. Kenyon, Books and Readers in Ancient Greece and Rome, Oxford 
1932, S. 115. W. Schubart, Das antike Buch (Die Antike XIV, 1938, S. 
194^195). 

78 


daß wir im m-Typus die eusebianische Urform 
des K a u o n b o g e u s besitzen. Bei der genaueren Rekon- 
struktion des Rahmenwerkes im eusebianischen Archetypus 
haben wir uns also in erster Linie an die Kopien mit mehrach- 
sigen Kanonbögen zu halten. Der Einfachheit halber wollen 
wir diese in der Fortsetzung mit den folgenden Sigeln 
bezeichnen: 

London, British Museum, Add. 5111, fol. 10 — 11 = L 
Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Ham. 246, fol. 1 — 3 u. 50 = B 
Etschmiadzin, Patriarchalbibliothek cod. 229 = E 
(Venedigs Biblioteca Marciana gr. I, 8 ;= V) 

E, L und V stimmen darin überein, daß die Umfassungsbögen 
ihrer Kanontafeln aus zwei konzentrischen s t r u k t i v e n 
Randstreifen bestehen, die ein breites ornamental 
geschmücktes B i n n e n f e 1 d einfassen (Taf. 2 — 4, 
10b u. 17—23). Daß diese Randstreifen in E (Taf. 17—23) 
genau die gleiche Farbe mid Breite haben wie der Bodenstreifen, 
ergibt eine formale Bindung zwischen dem oberen und dem 
unteren Rand des Rahmenwerkes, welche den sinnvollen Ein- 
druck des Ursprünglichen macht. In B (Taf. 6 — 7) hat die 
omamentale Binnenfüllung die striiktiven Randstreifen ver- 
drängt; (gleichzeitig ist logischerweise der Badenstreifen zu einer 
einfachen Linie verkümmert). Daß diese Variante sekundär ist, 
liegt ohne weiteres auf der Hand. Für die Rekonstruktion des 
Archetypus kommt nur die struktive Gliedermig der Umfassungs- 
bögen in E, L und V in Frage. 

Eine weitere Verschiedenheit zwischen den Kopien liegt in 
der Grundriß form ihrer Umfassimgsbögen. In L (Taf. 2 — 4) 
sind diese genau halbkreisförmig, in E (Taf. 17 — 23 ) 
und B (Taf. 6 — 7) dagegen haben sie eine mehr oder weniger 
ausgeprägte Huf ei s enf o rm^\ Um zu entscheiden, welcher 
von diesen beiden Bogentypen der ursprüngliche ist, müssen wir 
noch einmal auf die Tabellenverteilung im eusebianischen Arche- 
typus zurüekkommen. 


^) Auch in V (Taf. 10b) entspricht die vollständige Grundrißforni der 
Umfassungsbögen der eines Hufeisens. 

79 


Wie im vorigen Abschnitt festgestellt' werden konnte, zeigt« 
der euseibianische Archetypus die folgende Gliederung der Kahö- 
nes in Textkolunmen : 


Seite 1: 

I 


I 

„ 2 

II 

II 

II 

„ 3 

III 


IV 

„ 4 

: V 

V 

V 

„ 5 

: VI 

VI 

VII 

„ 6 

: VIII 

IX 

XMt 

„ 7: 

XLkXMk 


XJh 


Wie dieses Schema verdeutlicht, waren die Kanones im euse- 
bianischen Archetypus bald in zwei, bald in drei Textkolunuien 
pro Seite aufgeteilt. Jede dieser Textkolunmen enthielt ihrer- 
seits vier, drei oder zwei Ziffemspalten und zwar in der folgenden 
Verteilung : 


Anzahl der Ziffemspalten bei Kanontafeln mit 


zwei Textkolunuien: 


drei Textkolunuien; 


Seite 


Wir sehen also, daß die zweiteiligen Kanontafeln vier oder 
drei, die dreiteiligen dagegen drei oder zwei Ziffemspalten pro 
Textkolumne enthielten. Bei diesen waren folglich die spalten- 
reichsten Textkolumnen um eine Spalte schmäler als 
bei jenen. Als es nun galt, ein Rahmenwerk für die Kanonta- 
bellen zu entwerfen, wird es sich von vornherein empfohlen 
haben, die Säulen bei den dreiteiligen Kanontafeln in schmä- 
leren Abständen von einander anzubringen als bei den 
zweiteiligen, weil bei konstanten Säulenabständen — deren Größe 
nach den viersp altigen Textkolumnen abgemessen werden müßte 
— einerseits die Gesamtbreite der dreiteiligen KanontaJfelh, ande- 
rerseits die Interkolumnienbreite bei Textkolumnen mit nur zwei 
Ziffernspalten übermäßig groß hätte ausfallen müssen. 


80 


Der von den textlichen Voraussetzungen gestellten Forderung 
auf Variabilität der Interkolumnienbreite 
stand aber von vornherein die entgegengesetzte Notwendigkeit 
gegenüber, den Umfaesungsbögen eine konstante Spannweite zu 
geben. Da diese nämlich von der Breite des Interkolumniums 
unmittelbar bestimimt wird, müßte eine wesentliche Verminder- 
ung der Säulenabstände bei den dreiteiligen Kanontafeln zu 
einer entsprechenden Verkleinerung der Umfassungsbögen 
führen, wodurch die formale Einheitlichkeit der Kanonbogen- 
serie in empfindlicher Weise beeinträchtigt würde. Eine un- 
mittelbare Probe einer solchen Proportionierung geben die beiden 
Kanontafeln in B (Taf. 6 — 7). In dieser Handschrift hat der 
Maler, um. das Rahmenwerk dem Seitenformat anzugleichen, 
bei der dreiteiligen Kanontafel (Taf. 6) die Säulen wesentlich 
dichter aneinandergeschoben als bei der zweiteiligen (Taf. 7), 
ohne davor zurückzuschrecken, dalB dadurch die Umfassungsbö- 
gen bei der einen Kanontafel nur halb so groß wurden wie 
bei der andern. 

Es liegt auf der Hand, daß solche uneinheitlichen Bogenpro- 
portiönen den Kanontafeln des eusebianischen Archetypus kaum 
zugetraut werden können. Es bleiben infolgedessen für die 
Rekonstruktion die Kanontafeln in L (Taf. 2 — 4) und E (Taf. 
17 — 23) übrig. In beiden Handschriften zeigen die Umfassungs- 
bögen einen annähernd konstanten Durchmesser, wie wir es auch 
für den Archetypus a priori voraussetzen müssen. In L hat aber 
der Künstler, um eine einheitliche Breite der Interkolumnien 
mit einer gleichmäßigen Textverteilxmg und Anpassung des 
Rahmenwerkes an das Seitenformat zu verbinden, auf allen drei 
erhaltenen Kanontafeln eine zweiteilige Rahmenarkade verwen- 
den müssen (Taf. 2 — 4), während wir von den entsprechenden 
Kanontafeln im eusebianischen Archetypus mit Sicherheit vor- 
aussetzen können, daß die zweitletzte als dreiteilige Arkade 
angelegt war^^. Schon diese Tatsache weist darauf hin, daß wir 
in L keine zuverlässige Quelle für die Rekonstruktion der 
ursprünglichen Formgebung der Umfassungsbögen besitzen. 


^) Vgl. oben S. 69. Über die mutmaßliche vollständige Ausschaltung des 
dreiteiligen Rahmentypus im Londoner Evangeliar vgl. unten S. 131. 

6 • 81 


Auch in E ist der dreiteilige Rahmentypus auf der vierten, 
fünften tmd sechsten Kanontafel gegen den zweiteiligen Typus 
ausgestauscht worden (Taf. 2,0—22). Die ursprüngliche dreiteilige 
Arkade hat sich aber bei der zweiten Kanontafel erhalten (Taf. 
18) . Vergleichen wir nun diese Kanontafel mit den übrigen, so 
bemerken wir, daß ibei jener die Säulen etwas dichter sterilen 
als bei diesen, ohne daß dadurch der Durchmesser 
der Um fasßungs bögen wesentlich verklei- 
nert worden wäre. Auf der dreiteiligen Kanontafel 
sind nämlich die Umfassungsbögen einfach stärker ineinander- 
geschoben als auf den zweiteiligen. Dieser Ausgleich ist aber 
nur deshalb möglich gewesen, weil die Umfassungsbögen in E 
hufeisenförmig sind; wenn nämlich die Umfassungsbögen halb- 
kreisförmig gewesen wären, wären auf der dreiteiligen Kanon- 
tafel ihre Ansatzflächen an den mittleren Säulen viel zu schmal 
geworden. Da also nur die Hufeisenform eine teilweise Ver- 
söhnung der sich widerstreitenden Forderungen von konstantem 
Durchmesser der Umfassungsbögen und variabler Breite der 
Interkolumnien emiöglicht, muß es als in hohem Maße wahr- 
scheinhch gelten, daß die Umfassungsbögen im 
eusebiani sehen Archetypus nicht wie in L 
halbkreisförmig, sondern wie in E hufeisenförmig waren. 
Dieses Ergebnis widerspricht nicht der stilgeschichtlichen Situa- 
tion, in welcher der eusebianische Archetypus entstanden ist. 
Der Hufeisenbogen ist, wie wir wissen, mit besonderer Vorliebe 
von der syro-palästinensischen Kunst gepflegt worden^ ^ und läßt 
sich auf palästinensischen Bleisarkophagen schon im II. oder III. 
Jahrhunidert nachweisen^). 

Wir sind also zu dem Ergebnis gekommen, daß für die Rekon- 
struktion der Grundrißform der Kanontafeln im eusebianischen 


1) E. Dewald, The Appearance of the Horseshöe Arch in Western Europe 
(Amer.Journ.Arch. XXVI, 1922, S. 333). 

2) A. Müfid, Die Bleisarkophage im Antikenmuseum zu Istanbul (Arch. 
Anz. XL VII, 1932, Fig. 33, 35, 38 u. 44) und M. Avi-Yonah, Lead Coffins 
from Palestine I (Quart.Antiq. Palest. IV, 1935, S. 87—99) Taf. LVII, Nr. 62. 
Andere Beispiele früher Hufeisenbögen bei E. Weigand, Das Theodosios- 
kloster (Byz.Zs. XXIII, 1914—19, S. 175, Anm. 2). Vgl. auch M. Schapiro 
in Art Bull. XVII, 1935, S. 112—13. 

82 


Archetypus dem Etschmiadzin-Evangeliar der 
gröJßte Quellenwert beizumessen ist. Abgeselien von der be- 
schränkiten Zahl der Interkolunmien auf der vierten, fünften und 
sechsten Kanontafel scheint diese Kopie allein eine im Wesent- 
lichen zuverlässige Wiederholung des ältesten Schemas für die 
Einrahmung der eusebianischen Kanones darzustellen. 


b. Die Kanontafeln als Aufrißform. 


Die von der vertikalen Orientierung der Tabellen geforderte 
Überführung des Rahmenwerkes in die Aufrißprojektion 
geschieht auf allen Kanontafeln der kleineren Folge durch 
tektonische Art ik ulier ung der Vertikal- 
streifen in der Form von Säulen. Durch die Gestaltung 
der Vertikalstreifen als Säulen werden aber auch die Halfokreis- 
rahmen der Überschrifttitel und die Bodenstreifen — beide an 
sich reine Grundrißformen — mittelbar in Aufrißformen umge- 
deutet, jene indem sie als Archivolten den Säulen aufge- 
setzt werden, diese indem sie als Standplatte den Säulen 
untergeschoben werden. Es findet mit anderen Worten in dem 
Kanonbogen eine Formverknüpf mig statt, die wir als Ver- 
schmelzung einer primären Grundriß- 
struktur mit einer sekundären Aufriß- 
struktur auffassen können. Diese Vereinigung zwei polarer 
Projektionsformen bedeutet ein formales Grundproblem, das in 
der Entwicklungsgeschichte des Kanonbogens verschiedene Lös- 
ungen hervorgerufen hat. 

Die Beziehung des tabellarischen Schriftbildes zum Kanonbo- 
gen als Aufrißf'orm vermitteln die linearen Rechteck- 
netz e. Mit ihrer schriftlichen FüUimg erscheinen sie in die 
Arkadenöffnungen eingepannt, wie die Saiten in eine Leier. Dem 
struktiven Rahmen werk kommt den Kanontabellen gegenüber 
eine tragende Funktion zu. Das tabellarische Schriftbild 
wird von den Säulen wie ein Gewebe aufspannt gehalten. Diese 
Grundsftruktur ist im Wesentlichen allen Kopien der kleineren 

83 


Folge eigentümlich. Sie darf infolgedessen, ohne weiteres auch 
für den eusebianischen Archetypus angenommen werden. 

Verschiedenheiten zwischen den Kopien ergeben sich jedoch 
in der Gestaltung der Säulen. Während nämlich 
in der Mehrzahl der Handschriften die Säulenschäfte massiv 
gebildet sind, haben sie in L (Taf. 2 — 4), Wien theol. gr. 240 
(Taf. 12b) und in Jerusalem 2,555 (Taf. 26b — 30) eine orna- 
mentale Binnenfüllung nach dem. Muster der 
Umfassinigsbögen. Eine solche Hintansetzung der realen Säu- 
lenstruktur darf ohne weiteres als nachträgliche Veränderung 
bezeichnet werden. Für die Rekonstruktion des eusebianischen 
Archetypus können nur die Kopien mit massiven Säulenschäften 
herangezogen werden. 

Unter diesen haben die griechischen Evangeliare auf Athos 
(Taf. 161), in Paris (Taf. 11, 12a), Berlin (Taf. 6—7) und Rom 
(Taf. 14b) und das aethiopische Evangeliar v. J, 1402 (Taf. 37) 
streifenartige Säulenschäfte von durch- 
gehend einheitlicher Breite, während bei den 
armenischen Evangeliaren (Taf. 17 — ^23, 26b — 30, 32b u. 35) 
und in V (Taf. 10) die Säulen schäfte nach unten 
an Breite zunehmen. Es ist klar, daß der erste Fall 
eine Verstärkmig der Grundrißform des Kanonbogens auf Kosten 
der Aufrißform, der zweite dagegen eine Verstärkung der Aufriß- 
form auf Kosten der Grundrißform darstellt. Es ist schwer, mit 
Sicherheit zu entscheiden, welche von diesen beiden Lösungen 
im eusebianischen Archetypus vorgebildet war. Die größere 
Wahrscheinlichkeit dürfte aber dafür sprechen, daß der Säulen- 
typus mit sich nach unten ver'breiterndem Schaft der 
ursprünglichere ist. Denn einerseits hat sich eben diese Säu- 
lenform in E erhalten, dessen imvergleichlichen Quellenwert 
wir im vorigen Abschnitt feststellen konnten, andererseits ent- 
spricht der Übergang von stärkerer zu schwächerer Tektonik der 
allgemeinen Vorstellung von der Entwicklung der spätantiken 
Formstruktur besser, als der umgekehrte^). 


^) Allerdings haben M. Dvorak, Byzantinischer Einfluß auf die 
italienische Miniaturmalerei des Trecento (Gesammelte Aufsätze zur Kunst- 
geschichte, München 1929, S. 54) und K. Weitzmann, Die armenische Buch- 

84 


Wir gelangen also zum Ergebnis, daß auch in der Aufrißform 
der Kanontafeln, das Etschmiadzin-Evangeliar 
eine im Wesentlichen zuverlässige Wiederholung des eusebiani- 
schen Archetypus darstellt. 


2. Die ornamentale Ausstattung des 
Rahmenwerkes. 

Vorbemerkung. Die omamentale Ausstattung der Kanon- 
tafeln bleibt in den meisten Handschriften der kleineren 
Kanonfolge auf die Bogenzone beschränk t^). 
Die Ornamentformen, welche idabei zur Anwendung konunen, 
lassen sich ihrer Struktur nach in zwei Gruppen aufteilen. Der 
einen Gruppe gehören diejenigen Ornamente an, welche das Bin- 
nenfeld zwischen den struktiven Randstreifen der Umfassungsr 
bögen ausfüllen-), der anderen Gruppe diejenigen, welche die 
Umfassungsbögen auf der Außenseite besetzen. Während jene 
in einem durch Rahmenstreifen bildartig geschlossenen Ent- 
f alttmgsraum als Füllornamente enthalten sind, steigen 
diese als Besatzornamente von dem " struktiven Gerüst 
des Kanonbogems frei empor. Es handelt sich folglich um zwei 


malerei des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts (Istanb. Forsch. TV) 
Bamberg 1933, S. 5 und Probleme der mittelbyzantinischen Renaissance 
(Arch.Anz. XL VIII, 1933, S. 351) aus dem Umstand, daß die wenigen aus 
der Spätantike erhaltenen griechischen und syrischen Kanonbögen flächen- 
hafte "Stabarkaden" aufweisen, den Schluß ziehen wollen, daß -die plastisch- 
tektonischen Säulen eine. Neuerung der mazedonischen Renaissance seien. 
Gegen diese Hypothese hat aber schon E. Weigand (Byz.Zs. XXXV, 1935, 
S. 437) mit Recht das Zeugnis der lateinischen Kanonbögen der Spätantike 
herangezogen, von denen gerade die am stärksten griechisch beeinflußten, 
London, Brit.Mus., Harl. 1775 (Taf. 84 — 102), Säulen mit massiven nach unten 
sich verbreiternden Schäften aufweisen. 

^) Das Hiniunterziehen der Ornamentik in den Säulenschaft, das uns in 
wenigen Kopien begegnet, haben wir bereits oben S. 84 als sekundäre Ent- 
wicklungsstufe gekennzeichnet. 

^) Von der ornamentalen Ausfüllung des Schildbogenfeldes auf den 
Kanontafeln des n-Typs können wir in diesem Zusammenhang ohne weiteres 
absehen. 

85 


innerlich verschiedene omaraentale Gestaltungstypen, die am 
ehesten auf dem .Gebiet der freien Raumkünste mit den Gestal- 
tungstypen der Malerei, bzw. der Freiplastik zu vergleichen sind. 
Die strukturelle Verschiedenheit der Besatz- und Füllomamenle 
führt dazu, daß wir auch hier mit einer gewissen "Polyp honie" 
der Überlieferung rechnen müssen. Eine Kopie, die in der 
Verzierung der Außenzone den Ornamentenschatz des Archety- 
pus im Wesentlichen treu bewahrt, braucht deshalb nicht zu- 
gleich die ursprünglichen OmamentfüUungen der Umfassungsbö- 
gen bewahrt zu haben, und umgekehrt. Dazu kommt, daß den 
beiden Omamentarten von vornherein ein verschiedenartiges 
Verhältnis zu der Grimdform ihres gemeinsamen Trägers, des 
Umfassungsbogens, eigen ist. Für die Füllornamente ist es von 
untergeordneter Bedeutung, ob der Umfassungsbogen nach dem 
Schema des n- Typus die ganze Kanontafel oder nach dem 
Schema des m-Typus nur ein einziges Interkolumnium über- 
spannt. Für die Besatzomamente dagegen gestalten sich die 
Bedingungen durchans verschieden, je nachdem der Kanonbogen 
dem einen oder dem anderen dieser beiden Typen zugehört. 
Da wir nun im vorigen Abschnitt festgestellt haben, daß die 
Kanonbögen des eusebianischen Archetypus den m-Typus vertre- 
ten, empfiehlt es sich bei der Rekonstruktion der Besatzoma- 
mente von dem Etsohmiadzin-Evangeliar auszugehen, dessen 
Kanonbögen wir als die unvergleichlich treusten Wiederholungen 
des im Archetypus gegebenen Grundschemias erkannt haben. 


a. Die Besatzornamente. 

Die Besatzornamente zeigen in E (Taf. 17 — ^23) eine dem struk- 
tiven Formschema des Kanonbogens angeglichene Gliedermig. 
Im großen gesehen lassen sich drei verschiedene Hauptmotive 
auseinanderhalten. 

Erstens wachsen in den Zwidkeln der Archivolten Blumen- 
stauden mit geraden Stengeln in die Höhe. Sie bilden eine 
unmittelbare, vertikale Fortsetzung der Säulen und führen deren 
Aufwärtsrichtvuig über die Umfassungsbogen hinaus fort. Sie 

86 


bestehen entweder aus Granatäpfelzweigen (vgl. Taf. 17, 20 — 21) 
oder aus tulpenähnliohen Blüten (vgl. Taf. 18 — 19, 22 — ^23), die 
in der Weise abwechseln, daß zwei einander gegenüberstehende 
XCanontafelu immer Blumenstauden des gleichen Motivs aufwei- 
sen. Von den Stengeln schießen knospenartige Blätter seitlich 
hinaus. 

In den Mittelzwickeln aber werden die Frucht- oder Blüten- 
stauden regelmäßig, statt von ihrem eignen Blattwerk, von einem 
Paar fleischiger Akanthusblätter umgeben. Ihnen 
entsprechen auf den Außenseiten ein zweites Paar Akanthusblät- 
ter, die als Eckakrotere von den äußersten Kapitellplatten 
seitlich hinausschwingen. Sie stellen mit den Blättern der Mit- 
telzwickel das zweite Hauptmotiv der Besatzomamente dar. Bil- 
deten die Blxunenstauden die unmittelbare Fortsetzung der Säu- 
len, so betonen diese Akanthusblätter; die verhaltene Bewegungs- 
energie der Umfassungsbögen an den Ansatzstellen in seitlicher 
Richtung. 

Als drittes Grundmotiv findet sich endlich auf den Eckakro- 
teren und auf den Scheiteln der Umfassungsbögen je ein im 
Profil gesehener Vogel. Wie die Blumenstaixden entsprechen 
die Vögel einander auf den gegenüberliegenden Seilen, sodaß 
mit jedem umgewendeten Blatt eine neue Vogelart auftritt. So 
finden wir auf der ersten Seite (Taf. 17) Tauben, auf der zweiten 
und dritten (Taf. 18 — 19) Steinhühner, auf der vierten und 
fünften (Taf. 20 — 21) Raben (?) tuid auf der sechsten und sie- 
benten (Taf. 22 — 23) Kraniche (?)^^. Auf der zweiten Seite, 
deren Kanontafel drei Umfassungsbögen hat, wird der mittlere 
Umfassungsbögen durch einen Vogelkäfig besonders hervorge- 
hoben. Da wir oben festgestellt haben, daß im Archetypus 
auch die vierte und die fünfte Kanontafel je drei Umfassungs- 
bögen hatten, ist es verlockend anzunehmen, daß die Blumen- 
körbe, welche in E an Stelle der Granatäpfelstauden die Mittel- 
zwickel dieser beiden Tafeln in wenig organischer Weise aus- 
füllen, ursprünglich die in dieser Kopie ausgelassenen mittleren 
Umfassungsbögen krönten^). 


^) Über die Darstellung von Vögeln in der antiken Kunst vgl. O. Keller, 
Die antike Tierwelt II, Leipzig 1913. 
2) Vgl. oben S. 68. 

87 


Die durchgeführte Planmäßigkeit, die einerseits die omament- 
tale Paarkomposition von zwei einander gegenüherliegenden Sei- 
ten, andererseits die Angleichung der Omamentanlage an die 
Bewegungskräfte des struktiven Rahmenwerkes verrät, weist mit 
Bestimmtheit darauf hin, daß die Kanontafeln des Etschmiadzin- 
Evangeliars, wie in der struktiven Anlage, so auch in den Besatz- 
ornamenten den Archetypus im wesentlichen treu 
wiederholen. Dieser Schluß erscheint um so mehr foerech- 
tigt, als wir noch in verschiedenen anderen Handschriften mehr 
oder weniger treue Abspiegelungen des in E mit besonderer Folge- 
richtigkeit überlieferten Verzierimgsschemas vorfinden. Vor allem 
ist dies in L (Taf. 2 — 4) der Fall, dessen Kanontafeln allerdings 
durch Beschneidung und durch Risse so sehr gelitten haben, daß 
die einzelnen Omamentmotive in vielen Fällen schwer zu rekon- 
struieren sind^). Sehr deutlich ist dasselbe Verzierungsschema 
auch in V (Taf. 10) imd im armenischen Evangeliar zu Jerusa- 
lem (Taif. 2,6b — 30) wiederzuerkennen. In diesen Handschriften 
scheint es ganz oder teilweise der Bogenform des n-Typus ange- 
passt. In beiden Kopien kehren die Tulpen- oder Granat- 
äpfelstauden leicht erkennbar wieder. Auch die Vogelarten 
lassen sich wiederfinden, nur wird bald ein einziger Vogeltypus 
von Seite zu Seite schematisch wiederholt, bald die ursprüng- 
liche Serie mit neuen Typen vermischt, die aus einer anderen 
Quelle herstammen. Mit ähnlicher AnpassTing der Besatzoma- 
mente an die Bogenform des n-Typus, gleichzeitig aber stärker 
vereinfacht und durch fremde Motive bereichert, lebt das Ver- 
ziermigsschema des Archetypus schließlich auch in Paris gr. 70 
(Taf. 12a), Vatikan Pal. gr. 220 (Taf. 14b), in dem armenischen 
Evangeliar zu Wien (Taf. 32b) und im aethiopischen Codex 
vom J. 1402 (Taf. 37) weiter. 


b. Die Füllornamente. 

In axiffallendem Gegensatz zu der relativen Einheitlichkeit 
der Kopien in der Behandlxmg der Besatzornamente steht die 


^) Auf die Unterschiede der Besatzornamente in E und L wird unten 
S. 137 — 138 näher eingegangen. 

88 


Versohiedenartigkeit ihrer Füllomameiite. Die Kanontafeln in 
L (Taf. 2 — 4) und V (Taf. 10), (deren Besatzomamente nahe 
Typenverwandschaf t mit denen in E zeigen, haben in den Um- 
fassungsbögen Omamentfüllungen, die von denjenigen in E 
(Taf. 17 — ^23) vollkommen abweichen. Welche Kopie die Füll- 
omamente des Archetypus am treuesten wiedergibt, läßt sich 
unter diesen Umständen nur aus allgemeinen Erwägungen heraus 
entscheiden. Die Entscheidtmg wird aber dadurch wesentlich 
erleichtert, daß die Mehrzahl der Kopien Ornamentformen auf- 
weist, die in der Zeit, in der der Archetypus geschaffen wurde, 
gar nicht möglich waren. Die massiven Goldfüllungen mit 
Rankenmuster und die Laubsägeornamentik, die für die Kanon- 
bögen der Konstantinopelitaner Evangeliare Paris gr. 70 (Taf. 
^y "1:0^), Paris Coislin .gr. 20 (Taf. Ip, Venedig gr. I, 8 (Taf. 10) 
und Wien theol. gr. 240 (Taf; TöCb) typisch sind, dürften Oma- 
mentarten darstellen, die erst im Frühmittelalter aufkommen. . 
Wenn auch anzunehmen ist, daß die rauhen Geflecht- und Blatt- 
formen im aethiopischen Evangeliar v. J. 1402 (Taf. 37) letzten 
Endes auf spätantike Vorbilder zurückgehen, so kommen sie 
doch für eine Rekonstruktion -des eusebianischen Archetypus 
selbstverständlich nicht in Folge. Die Füllomamente des im VII. 
Jahrhundert entstandenen Londoner Fragmentes (Taf. 2 — 4) 
schließlich lassen sich, so weit wir jetzt wissen, nicht auf wesent- 
lich ältere Vorbilder zurückführen^). So bleiben eigentlich nur 
die Omamentfüllungen derjenigen Handschrift übrig, die wir 
ohnehin als die treueste Kopie des eusebianischen Archetypus 
kennen gelernt haben. 

Die Omamentmotive, die in E (Taf, 17 — 23) zur Ausfüllung 
der Umfassungsbögen verwendet werden, sind folgende: auf der 
ersten Seite (Taf. 17) ein Wellenband in den Farben des 
Spektrums, auf der zweiten und dritten (Taf. 18 — 19) ein eben- 
falls spfektraler F a r b t u p f e n w u 1 s t, auf der vierten und 
fünften (Taf. 20 — 21) eine Blattguirlande und auf der 
sechsten imd siebenten (Taf. 22 — ^23) ein Blattfries. Die 
Umfassungsbögen zeigen also die gleichen Füllomamente auf 


^) Zur Datierung und kunsthistorischer Stellung der Handschrift vgl. 
unten S. 139 ff. 

89 


beiden Seiten des aufgeschlagenen Buches. Wir erinnern xms, 
daß wir dieses Prinzip der GLeichordnung zweier 
gegenüberliegender Seiten als ein Merkmal des 
Archetypus schon bei den Besatzornamenten feststellen konnten. 
Von den vier Ornamentmotiven, die in E die Umfassungsbögen 
ausfüllen, zeigen die drei ersten insofern die gleiche Struktur, 
als sie alle in der gleichen Richtung wie die Umfasstmgsbögen 
selbst laufen. Sie füllen die Mittelrillen der Umfassungsbögen 
wie ein Fluß sein Strombett. Das vierte Ornamentmotiv, der 
Blattfries, hingegen entwickelt sich radial zu den Umfassungs- 
bögen, indem er von dem unteren Randstreifen gegen den 
oberen hinaufwächst. Diese grundsätzliche Verschiedenheit 
des vierten Ornamentstreifens von den übrigen, erweckt Zweifel 
an seiner Ursprünglichkeit in der Ornamentserie. Dieser Ver- 
dacht wird durch die Kanontafeln des armenischen Evangeliars 
in Jerusalem bestätigt. Es ist bei den ersten fünf Kanonbögen 
dieser Handschrift (Taf. 2,6b — 28) nicht schwer zu erkennen, 
daß die Füllornamente ihrer Umfassmigsbögen flächenhafte 
Schematisierungen genau derselben Ornamentmotive darstellen 
wie auf den entsprechenden Kanontafeln in E. Bei der sechsten 
tuid siebenten Seite dagegen weist das Jerusalem-Evangeliar statt 
des Blattfrieses eine Schuppenreihe (Taf. 29) auf. Das 
gleiche Motiv bringt E, wie wir sehen werden, als Füllomament 
der letzten Prologseite (Taf. 16). Da diese aber der ersten 
Kanonseite gegenübersteht, wäre bei ihr nach dem Prinzip der 
omamentalen Paarkomposition von zwei gegenüberliegenden 
Seiten eher eine Wiederholung des Wellenbandes der ersten 
Kanontafel zu erwarten, xmd tatsächlich begegnet uns dieses 
FüUoimament im Jerusalemer Evangeliar nicht nur auf der 
ersten Kanon-, sondern auch auf der letzten Prologseite (Taf. 
26). Dieser Umstand spricht mit aller Entschiedenheit dafür, 
daß in E das Schuppenmotiv auf der letzten Prologseite will- 
kürlich vorweggenommen wurde, während auf den beiden letzten 
Kanontafeln, wo es eigentlich hin gehörte, ein neues Ornament- 
motiv — der Blattfries — eingesetzt wurde. Mit großer Wahr- 
scheinlichkeit läßt sich voraussetzen, daß die (armenische) Ur- 
vorlage, von der die Evangeliare in Etschmiadzin und Jerusalem 

90 


gemeinsam abstammen, folgende Ornamentenwahl und -Ver- 
teilung aufwies; 

1. Kanonseite: in Spektralfarben abschattiertes Wellenband. 
2. — 3. „ : ebensolcher Farbtupfenwulst. 

4 — 5. „ : Blattguirlande. 

6 — 7. „ : in Spektralfarben abschattierte Schuppen. 

Diese vier Ornamentmotive sind mm insofern gleichartig, als 
sie alle mehr oder weniger ausgesprochene Massen formen 
darstellen. Unter einer Massenform wollen wir eine Z u s a m- 
menfassung gleichartiger Teilformen zu einer 
einheitlichen Kollektivform verstehen. In der 
damit angegebenen Weise bildet das Wellenband eine einheitliche 
Masse gleichartiger Halbkreisfalten, der Farbtupfenwulst eine ein- 
heitliche Masse gleichartiger Farbflecke, die Guirlande eine 
einheitliche Masse gleichartiger Einzelblätter und das Schuppen- 
muster eine einheitliche Masse gleichartiger Schuppen oder Dis- 
ken. Es kann bald die Teilform stärker zur Geltung kommen 
als die Gesamtform, wie bei dem Schuppenmuster, bald umge- 
kehrt die Gesamtform stärker wirken als die Teilform, wie bei 
dem Wellenband. Das Entscheidende ist, daß die Gesamtform 
immer aus einer Masse gleichmässig wiederholter Teilformen 
gebildet ist. 

Bei diesen Omamentmotiven is't nun ein eigentümliches Bezie- 
hungsverhältnis zwischen Muster und Grund festzustellen. Im 
allgemeinen ist die Grimdfläche eines Omamentstreifens eine 
zusammenhängende feste Unterlage, auf die das Muster als 
bewegliche Körperform aufgelegt ist. Dieser natürliche Dua- 
lismus zwischen Muster und Grund erscheint bei den ims interes- 
sierenden Füllornamenten in eigentümlicher Weise aufgehoben. 
Man kann bei ihnen nicht von einer das Muster tragenden Grund- 
fläche reden, sondern es ist, als ob der Grund, von den Rah- 
menstreifen des Umfassung-sbogens losgelöst, durch Fältelxmg 
oder Zerstückelung in Teilformen selbst zum Muster 
geworden wäre. Was unter ihm sichtbar wird, ist dann 
keine zweite Grundfläche, sondern eine Rinne von unbestimmter 
Tiefe, in welche die zum Muster gewordene Grundfläche (oder 
das zur Grimdfläche gewordene Muster) als eine raumver- 

91 


drängende Ornamentmasse eingetaucht ist. Wo wie 
gewöhnlich eine regenbogenartige Kolorierung hinzutritt, heben 
die Farbmodulationen die Raumwirkung der Ornamentstruktur 
noch obendrein hervor. 

Daß die hier besprochene Omamentserie auf den eusebiani- 
schen Archetypus zurückgeht, läßt sich nicht strikt beweisen, 
muß aber jedenfalls als höchst wahrscheinlich bezeichnet 
werden. Dieselben oder ähnliche Massenornaniente begegnen 
uns in den erhaltenen griechischen xmd syrischen Miniaturen- 
handschriften des VI. Jahrhunderts^). Und wenn auch in der 
Buchmalerei Beispiele aus so früher Zeit wie der Entstehungszeit 
des eusebianischen Archetypus nicht erhalten sind, so ist doch 
der Übergang zur Massenornamentik im Prinzip spätestens in 
der römischen Kaiserzeit erfolgt, wie vor allem die Bodenmo- 
saiken lehren^). Es dürfte^^ auch, wenn die in E überlieferten 


1) Vgl. den Wiener Dioscurides (P. Buberl, Die griechischen Handschrif- 
ten der Spätantike, Beschr. Verz. Illum. Hss. Österr., N. F. IV: 1, Leipzig 
1937, Taf. I, III u. VI), den Codex Rossanensis (unsere Abbildung 22), das 
Rabula-Evangeliar (Taf. 114 — 138) und die syrische Bibelbandschrift zu 
Paris, Bibl. Nat. syr. 341 (H. Omont, Peintures de Vancien Testament dans 
un manuscrit syriaque du VII^ ou du Vllle siede, Mon. Piot XVII, 1909, 
PI. V— IX). 

2) Von den vier FüUornamenten, die wir oben S. 91 auf den eusebiani- 
schen Archetypus zurückgeführt haben, sind die drei ersten in vorkonstanti- 
nischer Zeit zu belegen. Das Wellenband (Taf. 17) gehört zu den häufigsten 
Bortenmotiven der kaiserzeitlichen Bodenmosaiken: vgl. außer den von 
R. Hinks, Catalogue of the Greek, Etruscan and Roman Paintings and Mosaics 
in the British Museum, London 1933, S. 81 zusammengestellten Beispielen 
das Mosaik mit dem Faunenkopf aus Genazzano im römischen Nationalmu- 
seum (G. Mancini in Not. Scavi VII, 1910, S. 517 — 18, und die Rahmenborte 
der Wandmalereien in der Synagoge ziu Dura-Europos (M. Rostovtzeff, A. Bel- 
linger, C. Hopkins und C. Welles, The Excavations at Dura-Europos. Prelim,i- 
nary Report of the Sixth Season of Work, New Haven 1936, Taf. LI— -LIII). 
Das Tupfenmuster (Taf. 18 — 19) kehrt auf einem der bemalten Schilder aus 
Dura (C. Hoplcins, The Season 1934 — 35 at Dura, Amer. Journ. Arch. XXXIX, 
1935, S. 297, fig. 4), wieder; die Blattguirlande (Taf. 20—21) ebenfalls (ibid., 
S. 297, fig. 3) ; außerdem häufig auf Bodenmosaiken: vgl. B. Nogara, I 
mosaici antichi conservati nei palazzi pontifici del Vaticano e del Laterano, 
Mailand 1910, Taf. XVII (Bodenmosaik aus Palazzo Sora) und Inventaire 
des mosaique de la Gaule et de l'Afrique 1: 2, Paris 1912, Nr. 383 (Grane- 
jouls), II: 1, Paris 1913, Nr. 940 (Tabarca), II: 2, Paris 1914, Nr. 125 (Sousse), 
in, Paris 1925, Nr. 41 (Hippone), Nr. 138 u. 169 (Timgad). 

92 


Massenomamente als spätere Interpolation ausscheiden sollten, 
schwer sein, in dem spätantiken Motivschatz eine zweite Orna- 
mentgattung namhaft zu machen, die ebenso gut wie jene zu 
dem ganzen Stilcharakter der Kanonbögen passen würde. Wir 
dürfen folglich, daß E auch in den Füllornamenten der Kanon- 
bögen den eusebianischen Archetypus in der Hauptsache treu 
wiederholt. Die quellenkritische Analyse der Prologseiten, zu 
der wir jetzt übergehen, wird die Berechtigung dieser Annahme 
bestätigen. 


93 


C. Die P r o 1 o g s e i t e n. 


Der Brief an Karpianus, den Eusebius als Gebrauchsan-weisimg 
an den Anfang der Kanontabellen stellte, findet sich in den 
Handschriften mit Kanones der kleineren Folge bald auf zwei, 
bald auf drei Seiten verteilt^). Drei Seiten hat dieser Prolog 
in Paris gr. 70, in V (Taf 9), imd in den armenischen Evange- 
liaren in Wien (Taf. 31 — 32a) und auf San Lazzaro (Taf. 34). 
In L (Taf. 1) und B (Taf. 5) und im aethiopischen Evangeliar 
vom J. 1402 (Taf. 36) ist er xmvoUständig erhalten; aus dem 
Rest läßt sich aber mit Sicherheit errechnen, daß er auch in diesen 
Handschriften ursprünglich dreiseitig geschrieben war. Zwei 
Seiten hat der Brief an Karpianus nur in E (Taf. 15 — 16), im 
armenischen Evangeliar zu Jerusalem (Taf. 25— 26a) und in 
Wien, theol. gr. 240^). Die überwiegende Mehrzahl der Kopien 
haben also dreiseitige Prologe. Dennoch darf man in diesem 
Falle nicht einfach per nuiiora entscheiden. Wichtiger als die 
Menge der Zeugnisse ist die Tatsache, daß die zweiseitige Auf- 
teilung in jener Handschrift überliefert ist, die sich in ihren 
Kanontafeln als die treueste Kopie des Archetypus bewährt hat, 
— im Etschm^iadzin-Evangeliar. Das Zeugnis dieser Handschrift 
macht es y^^on vornherein wahrscheinlich, daß der Prologtext im 
eusebianischen Archetypus nur auf zwei Seiten verteilt 
war. Wir werden das auch im folgenden bei der Betrachtung 
des Rahmenwerkes bestätigt finden^). 


1) Außerdem kommt in Vatikan, Pal. gr. 220 (Taf. 13 — 14a) eine vier- 
seitige Aufteilung des Prologes vor. Die Tatsache, daß hier die vierte Prolog- 
seite in ihrem Rahmen von den drei übrigen vollständig abweicht, lehrt aber 
mit aller Deutlichkeit, daß die Handschrift auf eine Vorlage von nur drei 
Seiten zurückgeht. — In Paris Coislin gr. 20 sind die Prologseiten durch 
Blattverlust gänzlich ausgefallen. 

2) Als viertes Beispiel ist noch San Lazzaro cod. 196 hinzuzufügen (S. der 
Nersessian, Manuscrits armeniens illustres, Paris 1937, Taf. I — II). 

3) Allerdings vertritt S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres, 
Paris 1937, S. 17 die Auffassung, daß in der armenischen Buchmalerei des 
IX. bis XI. Jahrhunderts eine Entwicklung von einer dreiseitigen zu einer 
zweiseitigen Aufteilung des Prologtextes stattgefunden hätte. M. E. darf aber 

94 


Von den Handschriften mit zweiseitiger Aufteilung des Prolog- 
textes zeigen E und das Evangeliar zu Jerusalem das Schrift- 
bild auf jeder Seite in einen architektonischen 
-Rahmen eingefügt (Taf. 15 — 16 u. 25 — 26a). Wien theol. gr. 
240 dagegen begnügt sich mit linearen blauroten Rechteckrahmen. 
Daß von diesen beiden Einrahmungsweisen die erstgenannte die 
ursprüngliche darstellt, wird von der Mehrzahl der Handschrif- 
ten mit drei- oder vierseitigem Prolog bestätigt; die Neuauftei- 
lung des Prologtexles hat nämlich die Übernahme der alten 
Rahmenformen nicht verhindert. Außer den beiden oben ange- 
führten armenischen Evangeliaren kommen für die Rekonstruk- 
tion der Prolograhmen im eusebianischen Archetypus noch fol- 
gende Handschriften in Betracht: 

Berlin, Staatsbibliothek, Ham. 246, fol. 50a— 50b (= B) 
(Taf. 5) 
Kun®thandel,.Aethiop. Evangeliar v. J. 1402, fol. 3a (Taf. 36) 
London, Brit. Mus., Add. 5111, fol. 10a. (= L) (Taf. 1) 
San Lazzaro, KlosterbibL, cod. 1144, fol. la — 2a (Taf. 34) 
Vatikan, Bibl. Apost., Pal. gr. 220, fol. Ib— 2b (Taf. 13— 14a) 
Venedig, Bibl. Marc., gr. I, 8, fol. 2a— 2b (= V) (Taf. 8—9) 
Wien, Mechitaristenbibliothek, cod. 697, fol. la — ^2a (Taf. 
31— 32a). 

Eine besondere Stütze für die Ursprünglichkeit nicht nur der 
architektonischen Einrahmimg, sondern auch der Zweiseitigkeit 
des Prologes, bildet dabei die Handschrift V. Von ihren drei 
Prologseiten sind nämlich nur die beiden letzten architektonisch 
eingefasst (Taf. 8 — 9), während auf der ersten Seite der Beginn 
des Prol'ogtextes in einen mit Kreuzarmen versehenen Kreisrah- 
men hineingestellt ist. 

An sich ladet der nicht-tabellarische Prologtext ja keineswegs 
zu architektonischer Umrahmung ein. Daß diese trotzdem 
gewählt wurde, läßt sich nur aus dem Wunsch nach dekorati- 
ver Vereinheitlichung von Prolog;- und 


bei den armenischen Kopien nicht so sehr von einer selbständigen Stellung- 
nahme zum Problem der Seitenverteihxng, als vielmehr von einem wechselnden 
Anschluß an zwei verschiedene bereits in der Spätantike aufgestellte Alter- 
nativen gesprochen werden. 

95 


Tab eilen Seiten verstehen. Der Künstler, der den 
eusebianischen Archetypus ausstattete, hat zu diesem Zweck das 
Rahotnenwerk der Kanontabellen auf die 
Prolog is ei ten übergreifen lassen. Er ist also 
nicht, wie bei den eigentlichen Kanones, von dem textlichen 
Schriftbild als solchem ausgegangen, sondern hat dieses in einen 
fertig gegebenen Rahmentypus hineingesetzt. Ohne jede Abän- 
derung des Rahmenw^erkes ist es allerdings nicht abgegan- 
gen. Da der Prologtext als geschlossene Schriftmasse zusam- 
mengehalten wurde, trat mit Notwendigkeit an die Stelle der 
zwei- oider dreiteiligen Arkaden der Kanontabellen die einfache 
Bogenstelliuig mit unaufgeteiltem Bimienfeld. Aber auch diese 
Rahmenform entsprach nicht vollkommen einer Schriftfläche, 
die in Ermangelung von Überschrifttiteln nur die rechteckige 
Öffnung zwischen den Säulen vonnöten hatte. Das ganze 
Bogenfeld blieb funktionslos übrig, ein 
rein dekoratives Tympanon, das mittels eines durchgehenden 
Horizontalstreifens von dem eigentlichen Interkolumnium abge- 
trennt wurde (Taf. 1, 8—9, 13— 14a, 15—16, 25— 26a, 31 — 32a, 
34 u. 36)1). 

In E ist am Rahmenwerk der ersten Prologseite 
(Taf. 15) die durch einen durchgehenden Horizontalstreifen 
bewirkte Abtrennung des Oberbaues von einer Verengung des 
Tympanon-Feldes begleitet, die dadurch zustande kommt, daß 
der struktive Umfassungsbogen nicht unmittelbar über den Säu- 
len, sondern innerhalb dieser ansetzt. Um die den Säulen ent- 
sprechende Peripherie auszufüllen, ist ein w^eiterer Ornament- 
wulst von der gleichen Breite wie der Umfassungsbogen um die- 
sen herumgelegt. 

Daß diese Struktur in der gemeinsamen Vorlage von E und 


^) Einen Sonderfall bilden nur die beiden erhaltenen Prologseiten in B, 
bei denen der den Oberbau abtrennende Horizontalstreifen fehlt, während der 
Text in der Säulenzone in einen besonderen Rechteckrahmen hineingeschrie- 
ben ist (Taf. 5). Auch in San Lazzaro cod. 196 (S. der Nersessian, Manu- 
scrits armeniens illustres, Paris 1937, Taf. I — II) läßt der Prolograhmen einen 
durchgehenden Trennungsstreifen zwischen Säulenzone und Oberbau ver- 
missen. 

96 


den beiden armenischen Evangelienbüchern in Jerusalem mid 
Wien vorgebildet war, bezeugt die erste Prologseite in diesen 
beiden Handschriften (Taf. 25 u. 31) ^). Sie ist aber nicht auf 
diesen Überlieferungszweig beschränkt. Auf dem einzigen erhal- 
tenen Prolograhmen im aethiopischen Evangeliar vom J. 1402 
(Taf. 36) ist die Verengung des Tympanons besonders ausge- 
prägt und auffallend, da hier zugleich der äußere Ornäment- 
wulst fortgefallen ist. In V setzt auf der ersten architektonisch 
gerahmten Prologseite der Umfassungsbogen mit seinem äußeren 
Randstreifen über der Mitte der Säulen an, während der Orna- 
mentwulst zu einer zackigen Blattborte zusammengeschrumpft 
ist (Taf. 8). Schließlich läßt sich auch die einzige erhaltene, 
ursprünglich dritte Prologseite von L als Zeugnis heranziehen 
(Taf. 1). Der eingezogene Umfassungsbogen ist hier auf einen 
einzigen Randstreifen beschränkt, während eine Muschelreihe an 
die Stelle des äußeren Ornaraentwulstes getreten ist. Eine weit- 
verzweigte Überlieferung erhärtet also, daß die struktive Anlage 
des Oberhaus auf der ersten Prologseite von E letzten Endes 
auf den Archetypus zurückweist. 

Der Ornamentwulst auf der Außenseite des Umfassungsbogene 
besteht in E aus einem spektral abschattierten Rautenmuster 
mit schräggestellten Tesserae. Unschwer läßt sich die Zugehö- 
rigkeit dieses Motivs zu der Gruppe der farbigen Massenorna- 
mente erkennen, zu der wir die Füllornamente der Kanonbögen 
berechnet haben^). Dasselbe Muster haben an entsprechender 
Stelle nicht nur die armenischen Evangeliare in Jerusalem und 
Wien (Taf. 25 u. 31), sondern auch das Mlke-Evangeliar (Taf. 
34; und Vatikan Pal. gr. 220 (Taf. 13), ja sogar das Berliner 
Evangeliarfragment, dessen Prolograhmen im übrigen die gering- 
sten Übereinstimmungen mit denen von E aufweisen (Taf. 5). 
Wir dürfen nach diesem. Befund mit großer Sicherheit anneh- 
men, daß dieser "Muster schon im Archetypus vorhanden war^). 


^) Im Jerusalemer Evangeliar ist allerdings der äußere Ornamentwulst 
auch auf der Außenseite von einem struktiven Bogenstreifen begleitet. 

2) Vgl. oben S. 91. 

^) Das spektral abschattierte Rautenmiuster mit schräggestellten Tesserae 
ist schon auf vorkonstantinischen Mosaikfußböden zu belegen: B. Nogara, 
/ mosaici antichi conservati nei palazzi pontifici del Vaticano e del Laterano, 

7 97 


Dasselbe gilt von dem Omamentmotiv, das in E das Tympanon 
des Umfassungsbogens ausfüllt. Es ist ein geometrisches unend- 
liches Muster aus mosaikartig zusammengefügten Quadraten und 
Rhomben (Taf. 15). Was die beiden armenischen Evangeliare 
in Wien und Jerusalem davon behalten haben, sind Verball- 
hommigen, die mehr oder weniger deutlich eine mit E über- 
einstimmende Vorlage verraten (Taf. 25 u. 31) ^\ Genau dasselbe 
Muster wie in E kehrt aber in dem aethiopischen Evangeliar 
V. J. 1402 wieder (Taf. 36). Es ist auch nicht schwer, in der 
Tympanon verzierimg der betreffenden Prologseiten im Mlke- 
Evangeliar (Taf. 34) und in V (Taf. 8) omamentale Paraphrasen 
des in E und im aethiopischen Evangelienbuch erhaltenen 
Grundmotivs zu erkennen. 

Wenn der Miniator von E in den Ornamentmotiven, die den 
struktiven Umfassungsbogen auf der Außen- und der Innenseite 
begleiten, zuverlässige Wiederholungen des Archetypus bietet, 
so versagt seine Kopistentreue dagegen in der Mittelfüllung des 
Umfassxmgsbogens. Die in doppelter Rankenbewegung auf- 
einanderfolgenden Halbpalmetten stellen ein Motiv dar, das in 
einer spätantiken Handschrift xindenkbar ist. Auch zeigen die 
beiden armenischen Evangeliare in Wien und Jerusalem, daß 
es in der für sie und E gemeinsamen Vorlage nicht vorgebildet 
war. Sie verwenden nämlich an Stelle der Palmettenranke ganz 
andere Füllmotive — das Wiener Evangeliar eine schrauben- 
artige Strichfüllung (Taf. 31), das Jerusalemer eine einfache 
Wellenlinie mit zwickelfüllenden Kreisen (Taf. 25). Welches 
Motiv der Archetypus aufwies, ist schwer zu sagen. Für die 
Rekonstrvikti'on kommt außer den Schraubstrichen und der Wel- 
lenlinie der armenischen Evangeliare die BogenfüUung der ersten 


Milano 1910, Taf. XXVI (aus Roma Vecchia fuori Porta Maggiore) und R. 
Hinks, Catalogue of the Greek, Etruscan and Roman Paintings and Mosaics 
in the British Museum, London 1933, fig. 140 (aus Karthago) und fig. 152 
(aus Halicarnassus). Das Motiv begegnet uns auch auf dem konstantinischen 
Fußboden unter der Geburtskirche zu Bethlehem, siehe E. T. Richmond, 
Basilic of Nativity (Quart.Antiqu.Palest. V, 1936, PI. XLIV). 

^) Sogar das aus dem XII. Jahrhundert stammende Evangeliar San Lazzaro 
cod. 196 hat auf der ersten Prologseite noch dasselbe Tympanonmuster wie 
E (S. der Nersessian, Manuscrits armeniens illustres, Paris 1937, Taf. I). 

.98 


Prologseite im Mlke-Evangeliar (Taf. 34) in Frage, ohne daß 
man mit Sicherheit entscheiden könnte, ob eine von diesen beiden 
oder vielleicht ein drittes unbekanntes Ornamentmotiv den Um- 
fassinigsbogen im Archetypus verzierte. 

Gehen wir zu den eigentlichen Besatzornamenten über, so 
erkennt man auf der ersten Prologseite in E das Verzierungs- 
schema der Kanontafeln wieder, nur daß es hier dem einfachen 
Bogenumriß angepasst ist (Taf. 15). Auf beiden Seiten 
schwingen von der Deckplatte der Kapitelle Akanthusblätter als 
Eckakrotere seitlich empor, ein sicher ursprüngliches Motiv, das 
auch in V (Taf. 8), Jerusalem 2555 (Taf. 25) und im Vatikan 
Pal. gr. 220 (Taf. 13) wiederkehrt. Über diesen Eckakroteren 
stehen zwei große Pfauen einander symmetrisch gegenüber. 
Vielleicht gibt es kein Motiv, bei dem die Kopien einstimmiger 
wären, als bei diesem. Man findet das Pfauenpaar auf der 
ersten Prologseite außer in E in den armenischen Evangeliaren 
in Wien (Taf. 31) und Jerusalem (Taf. 25), im Mlke-Evangeliar 
(Taf. 34), in Vatikan. Pal. 220 (Taf. 13) und in V (Taf. 8)^). Auf 
dem Scheitel des Oberbaues ist in E eine von zwei geraden Blatt- 
zweigen flankierte Profilblüte angebracht (Taf. 15). Als Zen- 
tralmotiv wirkt diese neben den Pfauen etwas geringfügig, so 
daß man verrauten möchte, daß sie von dem Künstler dieser 
Kopie dem Formenschatz der Kanontafeln entlehnt wurde, wo 
sie uns ja mehrmals begegnet. Wahrscheinlich sind in diesem 
Falle V (Taf. 8) und das Evangeliar von Jerusalem (Taf. 25) 
die zuverlässigsten Zeugen. Sie zeigen beide als zentrales Besatz- 
motiv einen mit Blumen gefüllten Korb. 

Der Oberbau ides Rahmenwerkes ist auf der zweiten Pro- 
1 o' g 8 e i t e in E anders gestaltet als auf der ersten Seite (Taf. 16) . 
Der wichtigste Unterschied liegt darin, daß der Umfassungsbogen 
nicht innerhalb der Säulen, sondern unmittelbar über ihnen 
ansetzt. Das dadurch erweiterte Tympanonfeld zeigt keine ein- 
heitliche ornamentale Flächenfüllung mehr, sondern ist wie 


^) In Cod. Paris Coislin gr. 20, der vermutlich keine architektonischen 
Prolograhmen gehabt hat, ist das Pfauenpaar der ersten Kanonseite zugeteilt 
worden (Taf. 11). In San Lazzaro cod. 196 finden wir es in den Zwischen- 
raum zwischen Tympanon und Text eingeschaltet (S. der Nersessian, Manu- 
scrits armeniens illustres, Paris 1937, Taf. I). 

99 


eine leere Öffnung behandelt, in die plastisch selbständige 
Motive in geschlossener Fügung eingespannt sind. Die Haupt- 
motive bilden einen mit dem Umfa&sxmgsbogen konzentrischen 
kleineren Halbkreisbogen und, in der Mitte zwischen den bei- 
den Bögen eingeschoben, eine Kreuzscheibe, während Halb- und 
Vollpalmetten in verschiedenen Gruppen sowie ein Vogelpaar 
die seitlichen Lücken ausfüllen. Bei den Besatzomamenten sind 
an die Stelle der beiden Pfauen der ersten Prologseite zwei Paar 
Tauben getreten, von denen das eine Paar sich auf den Eck- 
akroteren niedergelassen hat. In der Verlängerung der Säulen- 
schäfte schießen Granatäpfelstauden in die Höhe. Der Scheitel 
des Umfassungsbogens aber wird von einer blumengefüllten Vase 
gekrönt, deren Fuß von Halbpalmetten umgeben ist. 

Zusammen ergeben diese Veränderungen eine Annäherung des 
Rahmenwerkes der zweiten Prologseite an dasjenige der Kanon- 
tabellen, tuid man braucht nur auf die gegenüberliegende Seite 
zu blicken, um einzusehen, daß der Hauptzweck eine A n g 1 e i- 
chung des zw^eiten Prolograhmens an den 
ersten Kanon bogen gewesen ist. Die Besatzoma- 
mente sind auf beiden Seiten genau dieselben, und wenn als 
Füllornament des Umfassungsbogens auf der Prologseite nicht 
wie auf der Kanonseite das W^ellenband, sondern die Schuppen- 
reihe vejTwendet ist, «o dürfte dies, wie schon oben hervorgeho- 
ben, eine willkürliche Veränderung von seiten des Kopisten 
bedeuten^). Diese planmäßige Zusammenkomponierung der 
Rahmenformen beider Seiten ist die beste Garantie für die An- 
nahme, daß E auch auf der zweiten Prologseite den Archetypus 
im großen ganzen treu wiederspiegelt. 

Während die erste Prologseite des Archetypus in den meisten 
Handschriften mit Kanones der kleineren Folge zu mehr oder 


^) Diese Annahme ist für die Beurteilung des Quellenwertes von Pal. 220 
wichtig. Diese Kopie zeigt nämlich, entsprechend E, das Schuppenmuster 
als Bogenfülluiig der zweiten Prologseite (Taf. 14a). Das Rahmenwerk dieser 
Seite wird infolgedessen, obwohl der Text griechisch ist, über die armenische 
Überlieferung auf den Archetypus zurückzuführen sein. Daß Pal. gr. 220 
eine E nahverwandte Vorlage voraussetzt, ist auch schon von K. Weitzmann, 
Die armenische Buchmalerei des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts 
(Istanh. Forsch. IV) Bamberg. 1933, S. 14 erkannt worden. 

100 


weniger zuverlässigen Nachbildungen geführt hat, ist für die 
zweite Prologseite das unmittelbare Quellenmaterial wesentlich 
beschränkter. Dies liegt vor allem daran, daß in mehreren Kopien 
das Vorbild für das Rahmenwerk der zweiten (uoad dritten) Pro- 
logseite letzten Endes nicht so sehr die zweite, als vielmehr die 
erste Prologseite des Archetypus gewesen ist^). Immerhin bieten 
die dritte Prologseite in V (Taf. 9) und die zweite Prologseite 
in Pal. gr. 220 (Taf. 14a) weitgehende Übereinstimmungen mit 
der entsprechenden Seite in E (Taf. 16) ^\ so daß die oben nur 
aus inneren Gründen angenommene Zuverlässigkeit dieser Kopie 
auch quellenkritisch eine gewisse Bestätigung findet. 


^) Das ist der Fall in den armenischen Evangelfaren in Jerusalem (Taf. 
26a) und Wien (Taf. 32a), im aethiopischen Evangeliar vom J. 1402 (Taf. 
36), in L (Taf. 1) und insofern hier überhaupt von Nachbildung des Arche- 
typus gesprochen werden kann, in B. 

^) Über den Quellenwert von Pal. gr. 220 vgl. jedoch das oben S. 100 
Anm. 1 gesagte. 

101 


D. Die Schlußseite. 


Vergleichen wir die beiden Prologseiten im Etschmiadzin- 
Evangeliar, die, wie wir angenommen haben, ein in der Haupt- 
sache zuverlässiges Bild von den entsprechenden Seiten des 
eusebianischen Archetypus geben, so fällt auf den ersten Blick 
auf, daß die erste Prologseite mit dem zusätzlichen Ornament- 
wulst außerhalb des Umf assungsbogens und dem großen Pfauen- 
paar einen wesentlich prächtigeren Eindruck macht als die 
zweite. Es liegt auf der Hand, daß diese Wirkung beabsichtigt 
war. Die erste Prologseite hatte als Eingangseite einen 
festlichen Auftakt zu geben. Sie stand allein auf der Recto-Seite 
des ersten Blattes ohne ein Gegenüber zur Linken. Die zweite 
Prologseite hingegen hatte in Aufbau und Ornamentik auf die 
gegenüFer liegende erste Kanonseite Rücksicht zu nehmen. Es 
folgten noch drei Paare responsorisch angeordneter Kanontafeln, 
von denen die letzte das Reoto des fünften Blattes einnahm: 


1 Blatt- 


1. Prologseite 

2. Prologseite 

1. Kanonseite 

2. Kanonseite 

3. Kanonseite 

4. Kanonseite 

5. Kanonseite 

6. Kanonseite 

7. Kanonseite 


Die Verso-Seite des fünften Blattes blieb also unbeschrieben. 
Es fragt sich, welchem Zweck diese scheinbar überflüssige 
Schlußseite vorbehalten wurde. 

102 


Darauf gibt uns E eine unmittelbar einleuchtende Antwort. 
Die textlose letzte Versoseite ist hier als dekorative 
Schlußseite der Kanonfolge behandelt (Taf. 24) . 
Wir erblicken einen rundtempelähnlichen offenen Säulenbau, 
dessen Formen so deutlich an die der Kanonbögen anklingen, 
daß wir nicht so sehr von einer spontanen Architekturdarstellung 
als vielmehr von einer architektonischen Verselb- 
ständigung des Kanonbogens sprechen können. 
Es handelt sich gewissermaßen um denselben Prozeß, den wir 
schon bei den Prologseiten beobachtet haben, nämlich um das 
Übergreifen der Kanonrah men auf die an- 
grenzenden Seiten zwecks größerer Verein- 
heitlichung des Ganzen. Und wie die Rahmenform 
der Kanontabellen auf den Prologseiten sich dem gegebenen 
nicht-tabellarischen Schriftbild anzupassen hatte, so mußte sie 
sich auch auf der leeren Schlußseite mit den gegebenen Beding- 
ungen abfinden, d. h. sie mußte das Fehlen jedes textlichen 
Inhaltes sozusagen durch architektonische Vergegenständhchung 
aufwiegen. Die natürliche Folge war die Umwandlung des Säu- 
lenrahmens in eine selbständige Säulen architektur. 

Diese Säulenarchitektur hatte aber nicht nur den Zweck, die 
textlich leer gebliebene Verso- Seite des letzten Kanonblattes aus- 
zufüllen. Als dekorative "Sohlußvignette" stellte sie ein wir- 
kungsvolles Gegengewicht zu dem dekorativ besonders hervor- 
gehobenen Eingangsrahmen dar. Die Rahmenserie der Prolog- 
und Kanonseiten erscheint damit zu einem geschlossenen Ganzen 
abgermidet. Die Hinzufügung des "R undtempels" 
weist eine innere Folgerichtigkeit auf, die 
mit aller Entschiedenheit dafür spricht, 
daß diese Schlußdekoration auf den eusebia- 
n i s c h e n Archetypus selbst zurückgeht. 

Diese Auffassung wird durch die Überlieferung vollauf bestätigt. 
Zierseiten mit Darstellungen des gleichen Sanctuariums werden 
nicht nur in den beiden armenischen Evangeliaren von Jerusalem 
inid Wien (Taf. 33) angetroffen, die wahrscheinlich auf dem 
gleichen armenischen Urtypus wie E zurückgehen, sondern auch 
in Codices mit gänzlich anderer Tradition — im aethiopischen 

103 


Evangeliar vom J. 1402 (Taf. 38) xmd in V (Abb. 2)^). Außerdem 
hat die Darstellung auf noch ungeklärten Wegen Eingang in die 
frühkarolingische Buchmalerei gefunden, wo sie in zwei Hand- 
schriften der Ada-Schule, im Godescalc-Evangelistar, Paris, Bibl. 



Abb. 2: Venedig, Biblioteca Marciana, gr. I, 8, fol. 3a. 
Titelseite zu den Kanoiies. 
Konstantinopel, X. Jahrh. 


Nat. nouv. acq. lat. 1203 und im Evangeliar aus Soissons, Paris, 
Bibl. Nat. lat. 8850 nachgebildet worden ist (Taf. 39). 

Diese verschiedenen Wiederholungen gestatten uns, die Zuver- 
lässigkeit der in E erhaltenen Version näher zu beurteilen. Das 


^) In V allerdings in einer von den übrigen Kopien abweichenden Ver- 
wendung als Rahnienwerk eines Vorsatztitels am Anfang der .Kanontafeln. 
Vgl. auch K. Weitzniann, Die byzantinische Buchmalerei des IX ii. X. Jahr- 
hunderts, Berlin 1935, Taf. XXIII, 125. 

104 


Gebäude ruht wie die Kanonbögen auf einem horizontalen Boden- 
streifen, der nur in den lateinischen Kopien ausgelassen ist. Von 
diesem Bodenstreifen wachsen auf beiden Seiten des Baues zypres- 
senartige Bäume empor. Sie fehlen zwar in Jerusalem 2555, V und 
in den lateinischen Kopien, haben sich aber in Wien 697 (Taf. 
33a) und im aethiopischen Evangeliar (Taf. 38) erhalten, so 
daß anzunehmen ist, daß sie einen ursprünglichen Bestandteil 
der Komposition ausmachen. Im aethiopischen Evangeliar 
erscheint hinter den Bäumen je ein Hirsch, und bemerkenswer- 
terweise kehrt das gleiche Tier auch im Godescalc- Evangelistar auf 
der rechten Seite des Gebäudes wieder (Taf. 39a) ^). Da es aber in 
den armenischen Kopien fehlt, kann man kaum annehmen, 
daß es schon im Archetypus vorgebildet war. Der geschweifte 
Architrav, der nicht nur eine Erinnerung an die perspektivische 
Darstellung eines Rmidbaues, sondern auch eine Annäheriuig 
an den Umfassungsbögen der Kanontafeln darstellt, wird in E 
von vier Säulen getragen, zwischen denen in der Mitte ver- 
knotete Vorhänge befestigt sind. In dem mittleren Interkolum- 
nium, -das etwas breiter ist als die seitlichen, hängt eine kleine 
Lampe vom Architrav herab, ein Motiv, das sich auch im 
armenischen Evangeliar zu Wien (Taf. 33a), in V (Abb- 2) 
und im Godescalc-Evangelistar (Taf. 39a) erhalten hat. Die Ein- 
schränktmg der Säulen im Wiener Evangeliar auf drei und 
das Fehlen der Vorhänge in V xmd in den lateinischen Kopien 
sind offenbar sekundäre Varianten. Schwieriger ist es, zu der 
Frage Stellung zu nehmen, ob das Sancturium im eusebiani- 
schen Archetypus wie in E (Taf. 24), im aethiopischen Codex 
(Taf. 38), in V (Abb, 2) und im armenischen Evangeliar zu Wien 
(Taf. 33a) eine einfache, oder wie im Jerusalemer Evangeliar 


^) Man pflegt im allgemeinen die Darstellung im Godescalc-Evangelistar 
nach Analogie der entsprechenden Darstellung im Evangeliar von Soissons 
als Lebensbrunnen zu deuten. Es geht aber nicht an, eine Stütze für diese 
vielleicht zutreffende Deutung in der auf der gleichen Seite vorkommenden 
Inschrift SecCundumJ MatCtheum cap(itula) III zu sehen, wie J. Strzygowski, 
Das Etschmiadzin-Evangeliar (Byzantinische Denkmäler I), Berlin 1891, S. 60 
es tut. Der angeführte Text gehört in Wirklichkeit nicht zu der Darstellung, 
sondern zum Titel der Weihnachtsperikope In vigilia natalis Domini, die gar 
nicht von der Taufe, sondern von der Geburt Christi handelt. 

105 


(Taf. 33b) und in. den lateinischen Handschriften (Taf. 39) 
eine doppelte Säulenschioht gezeigt hat. Wenn die letztere 
Variante auch eine unmittelbarere Erinnerung an die antike 
Tholasform enthält, so bedeutet sie doch gleichzeitig eine Ab- 
schwächung des Zusammenhanges der Schlußblattarchitektur 
mit iden Kanonbögen. Ohne die Frage endgültig entscheiden 
zu wollen, neige ich doch dazu, den Typus mit einfacher Säulen- 
schicht für den ursprünglicheren zu halten; in diesem Falle wäre 
die hintere Säulenschicht der anderen Variante als eine jeden- 
falls sehr frühe Interpolation im Anschluß an das perspektivisch 
richtigere Tholosmotiv der antiken Wanddekoration zu erklären. 
In der Wiedergabe des kegelförmigen Daches, das oben in 
ein Kapitell ausläuft unid von einem auf einer Kugel stehenden 
griechischen Kreuz gekrönt wird, stimmen die Kopien im großen 
Ganzen mit E vollständig überein. Schließlich bedeutet die 
Gliederung das Architravs in Randstreifen mit omamentaler 
Zwischenfüllung eine bewußte Annäherung der Darstellung an 
die vorangehenden Kanontafeln, wie sie auch für den Archetypus 
vorausgesetzt werden muß. Als FüUomament zeigt E einen 
Fries nach unten gerichteter Akanthuspalmetten. Obwohl das 
Motiv in keiner der übrigen Kopien genau entsprechend wieder- 
kehrt, scheint doch die Ornamentfüllung im Godescalc-Evange- 
liar (Taf. 39a) letzten Endes den gleichen Blattfries vorauszu- 
setzen. Ob der Archetypus dieses oder ein anderes Füllmotiv 
aufwies, läßt sich schwer beurteilen. Als Besatzornamente ver- 
wendet E die gewöhnlichen Eckakrotere aus Akanthus tuid 
zwischen diesen und der Dachspitze Blütenstengel mit kurvig 
hinuntergebogenen Halbpalmettenblättern. Auf den Eckäkro- 
teren und in den Zwischenräumen zwischen den Blüten sind 
Enten angebracht. Während die Eckakrotere mit den Vögehi 
sicher zu der ursprünglichen Ausstattung des Sanctuariums gehö- 
ren, •machen die Blütenstauden, die den Rand des Daches umsäu- 
men, keinen ursprünglichen Eindruck. Sie fehlen auch auf den 
beiden lateinischen Kopien und im aethiopischen Evangeliar. 
Da sie völlig übereinstimmend im syrischen Evangeliar aus dem 
Jahre 586 vorkommen (Taf. 145), werden sie vermutlich aus 
einer syrischen Quelle interpoliert sein. 

106 


Die Darstellung des Sanctuariiims, die wir mit großer Wahr- 
scheinlichkeit auf den eusebianischen Archetypus zurückführen 
können, ist überzeugend mit dem Tholos-Motiv der antiken 
Wanddekoration zusaxnmengestellt worden, wie es in Fresken 
des zweiten pompe janischen Stils^^ und in plastischer Aus- 
führimg auf der Schaufront des Felsentempels zu El Chasne in 
Petra^) zu belegen ist^). Aiißerdem kennzeichnet das Kreuz auf 
der Spitze des Kegeldaches das Tempietto als christlich. Ob 
auf ein bestimmtes Gebäude, abgezielt wurde, ist schwer zu 
sagen. Eine Spur geben vielleicht die Darstelhmgen des heili- 
gen Grabes auf den frühdhristlich-palästinensichen Oelampullen 
in Monza und Bobbio, von denen wir annehmen können, daß 



tA..i Ji.1;::^ 


Abb. 3a — d: Darstellung des heil. Grabes auf palästinensischen 
Oelampullen. 


sie in freier Nachbildung den Säulenbaldachin wiederholen, mit 
dem Konstantin die Grabeshöhle zu Jerusalem umgeben ließ 
(^Abb. 3)*). Vergleichen wir nämlich diese Darstellungen mit 


^) E. Panofsky, Die Perspektive als "symbolische Form" (Vortr. Bibl. 
Warb. IV— 1924/25, 1927, S. 310—11, Abb. 10—13). S. der Nersessian, The 
Date of the Initial Miniatures of the Etchmiadzin Gospel (Art Bull. XV 
1933, S. 345, Fig. 23). 

2) C. Watzinger, Petra, Berlin-Leipzig 1921, Abb. 17—20. 

^') Wahrscheinlich geht das Tholosmotiv der antiken Wanddekoration 
zuletzt auf die hellenistiche Bühnenmalerei zurück, vgl. A. M. G. Little, Scae- 
nographia (Art. Bull. XVIII, 1936, S. 415). 

*) R. Garrucci, Storia delVarte cristiana nei primi Otto secoli della Chiesa 
VI, Prato 1880, Taf. 433 — 34. O. Marucchi, Handbuch der cristlichen Archäo- 
logie, Einsiedeln 1912, S. 94—95, Fig. 14—15. S. Celi, Cimeli Bobbiesi (Ci- 
viltä cattolica III, 1923, S. 124 — 136). C. R. Morey, The Painted Panel from 
the Sancta Sanctorum, (Festschrift Paul Giemen, Düsseldorf 1926, S. 151 — 
167) und C. Gurlitt, Das Grab Christi in der Grabeskirche zu Jerusalem 
(ibidem, S. 196—197). 

107 


dem Sanctuarium der Kanontaf ein, so ergeben sich einige wich- 
tige Berührungspmakte. Wir sehen auf den Darstellungen des 
hL Grabes genau wie auf der Schlußseite in E eine von vier 
Säulen getagene Baldachinikuppel, deren Spitze in eine Kugel 
ausläuft, auf der wiederum ein griechisches Kreuz steht. Diese 
Übereinstimmungen machen es nicht unwahrscheinlich, daß 
auch mit dem Sanctuarium der Kanontafeln auf das Grab Christi 
angespielt werden sollte^). Als Schlußseite der Kanones, die eine 
Zusammenfassung der Berichte der Evangelien von dem Leben 
und der Lehre Christi darstellen, würde jedenfalls eine Erin- 
nerrnig an das Endziel des Erdenlebens Christi und den Inbegriff 
der christlichen Erlösimgshoifnung als durchaus sinnvoll erschei- 
nen^). 


1) Dafür dürfte auch die in der Mitte des Sanctuariums herunterhängende 
Lampe sprechen. 

2) Eine unmittelbare Nachahmung des konstantinischen Grabesbalda- 
chins zu Jerusalem läßt sich kaium annehmen, da dieser erst im Jahre 334 
eingeweiht (E. Schwartz,- Konstantin und die christliche Kirche, Leipzig-Berlin 
19362, S. 155 — 156), der Archetypus der eusebianischen Kanontafeln dagegen 
wahrscheinlich vor 331 veröffentlicht wurde. 

108 


E. Zusammenfassung und Gegenprobe. 


Kurz zusammengefasst ist das Ergebnis unserer bisherigen 
Untersuchung dies: in den fünf ersten Blättern 
des Etschmiadziri-Evangeliars liegt n. E. 
eine zum größten Teil zuverlässige Wie- 
derholung des eusebiani sehen Archetypus 
vor. Diese armenische Kopie ist so treu, daß die wenigen Züge, 
in denen sie vom Archetypus abweicht, leichter aufzuzählen sind, 
als die vielen, in denen sie mit ihm übereinstimmt. Sie hat die 
ursprüngliche Textverteiltmg fast vollständig verändert, und sie 
weicht vom Archetypus darin ab, daß sie auf der vierten bis 
sechsten iCanontafel zwei statt drei Umfassungsbögen und Inter- 
kolunmien hat und daß die Besatzomamente auf diesen 
Seiten teilweise unrichtig verteilt sind. Die Füllornamente des 
(Jmfassungsbogens imd das mittlere Besatzomament auf der 
ersten Prologseite waren im Archetypus sicher andere als in E. 
Statt der Schuppenreihe wird ein Wellenband den Umfassxmgs- 
bogen der zweiten Prologseite ausgefüllt haben, das Füllorna- 
ment der beiden letzten Kanonbögen wird aber ursprünglich die 
Schuppenreihe gewesen sein. Auf der Darstellung des Sanctua- 
riums dürften die den Kuppelrand umsäumenden Blütenstauden, 
vielleicht auch das Füllomament des Architravs interpoliert sein. 
Das sind die entscheidenden Abweichungen. Sonst scheint E 
in allem Wesentlichen den eusebianischen Archetypus treu wie- 
derzugeben. 

Es entsteht die Frage, auf welchem Wege E vom Archetypus 
abstammt. Daß die armenische Kopie unmittelbar auf ein im 
Skriptorium des Bischofs von Caesarea angefertigtes Original 
zurückgehe, ist von vornherein ausgeschlossen. Auf der anderen 
Seite aber sind infolge der ungewöhnlichen Treue der Kopie 
eine größere Anzahl Zwischenglieder nicht gut denkbar. 

Eines läßt sich ohne weiteres voraussetzen: die unmittelbare 
Vorlage des Kopisten vom Jahre 989 kann nur eine ältere 
armenische Handschrift gewesen sein. Die subscriptio 

109 


von E betont ausdrücklich, daß die Handsclirift "aus echten und 
alten Origmalen" kopiert sei^). Mit größter Sicherheit läßt sich 
also annehmen, daß die Kanontafeln in E zunächst eine 
spätantik-armenische Vorlage wiederholen. 
Mit dieser Vorlage gelangen wir in die Nähe jener entscheiden- 
den Wende, hei der die armenische Tradition der eusebianischen 
Kanones an die griechische anschließt. Sie ist mit der Über- 
tragung des Evangelientextes ins Arme- 
n i iS ic h e in Zusammenhang zu bringen. 

Die grundlegende Untersuchung, die F. Macler dem armeni- 
schen Evangelientext gewidmet hat, hat zu dem Ergebnis geführt, 
daß die mit wenigen Varianten überlieferte armenische Ver- 
sion auf eine griechische Überlieferung zurückgeht, die in der 
Originalsprache u. a. von dem sog. Koridethi-Evangeliar vertre- 
ten wird und in letzter Linie mit der caes arenischen 
Textredaktion zusammenhängt^). Wann die armenische Evan- 
gelienübersetzung entstanden ist, scheint unsicher. Macler nimmt 
als terminus a quo die justinianische Zeit an, weil in dem arme- 
nischen Evangelientext für "lateinisch" der Ausdruck "dalma- 
tisch" gebraucht wird und das lateinisch sprechende Dalmatieu 
erst unter Justinian (527 — 65) oströmische Provinz wurde^^. Die 
armenische Übersetzung ist aber ihrerseits die Grundlage der 
georgischen gewesen, die, wie es scheint, vor 450 bestand*^ Die 
armenische Version müßte unter diesen Umständen vor der Mitte 
des V. Jahrhunderts entstanden sein. 

Die georgische Evangelienübersetzung ist deswegen von beson- 
derem Interesse, weil sie einen ungewöhnlich treuen Ableger 
jener griechischen Rezension darstellt, die Origines und Eusebius 


1) Abgedruckt bei J. Strzygowski, Das Etschmiadzin-Evangeliar (Byzan- 
tinische Denkmäler I) Wien 1891, S. 18—19. 

2) F. Macler, Le texte armenien de l't^vangile d'apres Matthieu et Marc 
(Annales du Musee Guimet XXVIII) Paris 1919. 

3) Macler, a. a. O., S. 638—42. 

*) K. Lake, R. Blake und S. New, The Caesarean text of the Gospel of 
Mark (Harv.TheolRev. XXI, 1928, S. 286—306 u. 358—375. Vgl. anderer- 
seits G. Peradse, Die Probleme der georgischen Evangelienübersetzung 
(Zs.Neutest.Wiss. XXIX, 1930, S. 304—309). 

110 


in Caesarea gebrauchten^). Dasselbe muß folglich a fortiori, 
wie ja schon Macler angenommen hatte, von der armenischen 
Übersetzung gelten^). Nur bleibt es eine umstrittene Frage, auf 
welche Weise der armenische Evangelientext mit dem caesareni- 
schen zusammenhängt. Macler verficht die Meinung, daß ider 
armenische Text unmittelbar aus dem Griechischen übertragen 
worden sei^); Lake und seine Mitarbeiter dagegen möchten es 
offen lassen, ob nicht doch ein syrisches Zwischenglied angenom- 
men werden muß^). Wie dem auch sei, jedenfalls besteht die 
Gewißheit, daß der Archetypus der armenischen Evangelienüber- 
setzung 'mittelbar oder xmmittelbar von einer Handschrift 
abstammt, die in der Schreibschule zu Caesarea hergestellt wor- 
den war^). 

Was wir auf kunsthistorischem Wege von den Kanontafehi 
des Etschmiadzin-Evangeliars festgestellt haben, findet also in 
dera Ergebnis der textkritischen Forschiuig seine Bestätigung. 
Wir haben angenommen, daß die Prolog- und Kanonseiten 
im Etschmiadzin-Evangeliar über einen spätantik-armenischen 


1) Lake, Blake u. New, a. a. O. 

2) Vgl. jetzt auch St. Lyonnet S.J., Un important temoin du texte cesa- 
reen de S. Marc: la version armenienne (Melanges de l'Universite Saint Joseph 
de Beyrouth, XIX, 1935, S. 25 — 60) und E. C. Colwell, The Caesarean Readings 
of Armenian Gospel MSS. (Anglican Theological Review XVI, 1934, S. 113 — 
132, bes. S. 124—129). 

3^) Macler, a. a. O. In dieselbe Richtung weisen die von A. Merk S. J., 
Armenische und griechische Palaeographie (Studi e testi XL, Rom 1924, S. 
1 — 21) vorgelegten paläographischen und buchtechnischen Beobachtungen. 

*) a. a. O., S. 403. Vgl. zu dieser Frage auch die einleuchtenden Aus- 
führungen von A. Merk S. J., Die armenischen Evangelien und ihre Vorlage 
(Bihlica VII, 1926, S. 40—72). 

^) Indessen scheint das Problem vor kurzen seine endgültige Lösung 
gefunden zu haben. S. Lyonnet hat in einem während der Drucklegung dieser 
Arbeit erschienen Aufsatz (La premiere version armenienne des Evangiles, 
Rev. Bibl. XLVII, 1938, S. 355 — 382) wahrscheinlich machen können, daß 
die älteste armenische Evangelienübersetzung die Übertragung eines syrischen 
Diatessarontextes war. Die syrischen Züge der armenischen Vier-Evangelien- 
Version erklären sich dann am einfachsten durch die Einwirkung des ihr 
vorangehenden armenischen Diatessaron. Nichts verbietet also die Annahme, 
daß die armenische Vulgata unmittelbar nach einer griechischen Vorlage 
übertragen wurde. 

111 


Archetypus mit wenigen Zwischengliedern von dem eusebiani- 
schen Archetypus abstammen. Die Textkritik hat ihrerseits 
nachweisen können, daß der spät antike Archetypus der arme- 
nischen Evangelienübersetzung vielleicht schon vor der Mitte 
des V. Jahrhunderts nach einer Vorlage geschaffen wurde, die 
einen rein caesarenischen Text enthielt. Die vollständige Paral- 
lelität dieser Ergebnisse liegt auf der Hand. Die aus der 
Schreihschule von Caesarea hervorge- 
gangene Evangelienhandschrift nach der 
die armenische Übersetzung angefertigt 
wurde, muß zugleich dieProlog- und Kanon- 
seiten enthalten haben, von deren Ausstat- 
tung das Etschmiadzin-Evangeliar das 
treues te Bild bewahrt hat. 

Daß die Urform der eusebianischen Kanones sich gerade in 
einer armenischen Kopie so vorzüglich erhalten hat, ist 
gewiß kein bloßer Zxifall. Auch aus anderen Zusammenhängen 
kennen wir die ausgeprägt konservative Gesinnung des armeni- 
schen Christentums. Wir wissen z. B., daß die armenische 
Kirche noch im Mittelalter an der alten Feier des Weihnachts- 
festes am Epiphanientag (6. Januar) festgehalten hat, obwohl 
dieses Fest sonst überall nach dem Muster von Rom auf den 25. 
Dezeraber verlegt worden war^). Solche Eigenheiten haben den 
Armeniern schon in spätantiker Zeit den Ruf eingebracht, 
"Menschen von hartem Kopf und steifem Nacken" zu sein^^. 
Gerade diese "Hartnäckigkeit" hat sie aber zugleich dazu befä- 
higt, in ihrer Kunst spätantike Formentypen zu bewahren, die 
sich sonst nirgends in gleicher Reinheit erhalten haben^\ Ohne 
das im Jahre 989 nach "echten und alten Originalen" kopierte 
Evangeliar der Patriarchalbibliothek zu Etschmiadzin wäre uns 
der Archetypus der eusebianischen Kanones eine schematische 
Allgemeinvorstellung geblieben. 


1) H. Usener, Das Weihnachtsfest (Religionsgeschichtliche Untersuchungen 
I) Bonn 19112, s. 347. 

'^) Nach einer von Usener, a. a. O. zitierten Äußerung des Syrers Jacob 
Bar-Salibi. 

2) Es sei in diesem Zusammenhang auch an die armenische Architektur 
erinnert. 

112 


Nachtrag zu S. 110. Die von einem caesarenischen Arche- 
typus ahhängige armenische Evangelienübersetzung wurde, wie 
oben S. 110 erwähnt, frühzeitig ins Georgische übertragen. In 
dem abseits gelegenen kaukasischen Berglande ist diese Überset- 
zung lange von dem Einfluß späterer Textrezensionen verhält- 
nismäßig unberührt geblieben. Dies erklärt, daß die Textkritik 
in einem im Jahre 897 geschriebenen georgischen Evangelien- 
buch zu Aidysh in Svanetia eines des treuesten Zeugnisse für die 
caesarenische Evangelienrezension hat entdecken können^'. 

Das Adysh-Evangeliar ist während des Krieges in einer russi- 
schen Faksimileausgabe veröffentlicht worden: 

ÄÄbiuiCKoe EßaHrejiie (Marepia-Tibi no apxeo,/ioriH KasKasa, 
noA'b peÄaKu,ieH rpa(|)HHH FI. C. yBapoBoii, A. C. XaxaHOBa 
H E. C. TaKaöuiBHJiH. BbinycK-b XIV), Moskau 1916. 

Ich habe von der selten gewordenen Ausgabe erst nach dem 
Abschluß dieser Arbeit ein Exemplar zur Ansicht bekommen. 
Die Handschrift enthält am Anfang (fol. 3a — 5a) ICanontafeln, 
die in der Ausgabe auf Tab. 2 u. 4 in leider sehr tmscharfen 
Abbildungen wiedergegeben sind^). Die Kanones zeigen die fol- 
gende Gliederung. 

fol. 3a 

„ 3b 

„ 4a 

„ 4b 

„ 5a: X(2)Mt X(l)Mk X(3)Lk X(4)Jh 

Obwohl die Kanones also auf fünf Seiten zusammengepresst 
sind, verrät die Kolunmenverteilung, daß sie auf die normale 
siöbenseitige Folge zurückgehen. Auch die Kanonbögen weisen 
auf den Urtypus zurüök: sie gehören mit einer Ausnahme (fol. 
5a) dem zweiteiligen m-Typus (Abb. 4) an. In den Füll- und 


I 

I 

II 

II II 

III 

IV V V 

VI 

VII VIII IX 


^) R. P. Blake, The old Georgian version of the Gospel of Mark front the 
Adysh Gospels with the variants of the Opiza and Tbet' Gospels edited with 
a Latin translation (Patrologia Orientalis XX, 1929, S. 439—574). K. Lake, 
R. P. Blake und S. New, The Caesarean text of the Gospel of Mark ('Harv. 
Theol. Rev. XXI: 4 1928, S. 286—97). 

^) Danach unsere Abb. 4 und 5. 

8 113 


Besatzomameixten. ist ebenfalls eine deutliche Typenverwand- 
schaft mit dem Archetypus des Etschmiadzin-Evangeliars zu 
beobachten. 



Abb. 4: Adysh, Kirchenschatz, Evangeliar, fol. 4b (Kanon VI — IX). 
Georgien, a. 897. 

Unmittelbar auf die Kanontafeln folgt die Schlußseite mit 
dem Sanctuarium (Abb. 5). Die Darstellung läßt den durch- 
laufenden Arcliitravbogen vermissen, was den Zusammenhang 

114 


des Motivs mit den vorangehenden Kanonbögen abschwächt. 
Eigenartig ist auch die Ausfüllung der seitlichen Interkolunmien 
durch ein gitterartiges Hintergrundmuster^). 



Abb. 5: Adysh, Kirchenschatz, Evangeliar, fol. 5b (Schlußseite). 
Georgien, a. 897. 

Am Anfang der Handschrift steht eine Seite mit vierpass- 
förmigem Rahmenwerk, in dessen Eckzwickel Brustbilder der 
vier Evangelisten eingepasst sind. Die Binnenfläche des Vier- 

^) Vgl. die Darstellungen des hl. Grabes auf den palästinensischen Oelani- 
puUen (Abb. 3)! 

115 


passes ist leer. Wahrscheinlich sollte sie den Brief an Karpia- 
nus (hzw. einen Teil davon) aufnehmen. An dieser Komposi- 
tion, wie an der Kanontafel mit einfachem, am Ansatz geknick- 
ten Umfassungsbogen^), ist mit aller Deutlichkeit die Einwirkung 
einer dem Etschmiadzin-Evangeliar unbekannten Tradition fest- 
zustellen. 

Im ganzen genommen ist das Adysh-Evangeliar geeignet, das 
Ergebnis unserer Untersuchung zu erhärten, da es in der Kolum- 
nenaufteilung, im Rahmentypus der Kanonbögen und vor allem 
in der Schlußseite mit dem Sanctuarium einen deutlichen 
Zusanunenihang mit idem Etschmiadzin-Evangeliar erkennen 
läBt. Als Quelle für die Rekonstruktion der künstlerischen Aus- 
stattung des eusebianischen Archetypus ist es aber der arme- 
nischen Kopie nicht ebenbürtig. 


1) Fol. 5a (Materialy po archeologii Kavkaza XIV, 1916. Taf. 4 oben 
rechts). 

116 


IL DIE ENTSTEHUNG DES KANONBOGENS 


Wir wissen, daß EuseLius bei der Schöpfung seiner Kanones 
von der Evangeliensynopsis des Ammonius ausgegangen ist. Ist 
es anzunehmen, daß die Schule von Caesarea, als sie die euse- 
bianische Erfindung in Arkadenrahmen einfasste, auch für diese 
durch ältere Rahmentypen eine entsprechende Anregung emp- 
fangen hat? 

Die Frage führt zunächst zu einer negativen Feststellung. Die 
Kanonbögen können tmter keinen Umständen vom gleichen 
Vorbild abhängen wie der Text, den sie einschließen. Zwar 
ist uns keine einzige Handschrift der ammonianischen Evange- 
liensynopsis erhalten; aber was Eusebius von ihrem Inhalt 
mitteilt, schließt aus, daß sie je eine dem Kanonbogen ent- 
sprechende Ausstattung besessen hat. Die Konkordanz des 
Amm'onius, die das Matthäusevangelium in extenso enthielt, hatte 
einen wesentlich epischen Textoharakter. Der Kanonbogen ist 
aber seinem ganzen Wesen nach das Rahmenwerk eines t a b e 1- 
J arischen Schriftbildes. Wollen wir in der älteren Buch- 
kimst nach Vorgängern der Kanontafeln suchen, so haben wir 
ims an Schriften mit Tabellen-Beilagen zu halten. In der antiken 
Literatur gehören diese ausschließlich dem wissenschaftlichen 
Schrifttum an. In erster Linie waren es die chronographischen 
Kompilationen, die das Hilfsmittel ider Tabelle benutzen. 

Unter diesen sind besonders die astronomischen Handtafeln 
der Griechen zu beachten. Es hat sich nachweisen lassen, 
daß solche Tafeln schon in der Schule des Hipparchus (f 126 
V. Chr.) im Gebrauch waren^). Eine weitere Ausbildtmg haben 
sie durch Ptolemäus (f nach 161 n. Chr.) gefunden. Von seinen 
Uqöksiqol Kavoveg hat sich in der vatikanischen Hand- 
schrift Vat. gr. 1291 eine Kopie erhalten, die nach F. Bolls 


^) H. Usener, Fasti Theonis (Mon.Germ.Hist., Auct.Antiqu., Chronica 
minora III, Berlin 1898, S. 359ff.). 

117 



Abb. 6: Vatikan, Biblioteca Apostolica, Vat. gr. 1291, fol. 22b. 
Astronomische Tabelle einer Ptolemäus-Handschrift. 


Feststellungen in der Ausstattung eine im. III. Jahr,hundert n. 
Chr. entstandene Vorlage mit großer Treue wiedergibt^). Wir 
begegnen hier auf mehreren Seiten ohronographischen Übersichts- 
tabellen in einem linearen Rahmengerüst, das die schlagendste 
Verwandschaft mit dem Rechtecknetz ider eusebianischen Kanon- 
tafeln aufweist (Abb. 6). Da die Priorität der ptolemäischen 
Tabellen feststeht, ergibt sich mit Sicherheit, daß die Schreib- 
schule von Caesarea, als sie die Kanones in ein solches Netz ein- 
f asste, ein der älteren Buchkunst geläufiges 
Mittel für die Einrahmung von Tabellen 
benutzte-). Auch in der Bekrönung der Tabellen durch halb- 
kreisförmige Bogenlinien, die mehrere Ziffemspalten umfassen, 
ist eine Vorstufe zu der eusebianischen Arkade erkennbar. 

Die Einrahmung der Tabellen beschränkt sich in der Ptolemäus- 
Handschrift auf das Liniennetz; ein struktives Rahmenwerk ist 


^) F. BoU, Beiträge zur Überlieferungsgeschichte der griechischen 
Astrologie und Astronomie (Sitz.Ber.Münch., philos.-philol. u. hist. Cl. 1899: 1. 
S. 110—135). 

2) Ob eine graphische Einrahmung auch bei den Zeittafeln der eixsebia- 
nischen Chronik verwendet woirde, läßt sich nicht mehr entscheiden, da 
diese Tafeln in ihrer ursprünglichen Fassung verloren gegangen sind (vgl. 
E. Schwartz in Pauly-Wissowa, Real-Encycl. VI, Stuttgart 1909, Sp. 1379). 

118 


Mf: 



^f\iPL/r^J7^Jr^Jy^.7\J^J7^.^^.ä\:7\^r\J^0^i2^^ 


Abb. 7: Vatikan, Biblioteca Apostolica, Barb. lat. 2154, fol. 7a. 
Kopie nach dem römischen Kalender vom J. 354. 


nicht vorhanden. Soweit die antike wissenschaftliche Literatur 
uns erhalten ist, scheint es nur eine Handschrift zu geben, deren 
Tabellen ein dem Kanonbogen gleichwertiges Rahmenw^erk auf- 
weisen. Es ist jene Prachtausgabe eines stadtrömischen Kalen- 
ders, die der päpstliche Kalligraph Furius Dionysius Filocalus 
im Jahre 354 besorgte^). Die Handschrift, die uns nur in neu- 
zeitlichen Kopien erhalten ist, enthielt u. a. drei kalendarische 
Tabellen, die in architektonisierende imd ornamentierte Rahmen 
eingefasst waren (Abb. 7). Der Chronograph v. J. 354 ist aber 
jünger als der eusebianische Archetypus, und es ist sehr fraglich. 


^) J. Strzygowski, Die Calenderbilder des Chronographen vom. Jahre 354 
Uahrb.Arch.lnst. Erg. heft I) Berlin 1888. C. Nordenfalk, Der Kalender 
vom Jahre 354 und die lateinische Buchmalerei des IV. Jahrhunderts (Göteb. 
Vitt.Samh.Handl., Folge V, Ser. A. Bd. 5, Nr. 2) Göteborg 1936. 

119 


wie weit seine Ausstattung schon in älteren Kalenderausgaben 
vorgebildet war. Außerdem weicht das Rahmenwerk des Filo- 
calus-Kalenders in Gliederung, Aufbau und Oniamentierung von 
dem der eusebianischen Kanonbögen wesentlich ab. Es dürfte 
imter diesen Umständen nicht gestattet sein, von der Filocalus- 
Handschrift auf ältere Kaiendarien mit struktiven Tabellen- 
rahmen zu schließen, von denen gleichzeitig der griechische 
Kanonbogen abzuleiten wäre. 

' Während wir also in der Buchmalerei keine wirklichen Vor- 
stufen zu dem Kanonbogen nachweisen können^), läßt sich in 
der Epigraphik der Kaiserzeit eine kleine Gruppe von Denkmä- 
lern namhaft machen, die in diesem Zusammenhang bedeutsam 
sind. Das Thermenmuseum zu Rom bewahrt vier zylindrische 
Silberbecher aus dem II. Jahrhundert n. Chr., auf deren Mantel- 
flächen tabellarische Verzeichnisse der Abstände zwischen den 
Stationen auf der Wegstrecke Cadiz — Rom eingeritzt sind^\ Auf 
dem Grund der Schwefelbäder von Vicarello gefunden dürften 
diese Becher als Opfergaben von geheilten Pilgern den Göttern 
dieser Quelle geweiht worden sein. Auf dreien von ihnen 
erscheinen nun die Tabellenkolumnen von Säulen eingerahmt, 
die mit ihren Enden in die um den Becher herumlaufen- 
den Über- und Unterschrifttitel hineinragen (Abb. 8). Wir 


^) J. Strzygowski, Asiatische Mintaturenmalerei im Anschluß an Wesen 
und Werden der Mogulmalerei, Klagenfurt 1933, S. 135 — 36 u. 177 hat zwar 
die Hypothese aufgeworfen, daß der Kanonbogen aus dem unbekannten 
Gebiet der spätantiken Buchmalerei, aus der Buchkunst der Manichäer 
herzuleiten wäre. Da wir aber keinen Grund haben anzunehmen, daß die 
heiligen Schriften der Manichäer tabellarische Beilagen enthielten, und da 
es noch unwahrscheinlicher ist, daß sie "Kanonbögen" ohne Tabellen ent- 
halten hätten, dürfte diese Hypothese bei der Herleitung des Kanonbogens 
nicht wesentlich weiterhelfen. 

2) G. Marchi, L,a stipe trihutata alle divinitä delle Acque Apollinari^ 
Rom 1852. Corp.Inscr.Lat. XI: 1, Berlin 1888, S. 496—500, n. 3281—83. 
W. Kubitschek unter Itinerarium in Pauly-Wissowa, Real-Encycl. IX, Sp- 
2318 — 19. R. Paribeni, Le Terme di Diocleziano e il Museo Nazionale Ro- 
mano, Rom 1928, S. 295. W. Kubitschek, Ein arithmetisches Gedicht und 
das Itinerarium Antoni (L'antiquite classique II, 1933, S. 167 — 176). Die 
Datierung der Becher ist nach Kubitschek durch die mitgefunden Münzen 
gegeben, die nicht über Trajans Zeit hinausreichen. 

120 



IDPORTYM 

HASTA 

V&IÄ. ^ 

ORIPPO 

HISPAUM. 

CARMONE 

OBVaA 

ASTIGI 

ADARAS 

C0FT37BA 

ADDECVMO 

ADLVCOS 

VaESE 

ÄDKOVLAS 

ADÄRAS 

ÄDÄ0SV2V1 

ÄDSOLARIA. 

MARIÄNA 

MENTESA 

8IBIS0SÄ 

ESRETINIS 

SÄLTIGI 

ADPÄLEN 

ÄDARÄS 

SAETäBI 

SVCRONE 


xx: 

xyi 
xxvn 

XXM 

K 

XXE 

XX 

XV 

XII 

xm 

X 

xm. 

xvm 
xm 

XK 

xvm 
xynH 

XX 
XX 
XXVffi 

xxa 

XVI 

X5oai 

XXII 

XXVIlf 

XV 


XX 

WL 
XXIBI 

xxn. 

XXIffl 

xxvn 
xxxvn 


^'*" J' 


rAEENTIA 
SAGTNTO 
ÄDNOVLÄS 
ILÜVM 
INTIBILI 
DEXTOSA 
SVB5ALTV 
IäRRACONE XXI 
PALFVRIANAXVI 
RNTISTIANA X71 
ÄDFINE5 XVll 
ARRAGONE XX 
PRAETORIO X/n 
SITERAS XV 
AQVISVOCONIXV 
CERVNDÄ M 
CILNIANA X 
IVNCARIA XV 
INPYRENEO XVI 
RVSCINNE XXV 
COMBVSTA VI 

narbone xxxh 
baeterräsxv 
cesserone xe 
forodomitIxyiu 
isextantio xv 


Abb. 8 : Silberbecher mit Itinerariuni Cadiz- 
Rom, Museo Nazionale. 
II. Jahrh. n. Chr. 


-Rom. 


haben hier den sicheren Beleg dafür, daß die struktive Ein- 
rahmung von Tabellen durch Säulen schon in der Zeit vor 
Eusebius der Antike geläufig war. Die Kanontafeln 
schließen hinsichtlieh der tektonischen 
Einfassung der Tabellen an eine in der 
antiken Epigraphik vorhandene Tradi- 
tio n a n^). 


^) Kubitschek (Ant. Itinerarium, Pauly-Wissoiva, Real-Encycl. IX, Sp; 
2318 — 19) vermutet, daß die Becher aus Vicarello einen in Cadiz aufgestell- 
ten Meilenstein nachbilden. Tabellarische Wegstreckenverzeichnisse hat es 
nachweislich im ganzen römischen Reich gegeben. Was speziell Palästina 
betrifft, so wird dies gerade durch Eusebius bezeugt, dessen Onomastiken 
ein Itinerarium ähnlicher Art wie dasjenige der römischen Becher verwer- 


121 



Abb. 9: Leptis Magna, Forum des Septimius Severus. 
Um 200 11. Chr. 

Aus diesem System für struiktive Einrahm^^ung von Tabellen- 
kolumnen ist der Kanonbogen idurch Hinzufügnng von Halb- 
kreisrahmen für die Überschriften hervorgegangen. Aber auch 
die dadurch gewonnene Gesamtform des Arkade nrahmens 
^stellt keine spontane Schöpfung der Malerschule von Caesarea 
dar. Schon Wickhoff hat darauf hingeweisen, daß "dieses 
Rahmenwerk in seiner Grundgestalt mit einer Bauform zusam- 
mentraf, die sich eben zu dieser Zeit allgemeine Geltung ver- 


tet. Vgl. dazu P. Thomsen, Palästina nach dem Onomastikon des Eusebius, 
(Zs.Palast.Ver. XXIV, 1903, S. 97—141, 145—188) und W. Kubitschek, Ein 
Straßennetz in Eusebius' Onomastikon? (Österr.Jahresh. VIII, 1905, S. 
119—27). 

122 


Abb. 10: Jerusalem, Deckel eines jüdischen Ossuariums. 
I. Jahrh. n. Chr. 


schafft hatte, nämlich deni directen Aufsetzen des Bogens auf 
■die Säule"^). Nur haben wir nicht mehr den diokletianischen 
Kaiserpalast z?u Spalato, sondern das von Septimius Severus 
(193 — 211) erbaute Forum zu Leptis Magna^^ als das älteste 
Beispiel einer folgerichtigen Verwendung dieser Bauform in der 
Monumentalarchitektur heranzuziehen (Abb. 9)^^. Vor allem 
läßt sich aber die Arkade als Rahmenwerk in der antiken Plastik 
in der Zeit vor Eusebius mehrfach belegen: im I. Jahrhundert 
n. Chr. auf palästinensischen Ossuarien (Abb. 10)*), im II. Jahr- 
hundert in einer Gruppe von lateinischen Terrakotten mit ägyp- 
tischen Tierlandschaften (Abb. 11)^) und im III. Jahrhundert 
auf Säulensarkophagen^\ Ob das Motiv auch der gleichzeitigen 
dekorativen Wandmalerei geläufig war, läßt sich leider nicht 


■ ^) Die Ornamente eines altchristlichen Codex der Hofbibliothek (Jahrb. 
Kunstsamml. Wien XIV, 1893, S. 204). Eine in der Materialkenntnis unvoll- 
ständige, aber methodisch aufschlußreiche Geschichte der antiken Arkade 
bringt K. Erdmann, Der Bogen (Jahrb. Kunstw. 1929, S. 100—144). 

^) G. Giovanni, Leptis Magna e l'architettura del Rinascimento (Palladio 
I, 1937, S. 3 — 16), bes. S. 8. Den Hinweis verdanke ich Herrn Professor 
Axel Boethius, Göteborg. 

3) Gelegentlich sind Arkaden schon in spätrepublikanischen Peristylen 
zu belegen, vgl. R. Delbrueck, Hellenistische Bauten in Latium II, Straßburg 
1913, S. 144. Dazu die einleuphtenden Bemerkungen von K. Erdmann, 
Der Bogen (Jahrb. Kunstw. 1929, S. 121—122). 

*) Vgl. C. Watzinger, Denkmäler Palästinas II, Leipzig 1935, S. 74 — 76 
mit Literaturangaben. 

^) H. V. Rohden und H. Winnefeld, Architektonische römische Tonreliefs 
der Kaiserzeit (Die antiken Terrakotten, hsg. von R. Kekule v. Stradonitz 
IV) Berlin-Stuttgart 1911, S. 155—159, Taf. XXVII, CXL und CXLl. 

ß) Vgl. z. B. die Hercules-Sarkophage (E. Strong, La scultura romana da 
Augusto a Costantino 11, Florenz 1926, Taf. LIX). Zu den ältesten Bei- 

123 



Abb. 11 : Terrakotta mit Nillandschaft in Arkade. 
Rom, Museo Nazionale. 
Italien, II. Jahrb. n. Chr. 


feststellen, da die Denkmäler so gut wie vollständig zugrundege- 
gangen sind, was umsomehr zu bedaueina ist, als der Kanonbogen 
wenigstens in seiner omamentalen Ausstattung offenbar male- 
rische Vorbilder voraussetzt. Unter allen Umständen bedeutet 
aber die Anwendung des der monumentalen 
Kunst schon geläufigen Arkadenrahmens 
auf die handschriftliche Tabellen k'olumne 
eine entscheidende Neuerung. Der Kanonbagen bildet insofern 
einen Markstein in der Geschichte der Buchkunst, als er d i e 
älteste uns bekannte Buch Ornamentik 
großen Stiles darstellt. 


spielen des Arkadenrahmens in der östlichen Plastik gehört auch das kleine 
Goldreliquiar aus Bimaran (Afganistan) im British Museum, das spätestens 
im II. — III. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist (L. Bachhofer, Die frühin- 
dische Plastik, Florenz-München 1929, Taf. 140; zur Datierung B. Rowland 
Jr., A revised chronology of Gandhara Sculpture (Art Bull. XVIII, 1936, S. 
387—400). 

124 


Es erhebt sich hier die Frage, was eigentlich die MalerschtJe 
zu Caesarea veranlaßt haben mag, den eusebianischen Konkor- 
danztahellen eine der monumentalen Kunst entlehnte Einrahm- 
ung zu geben, da doch die älteste Buchktmst — auch bei Pracht- 
handschriften wie der Vorlage des vatikanischen Ptolemäus — 
tabellarische Beilagen nur in ein lineares Netz von Recht- 
ecken einzufassen pflegte. Strzygowski hat das Problem ange- 
schnitten und eine Erklärung in der Annahme gesucht, daß die 
christlichen Buchmaler mit dem Motiv des Kanonbogens eine 
symbolische Vorstellung ausdrücken wollten: der Kanonbogen 
wäre ein Symbol der Heiligkeit und als "heilige Schrift" wären 
die Kanontabellen mit dem (nach Strzygowski ursprüngliich 
iranischen) Motiv des "heiligen Bogens" verbunden worden^^. 
Daß die eusebianische Synopsis für heilig gehalten wurde, läßt 
sich aber nicht beweisen, ist auch wenig wahrscheinHch. Heilig 
waren ja nicht die Kanontabellen, sondern die Evangelien, mit 
denen sie verbunden wurden. Unter diesen Umständen würde 
es näher liegen, die Einführimg des Arkadeurahmens als K o m- 
p e n s a t i o n s e r s c h e i n u n g zu erklären, konnte man doch 
eine wissenschaftliche Ziffernkonkordanz schwerlich mit dem 
heiligsten Buch der christlichen Kirche verbinden, ohne das 
Bedürfnis zu empfinden, ihren inneren Mangel an Feierhchkeit 
durch äußere Prachtentfaltung aufzuwiegen. 

Daß die Antike mit der Arkade eine besondere Vorstellmig 
von Feierlichkeit verknüpfte, ist kaum zu bezweifeln. Es darf 
in diesem Zusammenhang an das Motiv des Triumphbogens 
erinnert werden^). Seit dem III. nachchristlichen Jahrhundert 
liebt es die antike Kunst, die Würde der Einzelfigur durch einen 


^) J. Strzygowski, L'ancien ort chretien de Syrie, Paris 1936, S. 73 — 75 
und in zahllosen anderen Schriften dieses Verfassers. Eine symbolische 
Ausdeutung der Kanontafeln und ihres Schmuckes begegnet im XII. Jahr- 
hundert in armenischen Handschriften (S. der Nersessian, Manuscrits arme- 
niens illustres, Paris 1936, S. 58 — 61). Für die Frage nach dem symbolischen 
Sinn der spätantiken Kanonbögen ist jedoch dieser vermutlich erst von dem 
heil. Nerses (Katholikos von Armenien 1166 — 1173) verfasste Text belanglos. 

2) F, Noack, Triumph und Triumphbogen (Vort.Bibl.Warb. 1925—26, 
Leipzig 1928, S. 147—202). 

125 


Arkadenrahmen zu erhöhen^). Die altchristliche Kunst kennt 
auch das Motiv des in eine Arkade eingeschriebenen Kreuzes 
oder Christogrammes^). In den weiteren Umkreis dieser Denk- 
mäler gehört auch der Kanonhogen. 

Da die prtmkvoUen Titel- und Initialseiten der abendländisch- 
mittelalterlichen Evangelienbücher ihren spätantiken Vorgängern 
fremd waren, boten die Kanontabellen tatsächlich die einzige 
Ansatzstelle für eine reichere ornamentale Ausstattung des früh- 
christlichen Evangelienbuohes. Zweifelsohne hat dies zu der 
Beliebtheit der Kanontafeln nicht unwesentlich beigetragen. In 
vielen mittelalterlichen Kopien kommen auch so zahlreiche 
Fehler und so rücksichtslose Abkürzungen in der Abschrift der 
Tabellen vor, daß an die Möglichkeit eiues praktischen Nutzens 
der Kanontafeln gar nicht zu denken ist^\ Die Kanones ver- 
danken in solchen Fällen allein iden rahmenden Arkaden ihr 
Fortleben. 


1) H. Focillon, Uart des sculpteurs romans, Paris 1931, S. 63 — 76 — das 
Kapitel "L'homme arcade". Über die Herkunft des Motives vgl. K. Schmaltz, 
Mater ecclesiarum (Zur Kunstgeschichte des Auslandes H. 120), Straßburg 
1918, S. 484ff. 

2) Vgl. Z.B. R. Garrucci, Storia dell'arte cristiana nei primi otto secoli 
della Chiesa III, Prato 1876, Taf. 354: 3—6, 356: 1, 390: 2—4, 397: 6 und VI, 
Prato 1880, Taf. 434:4 tu. 8. 

3) Einige charakteristische Beispiele bei E. C. Colwell u. H. R. 
Willoughby, The four Gospels of Karahissar, Chicago 1936, I, S. 23 — 27. 

126 


III. DAS LONDONER FRAGMENT 


Dem Londoner Fragment B r i t i s li M u s e u m A d d. 5 111, 
f o 1. 10 — 11 (Taf. 1 — 4) gebührt als einzigem erhaltenen 
Beispiel spätantiker Kanontafeln griechischer Sprache und Her- 
kunft besondere Aufmerksamkeit^^ Heute ihrer Kostbarkeit 
wegen in einem besonderen Bande aufbewahrt, waren die beiden 
Blätter dieses Fragmentes bis 1873 dem zweibändigen Evangelien- 
buche Add. 5111 — 5112 einverleibt, das laut Eintragung von einem 
1189 verstorbenen Mönch namens Gregorios geschrieben sein 
solP\ Dem Format dieses Evangelienbuches sind idie Kanon- 
blätter durch gewaltsame Beschneidimg angepasst worden, so 
daß sie nur etwas mehr als die Hälfte ihrer ursprünglichen 
Größe bewahrt haben (Abb. 12)^). Sie messen heute 217X155, 
bzw. 217X168 mm. Die Rekonstruktion der erhaltenen Rahmen- 
formen läßt aber darauf schließen, daß die ursprünglichen Masse 
etwa 350X^00 mm. gewesen sind. Offenbar handelt es sich um 
eine Prachthandschrift von außergewöhnlicher Stattlichkeit. 

Der textliche Inhalt der erhaltenen Blätter ist (bzw. war 
ursprünglich) der folgende: 


fol. 10 


fol. 11 


a: Ende des Briefes an Karpianus (Taf. 1) 

b: Kanon I (Taf. 2) 

a: Kanon VIII, IX, X^t, X^k (Taf. 3) 

b: Kanon X^k, XJ^ (Taf. 4) 


^) H. Shaw und F. Maddaii, Illuminated Ornaments, London 1833, Nr. 1. 
Catalogue of Ancient Manuscripts in the British Museum, Part I (Greek) 
London 1881, S. 21, Taf. 11. A. Haseloff, Codex purpureus Rossanensis, 
Berlin-Leipzig 1898, S. 44 — 45. J. Strzygowski, Amida, Heidelberg 1911, 
S. 203. O. M. Dalton, East Christian Art, Oxford 1925, S. 314, Taf. LIV. 
H. Gerstinger, Die griechische Buchmalerei, Wien 1926, S. 25. 

2) VgL C. R. Gregory, Textkritik des Neuen Testaments I, Leipzig 1900, 
S. 190, Nr. 438. 

^) Außerdem haben die Blätter durch Risse und Löcher schwer gelitten. 

127 



Abb. 12: London, British Museum, Add. 5111, fol. IIb (Kanon XLk— XJli). 
Verkleinerte Rekonstruktion. 

Vergleichen wir diese Textverteilung mit derjenigen im euse- 
bianischen Archetypus^\ so können wir zunächst feststellen, 
daß die Schlußseite des Prologs nicht wie im Archetypus eine 
Verso-, sondern eine Recto-Seite einnimmt und daß sie nicht die 
zweite Hälfte, sondern nur das letzte Drittel des Prologs enthält. 
Vor fol. 10 können wir folghch ohne weiteres ein ganzes Blatt 
mit den beiden ersten Dritteln ides Briefes an Karpianus voraus- 
setzen. Wir finden weiter, daß die Londoner Kanonfolge nicht 
wie im eusebianischen Archetypus auf einer Recto, sondern auf 
einer Verso-Seite beginnt und endet. Eine "überflüssige" Schluß- 


1) Siehe oben S. 80. 

128 


Seite hat es also in der Londoner Handschrift nie gegeben, Wir 
haben infolgedessen keinen Grund anzunehmen, daß die Kanon- 
folge ein Sanctuarium als Schlußdekoration hatte; alles spricht 
vielmehr dafür, daß sie mit der erhaltenen letzten Kanonseite 
endete. Die Atisdehnung des Prologs über drei Seiten und 
die Ausschließung des Sanctuariums bedingen sich offenbar 
gegenseitig. Die "überflüssige" letzte Verso-Seite der Kanon- 
blätter ist sozusagen dem Prolog zugeteilt worden, und die 
Kanontafeln haben sich um eine Seite nach hinten verschoben. 
Diese Verschiebung hatte nun aber zur Folge, daß die letzte 
Prologseite (Taf. 1) als Gegenstück nicht mehr die erste Kanon- 
tafel (Taf. 2), sondern die (heute verlorene) zweite Prologseite 
erhielt. Diese Veränderung ist für die Gestaltung des letzten 
Prolograhmens bedeutsam geworden. Dieser brauchte in der 
Bogenzone keine Übergangsform zu den Kanontafeln zu bilden, 
wie im eusebianischen Archetypus, sondern konnte ganz und 
gar "Prolograhmen" bleiben. Dementsprechend ist die Grund- 
form des Oberbaues nicht aus dem letzten, sondern aus dem 
ersten Prolograhmen des eusebianischen Archetypus abgeleitet: 
wie auf der ersten Prologseite des Etschmiadzin-Evangeliars (Taf. 
15) setzt der zu einem einfachen Streifen reduzierte Umfassmigs- 
bogen nicht unmittelbar über, sondern zwischen iden Säulen- 
achsen an, während das Schildbogenfeld von einem geometri- 
schen unendlichen Muster ausgefüllt wird (Taf. 1). Man darf 
unter diesen Umständen vermuten, daß ursprünglich alle drei 
Prologseiten im Wesentlichen gleichartige und gleichwertige 
Rahmen zeigten. Diesem Verzicht auf eine Sonderausstattung 
der Eingangsseite entspricht die von uns vermutete Fortlassung 
der dekorativen Schlußseite mit dem Sanctuarium. Während 
im eusebianischen Archetypus der erste und der zweite Prolog- 
rahmen, die Kanonbögen und das Sanctuarium vier verschiedene 
Varianten des Arkadenmotives sind, wird die Handschrift, zu 
der das Londoner Fragment gehörte, nur zwei Rahmentypen ver- 
wendet haben, einen für die Prologseiten und einen für die 
Kanonseiten. Im Ganzen läßt sich also eine formale Ver- 
einheitlichung der Ausstattung durch Ein- 
schränkung der R 'ahmentypen beobachten. 

« 129 


Wie die einzelnen Kanontafeln sich zu denjenigen des euse- 
bianischen Archetypus verhalten, läßt sich unmittelbar nur an 
der Hand der drei bewahrten Seiten beurteilen. Die erste 
Kanontafel (Taf. 2) stimmt mit der entsprechenden im eusebia- 
nischen Archetypus insofern genau überein, als sie den ganzen 
Kanon I auf zwei T'abellenkolumnen verteilt. Die beiden letzten 
Kanontafeln (Taf. 3 — 4) dagegen haben eine von dem Archetypus 
abweichende Kolumnenverteilung. Einerseits ist, wie in den 
meisten Kopien, bei Kanon X die gewöhnliche Reihenfolge der 
Evangelien (Mt — ^Mk — Lk — Jh) der urspiünglichen (Mt — Lk — 
Mk — Jh) vorgezogen, andrerseits ist Kanon X*^^ von der letzten 
auf die zweitletzte Seite hin verschoben: 


eus. Arch. = 
Add. 5111 = 

Seite 6 

Seite 7 

VIII 

IX 

Mt 

X(2) 

Lk Mk 

X(2) X(i) . 

Jh 

X(3) 

VIII 

IX 

Mt •• Mk 

X(2) ;X(2) 

Lk 
X(3) 

Jh 

X(3) 


Damit ist die ursprüngliche Gliederung der zweitletzten 
Kanontafel in drei gleichwertige Textkolumnen aufgehoben. Au 
Stelle der Dreiteilung tritt auf dieser wie auf den übrigen Seiten 
die Halbierung. Die unmittelbare Folge davon ist, daß der 
dreiteilige Kanonbogen, den wir im Archetypus auf der ent- 
sprechenden Seite voraussetzen müssen^), hier durch einen 
zweiteiligen ersetzt worden ist (Taf. 3). 

Mit der Überführung von Kanon X^^ auf die zweitletzte Seite 
stieg die Anzahl der hier gesammelten Kanones auf vier. Infolge- 
dessen mußten in jedem Interkolumnium zwei verschiedene 
Kanones untergebracht werden. Um diese auseinanderzuhalten, 
wurden in die Mitte der Interkolumnien extra schmale Tren- 
nungssäulen eingesetzt (Taf. 3)^). Oben wurden diese Trennungs- 
säulen durch lineare Umfassungsbögen mit den Hauptsäulen ver- 
bunden. Jede Hälfte des Kanonbogens bildete somit ein Arka- 
densystem von zwei beigeordneten kleineren Bogenstellungen, 


1) Vgl. oben S. 81. 

2) Die rechte Scheidesäule ist durch die starke Beschiieidung des Blattes 
fortgefallen, aber leicht zu rekonstruieren. 

130 


die ia eine größere einbezogen sind. Wir haben also hier ein 
Beispiel jener übergreifenden Arkadenstruk- 
t u r , auf die H. Sedlmayr als erster die Aufmerksamkeit gelenkt 
hat^). Ihre Einführung in Add. 5111 ergibt für die Entstehimg 
dieser Handschrift einen allgemeinen terminus a quo. Sedlmayr 
hat nachgewiesen, daß die übergreifende Arkade in der spätan- 
tiken Baukunst nicht vor dem VI. Jahrhundert sicher belegt 
werden kann^), und wir haben keinen Grund anzvmehmen, daß 
sie in der Buchmalerei wesentlich früher zur Entfaltung gekom- 
men wäre^\ 

Daß die zweitletzte Kanontafel des Londoner Fragments nicht 
dreiteilig angelegt wurde, hängt, wie schon bei der Rekonstruk- 
tion des eusebianischen Archetypus hervorgehoben wurde, mit 
dem Übergang zur reinen Halbkreisform in den Umfassungsbögen 
zusammen*^ Da vorausgesetzt werden muß, daß die Bögen auf 
sämtlichen Kanontafeln die gleiche Spannweite hatten, darf ohne 
weiteres gefolgert werden, daß auch die verlorenen Kanontafeln 
dem zweiteiligen Typus angehörten. Denn da schon der Kanon- 
bogen mit zwei Interkolumnien so breit ist, daß er die Seite 
ganz ausfüllt, würde das gleiche Seitenformat einen Kanonbogen, 
der um noch ein Interkolumnium breiter wäre, gar nicht auf- 
nehmen können. Wir dürfen folglich annehmen, daß sämt- 
liche Kanontafeln den zweiteiligen Typiis 
aufwiesen. Es handelt sich somit um die gleiche Tendenz 


^) H. Sedlmayr, Das erste mittelalterliche Architehtursystem (Kunst- 
wissenschaftliche Forschungen hrsg. v. O. Pacht II, Berlin 1933, S. 25 — 62). 

-) Das von G. E. Rizzo, Rilievo "ellenistico" di Genova (Röm.Mitt. XXV, 
1910, S. 298 — 304) veröffentliche Relief, in dessen Hintergrundarchitektur 
mit übergreifender Arkade L. v. Sybel, Frühchristliche Kunst, München 1920, 
S. 46 einen "hellenistischen Vorläufer" des Kanonbogens sieht, möchte ich 
für eine Fälschung halten. 

^) Die Einwendungen, die E. Weigand, Das spätrömische Architektur- 
system. (Forsch.Fortschr. X, 1934, S. 414) und Ist das "justinianische Archi- 
tektursystem" mittelalterlich oder antik? (Bull.Inst.Bulg. X, 1936, S. 
145 — 55) gegen Sedlmayr erhoben hat, beziehen sich nicht auf die übergreif- 
ende Säulenarkade. Vgl. auch H. Sedlmayr, Zur Geschichte des justinianischen 
Architektursystems (Byz.Zs XXXV, 1935, S. 38—69 bes. S. 54—57). 

4) S. 81—82. 

131 


nach Vereinheitlichung der Rahmen formen, 
die wir bereits als ein Merkmal der ganzen Rahmenserie fest- 
stellen konnten^ \ 

Auf Grund dieser Erwägungen darf eine Rekonstruktion der 
Kolumnenverteilung auf den verlorenen Seiten versucht werden. 
Wie die erhaltenen Seiten zeigen, gehörten die Kanones der klei- 
neren (siebenseitigen) Folge an. Daher darf zunächst vermutet 
werden, daß vier Kanontafeln zwischen den drei erhaltenen 
fehlen. Auf diesen vier Seiten müssen die Kanones II bis VII 
in Arkaden mit je zwei Umfassungsbögen Platz gefunden haben. 
Dieser Voraussetzung entspricht die folgende Kolumnenaufteilung 
am besten: 


Seite 1 


1 

I 

I 

2 

II 

II 

3 

II 

III 

4 

IV 

V V 

5 

: V VI 

VI VII 

6 

VIII IX 

XMt x^k 

7 

XLk 

XJh 


= Add. 5111, fol. 10b. 


= Rekonstruktion 

= Add. 5111, fol. IIa 
= Add. 5111, fol. IIb 

Wie dieses Schema zeigt, wird die fünfte Seite einen Kanon- 
bogen mit Trennungssäulen in jedem Interkoluminum benö- 
tigt haben. Da nun dieser Seite die erhaltene sechste unmittel- 
bar gegenüberstand, die ebenfalls einen Kanonbogen mit Tren- 
nungssäulen aufweist (Taf. 3), werden beide ein völlig symmetri- 
sches Paar gebildet haben. Die übrigen Seiten dagegen müssen 
Kanonbögen ohne zusätzliche Trennungssäulen gehabt haben^\ In 
dieser Weise erscheint die ganze Kanonbogenserie nach dem 
Prinzip der Paarkomposition von je zwei sich gegen- 
überstehenden Seiten her entworfen, was die innere Wahrsclieiii- 
liohkeit der Rekonstruktion erhärtet. 

Eine weitere Stütze erhält die Rekonstruktion, wenn wir die 
Medaillonp'orträts mit berücksichtigen, die nach dem 


1) Oben S. 129. 

2) Im zweiten Interkolumnium der vierten Seite waren Trennungssäulen 
nicht notwendig, da beide Tabellenkolumnen dem gleichen Kanon zugehörten. 


132 


Zeugoais der erhaltenen Blätter sowohl den Prolog-, wie den 
Kanonseiten als dekorative Bereicherung beigegeben waren. 
Obwohl besondere Beischriften fehlen, läßt die Nimbierung und 
der Wechsel der Gesichtstypen mit größter Wahrscheinlichkeit 
auf Apostelbildnisse schließen (Abb. 13). Die Porträt- 
medaillons sind auf den verschiedenen Rahmentypen verschieden 


.':--k^- 



Abb. 13: London, British Museum, Add. 5111, fol. 10b. 
Vergrößerung eines Apostelmedaillons. 


angebracht. Auf der erhaltenen Prologseite ist das Tondo in 
das unendliche Muster des Schildbogenfeldes als Mittelmotiv 
aufgenommen (Taf, 1). Die erste und letzte Kanontafel wiede- 
rum zeigen je ein Rundbild als Binnenfüllung in die Umfas- 
sungsbögen an der Stelle hineingefügt, wo sich diese über der 
Mittelsäule vereinen (Taf. 2 u. 4). Auf der zweitletzten Kanon- 
tafel endlich, die sich von den übrigen durch ihre übergreifende 
Arkadenstruktur unterscheidet, sind (bzw. waren) zwei Rundbil- 

133 


der in die beiden Dreieckzwickel eingeschrieben, welche die klei- 
neren graphischen Umfassungsbögen mit dem Schildbogen bilden 
(Taf. 3). Während im allgemeinen die Apostelbüsten mit gol- 
denen Nimben gegen tiefblauen Hintergrund stehen, ist auf den 
Medaillons der zuletzt genannten Kanontafel die blaue Farbe 
dem Rahmen vorbehalten, innerhalb dessen die Brustbilder ohne 
Nimben sich gegen den leeren goldenen Blattgrund abzeichnen, 

Wenden wir nun dieses Verteilungsschema auch auf die ver- 
lorenen, aber oben rekonstruierten Kanontafeln an, so läßt sich 
voraussetzen, daß die beiden fehlenden Prologseiten und die 
zweite bis vierte Kanontafel je ein Rundbild, die fünfte Kanon- 
tafel dagegen (wie die erhaltene sechste) zwei Rundbilder 
zeigte. Nach dieser Berechnung würden die Prolog- und die 
Kanonseiten zusammen zwölf Medaillonporträts enthalten 
haben, das heißt die Zahl, die wir von Apostelbildern zu erwar- 
ten haben. Da nun aber die Zahl der Rundbilder von ider Wahl 
der Rahmentypen abhängt, ist diese Übereinstimmung eine nicht 
unwichtige Bestätigung unserer Rekonstruktion der verlorenen 
Kanontafeln. 

Das bescheidene Format der Porträtmedaillons und ihre An- 
bringung innerhalb des Rahmenwerkes läßt sie nicht als selb- 
ständige Bildwerte zur Geltung kommen, Sie sind Glieder eines 
größeren Dekorationssystems, dessen Füllornamente 
das ganze Rahmenwerk der Prolog- und Kanontafeln gleichmäs- 
sig überziehen. Auf den beiden erhaltenen Blättern sind die fol- 
genden Muster verwendet worden: 

auf der letzten Prologseite (fol. 10a) (Taf. 1) an den Säulen- 
schäften ein Gewebe größerer und eingeschriebener kleinerer 
Kreise, in deren Mitte Rosetten und Palmetten abwechseln, in 
dem Schildbogenfeld dasselbe Motiv als unendliches Muster 
flächenhaft entwickelt und als Randstreifen des Bogenfeldes 
eine Reihe hoch gestellter Muscheln, 

auf der ersten Kanonseite (fol. 10b) (Taf. 2) an den Säulen- 
schäften imd in dem Umfassungsbögen ein doppeltes Band- 
geflecht abwechselnd kleinerer und größerer Kreisschlingen, 
von denen die kleineren Goldrosetten, die größeren farbige 
Wirbelscheiben als Füllung enthalten, 

134 


auf der zweitletzten Kanonseite (fol. IIa) (Taf. 3) steigen an 
den Säulenschäften und in den Umfassungsbögen der Haupt- 
arkade kandelaberartige Reihen auf, in denen fünfblättrige 
Vollpalmetten mit kolbenförmigen Kaiospenpaaren alternieren, 
von deren Spitze herzförinige Blätter herabhängen, oben in 
der Mitte der Umfassungsbögen umschliessen algenartige Blatt- 
formen einen blaugrünschimmemden Fisch, die Schäfte der 
kleineren Trennungssäulen zeigen wiederum eine aufsteigende 
Ranke mit dreiblättrigen Halbpalmetten, 
und auf der letzten Kanonseite (fol. IIb) (Taf. 4) an den 
Säulenschäften und in den Umfassungsbögen zwei gegeneinan- 
der verschobene Reihen von Halbkreisen, aus deren nach innen 
gerichteten Enden je zwei dreiblätterige Blüten hervorwach- 
sen, die die Höhltuigen der gegenüberstehenden Bogenreihe 
ausfüllen, während außerdem von den Außenzwickeln beider 
BogenreiJien je ein herzförmiges Blatt herabhängt. 
Diese ganze Füllomamentik bildet in jeder Beziehung den 
denkbar größten Gegensatz zu der des eusebianischen Arche- 
typus, wie wir sie im Etschmiadzin-Evangeliar kennengelernt 
haben^\ Die FüUomamente des Archetypus hatten insofern 
einen einheitlichen Stilcharakter, als sie sämtlich ausgesprochene 
M a s s e n f o r m e n darstellten. Wellenband, Farbtupfenwulst, 
Blattguirlande usw. — immer handelte es sich um einheitliche 
Teilformen, die in eine übergeordnete Gesamtform aufgingen. 
Demgegenüber stellen die Füllornamente des Londoner Frag- 
ments grundsätzlich keine Massenformen dar. Sie bestehen viel- 
mehr aus selbständigen, in sich geschlosse- 
nen Gliedern, wie Muscheln, Wirbelscheiben, Roset- 
ten, Knospen- tmd Blattformen, die nicht durch Zusammen- 
schiebung zu einer einheitlichen Massenform, sondern durch 
Aneinanderreihung zu einer rhythmischen Folge verbunden 
werden. 

Man darf vermuten, daß ira Archetypus die Säulen der Bogen- 
stellungen durch Modellierimg der Schäfte als plastisch-räumliche 
Einheiten empfunden worden waren-). Dieser plastischen Ge- 


1) Vgl. oben S. 88—93. 

^) Vgl. die entsprechenden Formen in E (Taf. 15 — 24). 


135 


wölbtheit der Säxilen entsprach bei den Umfassung&bögen die 
Hohlräumigkeit der Mittelspalte, in der raumfüUende Omament- 
formen versenkt lagen. Von dieser doppelten Raumentfaltung ist 
auf den Prolog- tmd Kanontafeln des Londoner Fragments nichts 
zurückgeblieben. Die FüUomamentik ist nicht mehr auf die 
B'ogenzone beschränkt, sondern greift auch auf die Säulenschäfte 
über. Säulenschäfte imd Umfassungsbögen sind beides flache 
Bandstreifen, die unmittelbar in den Goldgriind der Blattf lache 
eingezeichnet sind. Auch die Füllornamente haben nichts von 
Tiefräumigkeit an sich. Das ganze Rahmenwerk 
erscheint wie die Formen einer Schmelz- 
arbeit in die Goldfläche der Seite einge- 
g o s s e n. 

Noch eines kommt hinzu. Im Etschmiadzin-Evangeliar, das 
darin den eusebianischen Archetypus treu wiederspiegelt, geben 
die Säulen mit ihren gedrungenen Proportionen einen starken 
Eindruck plastischer Massivität, der durch die Stoffwirkung der 
marmorierten Säulenschäfte noch gesteigert erscheint (Taf. 
15 — ^24). Dem entspricht, daß die Füllomamente der Umfas- 
sungsbögen (mit einer zufälligen Ausnahme) ausgesprochene 
Massenformen sind, die das Binnenfeld möglichst dicht ausfüllen. 
Der ganze Aufbau der Arkaden wirkt fest und geschlossen. Von 
den Bogenstellungen in Add. 5111 gilt genau das Gegenteil. Alle 
struktiven Glieder — die Säulenschäfte, die Kapitellplatten, die 
Randstreifen der Umfassungsbögen — sind in der Regel nur in 
feinen braimen Umrißhnien ohne farbige Binnenfüllung gegeben. 
Wo die architektonische Anlage körperhafte Dichte und Festig- 
keit erwarten läßt, erscheint immer nur die glänzende Leere 
des Goldgrundes oder die unbestimmte Stofflichkeit einer dun- 
kelblauen Farbfüllimg. Alle struktive Massivität 
ist wie ausgehöhlt. Man beachte besonders die Kapi- 
telle, wo sich hinter den locker verteilten Blattformen statt des 
festen Kernes des Echinus ein tiefblauer Hintergrund öffnet. 
Auch die Füllornamente haben nichts von massiger Geschlossen- 
heit an sich. Sie füllen die Rahmen w^ie Gitter, die überall 
den Hintergrund durchblicken lassen. 

Die Folge dieser radikalen Unterdrückung jeder 

136 


struktiven und plastischen Massivität ist 
vor allem, d£iß die Füllornamentik zu einer das 
ganze Rahmenwerk beherrschenden Wirk- 
ung gelangt. Sie braucht gar nicht, wie an den Säulen- 
schäften der erhaltenen Prolögseite (Taf. 1) die struktive Form 
gänzlich ersetzt zu haben — auch bei den Kanontafeln, wo sie 
Füllung geblieben ist, hat man den Eindruck, daß die Orna- 
mentik das eigentliche Gerüst des Rahmenwerkes ausmacht. Mit 
einer merkwürdigen Umkehrung der rationellen statitischen 
Verhältnisse erscheinen die ihrer Natur nach t e x t i 1 e n 
Ornamente ihren eigenen struktiven Trägern übergeordnet^^. 
Die Wirkmig davon ist um so stärker, als die Buntfarbigkeit fast 
ausschließlich den Füllomamenten vorbehalten ist. 

Auch im Etschmiadzin-Evangeliar liegt der Hauptakzent der 
Farbengebtmg auf den Füllornamenten. Die Farbengebimg isl 
aber hier eine ausgesprochen koloristische-). Statt als 
Lokalfarben an den Teilformen des Musters zu haften, breiten 
sich die einzelnen Farbtöne in regenbogenartigen Modulationen 
über das Muster als Ganzes aus. Es wäre übertrieben, im Ge- 
gensatz dazu bei dem Londoner Fragment von einer reinen 
Polychromie zu sprechen. Im Grunde ist auch hier die 
Farbenwirkung koloristisch. Man darf aber bei dieser Hand- 
schrift, wenn der Ausdruck gestattet ist, von einem polychro- 
misierten Kolorimus sprechen. Die einzelnen Töne 
sind weitgehend dazu herangezogen, die Teilformen des Musters 
in individueller Geschlossenheit gegen einander abzusetzen, und 
der Farbkörper ist, vor allem bei Blau, Rot xmd Grün von einer 
fast juwelenartigen Sättigung. 

Während die Füllomamente in Add. 5111 einem gänzlich neuen 
Formenschatz Eingang gewähren, der mit den entsprechenden 
Omamentformen im Etschmiadzin-Evangeliar gar nichts gemein- 
sam hat, gehen die Besatzornamente offenbar auf die 


^^ Über das antithetische Begriffspaar "textil-struktiv" siehe P. Frankl, 
Stilgattungen und Stilarten (Zs.Ästhet. XIX, 1925, S. 105). 

^) Ich gebrauche die Bezeichnung "koloristisch" in dem prägnanten 
Sinne, den sie bei A. Riegl, Spätrömische Kunstindustrie, Wien 1927^, S. 329ff. 
erhalten hat. 

137 


entsprechenden Grundformen des Archetypus zurück. Dessen 
ungeachtet machen auch sie einen gänzlich neuen Eindruck. Die 
Erhaltung der Fragmente hindert ims zwar, der ursprünglichen 
Gesamtwirkung gerecht "zu werden. Was unversehrt geblieben 
ist, läßt aber immerhin mit aller Deutlichkeit erkennen, daß 
wenigstens die vegetabilen Besatzornamente eine ungleich üppi- 
gere Ausbildung gefunden haben als im Etschmiadzin-Evange- 
liar (vgl. auch Abb. 12)^). Wie dünn und saftlos erscheinen 
die Eckakrotere im Etschmiadziner Codex gegenüber den 
wuchernden Akanthusblättern in Add. 5111, und wie bescheiden 
die Blütenstengel dort gegen die wuchtigen Gewächse hier, vor 
allem auf der letzten Prologseite (Taf. 1) ! Es ist, als ob die 
Besatzomamente einem fruchtbareren Erdreich entsprungen 
wären. Der gleiche Unterschied gilt im großen Ganzen von den 
Kapitellen. Die schematisch angedeuteten Blattformen der 
massigen Goldkapitelle im Etschmiadzin-Evangeliar sind durch 
üppige Akanthusblätter ersetzt, deren prägnant gezeichnete 
Formen zuweilen auffällig naturalistisch bewegt sind. Einige 
haben nach unten umgebogene Spitzen, andere drehen sich wie 
im Winde-). 


1) Keiner der Vögel, die übrigens nicht auf den Eckakroteren, sondern 
nur auf den Umfassungsbögen vorkommen, ist vollständig erhalten. Daß 
auf den besterhaltenen Seiten die Vögel durchgehend einen langen dunklen 
Schwanz und lichte Körper haben, läßt vermuten, daß sie nicht nach Arten 
differenziert dargestellt waren. Soweit die Reste ein Urteil ermöglichen, 
scheinen sie keiner der im Etschmiadzin-Evangeliar überlieferten Arten 
zuzugehören. 

-) Diese naturalistische Üppigkeit sowohl der Besatzornamente wie der 
Kapitellblätter ist um so merkwürdiger, als die Füllornamente im Gegen- 
satz dazu verhältnismäßig streng stilisiert sind: dort Akanthus und natura- 
listische Blüten, hier Palmetten und Rosetten. Vielleicht haben wir es mit 
einer Erscheinung zu tun, die in der Geschichte der Ornamentik prinzipielle 
Bedeutung hat. Es ist schon oben hervorgehoben worden, daß die Besatz- 
ornamente — zu denen ja auch die Kapitelblätter in ihrem Verhältnis zu den 
Säulen gehören — im Gegensatz zu den Füllornamenten einen ornamentalen 
Gestaltungstypus vertreten, dem innerhalb der freien Raumkünste die Frei- 
plastik entspricht. Nun läßt sich aber in der Geschichte der Ornamentik 
im allgemeinen ein notwendiger innerer Zusammenhang zwischen plastischer 
Struktur und Naturalismus feststellen; in allen Übergangsperioden zwischen 

138 


Durch alle diese verschiedenen Neuerungen und Veränder- 
ungen erscheint in Add. 5111 der ganze Stilcharakter des euse- 
bianischen Archetypus in einer Weise umgestellt, wie es unter 
ßewahrung der überlieferten Rahmentypen durchgreifender 
kaura gedacht werden kann. Durch die vollständige 
Entwertung des Plastisch-Struktiven zu- 
gunsten der Füllornamentik und durch 
die starke Polychromisierung der Farb- 
behandlung tritt das Londoner Fragment 
in offenbaren Gegensatz nicht nur zum 
eusebianischen Archetypus, sondern zu 
allem, was uns aus den drei ersten Jahr- 
hunderten der Spätantike an dekorativer 
Malerei überliefert ist. Zahlreiche Denkmäler 
sowohl der Miniatur- wie der Mosaikmalerei zeigen uns, daß 
der koloristische Massenstil des eusebianischen Archetypus noch 
in justinianischer Zeit vorherrschte^ \ Der Stil des Londoner 
Fragments hat in dieser Epoche keine Stelle. Die Handschrift 
muß, obschon sie von der Paläographie konventionell ins VI. 
Jahrhundert gesetzt worden ist^\ später sein. Andererseits 
erweist sie sich in der festen Unzialschrift vuid in der noch an 
die besten enkaustischen Porträts erinnernden fetten Model- 
lierung der Apostelbrustbilder so fest mit der lebendigen antiken 
Überlieferung verbunden, daß nur die Zeit vor dem Ikonoklas- 
mus (728 — 842) ernstlich in Frage kommt. Unter diesen Umstän- 


zwei- und dreidimensionaler Raumgestaltung sind der (wirklich oder imitativ) 
freiplastischen Ornamentstruktur Möglichkeiten naturalistischer Formgebung 
vorbehalten, die der an die Ebene gebundenen "malerischen" Ornament- 
Struktur versagt sind (vgl. C. Nordenfalk, Bemerkungen zur Entstehung des 
Akanthusornamentes, ActaArch. V, 1935, S. 257 — 65, bes. S. 264). Wenn dies 
zutrifft, wäre die Ornamentik der Prolog- und Kanontafeln des Londoner 
Fragments eine der interessantesten Proben für die Gültigkeit dieses 
"Strukturgesetzes". 

^) Es genügt an dieser Stelle ein Hinweis auf den Codex Rossanensis 
und die ravennatischen Mosaiken. 

-) Catalogue of Ancient Manuscripts in the British Museum I, London 
1884, S. 21. E. M. Thompson. An Introduction to Greek and Latin, Palaeo- 
graphy, Oxford 1912, S. 209. 

139 


den wird man das Londoner Fragment mit der größten Wahr- 
scheinlichkeit ins VIL Jahrhundert datieren. Eine Stütze 
dafür bietet die abendländische Buchmalerei, in der gegen das 
Ende des VII. Jahrhunderts stilverwandte Erscheinungen auf- 
treten: in einigen merovingischen Prachthandschriften dieser 
Zeit kommen Schmuckseiten mit Bogenstellmigen vor, die — 
ohne sonstige nähere Stilverwandschaft — eine grundsätzlich 
vergleichbare Entwertung des plastisch-struktiven Massenstils 
zugunsten der FüUomamentik aufweisen^\ 

Es fragt sich nun, wo das Londoner Fragment entstanden ist. 
Ehe wir zu diesem Problem Stellung nehmen, muss eine weitere 
Eigentümlichkeit der Kanontafeln beachtet werden. Vom 
textlichen Standpunkt scheinen die beiden Blätter auf den 
ersten Blick nichts außergewöhnliches zu bieten. Der Schluß 
des Prologs auf fol. 10a und die Überschriften der Kanon- 
tabellen stimmen im Wesentlichen mit der gewöhnlichen Über- 
lieferung überein^). Vergleichen wir aber die Kanontabellen 
selber mit anderen griechischen Handschriften, dann erwartet 
uns eine große Überraschung : sie zeigen weitgehende 
Abweichungen von allen sonst üblichen Ver- 
sionen. Nestle, der es in seinem angeführten kritischen Auf- 
satz rügt, daß sämthche neutestamentlichen Textkritiker ein 
so frühes Zeugnis wie Add. 5111 unbeachtet Hessen, scheint die 
Abweichungen bemerkt zu haben, war aber der Meinung, daß 
es sich nur — wie oft bei ausgesprochenen Prachthanidschriftea 
— um eine nachlässige Kopistenarbeit handele^). Eine solche 
Erklärung ist aber in diesem Falle nicht ausreichend. Tatsäch- 
lich steht das Londoner Fragment als Textzeuge völlig allein. 


^) Vatikan, Biblioteca Apostolica, Reg. lat. 317, fol. 169b, Leningrad, 
Öffentl. Bibl., lat. F. v. I, Nr. 2, fol. Ib und Valenciennes, Bibl. Munic. 495 
(455) foL Ib (Abbildungen bei E. H. Zimmermann, Vorkar olingische Minia- 
turen, Berlin 1916, Taf. 46a, 63a, 86). 

2) Auf der zweitletzten Kanontafel (Taf. 3) sind zwar bei Kanon VIII 
die Ziffernspalten Mt Mk statt Lk Mk überschrieben. Wahrscheinlich han- 
delt es sich hier aber bloß um einen zufälligen Schreibfehler. 

3) E. Nestle, Die Eusebianische Evangelien-Synopsis (N.KirchLZs. XIX, 
1908, S. 104—105) 

140 


Die Sektionslisten seiner Kanontabellen sind grundsätzlich 
andere als die von Eusebius zusammenge- 
stellten. Als Stichprobe sei der Anfang von Kanon X^' 
nach Eusebius^'^ tmd nach dem Londoner Bruchstück neben- 
einandergestellt : 


Eusebius 

Add. 5111, fol IIa 

B (2) 

B (2) 

A (4) 

A (4) 

Z (6) 

H (8) 

ir (13) 

IE (15) 

KA (24) 

i$:r (23) 

KZ (27) 

KE (25) 

KO (29) 

iiTÖ (29) 

AT (33) 

AT (33) 

AE (35) 

A0 (39) 

AZ (37) 

JfZ (47) 

A0 (39) 

MO (49) 

MB (42) 

A^iy (58) 

ME (45) 

iY6) (59) - 

NB (52) 

Or (63) 

etc. 

etc. 


In ähnlicher Weise gehen die Texte von Kanon I, VIII und 
IX auseinander, wenn wir die Tabellen des Londoner Fragments, 
soweit sie lesbar erhalten sind, mit den gewöhnlichen euse- 
bianischen vergleichen. Nur bei Kanon X^^^ zeigt sich, wenn 
man von Verschiebungen absieht, streckenweise eine Überein- 
stimmung. 

Dieser Tatbestand gestattet nur eine Deutung: die Kanonta- 
bellen gehen von einer anderen Sektionsaufteilung der Evange- 
lien aus als der eusebianischen. Und zwar lehrt die obige Stich- 
probe nach Kanon X^% daß die Sektionsaufteilung einere rei- 
chere ist als bei Eusebius. Dazu stimmt, daß das Londoner 


^) Für den Eusebiustext habe ich die folgenden Handschriften verglichen: 
Paris, Bibl. Nat., gr. 70, Venedig, Bibl. Marc, gr. I, 8, Athos, Stauronikita 43 
und Vatikan, Bibl. Apost., Vat. gr. 364. 

141 


Fragment in Kanon VIII z. B. 18 Parallelstellen verzeichnet, wo 
Eusebius^) nur 13 hat. Bei dem Johannesevangelium war die 
Möglichkeit einer reicheren Sektionsaufteilung geringer als bei 
den Synoptikern. Dies erklärt, daß der Unterschied zwischen 
Add. 5111 und Eusehius in Kanon XJ^^' geringer ist als in den 
übrigen Kanones. 

Die textliche Gestaltung der Kanontabellen bietet also eine 
bemerkenswerte Parallele zu der künstlerischen der Kanon- 
bögen, die sie umrahmen. Ebenso wie diese äußerlich die alte 
Rahmenform mit Doppelarkaden bewahren, innerlich aber 
durch die neue FüUomamentik eine von dem Archetypus grund- 
sätzlich abweichende Struktur erhalten, bewahren die Kanon- 
tabellen die Seitenaufteilung der kleineren Folge, sind aber 
durch die neue Sektionseinteilung innerlich gänzlich umgebildet. 

In Add. 5111 besitzen wir also ein Zeugnis dafür, daß i n 
spätantiker Zeit eine Revision der eusebia- 
nischen Kanones vorgenommen wurde, die in 
einer reicheren Sektionsein t eilung resul- 
tierte. Das Merkwürdige ist nur, daß weitere Vertreter 
dieser revidierten Kanonfolge, soweit mir das Material bekannt 
ist, vollständig fehlen. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt 
es sich infolgedessen um eine wenn nicht dem Londoner Frag- 
ment eigentümliche, so doch lokal und zeitlich eng 
begrenzte Spielart, die im Mittelalter keine Nachfolge 
hatte. Wüßten wir, wo diese Spielart erfunden wurde, so wäre 
zugleich das Problem der Lokalisierung von Add. 5111 gelöst. 
Es bleibt zu hoffen, daß die textkritische Spezialforschung in 
der Lage sein wird, die hier aufgezeigte Spur weiter zu verfolgen. 

Vom kmistge&chichtlichen Standpunkt darf aber schon jetzt 
eine Vermutung über den Ursprung des Londoner Fragmentes 
geäußert werden. Die beiden Londoner Blätter gehören fraglos 
zu den vorzüglichsten und kostbarsten Hinterlassenschaften der 
griechischen Buchmalerei. Mit ihren ganz vergoldeten Seiten, 
ihren prunkenden Farben und ihrer gepflegten Maltechnik kön- 
nen sie nur zu einer Prachthandschrift allerersten 


1) Teste: Etschmiadzin-Evangeliar, Paris gr. 70, Venedig gr. I, 
Stauronikita 43 und Vat. gr. 364. 

142 


Ranges gehört haben. Im VII. Jahrhundert, in das unserer 
Meinruig nach das Fragment gehört, dürfte aber als Entstehungsort 
einer solchen unvergleichlichen Luxusarbeit nur ein Zentrum 
in Frage kommen : Konstantinopel. Schon Maddan hat 
von der Kostbarkeit der Ausführung auf die Anfertigung der 
Handschrift für "ein gekröntes Haupt" geschlossen^). Vielleicht 
kommt man der Wahrheit noch näher, wenn man den byzanti- 
nischen Basileus als Auftraggeber der Handschrift vermutet. Ein 
Erzeugnis, das der kaiserlichen Werkstatt Konstantinopels wür- 
diger wäre, läßt sich kaum vorstellen. 

Für die Annahme der Herkunft aus Konstantinopel spricht 
auch die Provenienz des Fragments. Nach glaubwürdiger 
Angabe soll es "einem der Klöster auf dem Berg Athos" gehört 
haben^). Die ältesten Athos-Klöster sind von der Hauptstadt 
aus gegründet und von Anfang an von den byzantinischen Kaisem 
beschenkt worden^). Von einer vom. Athos stammenden spät- 
antiken Prachthandsohrift kann ohne weiteres vermutet werden, 
daß sie von Konstantinopel aus dorthin geschenkt wurde. Für 
Konstantinopel als Herstellungsort könnte auch die (keinesw^egs 
selbstverständliche) Ausstattung der Kanontafeln mit den Brust- 
bildern der zwölf Apostel sprechen, die dort in der von Kon- 
stantin gegründeten und von Justinianus neugebauten Apostel- 
kirche besondere Verehrung genossen. 

Auch das wenige, was wir an stilverwandten Denkmälern her- 
anziehen können, ist dieser Hypothese nicht ungünstig. Aus 
der spätantiken Malerei läßt sich allerdings nichts wirklich 
Vergleichbares namhaft machen*). Der Ornamentstil des Londo- 
ner Fragmentes scheint in der Plastik und im Ktuistgewerbe zu 
wurzeln. Eine Vorstufe zu dem Ornamentsystem der Kanonta- 


^) H. Shaw u. F. Maddan, llluminated Ornaments, London 1833, Nr. 1. 

-) Shaw u. Maddan, a. a. O. 

^) Vgl. H. Brockhaus, Die Kunst in den Athos-Klöstern, Leipzig 1891, 
passim. K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. und 10. Jahr- 
hunderts, Berlin 1935, S. 34—39. 

*) Höchstens wäre bei den Brustbildern der Apostel — vgl. die Ver- 
größerung Abb. 13 — an die Mosaiken der Demetriuskirche in Saloniki 
zu erinnern, die ebenfalls aus dem VII. Jahrhundert stannnen (Ch. Diehl u. 
M. Le Tourneau, Les mosaiques de Saint Demetrius de Salonique, Mon.Piot 
XVIII, 1910, S. 225—247, Taf. XVI— XXI). 

143 


fein wird man in dem Reliquienkreuz erblicken können, das 
Justinus II. (565 — 578) imd seine Gemahlin Sofia nach St. Peter 
in Rom stifteten (Ahb. 14)^), Hier kommen ebenfalls die der 
Dekoration eingefügten Brustbilder vor. Eine grundsätzliche 



Abb. 14: Reliquienkreuz des Kaisers Justinus II (565 — 578). 
Vatikan, Schatz von St. Peter. 


Strukturverwandschaft und eine gewisse motivische Ähnlichkeit 
besteht zwischen den OmamentfüUungen der zweitletzten Ka- 
nontafel (Taf. 3) und den Borten einer Gruppe von Seidenstof- 
fen, deren Hauptstücke die beiden Fragmente mit der Verkün- 
digung und der Geburt Christi aus Sancta Sanctorum sind (Abli. 
15) -\ Der Ursprung dieser Gruppe ist allerdings umstritten. 


^) A. De Waal, Die antiken Reliquiare der Peterskirche {Röm.Quart. 
VII, 1893, S. 245—62). H. Peirce u. R. Tyler, L'art byzantin, II, Paris 1934, 
Taf. 136 und 199b. 

2) O. V. Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, Berlin 1913, I, 
S. 50—51. 

144 


Doch ist in letzter Zeit die oströmische Hauptstadt mit beach- 
tenswerten Gründen genannt worden^^. Anffällig ist die 
Ähnlichkeit der Kreiskette auf der ersten Kan'ontafel (Täf. 2) 
mit der Borte einer Steinplatte im ottomanischen Museum zu 



Abb. 15 : Borte eines Seidenstoffes aus Sancta Sanctorum. 
Vatikan, Museo Cristiano. 

Konstantinopel, deren Datierung zwischen dem VI. und dem X. 
Jahrhundert schwankt (Abb. 16) -\ Endlich sind auch die 
Akanthuskapitelle mit hauptstädtischen Typen verwandt^ \ 

Keine dieser Parallelen ist vielleicht an sich so schlagend, daß 


1) Peirce u. Tylor, a. a. O., II, S. 44—46, 127—128. Dieselben, The 
Prague Rider-silk and the Persian-Byzantine Problem (Burl.Mag. LXVIII, 
1936, S. 213—220). 

^) G. Mendel, Catalogue des sculptures grecques, romaines et byzantines 
des Musees Imperiaux Ottomans III, Magon-Konstantinopel 1914, Nr. 725. 
Peirce u. Tylor, a. a. O., II, S. 66, Taf. 19a. Die Platte soll im Inneren von 
Kleinasien gefunden sein. Mit Recht nehmen Peirce und Tylor sie für den 
hauptstädtischen Stil in Anspruch. 

^) Vgl. R. Kautzsch, Kapitellstudien (Stud.Spätant.Kunstg. IX) Berlin — 
Leipzig 1936. Die Kapitelle der zweitletzten Kanontafel (Taf. 3) stehen dem 
hauptstädtischen Typius mit "schräg gestelltem und umgewehtem Akanthus" 

10 145 


Abb. 16: Borte einer Reliefplatte aus Kleinasien. 
Konstantinopel, Ottomanisches Museum. 

sie allein den Ursprung der Handschrift in der oströmischen 
Hauptstadt beweisen würde. Als zusätzliche Stütze der schon 
aus anderen Gründen angenommen Lokalisierung sind sie aber 
bedeutsam. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir mit großer 
Wahrscheinlichkeit in dem Londoner Fragment ein Haupt- 
stück der Buchmalerei Konstantinopels 
im VII. Jahrhundert sehen dürfen. Das Ergebnis ist, 
wenn es zutrifft, von grtmdlegender Bedeutung für tmsere Vor- 
stellung von der byzantinischen Kunst zwischen Justinian und 
den Mazedoniern. Erst durch nähere Kenntnis der Stilent- 
wicklung im VII. tmd VIII. Jahrhundert werden wir zu einer 
richtigen Einschätzung der in vielen Beziehungen rätselhaften 
Renaissance kommen, mit der die byzantinische Kunst des Mit- 
telalters einsetzt^). 


(a. a. O., S. 140 ff, Taf. 28—29) nahe. Das Kapitell der Prologseite (Taf. 1) 
erinnert an die Kapitelle der Kaiserindiptycha in Wien und Florenz, die 
ohne Zweifel konstantinopolitanisch sind (R. Delbrueck, Die Consulardipt- 
chen und verwandte Denkmäler, Stud. Spätant. Kunstg. II, Berlin — ^Leipzig 
1929, N. 51 — 52) Es ist für unsere Datierung des Londoner Fragments nicht 
unwichtig, daß diese beiden Elfenbeine, wie A. Grabar, L'empereur dans l'art 
byzantin (Publ.Univ.Strasb. Fase. 75) Paris 1936, S. 12 — 13 nachweisen konnte, 
erst gegen das Ende des VI. Jahrhunderts entstanden sind. 

1) Einige Hinweise in diese Richtung bei O. Kurz, Ein insulares Muster- 
buchblatt und die byzantinische Psalterillustration (Byz. Neugriech. Jrbr. 
XIV, 1937/38, S. 84 — 93). Die Ornamentik des Londoner Fragments ist für 
die Beurteilung des im X. Jahrhundert aufkommenden Blütenblattstiles 
wichtig. 

146 


IV. DAS WIENER FRAGMENT 


Vorbemerkune;. 


Dem Codex Wien, NationalbiLliothek, lat. 
84 7 (theol. 682) sind am Anfang sechs Blätter vorgebunden, 
die mit dem Hauptteil der Handschrift, der Schrift des Rufinus 
In Caput Geneseos de henedictionihus duodecim patriarcharum, 
inhaltlich nichts zu tun haben^). Sie bestehen aus einer Zierseite 
(fol. la, Abb. 18), sieben Kanontafeln (fol. 2a— 5a, Taf. 40^6) 
und einem Ziertitel zu den vier Evangelien (fol. 6a), werden also 
ursprünglich ein Evangelienbuch eingeleitet haben. Trotzdem 
ist es kein bloßer Zufall, daß sie zusammen mit der Rufinus- 
handschrift überliefert sind, denn die beiden Teile sind paläogra- 
phisch und künstlerisch so eng verwandt, daß sie ohne Zweifel aus 
dem gleichen Kunstkreis, vielleicht sogar aus der gleichen Schule 
hervorgegangen sind. Damit ist ein unmittelbarer Anhalt für 
die Lokalisierung der Handschrift gegeben. Sie muß in einem 
Gebiet entstanden sein, in dem neben dem Latein auch grie- 
chisch gesprochen wurde. Ein solcher zweisprachiger Ent- 
stehungsort ist in erster Linie in den graecisierten Teilen der 
italienischen Ost- und Südküste, also in einem italo-byzan- 
tini sehen Kunstkreis zu suchen. 

Aus dem Umstände, daß die Kanontafeln und der Ziertitel 
in griechischer Sprache abgefasst sind, hat man den scheinbar 
selbstverständlichen Schluß gezogen, daß sie einst einem grie- 
chischen Evangeliar zugehört haben. Diese Folgerung ist aber 
nicht unbedingt notwendig. Aus dem gleichen Jahrhundert wie 


^) F. Wickhoff, Die Ornamente eines altchristlichen Codex der Hofbiblio- 
thek (Jahrb. Kunstsamml. Wien XIV, 1893, S. 196—213). H. J. Hermann, Die 
frühmittelalterlichen Handschriften des Abendlandes (Beschr. Verz. Illum. 
Hss. Österr. N. F. I), Leipzig 1923, S. 39 — 42, mit weiteren Literaturangaben. 
H. Gerstinger, Die griechische Buchmalerei, Wien 1926, S. 25 — 26, 31 u. 45. 
R. Kömstedt, Vormittelalterliche Malerei, Ausburg 1929, S. 36, 69 — 90. 

147 


der Wiener Codex stammt ein Evangelienbuch in Mailand, 
Bibli'Oteca Ambrosiana, G 39 in f., bei dem die 
Sektions- und Kanonnummem des Evangelientextes mit griechi- 
schen Buchstaben an den Rand geschrieben sind, obschon der 
Text selbst lateinisch ist^^. Dieses Evangelienbuch, das am 
Anfang unvollständig ist — es fängt mit Mt III, 13 an — , wird 
ursprünglich griechische Kanontafeln als Vorstück besessen 
haben. Dementsprechend is't es keineswegs ausgeschlossen, daß 
umgekehrt die italo- griechischen Kanontafeln in Wien ursprüng- 
lich zu einem lateinischen Evangelienbuch gehört haben. Die 
herangezogene Parallele fällt um so mehr ins Gewicht, als das 
Mailänder Evangeliar und die Wiener Handschrift die gleiche 
Provenienz (Bobbio) haben^) und paläographisch verwandt 
sind''\ Es ist durchaus denkbar, daß sie beide am gleichen Ort 
entstanden sind. 


A. Die textliche Verteilung der Kanone s. 


Die Kanonfolge des Wiener Fragments ist unvollständig. Die 
vierte Kanontafel (fol, 3b) endet mit Kanon III, die darauf 
folgende (fol. 4a) setzt aber mit Kanon X^* ein. Dazwischen 
fehlt also Kanon IV — ^IX. Da fol. 3 und 4 ein zusammenhängen- 
des Doppelblatt ausmachen, wird, wie schon Hermann hervorge- 
hoben hat*\ die Annahme notwendig, daß zwischen ihnen ein 


^) Vgl. die Abbildung bei E. Chatelain, TJncialis scriptura codicum lati- 
norum novis exemplis illustrata, Paris 1901 — 02, Taf. XVII: 2. 

2) Die Provenienz der Wiener Handschrift aus Bobbio ist durch R. Beer, 
Bemerkungen über den ältesten Handschriftenbestand des Klosters Bobbio 
(Anz.Akad.Wien, phil.-hist. Kl. Jg. XL VIII, Nr. 11, Wien 1911, S. 78ff) fest- 
gestellt worden. 

") Vgl. die oben Anm. 1 angeführte Abbildung nach dem Mailänder 
Evangeliar mit den Schriftproben aus dem Wiener Rufinus bei Wickhoff, 
a. a. O., S. 203, Fig. 4 und Taf. XVIII. 

*) H. J. Hermann, Die frühmittelalterlichen Handschriften des Abend' 
landes (Beschr.Verz.Illum.Hss.Österr., N. F. I.), Leipzig 1923, S. 41. 

148 


ganzes Doppelblatt — das Mittelblatt des Quaternio — ausge- 
fallen ist, daß also vier Kanontafeln fehlen. Insgesamt wird 
die Kanonfolge des Wiener Evangeliars aus elf Seiten bestanden 
haben : 


Seite 1 (fol. 2a) 

2 („ 2b) 

3 („ 3a) 

4 („ 3b) 

5 

6 

7 


= Kanon 


I 

(Taf. 40) 

I 

( „ 41) 

II II 

( „ 42) 

II III 

( „ 43) 


IV— IX 


(fehlen) 


9 
10 
11 


4a) = 
4b) = 
5a) = 


X(2)Mt X(l)M.k (Taf. 44) 

X(3)Lk ( ^^ 45) 

X(4)Jh ■ ( „ 46) 


Die Verteiltuig der Kanones auf elf Seiten stellt, so weit ich 
sehe, ein Unikum in der Geschichte der eusebianischen Evange- 
lienkonk'ordanz dar. Dennoch fällt das Wiener Fragment redak- 
tionstechnisch nicht ganz aus der Reihe der griechischen Über- 
lieferung heraus. Denn in der Gliederung der Kanones läßt sich 
im Einzelnen ein enger Zusammenhang mit einem jener mittel- 
byzantinischen Evangeliare erkennen, die wir zur Rekonstruk- 
tion des eusebianischen Archetypus herangezogen haben, mit der 
Handschrift Athos, Lawra A. 23 (vgl. Beilage A). Die 
vier ersten Kanontafeln und die letzte entsprechen einander 
in beiden Handschriften vollständig, die fünfte und sechste 
(ursprünglich neunte und zehnte) Kanontafel des Wiener Frag- 
ments zeigen zusammen genau dieselbe Kolumnengliederung 
wie die siebente der Lawra-Handschrift. Offenbar hat hier der 
Redaktor der Wiener Kanonfolge durch Halbierung einer Ka- 
nontafel zwei gewonnen. Die vier fehlenden Ka[nontaf ein werden 
in der gleichen Weise der fünften und sechsten Kanontafel des 
Lawra-Evangeliars entsprochen haben. Es ergibt sich also, daß 
die elfseitige Kanonfolge des Wiener Fragments auf eine a c h t - 
s e i t i g e zurückgeht, über deren Kolumnengliederung wir am 
besten durch die Kanones von Lawra A. 23 unterrichtet sind. 


149 


Achtseitige Kanonfolgen besitzen wir außer im Lawra-Kodex 
in zwei anderen griechischen Evangeliaren, Venedig gr. I, 8 
und Vatikan Pal. gr. 2. 20 und weiter noch in einer arme- 
nischen Handschrift Jerusalem, Armen. Patriar- 
chalbihl. 2555 (vgl. Beilage A) . Von diesen zeigt die 
letztere keine nähere Verwandschaft mit den übrigen: sie vertritt 
abgesehen von der Verteilung von Kanon II auf zwei Seiten rein 
die eusebianische Originalredaktion^\ Bei den drei griechischen 
Evangeliaren dagegen hat das Hinzutreten einer neuen Seite die 
ganze Kanongliederung beeinflußt. Wir dürfen hier, wie bei der 
Vorlage des Wiener Fragments von einer besonderen a c h t - 
seitigen Variante der kleineren Kanon- 
folge sprechen. 

Den angeführten griechischen Handschriften können wir eine 
lateinische hinzufügen, deren Kanones ebenfalls acht Seiten ein- 
nehmen: das wahrscheinlich in Freising in der ersten Hälfte des 
IX. Jahrhunderts geschriebene Evangelienbuch München, 
Staatsbibliothek, Clm. 6212 (Abb. 17) -'). Diese 
Handschrift ist für die Geschichte der spätantiken Kanontafeln 
von besonderem Interesse, weil sie nach dem Incipittitel zum 
Lukasevangelium (fol. 42a) eine Eintragung bewahrt hat, die 
beweist, daß ihre Vorlage im Auftragung des Bischofs Ecclesius 
von Ravenna (521 — 34) geschrieben wurde"'). Der deutsche Kopist 
hat die Kanonverteilung seiner Vorlage allem Anschein nach 
mit großer Zuverlässigkeit wiedergegeben. Sie weist vor allem 
auf den drei letzten Seiten weitgehende Übereinstimmungen mit 
Lawra A. 23 und Wien cod. 847 auf*). 

Von den Handschriften mit achtseitiger Kanonfolge sind Lawra 
A. 23 und Venedig gr. I, 8 Erzeugnisse der stadtbyzantinischen 


1) Vgl. oben S. 66—70. 

2) Die Kanontafeln befinden sich auf fol. 12a — 15b. 

^) Die Eintragung lautet: „Praecipiente sanctissimo ac beatissimo 
Ecclesio preposito nieo ego Patricius licet indignus Christi famulus 
emendaui atque distinxi." Auf die Handschrift wies mich freundlicherweise 
B. Bischoff hin, der in der noch nicht erschienenen Kingsley Porter Festschrift 
näheres darüber berichten wird. 

4) Vgl. Beilage A. 

150 



Abb. 17: München, Staatsbibliothek, Clm. 6212, fol. 12b (Kanon II). 
Süddeutschland, IX. Jahrh. Kopie nach einer ravennatischen Vorlage. 

Buchmalerei des IX., bzw. des X. Jahrhunderts^ ). Vatikan Pal. 
gr. 220 mag im östlichen Kleinasien entstanden sein, seine 


■'■^ K. Weitzniann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. und 10. Jahr- 
hunderts, Berlin 1935, S. 2 und 15—16. 

151 


Evangelistenbilder verraten aber eine Vorlage aus Konstantino- 
pel^\ Die Vorlage von Clm. 6212 endlich ist im VI. Jahrhun- 
dert in einer Stadt geschaffen worden, die zu dieser Zeit xmter 
stärkstem wirtschaftlichen, kulturellen luid künstlerischen 
Einfluß von Konstantinopel stand. Unter diesen Vorausset- 
zungen wird es erlaubt sein, die achtseitige Variante der kleine- 
ren Kanonfolge der oströmischen Hauptstadt oder — wenn wir 
der Herkunft der Vorlage von Clm. 6212 besonders Rechnung 
tragen wollen — dem Kunstkreis von Byzanz und Ravenna 
zuzuschreiben. Damit gewinnen wir auch einen Anhaltspunkt 
für die nähere Lokalisierung der Wiener Handschrift. Das 
italo-griechische Sprachgebiet, in dem sie geschrieben wurde, ist 
aller Wahrscheinlichkeit nach das Ravennatische^). 

Die Erweiterung 'der Seitenzahl von acht auf elf bei der 
Kanonfolge der Wiener Handschrift läßt das Hineinspielen west- 
licher Tendenzen erkennen. Die lateinischen Kanonfolgen der 
Spätantike unterscheiden sich, wie wir sehen werden, von den 
griechischen u. a. darin, daß sie niemals mehr als vier Ziffem- 
sp alten pro Seite aufweisen. Sie brauchen infolgedessen 
wesentlich mehr Seiten als die griechischen. Bei dem Wiener 
Fragment entsprechen die dritte und vierte Kanontafel mit je 
sechs Ziffernspalten der griechischen Tradition. Daß aber bei den 
übrigen erhaltenen und wahrscheinlich auch bei den verlorenen 
Kanontafeln immer nur drei oder vier Ziffernspalten vorkom- 
men^), verrät eine westliche Beeinflussung, die in der italieni- 
schen Entstehtmg der Handschrift ihre natürliche Erklärung 
findet. 


^) K. Weitzmann, a. a. O., S. 62. Derselbe, Die armenische Buchmalerei 
des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts (Istanb. Forsch. IV), Bamberg 
1933, S. 11—14. 

2) Zur gleichen Annahme ist von anderen Voraussetzungen aus H. J. 
Hermann, a. a. O., S. 39 — 42 gekommen. 

^) Wie viele Ziffernspalten die vier fehlenden Kanonseiten hatten, 
können wir nicht mit absoluter Sicherheit festlegen. Da sie aber wohl wie 
die entsprechenden Kanontafeln in Lawra A. 23 zusammen fünfzehn Ziffern- 
spalten enthalten haben werden, ist nicht anzunehmen, daß eine von ihnen 
mehr als vier Spalten aufwies. 

152 


B. Die K a n o n b ö g e n. 


Die Kanontafeln des Wiener Fragments (Taf. 40 — 46) befol- 
gen insofern griechische Gestaltimgsprinzipien, als die Säulen 
immer nur ganze Textkolumnen einfassen. Ungriechisch, ja 
ohne Parallele überhaupt, sind sie aber durch die Konsequenz, 
mit der sie dieses Prinzip anwenden: die Säulen umschließen 
niemals weniger, aber auch niemals mehr 
als eine Textkolumne. Auf der drittletzten Kanon- 
tafel besteht deshalb die Füllung des rechten Interkolumniums 
aus nur einer Ziffernspalte — der einspaltigen Textkolunme von 
Kanon X^^'^' (Taf. 44) — und das kommt niemals in "echten" 
griechischen Handschriften vor. Da Interkolumnien mit einer 
Ziffernspalte in den lateinischen Handschriften die Regel bilden^), 
weist das Auftreten des einspaltigen Interkolumniums in dem 
Wiener Fragment auf den Westen hin. 

Wenn auch die übrigen Ziffemspalten durchgehend nach grie- 
chischem Muster zu Textkolumnen zusammengefasst sind, so 
bleiben sie doch stärker von einander getrennt als es auf grie- 
chischen Kanontafeln die Regel ist. In dem graphischen Recht- 
ecknetz begrenzen doppelte Vertikallinien jede Einzelspalte. 
Auch die Halbkreisbögen, welche die Überschriften der einzelnen 
Ziffemspalten einrahmen, sind doppelt gezogen und außerdem 
farbig ausgefüllt, so daß sie mit dem Bodenstreifen der Kanon- 
bögen strukturverwandt erscheinen. Auf der zweitletzten Ka- 
nontafel stehen sie sogar in unmittelbarem Verband mit dem 
tektonischen Rahmenwerk (Taf. 45). Man braucht nur eine 
lateinische Kanontafel (etwa die auf Taf. 48) daneben zu 
halten, um sofort einzusehen, daß die streifenhafte Bildung 
dieser Bögen eine Annäherung der Wiener Ka- 
nontafeln an das lateinische Gestaltungs- 
prinzip bedeutet. Wie die anderen bereits hervorgehobenen 
lateinischen Symptome, findet auch dieses in dem italienischen 
Ursprung der Handschrift seine sinnvolle Erklärung. 


^) Über die Gestaltungsprinzipien der lateinischen Kanontafeln vgl. unten 
S. 178—179. 

153 


Die Kanonbögen des Wiener Fragments vertreten zwei ver- 
schiedene Rahmentypen. Diejenigen der beiden ersten und 
letzten Seiten bestehen aus einer einfachen Bogenstellting (Taf. 
40 — 41, 45 — 46), die drei übrigen dagegen aus einer zweiteiligen 
Arkade (Taf, 42 — 44). Jene gehören dem n-, diese dem m- Ty- 
pus an. 

Die Rahmenform des m-Typus ist ims schon von dem euse- 
bianischen Archetypus und von London Add. 5111 her vertraut. 
Zwischen den Kanonbögen dieser Handschriften und denen des 
Wiener Fragments besteht jedoch ein gewisser struktureller 
Unterschied. Während bei jenen alle Säulen gleichartig gestal- 
tet sind, wird bei diesen die Mittelsäule mit kürzeren und ein- 
facheren Basen und Kapitellen und mit stärker ausgezogenem 
Schaft gebildet. Außen- und Mittelsäulen sind m. a. W. als 
Rahmen- und Trennungssäulen differenziert worden. Die 
"offene" Säulen- r e i h e ist zu einer geschlossenen Säulen- 
g- r ti p p e umgedeutet. Die Folge davon ist, daß das Neben- 
einander der gleichartigen Joohbögen, das für die Kanontafeln 
im eusebianischen Archetypus und im Londoner Evangeliar 
bezeichnend ist, teilweise aufgehoben erscheint. Der Kanonbogen 
als ganzer wirkt unteilbarer, einheitlicher. Auch innerhalb der 
Aufrißform bewirkt die DifFerenziertmg der Säulen eine Akzent- 
verschiebung. Obschon die Mittelsäule als Trägerin von zwei 
Bögen eigentlich hätte kräftiger sein müssen als die Außensäu- 
len, ist sie durch die Verlängerung des Schaftes im Gegenteil 
schmächtiger geworden. Die Folge davon ist, daß die Umfas- 
simgsbögen 'optisch stärker auf den Außensäulen lasten. Den 
folgerichtigen Endpunkt dieser Entwicklimg veranschaulichen 
die Kanonbögen des Lawra-Evangeliars, bei denen die Mittel- 
säule ganz verkümmert ist (Taf. 161). 

Die Kanonbögen des m-Typus verraten also schon, daß die 
Stilstufe des Wiener Evangeliars einer völligen Vereinheit- 
lichung der Rahmenform zustrebt. Die Ver- 
wirklichung dieses Zieles bedeutet der n-Typus, der in diesem 
Falle aus der Zerlegung des m-TIypus in seine beiden Hälften 
hervorgegangen ist. Er konnte auf Seiten mit nur einer Text- 
kolumne eingeführt werden. 

So erscheint die Ausdehnung der Kanonfolge auf elf Seiten 

154 


nicht zuletzt stilistisch bedingt. Sie bewirkt, daß der Dualismus 
zwischen der Mehrheit der Textkolumnen und Bogenjoche und 
der Einheit der Buchseite, der für die älteste Entwicklungsstufe 
der eusebianischen Kanpntafeln bezeichnend war, wenn nicht 
gänzlich aufgehoben, doch wesentlich abgeschwächt werden 
konnte. 

Sowohl bei dem m-, wie bei dem n-Typus erscheint die Inter- 
kolumnienb reite durch den Spaltenreichtum der eingefassten 
Textkolumne bedingt. Da dieser zwischen vier Spalten uiid 
einer Spalte wechselt, konnte nicht, wie bei den Kanonbögen 
des eusebianischen Archetypus und des Londoner Fragmentes, 
eine vollständig oder annähernd konstcinte Interkolumnienbreite 
eingehalten w^erden. Gleichzeitig bestand aber die ästhetische 
Forderung, alle Kanonbögen auf gleicher Höhe enden zu lassen. 
Um nun eine Variabilität der Interkolumnienbreite mit einer 
Konstanz der Scheitelhöhe zu verbinden, mußte der obere 
Abschluß der Kanonbögen von Fall zu Fall verschieden gestaltet 
werden. Bei den Interkolumnien mit drei Ziffernspalten hat der 
Umfassungsbogen in der Regel eine reine Halbkreisform (Taf. 
42, 43 — 45). Bei vierspaltigen Textkolunxnen dagegen enthält 
der Umfassungsbogen etwas weniger, bei zweispaltigen wiederum 
etwas mehr als die Hälfte eines Kreises (Taf. 40, 41, 44 — 46). 
Auf diese Weise wurde durch wechselnde Wahl von Segment-, 
Halbkreis- und Hufeisenbögen für eine ausreichende Vereinheit- 
lichung ider Scheitelhöhen gesorgt. Nur bei der einspaltigeii 
Textkolumne der drittletzten Seite war das Interkolumnium zu 
schmal, um überhaupt mit einem Rundbogen von ausreichender 
Höhe gekrönt zu werden. An seiner Stelle mußte ein Dreieck- 
giebel eingeführt werden (Taf. 45). 

Verglichen mit den Kanonbögen des eusebianischen Archety- 
pus zeigen diejenigen des Wiener Fragments eine weitgehende 
Reduktion der dreidimensionalen Werte. 
Die Säulenschäfte sind zu Streifen von konstanter Breite gewor- 
den, an Stelle ider Nachbildimg der Steinkonstruktion ist eine 
atektonische Füllornamentik gleicher Art wie in den Umfas- 
sungsbogen getreten. Die Füllmuster sind noch vornehmlich 
farbig abschattierte Massenornamente, meistens aber ohne 
intensivere Tiefräumigkeit tmd mit reinen Flächenmotiven wie 

155 


der linearen Ranke (Taf, 45) und mosaikartigen Rautenmotiven 
(T!af. 40 u. 46) vermischt. Es ist eine Entwicklung, die schließ- 
lich zu dem völlig entmaterialisierten, "vorkarolingischen" Flä- 
chenstil des Londoner Fragments führt. Da diese Handschrift aller 
Wahrscheinlichkeit nach ins VII, Jahrhundert zu setzen ist, wird 
man die Datierung des Wiener Fragments an das Ende des 
VI. Jahrhunderts heraufrücken müssen^^ 

Eigenartig ist die Besatzornamentik der Wiener 
Kanontafeln. An der Stelle der vegetabilen und zoomorphen 
Motive, die im eusebianischen Archetypus und noch in Add. 
5111 das Aufsteigen der tektonischen Kräfte versinnbildlichen, 
tragen die Wiener Kanontafeln einen Kranz pistillförmiger 
Zacken in miniumbrauner Silhouette, die radial vom Außenrand 
des Umfassungsbogens ausstrahlen. Die nächste Parallele zu 
dieser Verzierungs weise bieten die Bogenrahmen griechischer 
Elfenbeine des VI. Jahrhunderts-). 


1) So auch W. Köhler, Die Denkmäler der karolingischen Kunst in 
Belgien (Belgische Kunstdenkmäler hrsg. v. P. Giemen 1, München 1923, 
S. 21) und R. Kömstedt, Vormittelalterliche Malerei, Augsburg 1929, S. 69. 
Aus paläographischen Gründen möchte dagegen E. A. Lowe, More Facts on 
our Oldest Latin Manuscripts (Class.Quart. XXII, 1928, S. 52 — 53, Nr. 128) 
den lateinischen Teil der Handschrift "sec. V — ^VI" datieren. 

-) Besonders ähnlich der Ädicularahmen des Londoner Elfenbeines mit 
dem Erzengel Michael (O. M. Dalton, Catalogue of the Ivory Carvings of 
the Christian Era, London 1909, Taf. VI). 

156 


C. Die Z i e r s e i t e. 


Das Wiener Evangeliarfragment setzt mit einer Zierseite (Abb. 
18) ein, deren ursprüngliche Stellixng als Anfangsschmuck der 
Kanones dadurch gesichert ist, daß sie zur gleichen Lage gehört 



Abb. 18: Wien, Nationalbibliothek, cod. 847, fol. la. 
Ravenna(?), VI. Jahrh. 


wie diese^). Dargestellt ist ein von gelben Rahmenstreifen 
ximrandeter Schleifenkranz mit verschiedenen symbolischen xuid 
ornamentalen Zusätzen: in der Mitte ein Kreuz, auf den beiden 
seitlich hinausflatternden Schleifen zunächst je ein Pfau, dann 


1) Siehe Wickhoff, a. a. O., S. 202. 


157 


je eine dreiteilige Blütenstaude, ein Motiv, das sich außerdem 
oben rechts und links neben dem Kranz wiederholt. 

Die nächste Parallele zu dieser Zierseite enthält der lateinische 
Teil der Wiener Handschrift, an dessen Anfang ebenfalls ein 
Schleifenkranz steht (Abb. 19). Die Übereinstimmung der bei- 
den Zierseiten geht .so weit, daß sie fraglos aus der gleichen 
Schule stammen müssen; was an Abweichungen vorhanden ist, 
ist nicht mehr, als sich a priori bei Werken zweier Künstler 
erwarten läßt, von denen der eine für eine griechische, der 
andere für eine lateinische Handschrift arbeitet^). 

Eine willkommene Bestätigung imserer Zusamnienordnxmg der 
Wiener Kanones mit der achtseitigen Variante der kleineren 
griechischen Folge finden wir darin, daß ähnliche Zierseiten 
sich noch in zwei weiteren griechischen Handschriften finden, 
die beide eine achtseitige Kanongliederung aufweisen: in 
Athos, Lawra A. 23, fol. 7b (Abb. 2,0) und Vatikan, Pal. gr. 220, 
fol. la (Abb. 21)-). In der ersten Handschrift geht die Zierseite 
wie im Wiener Fragment den Kanones unmittelbar voran, in der 
zweiten steht sie am Anfang des Briefes an Karpianus, was zwei- 
fellos die xirsprünglichere Anordnung darstellt^). 

Endlich lassen sich Nachbildmigen der gleichen Komposition 
noch in einer lateinischen Hanidschrift belegen. Das sog. 
Livinus-Evangeliar im Domarchiv von S. Bavo 
in Gent, das nach Köhler in St. Omer um die Wende des 
Vni. Jahrhunderts entstanden ist*), enthält zu Beginn der 
Matthäus-, Markus- imd Johannesevangelien je eine freie Incipit- 
seite mit einem kreisförmigen Ornamentrahmen, der unten in 


1) Auf die Verschiedenheiten zwischen den beiden Zierseiten, die für 
den Unterschied zwischen griechischem und lateinischem Kunstwollen auf- 
schlußreich sind, kann in diesem Zusammenhang nur hingewiesen werden. 

2) K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. und 10. Jahr- 
hunderts, Berlin 1935, S. 2 und 62 — 63. Derselbe, Die armenische Buch- 
malerei des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts (Istanb. Forsch. IV), 
Bamberg 1933, S. 11—12. 

3) Im Wiener Fragment und, soviel ich sehe, auch in der- Lawra-Hand- 
schrift fehlt der Brief an Karpianus. 

^) W. Köhler, Die Denkmäler der karolingischen Kunst in Belgien 
(Belgische Kunstdenkmäler I, München 1923), S. 12—15, Abb. 10—11. 

158 




Abb. 19 : Wien, Nationalbibl. 847, fol. 7a. 
Ravenna(?), VI. Jahrh. 


Abb. 20: Lawra A. 23, fol. 7b. 
Konstantinopel, IX. Jahrh. 




Abb. 21: Vatikan, Pal. gr. 220, fol. la. Abb. 22. Gent, Livmus-Evangeliar, fol. 144b. 
Kleinasien (?), X. Jahrh. St. Onier, um 800. 


159 


flatternden Tänien mit Blüten an den Spitzen endet (Abb. 22)^\ 
Offenbar ist dieser Titelrahmen, wie schon Köhler hervorgehoben 
hat, einer Zierseite mit Schleifenkranz nachgebildet, wobei es 
nur unsicher bleibt, ob der Übergang von der reinen Zierseite 
als Ajafangsschmuok der Kanones zu den Incipittiteln für die 
Evangelien schon in der spätantiken Vorlage des Livinus-Evan- 
geHars oder erst in diesem vollzogen worden ist-). 

Unter den angeführten Beispielen stßht die Zierseite in Pal. 
gr. 220 (Abb. 21), dem Titelrahmen des Livinus-Evangeliars 
(Abb. 22) am nächsten, w^ährend die beiden Wiener Zierseiten 
am meisten derjenigen in Lawra A. 23 gleichen (Abb. 18 — 20) , 
Bei jenen wird infolge der Unterbrechung des Kreisrahraens 
durch die vertikalen Bänder eine starke Spannung zwischen 
geraden und runden Formen fühlbar^). Die Vertikalstreifen 
selber laufen in Endblüten aus^ an die sich die flatternden 
Tänien als leichte Nebenmotive lose anschließen. Es besteht 
eine klare Scheidung zwischen flächengebundenen struktiven 
Streifenformen und räumlich bewegten textilen Zusatzmotiven. 
Bei diesen gehen die geraden Vertikalstreifen allmählich in die 
bewegten Tänien über. Auch die Spannung zwischen geraden 
und i-unden, zwischen struktiven und textilen Elementen ist 
abgeschwächt. Am weitesten gebt in dieser Beziehung das 
Lawra-Evangeliar, wo sogar die struktiven Randstreifen des 
Kranzes als Flechtwerk behandelt sind. 

Es ist schon von Köhler darauf hingewiesen worden, daß wir 
hier zwei zeitlich verschiedene Stilphasen zu erkennen haben*). 
Die Vorlagen der vatikanischen und Genter Zierseiten vertreten 
die ältere, die anderen die jüngere Entwicklungsstufe. Während 
jene vermutlich dem Anfang oder der ersten Hälfte des VI. 


^) Die entsprechende Incipitseite vor dem Lukas-Evangelium ist nach- 
träglich herausgeschnitten worden. 

-) Die wechselnde ornamentale Füllung der Kreisrahmen besteht aus 
Motiven, die den Umfassungsbögen der Kanontafeln entlehnt wurden. Vgl. 
Abb. 22 mit Taf. 110a. 

3) Vgl. die ausgezeichnete Analyse des Motives bei W. Köhler, a. a. O., 
S. 12—13. 
4) Köhler, a. a. O., S. 21. 

160 


Jahrhunderts angehören, gelangen wir bei dieser eher in die 
zweite Hälfte oder das Ende des Jahrhunderts. Die oben vor- 
geschlagene Datierung des Wiener Fragments wird also durch 
die Betrachtung der Zierblätter durchaus bestätigt. 

Die Zierseite mit Schleifehkranz kommt, abgesehen von dem 
Genter Evangeliar, (das letzten Endes vielleicht auch keine Aus- 
nahme bedeutet), ausschließlich in solchen Handschriften vor, 
deren Vorlagen oder Vorbilder mit Konstantinopel zusammen- 
hängen. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir in der 
Erweiterung der Kanonfolge durch eine dekorative Titelseite 
eine Schöpfung der stadtbyzantinischen 
Buchkunst zu erkennen. 

In diesem Zusammenhang ist nun auch eine weitere Hand- 
schrift heranzuziehen, die als ein Hauptdenkmal der griechisch- 
spätantiken Buchmalerei besondere Beachtung verdient. Das 
Purpurevangeliar der Kathedrale von Ros- 
s a n o , das heute nur ein Fragment darstellt, enthielt ursprüng- 
lich zu Beginn die eusebianische Synopsis, von der aber nur 
zwei Blätter, das eine mit einem Ziertitel (Abb. 23), das andere 
mit der ersten Seite des Briefes an Karpianus (Taf. 47) bewahrt 
sind^). Wie viele Kanontafeln es enthielt xmd wie sie aufgestellt 
waren, ist heute nicht mehr mit Sicherheit auszumachen^). Die 
Tatsache aber, daß die Kanones mit einer dekorativen Titelseite 
einsetzen, läßt wenigstens vermuten, daß sie der achtseitigen 
Variante der kleineren griechischen Folge angehörten. In dieser 
Vermutung bestärkt uns die Verwandschaft, die das Rahmen- 
werk der Titelseite mit dem Schleifenkranz des Lawra-Evan- 
geliars aufweist. In beiden Fällen sind die struktiven Rand- 
leisten des Kreisrahmens um vier Medaillons gewunden, welche 
die Kardinalpunkte des Kreises bezeichnen (Abb. 20 und 23). 


■^) O. V. Gebhardt und A. Harnack, Evangeliorum codex graecus purpureus 
Rossanensis, Leipzig 1880, A. Haseloff, Codex purpureus Rossanensis, Berlin- 
Leipzig 1898, A. Munoz, II codice purpureo di Rossano e il frammento 
Sinopense, Rom 1907. 

^) Wie unendlich viel mehr wüßten wir von der ganzen Geschichte der 
spätantiken Buchmalerei, wenn uns im Codex Rossanensis nur eine einzige 
Kanontafel erhalten geblieben wäre! 


11 


161 


Die gleichzeitig feststellbaren Abweichungen sind darauf zurück- 
zuführen, daß es sich im Lawra-Evangeliar um. eine rein oma- 
mentale Komposition, im Godex Ro&sanensis dagegen um einen 
wirklichen Schriftrahmen handelt. 


M^re&i 


^ 



Abb. 23: Rossano, Kathedralschatz, Codex Purpureus, fol. 5a. 
Konstantinopel(?), VI. Jahrh. 


Der Codex Rossanensis gehört textlich, schriftlich und künstle- 
risch zu einer Gruppe von Purpurcodices, deren Lokalisierung 
umstritten ist^). So viel ist jedenfalls klar, daß die Schule, aus 


^) Außer dem Codex Rossanensis sind es die folgenden Handschriften: 
die Wiener Genesis (Wien, Nationalbibliothek, theol. gr. 31), der Codex 
Sinopensis (Paris, Bibl.Nat., suppl. gr. 1286); der Codex Beratinius, der Codex 
purpureus Caesareensis in Leningrad (mit weiteren Blättern in Rom, London, 
Wien und auf Patmos) und ein zweiter Petropolitanus (Leningrad, Öffentl. 
Bibliothek, gr. 275). 

162 


der sie hervorgegangen sind, die bedeutendste in der griechischen 
Buchkunst des VI. Jahrhunderts gewesen ist. Es fragt sich, oh 
nicht diese Tatsache allein ausreicht, für die betreffende Hand- 
schriftengruppe die oströmische Hauptstadt in Anspruch zu 
nehmen, die ja zu dieser Zeit auf allen Gebieten des kulturellen 
Lebens eine führende Rolle spielte^). Diese Annahme findet in 
der hier dargelegten Beziehung des Codex Rossanensis zu den 
Handschriften der achtseitigen Variante der kleineren Kanon- 
folge von einer neuen Seite eine Bestätigung. 

Ein wertvolles Dokument für die Geschichte der griechischen 
Kanones bildet schließlich auch die erhaltene Prologseite des 
Codex Rossanensis. Sie enthält die erste Hälfte des Briefes cua 
Karpianus, der folglich wie im eusebianischen Archetypus auf 
zwei Seiten verteilt war (Taf. 47). Die kleingeschriebenen Text- 
zeilen bilden einen dichten quadratischen Sohriftspiegel, der 
durch einen breiten Goldstreifen mit symmetrisch aufgelegten 
farbigen Streumustern gerahmt wird. Diese einfache Rahmen- 
form bildet eine wichtige Neuerung in der Geschichte der euse- 
bianischen Kanones. Wir erinnern uns, daß der Prolog im euse- 
bianischen Archetypus von tektonischen Arkadenrahmen einge- 
fasst war, die eine formale Angleichung der Prologseiten an die 
Kanontafeln bewirken (vgl. Taf. 15 — 16). Die zahlreichen spä- 
teren Kopien, in welchen sich diese Rahmenform erhalten hat, 
stellen es auch außer Frage, daß Prolograhmen in Aufrißform 
wenigstens eine Zeitlang die Regel blieben. In den Handschrif- 
ten der im X. Jahrhundert aufgestellten größeren griechischen 
Kanonfolge dagegen erscheint der Brief an Karpianus immer von 
einem reinen Grundrißrahmen eingefasst^^. Der Aufrißrahmen, 
der ja eigentlich schlecht zu dem nicht-tabellarischen Prologtext 


^) Zum Problem der Lokalisierung der griechischen Purpurcodices vgl. 
H. Omont, Notice sur un tres ancien manuscrit grec de l'Evangile de St. 
Matthieu (Notices et extraits des manuscrits de la Bibliotheque Nationale 
XXXVI, 1901, S. 608), A. Munoz, Codex Purpureus Sinopensis (N.Bull.Crist. 
Arch. XII, 1906, S. 233—37), P. Buberl. Das Problem der Wiener Genesis 
C Jahrb. Kunstsamml, Wien, N. F. X., 1936, S. 9—58, bes. S. 45—51) und 
meine eigenen Bemerkungen Zs. Kunstg., VI, 1937, S. 253 — 255. 

^) Einige Beispiele abgebildet bei J. Ebersolt, La miniature byzantine, 
Paris-Brüssel 1926, Taf. XLV. 

163 


passte^^ hat einer zweckmäßigeren Gestaltung weichen müssen. 
Die erhaltene Prologseite des Codex Ilossanene<is zeigt nmi, daß 
der Übergang vom Aufriß- zum Grtmdrißrahmen bereits in der 
Spätantike und zwar spätestens im VI. Jahrhundert^) stattge- 
funden hat. Es ist eine ansprechende Vermutung, daß die neue 
Rahmenform, die für die größere griechische Kanonfolge grund- 
legend wurde, eine Schöpfung der Buchmalerei von Konstanti- 
nopel darstellt. So ist auch ihr erstes Auftreten in einer Hand- 
schrift, die vermutlich in der Haupstadt des Ostreiches ange- 
fertigt worden ist, nicht überraschend. 

Die nächste formale Parallele zu dem Streifenrahmen mit 
Streumustem des Godex Rossanensis bilden die Rahmen der 
Evangelistenbilder im Livinus-Evangeliar^). Diese Handschrift 
steht, wie wir gesehen haben, durch die Zierseiten in Beziehung 
zum Wiener Fragment imd den griechischen Handschriften der 
achtseitigen Variante der kleineren Kanonfolge, die vermutlich 
aus Konstantinopel stammt. Damit schließt sich der Kreis der 
Indizien. Alles spricht dafür, daß sämtliche in diesem 
Kapitel behandelten Denkmäler mittelbar 
oder unmittelbar der Buchmalerei des VI. 
Jahrhunderts in Konstantinopel ihre Ent- 
stehung verdanken. 


1) Vgl. oben S. 95—96. 

2) Die nähere Datierung des Codex Rossanensis ist gegenwärtig umstritten. 
Während die meisten Forscher ihn zusammen mit der Wiener Genesis ins 
VI. Jahrhundert datieren, möchte E. Weigand (Zur spätantiken Elfenbein- 
skulptur, KriuBer. Jg. 1930—31, Heft 2. S. 51 und Byz.Zs. XXVIII, 1928, 
S. 169) ihn erst "um 630" ansetzen. Persönlich bin ich der Überzeugung, 
■daß dieses Datum zu spät ist. 

2) W. Köhler, Die Denkmäler der karolingischen Kunst in Belgien 
(Belgische Kunstdenkmäler hrsg. von P. Giemen I, München 1923, Taf. 2 
und 3, S. 16). 

164 


ZWEITES KAPITEL 


DIE LATEINISCHEN KANONTAFELN 


ZUR EINFÜHRUNG 


Zu Beginn der achtziger Jahre des IV. Jahrhunderts erhielt 
Hieronymus vom Papst Damasus I. den Auftrag, die altlateinische 
Bihelübersetztmg zu verbessern^). Als erste Frucht seiner Be- 
mühtingen konnte er dem Papst noch vor dessen Tode (Dezem- 
ber 384) den revidierten Text der vier Evangelien überreichen^). 
Dieser Ausgabe hat Hieronymus die Kanones des Eusebius in 
lateinischer Übersetzung als Vorstück beigegeben. Canones 
quoque, quos Eusebius Caesariensis espiscopus Alexandrinum 
secutius Ammonium in decem numeros ordinauit, sicut in Graeco 
habentur, expressimus — "auch die Kanones, welche Bischof 
Eusebius von Caesarea im Anschluß an eine Idee des Alexandri- 
ners Ammonius in zehn Tabellen ordnete, habe ich nach grie- 
chischer Vorlage übertragen", heißt es in dem Widmtmgsbrief 


^) über die Bibelübersetzung des Hieronymus — die sog. Vulgata — 
sind außer den einschlägigen Handbüchern der neutestanientlichen Textkritik 
G. Grützmacher, Hieronymus (Studien zur Geschichte der Theologie und 
der Kirche, hrsg. v. N. Bonwetsch und R. Seeberg VI: 3) I, Leipzig 1901, 
bes, S. 215ff., F. Cavallera, Saint Jerome, sa vie et son oeuvre I (Spicile- 
gium sacrum Lovaniense, etudes et documents fasc. 1 — 2), Louvain-Paris 1922, 
S. 82ff. und H. J. Vogels, Vulgatastudien. Die Evangelien der Vulgata unter- 
sucht auf ihre lateinische und griechische Vorlage (Neutestamentliche Ab- 
handlungen herausgegeben von M. Meinertz XIV: 2 — 3) Münster i/W. 
1928 zu vergleichen. Da Hieronymus im Jahre 382 nach Rom übersiedelte, 
pflegt man anzunehmen, daß er in diesem Jahre die päpstliche Auffordcrtuig 
erhielt. Völlig gesichert ist diese Annahme allerdings kaum, da Hieronymus 
schon einige Jahre vorher mit Damasus in Verbindung stand: brieflich 
könnte er die Anregung noch früher erhalten haben. 

2) Aus welchen Gründen E. Nestle, Einführung in das griechische Neue 
Testament, Göttingen 1909, S. 121 und Vogels, o. a. O., S. 6 annahmen, daß 
die Evangelienemendation schon 383 veröffentlicht wurde, ist mir nicht ganz 
klar geworden. 

167 


an Damasus, den er seiner Ausgabe voraus6chickte^). Auf eine 
unmittelbare Übertragung des Briefes an Karpianus scbeint 
Hieronymus dagegen verzichtet zu haben, da nämlich schon der 
Widmungsbrief an Damasus die nötigen Anweisungen zum 
Gebrauch der Kanones enthält^). 

Die Kanonübersetzung des Hieronymus ist nur in weni- 
gen vormittelalterlichen Kopien überliefert. Von den spätanti- 
ken Vulgata-Evangeliaren enthält nur eines Kanontafeln — die 
gegen Ende des VI. Jahrhunderts enstandene Handschrift 
London, British Museum, Harl. 1775 (cod. Z) 
(Taf. 84 — 101 )^\ Dazu kommt noch das Fragment eines bis auf 
vier Kanonseiten verschollenen spätantiken Evangelienbuches, 
das, in einem ottonisohen Sakramentar eingeheftet, bis vor kurzem 
der Aufmerffcsamkeit der Forschung entgangen war : Vatikan, 


^) Kritische Ausgabe in Testamentum novum Domini nostri Jesu Christi 
latine secundum editionem S. Hieronymi ad codicum manuscriptorum fidem 
recensuerunt J. Wordsworth et H. S. White, Oxford 1889—98, I, S. 1 — 4. 

2) Vgl. Dom D. de Bruyne, La preface du Diatessaron latin avant Victor 
de Capoue (Rev.Bened. XXXIX, 1927, S. 6). Die Art, wie Hieronymus die 
eusebianische Erfindung seinen Lesern vorstellt, ist, wie Nestle, a. a. O., 
S. 107 — 08 hervorhebt, geeignet, den Eindruck zu erwecken, als wäre er 
der erste gewesen, der sie in lateinischer Sprache veröffentlichte: und jeden- 
falls müssen wir ihm Glauben schenken, daß er sie einer griechischen Vorlage 
unmittelbar entlehnte. Immerhin gibt es Anzeichen dafür, daß die Kanones 
schon vor Hieronymus ins Lateinische übertragen worden waren. Einige 
altlateinische Handschriften wie der Codex Veronensis, Verona, Biblioteca 
Capitulare, VI (cod. b) und der Codex Sangermanensis, Paris, Bibliotheque 
Nationale, lat. 11553 (cod. g), tragen nach Nestle die eusebianischen Sefctions- 
nummern am Rand des Textes, ohne daß ihre Einfügung notwendigerweise 
auf eine Beeinflussung durch die Vulgata zurückzuführen wäre. Dann hat 
Dom de Bruyne, a. a. O., S. 5 — 11, auf eine lateinische Kanonredaktion auf- 
merksam gemacht, welche die Tabellen um ein kurzes Inhaltsverzeichnis zu 
jeder Ziffernzeile erweitert, das auf einem altlateinischen Evangelientext 
beruht. Für die vorliegende Untersuchung ist jedoch die vorhieronymia- 
nische Kanonübersetzung von keinem größeren Interesse, da sie, soweit wir 
sehen können, keine künstlerische Einrahmung hatte, was vielleicht damit 
zusammenhängt, daß in ihr die Tabellen mit erläuternden Textzeilen zusam- 
mengestellt waren. Kanonbögen begegnen uns nur in Vulgata-Handschriften. 

3) Ich sehe hier von dem um die Mitte des VIII. Jahrhunderts in Süd- 
italien geschriebenen Evangelienbuch London, Brit.Mus. Add. 5463 ab, von 
dessen Kanontafeln unten S. 177 — 178 zu sprechen sein wird. 

168 


Bibliteca Apostolica, Vat. lat. 3806, f ol. 
1 — 2 (Taf. 48 — 51^). Auf Grund dieser beiden Denkmäler, die 
verschiedene Kananredaktionen enthalten, allein läßt sich die 
spätantike Geschichte der lateinischen Kanones nicht aufklären. 
Wir müssen hier wie bei den griechischen Kanontafeln die 
frühmittelalterlichen Kopien zur Hilfe her- 
anziehen. 

Eine Untersuchung der frühmittelalterlich-lateinischen Haad- 
schriften in Bezug auf die Seiten- und Kolumnenverteilung ihrer 
Kanones ergibt, daß im wesentlichen drei verschiedene 
Redaktionen die Überlieferung beherrschen (siehe Beilage 
B — C). Die erste dieser Redaktionen wird dadurch gekennzeich- 
net, daß sie die Kanones auf zwölf Seiten verteilt (Beil. 
B) . Wir wollen sie die kleinere lateinische Ka- 
non f o 1 g e nennen. Die beiden anderen Redaktionen benut- 
zen beide sechzehn Seiten, tmterscheiden «ich aber in 
der Kolunmenverteilung (Beil. C). Wir wollen sie die erste, 
bzw. die zweite größere lateinische Kanon- 
folge nennen. 

Die kleinere Kanonfolge ist die häufigste : zu ihr gehört 
die große Mehrzahl der mittelalterlichen Handschriften. Daß 
sie bereits in spätantiker Zeit bestand, beweist das vatikanische 
Fragment. Von den beiden Blättern dieser Handschrift enthält 
das eine den ganzen Kanon I auf zwei Seiten geschrieben. Diese 
Aufteilung ist die Regel in der kleineren, und in der zweiten 
größeren Kanonfolge. Das zweite Blatt bringt auf der einen 
Seite die Kanones X^'^ und X^'*^ in insgesamt vier Kolumnen, 
auf der anderen Seite Kanon X^^^ in drei Kolunmen. Diese Ver- 
teilung ist wiederum nur der kleineren Kanonfolge eigen. Das 
Fragment gehörte folglich einer Handschrift mit Kanones der 
kleineren Folge an. 

Die erste größere Kanonfolge steht im Hinblick auf 
ihre Häufigkeit an zweiter Stelle. Da die Kanones im Londoner 
Evangeliar Harl. 1775 eine Variante dieser Folge darstellen 


^) Vgl. C. Nordenfalk, Vier Kanonestafeln eines spätantiken Evangelien- 
buches (Göteb.Vitt.Samh.Handl., V. Folge, Ser. A, Bd. 6, Nr. 5), Göteborg 
1937. 

169 


dürften, ist auch sie mit großer Wahrscheinlichkeit unmittelbar 
auf die Spätantike zurückzuführen^ \ 

Von der zweiten größeren Kanonfolge, die am 
seltensten zu belegen ist, sind nur mittelalterliche Beispiele erhal- 
ten. Die ältesten Handschriften stammen aus dem Anfang des 
IX. Jahrhunderts. Es ist nicht anzunehmen, daß sie auf spät- 
antike Zeit zurückgeht. Für diese Untersuchung kommt sie 
daher nicht in Frage. Ich hoffe die für den Ursprung der 
Kanonbögen mit Evangelistensymbolen wichtige Folge bei ande- 
rer Gelegenheit behandeln zu können. 


1) Vgl. unten S. 20,8ff. 
170 


I. DIE KLEINERE KANONFOLGE 


A. Die textliche Verteilung der Kanone s. 


Die Rekonstruktion der KolumnenverteilTUig im Archetypus 
der kleineren Kanonfolge kann kaum als ein Problem bezeichnet 
werden. Wie Beilage B unmittelbar veranschaulicht, isind bei 
den Kopien nur in seltenen Fällen kleinere Variationen in Zahl 
und Ordnung der Kolumnen festzustellen. Die meisten und 
besten Kopien haben die ursprüngliche Redaktion unverändert 
beibehalten. Die einzige Altemartive, die wir näher zu erörtern 
haben, ist, ob auf der netuiten Kanonseite der hier beginnende 
Kan'on VI auf die rechte Textkolumne der Seite übergriff oder 
mit der linken endete. 


entweder: 

oder: 

VI 

VII 

VI VII 

VI 

VIII 

VIII 


Abgesehen davon, daß von diesen beiden Varianten die erste 
von den kunsthistorisch wichtigsten Kopien bevorzugt wird, 
erhellt die Priorität dieser Gliederung immittelbar aus der Tat- 
sache, daß infolge der Länge von Kanon VI nur sie ein wirk- 
liches Gleichgewicht zwischen der linken und der rechten Text- 
kolumne schaff t^\ Der Archetypus der kleineren lateinischen 


^) Die Sektionsnummern der linken und die der rechten Textkolumne 
verhalten sich in der ersten Variante wie 40 zu 28, in der zweiten dagegen 
wie 48 zu 20^ wobei in beiden Fällen zu den Sektionsnummern der rechten 
Textkolumne noch die Explicit-Incipittitel der drei Kanones kommen. Dass 
die Schreiber als sie den ganzen Kanon VI in das linke Interkolumnium 
unterzubringen versuchten, nicht mit dem Platz auskamen (vgl. Taf. 59b), 
weist ebenfalls darauf hin, das die zweite Variante eine nachträgliche 
Verschlechterung ist. 

171 


Kanonfolge muss also folgendermassen aufgeteilt gewesen sein: 
1 Seite: Kanon I 


2 

?? 

5? 


I 

3 

5? 

95 


II 

4 

?? 

55 


II 

5 

?? 

• 55 


II 

6 

5? 

55 


III 

7 

55 

55 


IV 

8 

5? 

55 

V 

V 
VI 

9 

?? 

55 

VI 

VII 
VIII 

10 

5? 

55 

IX 

X(2)Mt 

11 

57 

55 

X(l)Mk-X(3)Lk 

12 

5? 

95 


X(4)Jt 


Diese Kanonfolge zeigt im Vergleich mit den griecMschen 
(Beil. A) einen auffälligen Unterschied: die lateinische Glieder- 
ung fordert einen wesentlich größeren Raum. Selbst die größere 
griechische Folge ist zwei Seiten kürzer als die kleinere lateinische, 
der kleineren griechischen wiederum genügt beinahe die halbe 
Seitenzahl der lateinischen. Dementsprechend weist die einzelne 
Seite in der lateinischen Kanonfolge durchweg weniger Zif- 
femspalten auf als in den griechischen Serien. Sechs bis neun 
Ziffemsp alten pro Seite ist bei den. griechischen Kanontäfeln die 
Regel, bei den lateinischen dagegen nur drei bis vier. Folglich ist 
auch die Anzahl der Textkolumnen pro Seite in der lateinischen 
Kanonfolge wesentlich geringer als in den griechischen. Kanon 
I z. B. ist sowohl in der kleineren griechischen wie in der klei- 
neren lateinischen Folge in zwei Textkolumnen aufgeteilt. 
Während aber diese in der griechischen Folge in der Regel auf 
einer einzigen Seite zusanümengestellt sind, ist ihnen in der latei- 
nischen Folge je eine Seite eingeräumt. An sich bedeutet die 
Gliederung und Gruppierung der Kanontabellen auf so und so 
viele Seiten schon ein kompositionelles Moment. Je weniger 
Seiten, desto schwieriger die Gruppierung imd umgekehrt. Für 
die kleinere griechische Folge ist eine sehr straffe Komposition 


172 


charakteristisch. Von der kleineren lateinischen Folge dagegen 
läßt sich sagen, daß sie im Vergleich mit der griechischen eine 
verhältnismäßig lockere Komposition aufweist. 


B. Die Kanonbögen. 


Vorbemerkung. 

Während die Handschriften der kleineren Kanonfolge in der 
Seiten- und Kolumnenverteilung so gu|t wie vollständig miteinan- 
der übereinstimmen, zerfallen sie den Typen ihrer Kanonbögen 
nach in zwei klar getrennte Gruppen. Die eine wird dadurch 
gekennzeichnet, daß bei ihr die Kanontafeln von einem großen 
Umfassungsbogen gekrönt werden, der eine Reihe von kleineren 
Verbindungsbögen umfasst. Diesem Rahmentypus begegnen 
wir in dem spätantiken Fragment der. Vaticana (Taf. 48 — 51) und 
in der Mehrzahl der mittelalterlichen Kopien der kleineren 
Kanonfolge (vgl. Taf. 58 — 83) . Für die zweite Gruppe wiederum 
ist bezeichnend, daß die Säulen nicht Bögen, sondern gerades 
Gebälk tragen (Taf. 161 — 167), so daß man hier nur in über- 
tragenem Sinn von Kanonbögen sprechen kann. Schließen in der 
ersten Gruppe die Interkolumnien halbkreisförmig ab, so werden 
sie in der zweiten Gruppe geradlinig abgegrenzt. Wir können jene 
Rahmenform den Bogen-, diese den G e b ä 1 k t y p u s nen- 
nen. Während also die Handschriften der kleineren Kanonfolge 
in der Textverteilung von einheitlicher Abstammung .sind, setzen 
ihre Kanonbögen zwei verschiedene Archetypen 
voraus. Von dem ersten dieser Archetypen ist a priori anzu- 
nehmen, daß er mit dem Archetypus der Text- 
verteilung gleichzeitig ist. In dem zweiten haben 
wir eine Neuredaktion des Rahmenwerkes 
unter Bewahrung der ursprünglichen Text- 
Verteilung zu erblicken. 

Es fragt sich somit, welcher von den beiden Rahmentypen der 
ursprünglichere ist. Von dem Gebälktypus besitzen wir nur 

173 


mittelalterliche Beispiele, die ältesten aus dem Anfang des IX. 
Jahrhunderts^). A priori besteht also die Möglichkeit, daß dieser 
Typus eine karolingische Neuschöpfung darstellen könnte. Bei 
dem Bogentypus dagegen ist der spätantike Ursprung durch das 
vatikanische Fragment unmittelbar erwiesen. Es empfiehlt sich 
deshalb, zuerst die Überlieferung dieses Rahmentypus zu unter- 
suchen. 


1. Der Bogentypus. 

a. Die Handschriften. 

Unter den Handschriften mit Kanontafeln vom Bogentypus ist 
an erster Stelle das spätantike Fragment der Vaticana anzu- 
führen : 

1) Vatikan, Biblioteca Apostolica, Vat. 
1 a t. 3 8 6, f o 1. 1—2. 

Das einst zu einem Evangelienbuch des VI. Jahrhunderts 
gehörende Doppelblatt ist seit inibekannter Zeit in ein 
Sakramentar eingebmiden, das für das Kloster Fulda um 
das Jahr 1000 geschrieben wurde^^. Es enthält auf den 
beiden ersten Seiten Kanon X^^ — jh (Taf. 50 — 51) und 
auf den beiden letzten den ganzen Kanon I (Taf, 48 — 49) . 
Die Voranstellung des letzten Kanons beruht darauf, daß 
das Blatt beim Einheften falsch gefaltet wurde. 
Außer diesem Fragment finden sich Kanontafeln vom Bogen- 
typus in einer großen Anzahl mittelalterlicher Handschriften, 
deren älteste und wichtigste folgende sind: 

2) Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 25 6, 

Die um 700 entstandene, mit Kanontafeln und Initialen 
ausgestattete Evangelienhandschrift fehlt in Zimmermanns 


1) Siehe unten S. 195 ff. 

2) C. N., Vier Kanonestafeln eines spätantiken Evangelienbuches (Göteb. 
Vitt.Samh.Handl., V, Folge, Ser. A, Bd. 6, Nr. 5) Göteborg 1937, S. lOff. mit 
Anführung der älteren Literatur. 

174 


Corpus der vorkarolingischen Miniaturen^\ Ihre text- 
liche ixad ornamentale Verwandschaft mit dem 699 datier- 
ten, aus Fleury stammenden Hieronymus der Bemer 
Stadtbibliothek (cod. 219)^) gestattet uns, auch das Evan- 
geliar nach Fleury zu lokalisieren. Es enthält am Anfang 
(fol. la — 6a) (Taf. 59) eine Kanonfolge, deren erste Tafel 
verloren gegangen ist. Die beiden letzten Kanonbögen 
sind ohne Text geblieben. 

3) Trier, D o m b i b 1 i o t h e k cod. 61/134. 

In dem im Domschatz aufbewahrten Evangeliar, das um 
die Mitte des VIII. Jahrhunderts in einem "merovingi- 
sehen" Scriptorium angefertigt wurde, sind die den Evan- 
gelien vorangehenden Stücke mid Miniaturen von der 
Hand eines insnlareu Schreibers und Künstlers Thomas, 
der sich auf fol. 5b und IIa mit seinem Namen genannt 
hat=^). In der Kanonfolge, fol. 10a— 14b (Taf. 74—83), 
fehlt zwischen fol. 13 xind 14 ein Blatt, auf dem -die Kano- 
nes VI bis X^* enthalten waren. 

4) Vatikan, Biblioteca Apostolica, Vat. 
lat. 54 6 5. 

Ein in Italien, vermutlich in Rom um die Wende des 
VIII. Jahrhunderts geschriebenes Evangeliar mit vollstän- 
diger Kanonfolge, fol. 5a— 10b (Taf. 58)*). 

5) Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 
88 5 0. 

Codex Aureus aus St. Medard in Soxssons,. ein Werk der 


^) E. H. Zimmermann, Vorkar olingische Miniaturen, Berlin 1916. Abbild- 
ungen der Handschrift schon bei Auguste Comte de Bastard, Peintures et 
ornements de manuscrits, Paris 1835, PL 11 — 12. (L. Delisle, Les collections 
de Bastard d'Estang, Noyent-leRotrou 1885, S. 235.) 

^) Zimmermann, a. a. O., S. 59 u. 181, Taf. 75. Zu Unrecht bezweifelt 
Zimmermann die Gültigkeit der Eintragung, aus der sich die Datierung der 
Handschrift ergibt. 

3) E. H. Zimmermann, a. a. O., S. 126—30, 281—85 und Taf. 267—79. 
Die Zweifel Zimmermanns an der Identität des Schreibers Thomas mit dem 
Maler und Schreiber der Kanontafeln scheinen mir nicht begründet. 

*) E. A. Lowe, Codices latini antiquiores, Oxford 1934, I, Nr. 24. 

175 


Ada-Schule^). Die Handschrift läßt sich mit einem Evan- 
gelienbuch identifizieren, das Ludwig der Fromme und 
seine Gemahlin zum Osterfest 827 dem. Abt Angilbert 
überreichten^). Da Angilbert gleichzeitig mit dem Evan- 
geliar metallene Prachtgeräte erhielt, die aus dem Nachlaß 
Karls des Großen stammten, besteht die Möglichkeit, daß 
auch die Handschrift, das prachtvollste tuiter den bewahr- 
ten Werken der Ada-Schule, ursprünglich im Besitz Karls 
des Großen gewesen ist. Aus stilistischen Gründen scheint 
eine Datierung des Evangeliars vor 827 wahrscheinlich zu 
sein. Der Codex enthält fol. 7a — 12b (Taf. 72 — 73) eine 
vollständige Kanonfolge. 

6) Le Puy, Bibliotheque du Chapitre, 
B i b e 1 s. n. 

7) Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 
9 3 80. 

Die beiden Zwillingshand&chriften stellen Prachtausga- 
ben der Bibelrezension dar, die Bischof Theodulf von 
Orleans am Anfang des IX. Jahrhimderts ausführte^). 
Beide haben vollständige Kanonfolgen, die Bibel zu Le 
Puy auf fol. 249b— 255a (Taf. 60—61), die Pariser Bibel 
auf fol. 248a— 255b (Taf. 62—63). 

8) London, British Museum, Harl. 279 5. 

Die Handschrift, ein Evangeliar aus dem ersten Drittel 
des IX. Jahrhimderts*), ist mit Purpurtinte geschrieben. 


^) E. Fleury, Les manuscrits ä miniatures de la bibliotheque de Soissons, 
Paris 1865, S. 3—47. Die Trierer Ada-Handschrift, Leipzig 1889, S. 89—91, 
Taf. 31 — 34. A. Boinet, La miniature carolingienne, Paris 1913, Taf. XIX — 
XXI. A. Goldschmidt, Die deutsche Buchmalerei, Firenze-München 1928, I, 
S. 41 — 42, Taf. 31 — 34. Aufnahmen aller Miniaturen bei der Firma G. Bouan, 
11 — 13 Rue des Arquebusiers, Paris III^, 

-) Fleiury, a. a. O., S. 5 — 6. 

^) L. Delisle, Les Bibles de Theodulfe (Bibliotheque de l'ßcole des 
chartes XL, Paris 1879, S. 5^ — 47). A. Boinet, La miniature carolingienne, 
Paris 1913, Taf. XXVI. Dom H. Quentin, Memoires sur V etahlissement du 
texte de la Vulgate {Coll.Bibl.Lat. VI), Paris-Rom 1922, S. 249—66. 

*) E. G. Miliar, Souvenir de Vexposition de manuscrits frangais ä pein- 
tures organisee ä la Grenville library en janvier-mars 1932 (Publications de 

176 


Die schöne Minuskel erinnert an die Schrift der mit Lupus 
von Ferrieres in Zusammenhang gebrachten Miszellen- 
handschrift, Vatikan, Vat. lat. 4929^^ Man wird daher 
die Handschrift nach Ferrieres oder nach einem benach- 
barten Kloster (Fleury, Orleans?) lokalisieren können. 
In der Kanonfolge fol. 9a— 12b (Taf. 64—71) fehlt vor 
und hinter fol. 12b je ein Blatt, jenes mit den Kanones 
IV— V, dieses mit Kanon X^k-Jh. 

Den angeführten acht Handschriften, deren Kanones sämtlich 
die kleinere lateinische Folge vertreten, ist ein vom redaktions- 
technischen Standpxmkt vereinzeltes Stück anzuschließen: 

9) London, British Museum, Add. 546 3. 

Die Handschrift, ein EvangeHenbuch, enthält am Ende 
(fol. 239b) die Subscriptio: Praecepto pii patris Atoni 
ohtemperans exiguus monachus Lmpus beati Hieronind 
labore translatum evangeliorum scripsi librum nam ceu 
quattuor etc. Da verschiedene Seiten spätere Eintragungen 
in beneventanischer Schrift aufweisen, pflegt man den in 
der Subscriptio genannten Ato mit einem Abt dieses 
Namens zu identifizieren, welcher dem Kloster S. Vin- 
cenzio al Volturno bei Benevent 736 — 60 vorstand^\ 

Die Kanontafeln dieser Handschrift (fol. Ib — 4b, Taf. 
52 — 57) werden durch eigenartige Unregelmäßigkeiten in 
der Verteilung der Tabellen gekennzeichnet. Die erste 
Kanontafel enthält in fünf Kolunmen — eine für die euse- 
bianische Konkordanz von vornherein unmögliche Glie- 
derung! — den ganzen Kanon I (Taf. 52), die zweite 
Tafel in ähnlicher Weise den ganzen Kanon II (Taf. 53). 
Drei Kanonbögen von je vier Interkolumnien nehmen 


la Societe franqaise de reproductions de manuscrits ä peintures XVII) , Paris 
1933, S. 4, Taf. I. 

^) Näheres über diese Handschrift bei L. Traube, Untersuchungen zur 
Überlieferungsgeschichte römischer Schriftsteller (Sitz.Ber.Münch., philos- 
philol. KL, Jg. 1891, S. 387ff.). 

^^ Catalogue of Ancient MSS. in the British Museum, Part II, Latin, 
London 1884, S. 18 Taf. 7. E. A. Lowe, Scriptura Beneventana, Oxford 1929, 
PL 4. Derselbe, Codices latini dntiquiores II, 1935, Nr. 197 (mit weiteren 
Lileraturangaben) . 

12 177 


dann den Rest der Kanontabellen auf (Taf. 54 — 56). Der 
Schreiber hat auf diese Weise weniger Seiten verwertet, 
als der Maler vorausgesehen hatte: zwei Kanonbögen (von 
sieben!) sind am Ende leer geblieben (Taf. 57). Es ist 
von vornherein klar, daß eine solche systemlose Zusam- 
mendrängung der Konkor danztab eilen auf möglichst 
wenige Seiten ebensogut von einer sechzehnseitigen, wie 
von einer zwölfseitigen Kanonredaktion aus erfolgt sein 
kann. Die Kanonbögen der Handschrift weisen aber eine 
nähere Verwandschaft mit dem Vatikanischen Fragment 
(Taf. 48 — 51) auf als mit irgendeiner Handschrift der 
größeren Kanonfolgen, so daß sie vermutlich nach einer 
Handschrift der kleineren Folge kopiert worden sind. 
Unter diese Voraussetzung sind wir berechtigt, die Kanon- 
bögen der Londoner Handschrift bei der Rekonstruktion 
des Archetypus mit zu berücksichtigen. 
Unsere nächste Aufgabe ist nun, durch vergleichende Analyse 

der so zusammengestellten Kopien ihre gemeinsame Quelle zu 

rekonstruieren. 


b. Die struktive Gestaltung des Rahmenwerkes. 

a- Die Kanontafeln als Grundrißform. 

Der Übergang zu einer geringeren Anzahl von ZifFernsp alten 
pro Seite hat in der kleineren lateinischen Kanonfolge zu einem 
Rahmenprinzip geführt, das von dem griechischen abweicht. 
Während nämlich in den griechischen Kanontafeln die Säulen 
wenn überhaupt, so nur zu Trennung ganzer Textkolumnen ver- 
wendet werden, ist es bei den lateinischen die Regel, daß die 
ZifFernsp alten durch Säulen getrennt sind, so daß jedes 
Interkolumnium nur eine Ziffernspalte enthält. 
Ein Vergleich zwischen der ersten Kanontafel in Add. 5111 (Taf. 
2 ) und der entsprechenden Kanontafel xn\ vatikanischen Fragment 
(Taf. 48) wird das Gesagte sofort verdeutlichen. Auf der griechi- 
schen Kanontafel stehen alle vier ZifFernsp alten einer Textko- 
lumne innerhalb desselben Interkolumniums. Die Zwischensäule 

178 


dient nur dazu, die beiden Textkolumnen auseinanderzuhalten, in 
die der Kanon auf dieser Seite aufgeteilt ist; auf der lateinischen 
Känontafel dagegen haben die Zwischensäulen die Funktion, 
die vier ZifFernsp alten einer Textkolumne von einander abzutren- 
nen. Während also auf der griechischen Kanontafel vier ZifFem- 
spalten auf eine Säule kommen, alterniert auf der lateinischen 
je eine Ziffernspalte mit je einer Säule. Die gleiche Rahmen- 
struktur wie im vatikanischen Fragment finden w^ir in Add. 5463 
und in den angeführten mittelalterlichen Kopien (Taf. 52fF). 
Es ist keine Frage, daß wir es hier mit einem Kennzeichen des 
Archetypus zu tun haben. 

Die Rekonstruktion der Kolunmenverteilung der kleineren 
Folge^) lehrt uns unmittelbar, daß in dieser die Kanonseiten 
bald vier, bald drei Ziflfernsp alten hatten. Vier Ziffern- 
spalten zeigten die beiden ersten und die achte bis elfte Kan'on- 
seite, drei die übrigen. Unter diesen Umständen werden jene 
Seiten Kanonbögen mit vier, diese Kanonbögen mit drei Inter- 
kolumnien gehabt haben. Der Archetypus wird also Kanon- 
bögen von zwei Typen aufgewiesen haben, einen vierteiligen 
Typus tmit fünf und einen dreiteiligen mit vier Säulen. Diese 
Rekonstruktion wird durch idas spätantike Fragment der 
Vaticana und die meisten mittelalterlichen Kopien bestätigt^^ 
Nur das Trierer Evangeliar bildet eine Ausnahme,, indem hier 
sämtliche Kanonbögen vier Interkolumnien und fünf Säulen 
haben, wobei das vierte Interkolumnium einfach leer gelassen 
wird (Taf. 74 — 83), sobald die Textkolumnen nur aus drei Ziffem- 
spalten bestehen^). Es ist ohne weiteres klar, daß diese unelas- 


1) S. 172. 

^) Eine zufällige Verirrung bedeutet es, wenn der letzte Kanonbogen in 
der Bibel zu Le Puy vier- statt dreiteilig ist. Die ursprüngliche Dreizahl 
hat sich aber in der Pariser Bibel erhalten. 

^) Das Festhalten am vierteiligen Rahmentypus, auch wo das Schriftbild 
nur aus drei Ziffernspalten besteht, hat offenbar den Zweck, eine einheit- 
liche Spannweite des Umfassungsbogens bei sämtlichen Kanontafeln durch- 
zuführen. Diese Vereinheitlichung wird im Trierer Evangeliar dadurch 
gefordert, daß die Umfassungsbögen auf der IVIitte ein großes Rundbild mit 
Apostelbüste tragen, welches bei Kanonbögen mit nur drei Interkolumnien 
(und entsprechend reduziertem Umfassungsbögen) unmäßig schwer wirken 

179 


tische Rahmenstruktur einen Sonderfall darstellt, der für die 
Rekonstruktion des Archetypus ausscheidet. 

Sowohl bei den Kanonbögen mit vier, wie bei denen mit drei 
Interkolumien besteht der Oberbau teils aus einer Reihe von 
kleineren Verbindungsbögen, welche die einzelnen Literkolum- 
nien überspannen, teils aus einem großen Umfassungsbogen, der 
über alle Interfcolunmien hinübergreift (Taf. 48 — 83)^). Es han- 
delt sich also um eine Kombination des m- und des 
n - T y p u s zu einem einzigen Rahmensystem. Dieser Kom- 
binationstypus, den wir bei der vollständigen Übereinstimmung 
der Kopien auch für den Archetypus in Anspruch nehmen 
dürfen, ist kaum eine Erfindung der lateinischen Buchmalerei. 
Wir haben ihn schon in den armenischen Kopien der kleineren 
griechischen Kanonfolge kennen gelernt^) und werden ihm noch 
einmal in einer syrischen Handschrift des VI. Jahrhimderts be- 
gegnen^). Trotzdem er in griechischen Handschriften erst im 
Mittelalter zu belegen ist, ist es a priori wahrscheinlich, daß er 
ursprüiigUch von der griechischen Buchmalerei geschaffen und 
von ihr aus auf die syrischen und lateinischen Kanontafeln 
übertragen wurde. Vielleicht hätten die Kanontafeln des Codex 
Rossanensis die entscheidende Bestätigung gebracht, wenn sie 
erhalten geblieben wären. 

Der Gebrauch des übergreifenden Umfassungsbogens in Ver- 
bindung mit dem Wechsel der Interkolumnienanzahl hat der 
Dimensionierung der lateinischen Kanontafeln eine besondere 
Problematik auferlegt, die von den Kopisten verschieden gelöst 
wird. Im «pätantiken Fragment der Vaticana (Taf. 48 — 51) ist 


würde. Übereinstimmend sind die ebenfalls vorkarolingisch-insularen Kanon- 
tafeln gestaltet, die im Evangeliar zu Maeseyck eingeheftet sind (E. H. 
Zimmermann, Vorkar olingische Miniaturen, Berlin 1916, Taf. 319a, 320d-g). 
^) Die Theo dulf -Bibeln zeigen bei den vierteiligen Kanontafeln eine 
Erweiterung dieses Bogensystems, indem hier noch eine zweite Reihe von 
Verbindungsbögen je zwei Interkolumnien überspannen (Taf. 60 u. 63). 
Ich möchte bei dieser mehrfach übergreifenden Form den Einfluß einer 
insularen Vorlage vermuten; vgl. z. B. die dem Evangeliar von Maeseyck 
beigehefteten Kanontafeln (Zimmermann, a. a. O., Taf. 319a u. 320d-g). 

2) Vgl. oben S. 77. 

3) Vgl. Taf. 130—148. 

180 


die Breite der laterkolumiiien und damit auch die Spannweite 
der kleinen Verbindungsbögen auf allen Kanontafeln konstant. 
Die Folge davon ist, daß die Gesamtbreite der Kanontafel, bzw. 
die Spannweite des großen Umfassungsbogens, bei der dreitei- 
ligen Kanontafel (Taf. 51) um ein Viertel schmäler ist, als bei 
den vierteiligen (Taf. 48 — 50). Konstante Breite der 
Interkolumnien bei variabler Breite des Um- 
fassungsbogens ist das Dimensionierungsprinzip dieser 
Kanontafeln. 

In dem Evangeliar aus Soissons (Taf. 72 — 73) tind in dem 
Harley-Codex (Taf. 64 — 71) dagegen ist die Gesamtbreite der 
Kanonbögen auf allen Seiten konstant. Dies ist nur dadurch 
möglich geworden, daß man bei den dreiteiligen Kanontafeln 
den Abstand zwischen den einzelnen Säulen entsprechend erwei- 
terte. Variable Breite der Interkolumnien 
bei konstanter Breite des Umfassungs- 
b o lg e n s ist das Dimensionierungsprinzip dieser Kanontafeln. 

Das gleiche Dimensionierungsschema wie in dem spätantiken 
Evangeliarfragment kehrt in Paris lat. 256 (Taf. 59) und in Val. 
lat. 5465 (Taf. 58) wieder. Auch den Kanontafeln des Evan- 
geliars aus S. Vincenzo al Voltumo (Taf. 52 — 57) liegt es zu- 
grunde, nur daß es bei diesen nicht auf vier- oder dreiteilige, 
sondern auf fünf- oder vierteilige Arkadenrahmen angewandt ist. 
Die Kanonbögen der Theo dulf -Bibeln endlich stehen gewisser- 
maßen in der Mitte zwischen beiden Dimensionienmgprinzipien. 
Auf der einen Seite ist die Spannweite des großen Umfassungs- 
bogens bei den dreiteiligen Kanontafeln (Taf. 61, 62) meistens 
etwas kleiner als bei den vierteiligen (Taf. 60, 63), auf der 
anderen Seite ist aber gleichzeitig die Breite der Interkolumnien 
bei jenen fühlbar größer als bei diesen. Variable Breite sowohl 
der Umfassungsbogen wie der Interkolumnien ist das Kenn- 
zeichen dieser Kanoutafeln. 

Von diesen absehend, finden wir also, daß das erste Dimen- 
sionierungprinzip für die vier ältesten, das zweite dagegen für 
die zwei jüngätfen Kopien bezeichnend ist. Welches von ihnen 
für den Archetypus gegolten hat, kann unter diesen Umständen 
nicht zweifelhaft sein. Es ist mit Sicherheit vorauszusetzen, 
daß seine Kanontafeln durch konstante Breite der 

181 


Interkolumnien bei variabler Breite der 
Umfassungsb ögen gekennzeichnet waren. Das ent- 
gegengesetzte Prinzip ist, soweit die erhaltenen Kanontafeln ein 
Urteil gestatten, eine mittelalterliche Neuerung, 
die sich erst im IX. Jahrhundert völlig durchsetzt. 


ß. Die Kanontafeln als Aufrißform. 

Das grundlegende Merkmal der Unterscheidxmg der lateini- 
schen Kanontafeln von den griechischen bildet, wie schon her- 
vorgehoben, die Einführung von Säulen zwischen den einzelnen 
Ziffern spalten jeder Textkolurone. Diese Säulen ersetzen die 
Vertikallinien der graphischen Hilfsrahmen auf den griechischen 
Kanontafeln. Sie bewirken dadurch eine Auflösung des 
graphischen Rechtecknetze s als solchen. Nur 
die Horizontalstriche, welche die Sektionsnummern der Ziffem- 
spalten in Gruppen, gewöhnlich zu fünf, aufteilen, sind davon 
übriggeblieben. 

Die Beziehung dieser Horizontalstriche zu dem istruktiven 
Rahmen werk gestaltet sich bei den Kanontafeln des Bogentypus 
verschieden. Entweder die Striche sind zwischen den Säulen 
wie die Sprossen einer Leiter eingespannt, oder sie schweben 
frei in den Interkolumnien, ohne die Ränder der Säulen zu 
berühren. Jener Gestaltung begegnen wir in dem ispätantiken 
Fragment im Vatikan (Taf. 48—51), in Paris lat. 256 (Taf. 59), 
London Add. 5463 (Taf. 52—57), Vatikan, Vat. lat. 5465 (Taf. 
58) und im Trierer Evangeliar (Taf. 74 — 83), dieser in den 
übrigen Kopien (Taf. 60 — 73). Demnach sind die Striche in 
den ältesten Kopien an den Säulen befestigt, in den jüngeren 
dagegen von den Säulen losgelöst. Es kann also kaum einem 
Zw^eifel unterliegen, daß jene Gestaltungsweise die Ursprung 
lichere ist. Für die Rekonstruktion des Archetypus kommt 
also nur die Struktur mit anschließenden Querlinien in Frage. 
Die Loslösung der Striche von den Säulen bildet, soweit das 
erhaltene Material ein Urteil gestattet eine mittelalter- 
liche Neuerung, die sich erst nach 800 vollständig 
durchsetzt. 

182 


Daß die "Leiterstruktur" die ursprünglichere ist, erhellt auch 
daraus, daß sie dem griechischen Rechtecknetz am nächsten 
kommt. Wie dieses bewirkt sie eine Bindung der Tabellen 
an das Rahmenwerk. Wie auf den griechischen Kanontafeln 
erscheint das tabellarische Schriftbild in dem Rahmenwerk 
aufgehängt. Nur ist die Bindung in der lateinischen 
Gestaltungsweise noch fester als in der grieschischeii. Während 
die Säulen der griechischen Kanonbögen die graphischen Netze 
mit ihrem Schriftinhalt nur von den Außenseiten her tragen, 
so daß diese wie Vorhänge in die Säulenöffnungen eingespannt 
sind (Taf. 2-. — 4 etc.), sind die lateinischen Kanonbögen sozu- 
sagen in das Schriftbild selber hineingebaut, indem die Säulen 
die Textkolunme wie ein Gerüst durchsetzen (Taf. 48 — -51 etc.). 

Mit dem Fortfall der Vertikalstriche des Rechtecknetzes wurde 
der Bodenstreifen, an dem diese auf den griechischen Kanon- 
tafeln befestigt waren, entbehrlich. Die Säulen enden unten 
ohne besondere tektonische Unterlage. Eine mitere Grenze der 
Jnterkolunmien bildet in den ältesten und besten Kopien (Taf. 
48 — 59) nur eine den Umriß der Basen verlängernde Linie^\ 
In dem spätantiken Fragment, das für die Rekonstruktion der 
feineren Einzelheiten besonderen Quellenwert hat, sind diese 
Basislinien im Gegensatz zu den mit Minium hervorgehobenen 
Trennungsstrichen mit brauner Tinte gezogen. 

Die Säulen haben in dem spätantiken Fragment (Taf. 48 — 51), 
in Add. 5463 (Taf. 52 — 57) xmd in den karolingischen Kopien 
(Taf. 60 — 73) eine tektonische Bildung mit massiven, meistens 
marmorierten Säulenschäften^^ Von den Säulen im eusebiani- 
schen Archetypus (vgl. Taf. 17 — ^23) unterscheiden sie sich haupt- 
sächlich dadurch, daß die Säulenschäfte überall gleichen Umfang 
haben, statt nach unten anzuschwellen. Basen und Kapitelle 
sind im spätantiken Fragment tuid in Add. 5463 in Goldsilhöuette 
mit brauner Umriß- und Binnenzeichnung ausgeführt (Taf. 48 — 


^) Der Loslösung der Trennungsstriche von den Säulen in den rein 
mittelalterlichen Kopien entspricht es, daß hier die Interkolumnien unten 
offen gelassen werden (Taf. 60 — 73). 

2) Nur die vorkarolingischen Kopien (Taf. 58, 59, 74 — 83) erstreben eine 
Entwertung der tektonischen Plastizität durch Ornamentierung der Säulen- 
schäfte. 

18ä 


57). In den architektonischen Formen stimmen diese beiden 
Kopien überhaupt auffallend genau überein; es ist anzunehmen, 
daß sie darin den Archetypus treu wiedergeben. 


c. Die dekorative Ausstattimg des Rahmenwerkes. 
a. Die Füllomamentik. • 

Der große Umfassungsbogen ist in dem spätantiken Fragment 
(Taf. 48 — 51) in schmale struktive Randleisten mit breiter orna- 
mentaler Biimenfüllmig gegliedert, wie wir es schon von dem 
eusebianischen Archetypus her kennen. Obwohl die Füllorna- 
mente mit den entsprechenden des eusebianischen Archetypus 
motivisch nicht genau übereinstimmen, gehören sie doch fraglos 
zu derselben Art von Mustern: es handelt sich hier wie dort um 
spätantike M a s s e n o r n a m e n t e^\ Solche Muster füllen 
die Umfassungsbogen noch in den folgenden Kopien: 

London, Brit. Mus. Add. 5463 (Taf. 52—57). 

Trier, Dombibl. 61/134 (Taf. 74—83). 

Paris, Bibl. Nat. lat. 8850 (Taf. 72—73). 

Le Puy, Kapitelbibl. Theodulfbibel (Taf. 60—61). 

Paris, Bibl. Nat. lat. 9380 (Taf. 62—63). 

London, Brit. Mus. Harl. 2795 (Taf. 64—71). 

Im Gegensatz zu dem eusebianischen Archetypus, wo die Füll- 
ornamente der Verso- und Recto-Seiten identisch waren, sodass 
das geöffnete Buch ein ornamental einheitliches Bild bot, bringen 
die lateinischen Handschriften in der Regel für jede Seite 
ein neues Füllornament. Es ist infolgedessen a 
priori anzunehmen, daß der Archetypus zwölf verschie- 
dene Füllornamente enthielt. Es fragt sich nur, 
welche Motive dabei zur Verwendung kamen. 

Die genannten spätantiken und mittelalterlichen Kopien ent- 
halten zusammen neunzehn verschiedene Ornamentmotive spät- 
antiken Charakters, die sich folgendermaßen auf die Handschrif- 
ten und deren Kanonseiten verteilen^) : 


^) Über den Begriff der Massenornamentik siehe oben S. 91. 
2) Die Tabellennniminern bezeichnen die Reihenfolge des Kanonbogens, 
auf dem das betreffende Ornament erscheint. 

184 




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1. Blumen und Rauten 

1 

3 






Taf.48,54 

2. Fruchtguirlande 

2 

1 

5 





, „ 49, 52, 68 

3. Gefälteltes Band 

11 

6 


12 




„ 50,57a,83 

4. Kleinzaek. Blattkranz 

12 

4 


• 




„ 51,55 

5. Gedrehtes Band 



1 

6 

10 



„ 64,73,79 

6. Tupfenmuster 



2 

2 

3 


7 

„ 65,75 


7. Einfacher Mäander ... 



3 





„ 66 

8. Facettenmuster 



4 

5 

6 



„ 67,72,78 


9. Schuppenmuster 



6 


5 

1,3 
12 

4 

„ 60,62,69 

10. V-X-Muster 



9 





„ 70 


11. Einf. Mäander m. per- 
spekt. Füllmotiven . . . 



10 

7 

2 

2 

n 

2 

„ 71,80 

12. Dopp. Mäander mit 
Füllmotiven I 


7 



9 


10 

„ 57b 


13. Dopp. Mäander mit 
Füllmotiven II 


5 






„ 56 


14. Doppelaxtmusler 





1 


12 


15. Vierblattrosetten 


2 






„ 53 

16. Palmettenbögen 




1 




„ 74 

17. Kautenband m. Füll- 
m otiven 




3,4 




„ 76,77 


18. Wolkenband 




8 




„ 81 


19. Zopfbänder 




11 




„ 82 





185 


Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen, daß die 
vier Kanonbögen des spätantiken Fragmentes (Taf. 48 — 51) 
ebenso viele Füllornamente des Archetypus wiederholen, umso- 
mehr als dieselben vier Füllornamente (Nr. 1 — 4) in Add. 5463 
(Taf. 52,, 54, 55, 57a) wiederkehren. Es ist weiter unmittelbar 
klar, daß Harl. 2795 (Taf. 64 — 71) in den FüUoruamenten sämt- 
licher darin erhaltenen Kanonbögen eine dem vatikanischen 
Fragment nächstverwandte Vorlage treu kopiert. Die Frucht- 
guirlande fol. IIa (Taf. 68) stimmt genau mit derjenigen in Vat. 
lat. 3806, fol. 2b (Taf. 49) überein. Von den übrigen sieben 
Motiven kehren fünf (Nr. 5, 6, 8, 9, 11) im Evangeliar aus Sois- 
sons (vgl. Taf. 72 — 73) und von diesen fünf wiederum vier (Nr. 
5, 6, 8, 11) im Trierer Evangeliar (Taf. 75, 78—80, 83), zwei 
(Nr. 9, 11) in der Bibel zu Le Puy (Taf., 60) und drei (Nr. 6, 9, 11) 
in der Pariser Bibel wieder. Dies macht es wahrscheinlich, daß 
auch die Füllornamente in Harl. 2795 im Archetypus vorhanden 
waren. Von den zwölf Füllornamenten des Archetypus kennen 
wir also allein durch das spätantike Fragment und die Harley- 
Handschrift elf. Es bleibt zu bestimmen, welches der übrigen 
Motive das zwölfte gewesen ist. Sehen wir von dem xmgewöhn- 
lichen, nur in Add. 5463 gebrauchten Muster mit Vierblatt- 
rosetten (Nr. 15, Taf. 53) und von den nur im Trierer Evan- 
geliar vorkommenden Motiven (Nr. 16 — 19, Taf. 74, 76 — 77, 
81 — 82) ab, so bleibt die Wahl zwischen den Motiven Nr. 12 
und 14, die beide im Evangeliar aus Soissons und in der Pariser 
Theodulf -Bibel überliefert werden. Von diesen zwei Ornamen- 
ten dürfte das erste — der perspektivische Doppelmäander mit 
Füllmotiven — das Ornament der Urfassung w^iedergeben, da 
es abgesehen von den angeführten Codices auch in Add. 5463 
(hier sogar in zwei Varianten, Taf. 56, 57b) vorkonunt. 

Unter den zwölf FüUornamenten, die nach diesem Rekonstruk- 
tionsversuch die Kanonbögen im Archetypus der kleineren latei- 
nischen Folge füllten, sind zwei — das Tupfen- und das Schup- 
penmuster (Nr. 6 u. 9) — letzten Endes auf den eusebianischen 
Archetypus zurückzuführen^ ). Es ist aber von vornherein wahr- 
scheinlich, daß griechische Kanontafeln auch für andere Orna- 


1) Vgl. oben S. 90—91. 
186 


menttnotive als Vorlage gedient haben^). Andererseits gibt es 
aber in der Ornamentserie auch Motive, die wir in dieser beson- 
deren Ausformung bis jetzt nur in westlichen Denkmälern ken- 
nen^), bei denen man also voraussetzen darf, daß sie im Aiche- 
typus der kleineren lateinischen Folge zum ersten Mal mit Kanon- 
tafeln verbunden worden sind. 


ß. Die Besatzornamentik. 

Im Gegensatz zu den griechischen Kanonbögen sind die latei- 
nischen meistens sehr sparsam in der Besatzornamentik. In der 


^) Das gefältelte Band (Nr. 3) kommt vor im Rabula-Codex (Taf. 134) 
und in der eine spätantike Vorlage kopierenden Apollonius-Handschrift 
der Biblioteca Laurentiana (Plut. LXXIV, 7, fol. 198b — H. Schöne, 
Apollonius von Kitium, Leipzig 1896, Taf. XIV). Über die Herkunft des 
Motives vgl. auch F. Henry, La sculture irlandaise pendant les douze preniiers 
siecles de l'ere chretienne, Paris 1933, S. 180 — 81. — Mit dem gedrehten Band 
(Nr. 5) sind außer der Randborte eines Fußbodens aus der Via Praenestina 
bei Rom, jetzt in Kopenhagen (Ny Carlsbergs Glyptotek. Billedtavler til 
Kataloget over antike Kunstvcerker, Kopenhagen 1907, Taf. XXVI, Nr. 390) 
Ornamentborten auf dem Mosaik mit Monatsdarstellungen in El Hammam 
(Quart.Antiqu.Palest., V, 1936, PI. XV— XVI) und im Mauseloum der Galla 
Placidia zu Ravenna (M. van Berchem u. E. Clouzot, Mosaiques chretiennes, 
Geneve 1924, fig. 106) zu vergleichen. Endlich bilden ja die verschiedenen 
Varianten des perspektivischen Mäanders (Nr. 7, 11 u. 12) seit hellenistischer 
Zeit allgemein geläufige Motive der antiken dekorativen Malerei. 

2) Dies ist bei den Ornamentmotiven Nr. 1, 2, 4, 8 u. 10 der Fall. Das 
Blumen- und Rautenmuster (Nr. 1) habe ich überhaupt nur auf lateinischen 
Kanontafeln belegen können. Die reiche Fruchtguirlande (Nr. 2) kommt 
ebenso auf einem Fußboden aus Thuburbo Majus in Nordafrika vor (R. 
Lautier, Les grands champs de fouilles de VAfrique du Nord, Jahrb. Deutsch. 
ArchJnst. XL VI, 1931, S. 542, Fig. 24). Der kleinzackige Blattkranz (Nr. 4) 
hat vielleicht eine Vorstufe in der Ornamentborte eines Fußbodens aus 
Karthago {Inventaire des mosaiques de la Gaule et de VAfrique II, Paris 
1913, Nr. 671, rechts). Das Facettenmuster (Nr. 8) stellt eine lateinische 
Variante des Raiutennetzmusters (Taf. 5, 15 etc.) dar. Das V-X-Muster (Nr. 
10) endlich hat eine stilistische Parallele in einer Rahmenborte des Pariser 
Gregor von Nazianz (H. Omont, Facsimiles des miniatures des plus anciens 
manuscrits grecs, Paris 19292, Taf. XLIII). 

187 


Regel besteht sie nur aus -den ■ Eckäkroterien, die von den Fuß- 
punkten des großen Umfassungsbogens seitlich hinausschießen. 
Auf dem spätantiken Fragment der Vaticana (Taf. 48 — 51) hat 
jedes Akroter die Form einer nach oben gekehrten Halbpalmette, 
deren Spitze in einer feinen gewundenen Linie endet; aus ihr 
wächst eine leicht hingetupfte Blattstaude mit Blüten an der 
Spitze empor; neben der Staude, ihr zugewandt, steht ein Vogel 
auf dem Scheitel der Halbpalmette. 

In keiner der übrigen Handschriften sind die Besatzornamente 
völlig übereinstimmend. In Add. 5463 (Taf. 52 — 57) haben die 
Haibpalmetten dieselben fadenartig ausgezogenen Spitzen, es 
fehlen aber die Vögel und die Blattstauden. Auch der Künstler 
von Paris lat. 256 (Taf. 59) behält nur die Haibpalmetten, deren 
Spitzenlinien er auf einigen Seiten zu kleinen Ranken auszieht. 
Auf den Kanon taf eki des Trierer Evangelienbuches (Taf. 74 — 83) 
haben die Haibpalmetten aufgehört, Eckakroterien im eigent- 
lichen Sinne zu sein. Der Kopist hat sie zu Ausläufern der von 
dem Umfassungsbogen überschnittenen kleineren Verbindungsbö- 
gen umgedeutet. Auf ihren stark gekrümmten Spitzen oder etwas 
darüber sitzen hoch im Zwickelfelde die Vögel. In den Tlieo- 
dulf-Bibeln (T'af. 60 — 62) sind die Haibpalmetten nach Tjutiten 
gekehrt, so daß die oft auffallend großen Vögel auf ihrem glatten 
Rand sitzen. Auf vier Kanonbögen der Bibel zu Le Puy (vgl. 
Taf. 60 — 61) sind auch die Blattstauden übernommen. Auf den 
Kanontafeln des Harley-Evangeliars (Taf. 64 — 71) fehlen die 
Haibpalmetten. Die Vögel sind hoch in die Zwickelfelder hin- 
aufgeschoben. Sie sitzen auf den Blütenstauden, die ihrerseits 
durch einen feinen Faden mit der äußeren oberen Ecke der 
Kapitellplatten verbunden sind. Die Verwendung der Besatz- 
ornamente im Evangeliar aus Soissons (Taf. 72 — 73) endlich ist 
schwankend. Haibpalmetten kommen nur auf einer Seite (fol. 
10b) vor, die Vögel sind in der Regel in die Zwickelfelder hin- 
aufgeschoben, auf einigen Seiten haben sie wie in Harl. 2795 
Blütenstauden als Unterlage, auf anderen lineare Ranken, auf 
wieder anderen gar keine Unterlage. Trotz aller dieser Verschie- 
denheiten in Aufbau und Auswahl der Besatzornamente ist es 
doch klar, daß sämtliche Kopien letzten Endes auf Vorlagen 

188 


zurückgehen, deren Besatzornamente dieselbe Form hatten wie 
im vatikanischen Fragment. Darum läßt sich mit großer Wahr- 
scheinhchkeit behaupten, daß dieses Fragment das System, der 
Besatzornamentik im Archetypus der kleineren Folge unverändert 
bewahrt hat. 

Während die Palmetten tmd die Blütenstauden auf allen 
Kanonbögen sich gleich bleiben, wechseln die Vogeltypen. Die 
Vogelarten sind in dem spätantiken Fragment (Taf. 48 — 51) mit 
einer Deutlichkeit gekennzeichnet, die fast an wissenschaftliche 
Illustrationen erinnert^^ Aber auch in der Trierer Handschrift 
(Taf. 74—83), in Harl. 2795 (Taf. 64—71) und im Evangeliar 
aus Soissons (Taf. 72 — 73) sind die omithologischen Merkmale 
im allgemeinen scharf getroffen. Nur in den Theodulf-Bibeln 
(TIaf. 60—63) sind die dargestellten Vögel zuweilen schwer zu 
erkennen; erst durch Vergleich mit den anderen Kopien lassen 
sich die zugrundeliegenden Arten bestimmen. Die vorkommen- 
den Vogeltypen verteilen sich in den angeführten Handschriften 
folgendermaßen : 



Vat. 

3806 

Harl. 
2795 

Le Puy 

s. n 

Paris 
9380 

Paris 
8850 

Trier 
61 

1. Pfau 

2,11 

6 

6 

6 

2,8 

4 

2. Hahn 


2 

2 

2 

4,12 

1 

3. Ente 


1,3,9 

11 

11 

4, 7, 10 

3 

4. Reiher 


5 

5, 8, 12 

5,10,12 

6 

7 

5. Fasan 


4 

8,9 

8,9 

1,9 

8 

6. Trappe 

1,12 


1 

1 


2,12 

7. Flamingo 






5 

8. Steinhuhn ... 






6 

9. Papagei 






11 


^)Realistische Vogeldarstellungen kommen in der antiken und spät- 

189 


Wie diese Übersicht zeigt, sind sechs Vogeltypen (Nr. 1 — 6) in 
fast allen Kopien ein oder mehrmals zu belegen. Die restlichen 
drei (Nr. 7 — 9) sind nur im Trierer Evangeliar vertreten, was 
vermuten läßt, daß in diese Handschrift eine besondere Quelle 
hineinspielt. Für die Rekonstruktion des Archetypus der klei- 
neren Kanonfolge kommen unter diesen Umständen nur die sechs 
ersten Vogelarten in Frage. Wahrscheinlich kam jeder Vogel- 
typus auf zwei Seiten zur Verwendung. Zu dieser Annalune 
passt, daß im spätantiken Fragment je zwei der Kanontafeln 
die gleiche Vogelart aufweisen: 

fol. la = urspr. Kanonseite 11: Pfau (Taf. 48) 
„ Ib = „ „ 12: Trappe (Taf. 49) 

„ 2a = „ „ 1: Trappe (Taf. 50) 

„ 2b — „ „ 2: Pfau (Taf. 51). 

Dabei ist zu beachten, daß das eine Vogelpaar auf der Fleisch-, 
das andere wiederum auf der Haarseite des Doppelblattes steht. 
Diese Beobachtimg gibt einen Einblick in die Arbeitsweise des 
Malers : offenbar wurden die Besatzornamente in "Serienprodtik- 
tion" hergestellt, indem der Künstler das Doppelblatt ausgebrei- 
tet vor sich hinlegte und zuerst die Kanonbögen der "Oberseite" 
mit einem Vogeltypus bemalte, dann das Blatt umkehrte und 
die "Unterseite" mit einem zweiten Vogeltypus dekorierte. Diese 
rationelle Arbeitsweise ist auch sonst in der spätantiken Buch- 
malerei zu belegen^). Falls unsere Rekonstruktion richtig ist, 
würde diese Methode es verständlich erscheinen lassen, warum 
die zwölf Kanontafeln des Archetypus der kleineren lateinischen 
Folge sechs Vogelarten enthielten. 

Abgesehen von dieser technisch bedingten paarweisen Anord- 
nung steht die Verteilixng der Vogeltypen in keinem festen Zur 
sammenhang mit der Reihenfolge der Kanontafeln. Während in 
den Handschriften der kleineren griechischen Folge der Pfau 
als der prächtigste der Vögel in der Regel der ersten Prologseite 


antiken Bildkunst häufig vor. Vgl. die Abbildungen bei O. Keller, Die 
antike Tierivelt II, Leipzig 1913. 

^) P. Buberl, Das Problem der Wiener Genesis ( Jahrb. Kunstsamml., 
Wien, N. F. X., 1936, S. 15—24). 

190 


zugeteilt wird, wird er in den lateinischen Codices nicht höher 
bewertet als die übrigen Arten und gehört ebenso wenig wie 
diese zu einer bestimmten Seite der Kanonfolge. Die Verteilung 
der Vögel ist unter diesen Umständen ebenso frei wie die der 
Füllornamente und wechselt wie diese mit den Kopien. Der 
Pfau z. B. wird im vatikanischen Fragment auf der zweiten und 
elften (Taf. 49 — 50), im Evangeliar aus Soissons auf der zweiten 
und achten, im Trierer Eveingeliar auf der vierten (Taf. 77) und 
in den Theodulf-Bibeln auf der sechsten Seite (Taf. 61) verwen- 
det, und ähnlich verhält es sich mit den übrigen Vogelarten^\ 
Von den sechs Vogelarten, deren Vorkommen im Archetypus 
wir annehmen dürfen, waren der Pfau und die Ente, vielleicht 
auch der Reiher schon im eusebianischen Archetypus zu bele- 
gen^). Nehmen wir die mittelbyzantinischen Evangeliare mit 
Kanontafeln der größeren Folge hinzu, können wir zu allen sechs 


1) Daher erhalten die wiederholten Übereinstimmungen in der Verteilung 
der Vogelarten zwischen den beiden Theodulf-Bibeln in Paris aind Le Puy 
und dem Londoner Harley-Evangeliar besondere Bedeutung. Alle drei 
Codices haben bei der zweiten Kanontafel Hähne, bei der fünften Reiher, 
bei der sechsten Pfauen (vgl. Taf. 61 u. 69), und es ist nicht ausgeschlossen, 
daß die Vorbilder jener ornithologisch schwer bestimmbaren Vögel, die in 
der Pariser Bibel die vierte Kanon taf el schmücken (Taf. 62) Fasanen waren 
wie auf der entsprechenden Seite der Harley-Handschrift (Taf. 67). Alle diese 
Übereinstimmungen, deren Anzahl vielleicht noch größer gewesen wäre, 
wenn im Londoner Codex sämtliche zwölf Kanonseiten erhalten wären, 
lassen mit großer Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß alle drei Hand- 
schriften für ihre Kanontafeln dieselbe spätantike Vorlage benutzt haben. 
Was wir von dem Ursprung der drei Handschriften wissen, ist durchaus 
geeignet, diese Annahme zu bestätigen. Daß die Theodulf-Bibeln am selben 
Ort angefertigt sind, ist von vornherein sicher. Es war entweder in Orleans, 
wo Theodulf die Bischofswürde bekleidete, oder in dem benachbarten 
Kloster Fleury — später S. Benoit-sur-Loire — dessen Leitung ihm ebenfalls 
anvertraut war. In der Nähe von Orleans und Fleurj'^ liegt auch das Kloster 
Ferrieres, mit dem wir das Londoner Evangeliar in Verbindung gebracht 
haben. In die gleiche Gegend gehört endlich auch das um 700 in Fleury 
geschriebene Evangelienhuch der Pariser Nationalbibliothek lat. 256 (Taf. 
59). Es dürfte unter den angebenen Verhältnissen nicht allzu kühn sein, 
zu vermuten, daß alle diese vier Handschriften in ihren Kanontafeln auf 
die gleiche Vorlage, eine in eben dieser Loire-Gegend vorhandene spätantike 
Evangelienhandschrift, zurückgehen. 

2) Vgl. oben S. 87. 

191 


griechische Parallelen nachweisend^ Andererseits ist die für die 
lateinischen Handschriften bezeichnende Formgruppe Vogel -{~ 
Blütenstaude den griechischen Kanonbögen fremd. Daß es sich 
auch hier letzten Endes um eine ältere Formtradition heindelt, 
beweisen nicht nur die aus dem IV. Jahrhundert stammenden 
Umgangsmosaiken von Santa Costanza in Rom, wo in zwei 
Feldern Streumuster aus Vögeln und Blütenstauden in einer an 
die Besatzornamente der Kanontafeln unmittelbar erinnernden 
Zusammenstellung vorkommen^), sondern auch östliche Denkmä- 
ler wie die Bodenmosaiken der Brotvermehrungskirche von 
et-tabga in Palästina^) imd zwei Kanontafeln in dem unten 
besprochenen Evangeliar in Paris, Bibl. Nat. syr. 33, fol. 7b — 8a 
(Taf. 124 — ^25)*). Die Verbindung dieser Formgruppe mit den 
Akroterienpalmetten scheint jedoch eine lateinische Spezialität 
darzustellen. 


1) Pfau: Vatikan, Vat. gr. 364, fol. 7a, Wien, Nalionalbibl., suppl. gr. 50*, 
fol. 9a u. IIa, 

Hahn: Athos, Stauronikita 43, fol. 14b, Vat. gr. 364, fol. 8a, Wien, suppL gr. 

50*, fol. 8a, Paris, Coislin gr. 21, fol. 7a, 
Ente: Stauronikita 43, fol. 5a, Wien, suppl. gr. 50*, fol. 10a, Paris, Coisliu 

gr. 21, fol. 6a u. 7a. 
Reiher: Paris, Coislin gr. 21, fol. 4b, 
Fasan: Paris, Coislin gr. 21, fol. 8a, 
Trappe: Stauronikita 43, fol. 8b, Vat. gr. 364, fol. 6a, Wien, suppl. gr. 50*, 

fol. 8b. 

2) J. Wilpert, Die römischen Mosaiken und Malererien I, Freiburg 
i/Br. 1903, Taf. 7. Vgl. auch die Verzierung einer Grabnische aus dem 
II. Jahrhundert im Kolumbarium an der Via Ostiense (Not. Scavi XVT, 1919, 
S. 296, Fig. 5), ein Fußbodenmosaik in Rimini (ibidem, Ser. VI: 5, 1929, 
S. 143 — 49, Tav. VI) und nordafrikanische Bodenmosaiken (Inventaire des 
mosaiques de la Gamle et de d'Afrique II, Paris 1913, Nr. 140 u. 640). 

2) A. Schneider, Die Brotvermehrungskirche von et-tabga am, Genesareth- 
see und ihre Mosaiken (Collectanea Hierosolymitana. Veröffentlichungen 
des Orientalischen Instituts der Görresgesellschaft in Jerusalem IV), Pader- 
born 1934, Taf. 4, 8, 18 u. a. 

*) Die von J. Strzygowski, Asiatische Miniaturenmalerei im Anschluß 
an Wesen und Werden der Mogulmalerei, Klagenfurt 1933, S. 138 — 39 her- 
angezogenen orientalischen Beispiele sind sämtlich bedeutend später als die 
oben angeführten. Nach R. Zahn, Die Silberteller von Haßleben und Angst 
(Römische Germanische Forschungen, hrsg. von G. Bersu u. H. Zeiss, VII, 
Leipzig 1933, S. 74 — 75) wäre das Motiv in letzter Linie auf Alexandria 
zurückzuführen. 

192 


d. Die Kreuz- und Itenizeichen. 

Zum Schluß ist eine textliche Einzelheit zu beachten. Auf 
den Kanontafeln des vatikanischen Fragments (Taf. 48 — 51) ist 
in den kleineren Verbindungsbögen über jeder Ziffernspalte ein 
Zeichen angebracht: entweder ein Kreuz oder — dieses ersetzend 
— die Kürzung IT- (EM). Das Kreuzzeichen ist über denjenigen 
Kolumnen geschrieben, mit denen ein neuer Kanon anfängt (Taf. 
48, 50 u. 51), das IT-Zeichen über denen, die einen Kanon fort- 
setzen (Taf. 49, 50 u. 51). 

Dieses Zeichensystem, das bequem erkennen läßt, wo die ein- 
zelnen Kanones anfangen und aufhören, hat sich vollständig oder 
teilweise noch in verschiedenen der oben angeführten frühmit- 
telalterlichen Kopien erhalten, freilich nicht ohne Mißverstän- 
ni'sse, die verraten, daß der Sinn des Zeiohensystems den Kopisten 
nicht vertraut war^). So begegnet es vollständig im Evangeliar 
aus Soissons (Taf. 72 — 73) und stark fragmentarisch in Paris lat. 
256 (fol. 4a), in Vat. lat. 5465 (fol. 5b, 6b, 7a u. 9a) und in den 
Theodulf -Bibeln (Taf. 62). 

Kreuz- und Itemzeichen kommen nach meiner Kenntnis des 
Materials nur in den, angeführten Handschriften vor. Folglich sind 
sie wahrscheinlich für den gemeinsamen Archetypus dieser Hand- 
schriften erfunden worden. Eine Anregimg wird aber die grie- 
chische Buchkunst gegeben haben. Auf griechischen Kanonta- 
feln findet man nämlich bisweilen die Kanontitel mit einem 
Kreuzzeichen eingeleitet (vgl. z. B. Taf. 7), Dieses Titelkreuz 
wird der lateinische Redaktor auf die Tabellen selber bezogen 
und mit der Verkürzung IT. auf die angegebene Weise ergänzt 
haben. 


e. Datierung und Lokalisierung des Archetypus. 

Der Archetypus, den wir durch vergleichende Betrachtung der 
Kopien zu rekonstruieren versucht haben, kann nur approximativ 
durch allgemeine Erwägungen zeitlich und örtlich festgelegt 
"werden. Einen sicheren terminus a quo gibt der übergreifende 


^) Näheres darüber bei C. N., Vier Kanonestafeln eines spätantiken Evan- 

13 193 


Umfassungsbogeii, der, wie schon in anderem Zusammenhang 
bemerkt worden ist^), erst im VI. Jahrhundert auftritt. Einen 
terminus ante quem besitzen wir in der ältesten der erhaltenen 
Kopien, dem vatikanischen Fragment, das schon in dieses Jahr- 
hundert datiert werden rnuß. Der Archetypus kann unter 
diesen Umständen nur wenig älter sein als das vatikanische 
Fragment. Wahrscheinlich ist er i n der ersten Hälfte 
des VI. Jahrhundert entstanden. Unter keinen Um- 
ständen kann er mit der hieronymianischen Urausgabe identifi- 
ziert werden. 

Wo der Archetypus der neuen Rahmenform entstanden ist, 
läßt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Eine erhebliche 
allgemeine Wahrscheinlichkeit spricht aber dafür, daß der häu- 
figst vorkommende lateinische Rahmentypus von der römi- 
schen Illuminatorenschule geschajffen wurde. 
Mit dieser Hypothese müssen wir uns einstweilen bescheiden. 


f. Vatikan, Vat. lat. 3806, fol. 1—2. 

Bei der quellenkritischen Analyse hat das vatikanische Frag- 
ment sich durchgehend als die weitaus treueste Kopie des Arche- 
typus erwiesen. Höchstens wenige Jahrzehnte, vielleicht nur 
wenige Jahre nach dem Archetypus entstanden, hat es die 
ursprüngliche Tabellenredaktion und Rahmenarchitektur in 
allem Wesentlichen unverändert bewahrt. Die beste Erklärung 
für diese vollständige Übereinstimmung zwischen Original und 
Kopie ist die, daß sie in unmittelbarem Schulzusammenhang 
stehen. Falls unsere frühere Annahme zu recht besteht, daß 
der Archetypus der lateinischen Kanontafeln mit übergreifen- 
dem Umfassungsbogen in Rom entstanden ist, dürfen wir daher 
auch in dem vatikanischen Fragment ein Werk der 
römischen Buchmalerei des VI. Jahrhunderts 
vermuten. Die außerordentlich hohe künstlerische Qualität 
seiner Kanonbögen ist geeignet, diese Annahme zu bestätigen. 


gelienbuches (Göteb. Vitt. Samh. handl., Folge V, Ser. A, Bd. 6, N:o 5, 
Göteborg 1937, S. 13—14). 
1) Vgl. oben S. 131, 

194 


2. Der Gebälktypus. 

Eine beträchtliche Anzahl der Handschriften mit Kanontafeln 
vom Gebälktypus sind Erzeugnisse der karolingischen Maler- 
schule von Reims. Ich zitiere 'ohne Anspruch auf Vollständig- 
keit die folgenden: 

Aachen, Dom Schatzkammer, Karol. Evan- 
g e 1 i a r , fol. 8b— 14a (Taf. 162—163)^). 

Epernay, Bibliotheque de la ville,cod. 1, 
fol. 10a— 15b (Ebo-Evangeliar)-). 

Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 1796 8, 
fol. 6a— IIb (Taf. 168) s). 

London, British Museum, Harl. 2797, fol. 
la— 6b. 

Reims, Bibliotheque de la ville, cod. 7, 
fol. 14b— 20a*). 

New York, Morgan library, cod. 72 8, fol. 
6a— llb^). 

Paris, Bibliotheque d'Arsenal, cod. 117 1, 
fol. 13b— 19a«). 

Darm Stadt, Landesbibliothek, cod. 746, 
fol. 9a— 14b^). 

Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 3 23, 
fol. 14a— 19b«). 

Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 324, 
fol. 5a— lOb^). 


1) Die Trierer Ada-Handschrift, Leipzig 1889, S. 74, Taf. 22. 

2) A. Boinet, La miniature carolingienne, Paris 1913, Taf. LXVI — LXVII. 

3) Boinet, a. a. O., Taf. LXXIII. 

4) Boinet, a. a. O., Taf. LXXV— LXXVI. 

5) The Pierpont Morgan Library. . . 1924—1929, New York 1930, S. 16—17. 
Aufnahmen verdanke ich der Güte von Miss Belle da Costa Greene. 

6) Boinet, a. a. O., Taf. CXXXVIII, A. 

''') Aufnahmen sämtlicher Kanontafeln in der Handschriftenabteilung der 
Preuß. Staatsbibliothek, Berlin. 

8) Boinet, a. a. O., Taf. CXXXV, A. 

9) Boinet, a. a. O., Taf. CXXXIX, A. Die vier letzten Evangeliare gehö- 
ren zu einer Gruppe von Handschriften, deren Ursprung man bisher in 
Corbie oder in St. Denis gesucht hat. Ich bin aber überzeugt, daß sie in 

195 


Durch Reimser Vorbilder ist der Gebälktypus den Malern der 
Metzer Schule bekannt geworden, die ihn u. a. in den folgenden 
beiden Evangelienbüchern verwendet haben: 

Paris, Bibliotheque Nationale, lat. 9383, 
fol. 2b— 8b^). 

Veste Coburg, KaroL Evangeliar, fol. IIa 
— 15b2). 

Endlich kommt der Gebälktypus auch in der ottonischen Buch- 
malerei vor, z. B. in Reichenauer Handschriften, am folgerich- 
tigsten im Hillinus-Codex, Köln, D o m b i b 1 i o t ih e k, cod. 
12, fol. 10b — 16a (Taf. 167)^), und in einem Evangeliar zu 
Manchester, John Rylands Library lat. 10, 
fol. 8b — 14a (Taf. 164 — 166), dessen Ursprung sich bislang nicht 
genau bestimmen läßt*). Wenigstens bei dieser letzteren Hand- 
schrift ist Abhängigkeit von einer Reimser Vorlage mit Sicher- 
heit zu erkennen^). 


Wirklichkeit die zweite Hauptphase der Reimser Buchmalerei vertritt. Die 
Gründe dafür hoffe ich bei einer anderen Gelegenheit vorlegen zu können, 
Vergleiche einstweilen Acta arch. II, 1931, S. 225, Anm. 30. 

^) L. Weber, Einbanddecken, Elfenbeintafeln, Miniaturen, Schriftproben 
aus Metzer liturgischen Handschriften I, Metz-Frankfurt 1912, S. 22 — 26. Boi- 
net, a. a. O., Taf. LXXXV. 

^) G. Swarzenski, Die karolingische Malerei und Plastik in Reims (Jahrb. 
Preuß. Kunstsamml. XXIII, 1902, S. 98, Abb. 9). Boinet, a. a. O., Taf. XCII. 

2) W. Vöge, Eine deutsche Malerschule um die Wende des ersten Jahr- 
tausends (Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Erg, heft VII) 
Trier 1891, S. 134—136, 356—363. Vollständige Aufnahmen sämtlicher Ka- 
nontafeln im Bildarchiv des Rheinischen Museums, Köln-Deutz, Nr. 12782 — 
12787. 

*) Die Handschrift befand sich im Mittelalter in Lüttich; vgl. M. R. 
James, A Descriptive Catalogue of the Latin Manuscripts in the John Rylands 
Library, Manchester 1921, S. 27. Genau die gleiche Schrift, aber eine ab- 
weichende Ausstattung zeigt das Evangelistar in München, Clm. 21586. So- 
Tvohl dieser Codex wie der in Manchester haben auf dem Vorderdeckel eine 
Elfenbeinskulptur mit einer Darstellung der Kreuzigung von der Hand oder 
aus der Schule des wohl in Trier tätigen sog. "Echternacher Meister" (A. 
Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen II, Berlin 1918, Nr. 29 u. 30). 

s) Dies beweist auch die Initialornamentik der Handschrift; Abbildung 
eines Zierbuchstabens bei James, a. a. O., Taf. 27. 

196 


Die Frage nach der Herkunft des Gebälktypus weist also 
zunächst mit Eindeutigkeit auf Reims. In der Reimser Schule 
muß eine Vorlage vorhanden gewesen sein, von deren Kanonta- 
feln die meisten oder sämtliche mittelalterliche Kopien dieses 
Typus abzuleiten sind. 

Aus welcher Epoche diese Vorlage stammt, lassen die beiden 
ersten Kanontafeln des Aachener Evangeliars auf den ersten 
Blick erkennen (Taf. 162)^). Ihre Säulen stehen auf einem plas- 
tisch profilierten Postament und enden in echten ionischen Kapi- 
tellen mit Perlenschnur, eierstabverziertem Echinus und Voluten, 
das reich gegliederte Gebälk hat über einem daktylischen Perl- 
stab eine Sima mit lesbischem Kymation vom "Halbbogentypus" 
mit tulpenartigen Zwischenblättem^). Es handelt sich, wie schon 
die Terminologie der Beschreibung verrät, um lauter ausgeprägt 
antike Formen, welche der mittelalterliche Künstler sich nur auf 
dem Wege der exakten Kopierung hat aneignen können. Es ist 
keine Frage, daß ihm eine spätantike Prachthandschrift mit Ka- 
nontafeln vorgelegen hat. Damit ist der vormittelalter- 
liche Ursprung des Gebälktypus erwiesen. 

Die antiken Ornamentformen der beiden Aachener Kanonta- 
feln gestatten uns aber auch, das Alter der Vorlage abzuschätzen. 
Wir wissen, daß das System der antiken Architekturornamen- 
tik, dem sie angehören, um die Wende des IV. Jahrhunderts 
seine letzte Blüte erlebte. Weserttlich später kann die Vorlage 
der beiden ersten Kanontafeln im Aachener Evangeliar unter 
keinen Umständen entstanden sein. Gerade avis der Zeit um 
und nach 400 sind uns aber eine Reihe von römischen Elfen- 
beinplatten erhalten, deren Ornamentborten denselben ausge- 
sprochen retrospektiven Stilcharakter zeigen wie diejenigen unse- 
rer Kanontafeln^). In der spätantiken Prachthandschrift, nach 


^) Die beiden ersten Kanontafeln des Aachener Evangeliars, die sich auf 
zwei einander gegenüberliegenden Seiten befinden, sind als Paar, völlig 
ähnlich gestaltet. Die zweite Kanontafel untercheidet sich von der ersten 
nur durch etwas größere Flüchtigkeit in der Behandlung der antiken Orna- 
mentformen. 

-) Über die antiken Typen der lesbischen Welle ist C Weichert, Das 
lesbische Kyma, München 1913 zu vergleichen. 

^) Vgl. R. Delbrueck, Die Consular-Diptychen und verwandte Denkmäler 
(Stud. Spätant. Kunstg. II) Berlin 1929, S. 29. Besonders wichtig ist das 

197 


der ein Reimser Künstler die beiden ersten Kanontafeln des 
Aachener Evangeliars mit erstaunlicher Treue kopierte, haben 
wir folglich mit größter Wahrscheinlichkeit ein Werk der 
römischen Buchmalerei um 400 zu erblicken. 
Der Gebälktypus ist also ohne Frage wesentlich älter als der 
Bogentypus. Daraus folgt aber, daß der Gebälktypus 
die ursprüngliche Rahmenform der kleineren 
lateinischen Kanonfolge darstellt, die um 500 durch 
den Bogentypus ersetzt wurde. 

Die zwölf Kanontafeln des Aachener Evangeliars rühren von 
zwei verschiedenen Künstlern her. Den ersten, der die beiden 
ersten Kanontafeln malte, keuaen wir schon als einen unge- 
wöhnlich geschickten Kopisten. Der auf der dritten Seite ein- 
setzende Kopist, der die übrigen Kanontafeln geschaffen hat, 
steht der spätrömischen Vorlage selbständiger und fremder 
gegenüber (Taf. 163a — b). Das antikisierende Formgut er- 
scheint bei ihm vereinfacht und abgeschliffen. An die Stelle der 
ionischen Kapitelle treten korinthische unbestimmterer Artiku- 
lation, statt des in Architrav und Sima klar gegliederten 
Gebälkes rechteckige Imposten, die auf den drei ersten Seiten- 
paaren ein schmales "Gesims" mit Kyma oder Eierstab (Taf. 
\6^) , auf den zwei letzten wiederum einen unplastischen "Fries" 
mit Gemmenborte (Taf. Vojlh) tragen. Wir beobachten hier 
eine Willkür in der Verwertung der antiken Formelemente, 
die man dem spätrömischen Maler nicht zumuten kann. Die 
Aachener Kopie versagt bei der genaueren Rekonstruktion der 
dritten bis zwölften Kanontafel. 

Diese Auffassung wird dadurch bestätigt, daß die übrigen 
Kopien mit Kanontafeln vom Gebälktypus eine Gestaltung des 
Oberbaus vorziehen, die in dem Aachener Evangeliar gänzlich 
fehlt. Während nämlich bei sämtlichen Kanontafeln dieser 
Kopie jedem Interkolunmium oberhalb des Gebälkes ein beson- 
derer Bogen- oder Giebel entspricht (Taf. 162 — 63), wird das 
Gebälk in den übrigen Kopien meistens statt durch eine Reihe von 


Vorkommen des lesbischen Kymas mit tulpenartigen Zwischenblüten auf 
dem Elfenbein der Samlung Trivulzio in Mailand mit den Frauen am Grabe 
(Delbrueck, a. a. O., N. 68). 

198 


koordinierten Bögen oder Giebeln, von einem einzigen Segment- 
bogen oder Flachgiebel gekrönt (Taf. 165 — 68) ; ja, diese Variante 
ist in den Reimser Kopien seit dem Ebo-Evangeliar sogar die 
einzig vorherrschende. Es handelt sich im Prinzip um den 
gleichen Unterschied, den wir in den griechischen Handschriften 
zwischen den Kanonbögen vom m- und denen vom n- Typus 
beobachtet haben, nur daß hier die Bogen, bzw. Giebel nicht 
unmittelbar auf den Säulen, sondern auf einem dazwischen- 
geschobenen Gebälk lasten. Da nun der "n-Typus" des Gebälk- 
rahmens ebenso sicher eine charakteristisch antike Aufsatzform 
ist wie der "m-Typus", ist es a priori wahrscheinlich, daß aucli 
er in der spätantiken Vorlage vertreten war. Unter diesen Um- 
ständen gewinnen für die quellenkritische Betrachtung die- 
jenigen Kopien entscheidende Bedeutung, bei denen beide 
Typen nebeneinander verwendet werden. Es sind dies die 
beiden angeführten ottonischen Kopien, das Manchester Evan- 
geliar xuid der sog. Hillinus-Codex der Kölner Dombibliothek. 
Das Manchester Evangeliar enthält eine mit Feder gezeichnete 
Serie von Kanontaf ein, von denen die beiden ersten sowohl in 
der Gesamtanlage wie in der Form der Kapitelle mit den ent- 
sprechenden des Aachener Evangeliars fast genau überein- 
stimmen (Taf. 164). Es liegt auf der Hand, daß sie mittelbar 
oder unmittelbar auf die gleiche spätrömische Vorlage zurück- 
gehen wie diejenigen der Aachener Handschrift. Noch wich- 
tiger ist es aber, daß spätrömische Herkvuift auch für die übri- 
gen Kanontafeln angenommen werden kann, insofern einige 
von ilmen antike Friesornamente wiederholen, die ebenfalls auf 
eine spätrömische Vorlage zurückweisen. So kommt auf der 
drittletzten Kanontafel ein perspektivischer Zahnschnittfries vor 
(Taf. 165a) ^) und auf der zweitletzten ein lesbisches Kyma vom 
"klassizistischen" Typus (Taf. 166b)-). Im Hillinus-Codex kann 


^) Zahnschnittfriese begegnen auf den folgenden römischer Elfenbeiner 
aus der Zeit um 400: Stilicho-Diptychon in Monza, Probus-Diptychon in 
Aosta und Asturius-Diptychon in Darmstadt (R. Delbrueck, Die Consular-Dip- 
tychen und verwandte Denkmäler, Stud. Spätant. Kunstg. II, Berlin 1929, 
N. 63, 1 u. 4). 

^) Vgl. das entsprechende Blattmotiv auf dem Probus-Diptychon in Aosta, 
auf dem Probianus-Diptychon im Berlin und auf dem Asclepios-Hygiea- 

199 


von einer unmittelbaren Wiedergabe spätrömischer Ornament- 
typen nirgends die Rede sein. Doch ist die Handschrift für die 
quellenkritische Analyse deswegen bedeutsam, weil sie, in der 
Form der Bekrönung, wie die folgende Übersicht veranschau- 
licht, mit der Manchester Kopie fast vollständig übereinstimmt: 
Kanonseite Manchester lat. 10 Köln, Dombibl. 12 

1 — 2 Giebel- u. Bogenreihe einfacher Flachgiebel 

3 — 4 einfacher Segmentbogen idem 

5 — 6 einfacher Flachgiebel idem 

7 — 8 Bogenreihe idem 

9 — 10 Giebelreihe (9), Bogenreihe (10) Giebelreihe 

11 — 12 einfacher Segmentbogen idem 

Nun vollzieht sich im Manchester Evangeliar der Wechsel 
zwischen den beiden Haupttypen der Bekröntmg in der Weise, 
daß der "m-Typus" (Giebel- oder Bogenreihe) regelmäßig ver- 
wendet wird, sobald beide Kanontafeln eines Seitenpaares vier 
Interkolumnien, der "n-Typus" (Segmentbogen oder Flach- 
giebel) dagegen sobald sie drei Interkolumnien haben; (bei den 
sich gegenüberstehenden Kanontafeln mit verschiedener Inter- 
kolumnienzahl wird einmal — S. 7 — 8 — jener, ein anderes Mal 
— S. 11 — 12 — dieser Typus bevorzugt)^). Daß der Übergang 
von m- zu n-artigen Aufsätzen in der Hauptsache mit dem- 
jenigen von vier- zu dreiteiligen Kanonbögen zusammenfällt, 
läßt vermuten, daß er mit dem Dimensionierungsproblem zu- 
sammenhängt, das durch die wechselnde Anzahl der Interkolum- 
nien bedingt wird: die geringere Gesamtbreite der dreiteiligen 
Kanontafeln legte es nahe, die Bogen- bzw. Giebelreihen durch 
einen einfachen Segmentbogen, bzw. Flachgiebel zu ersetzen, 
mid umgekehrt^). Diese Beobachtung dürfte die Vermutumg 


Diptychon in Liverpool, alle römische Arbeiten um 400 (Delbrueck, a. a. O., 
N. 1, 55 lu. 65). 

^) Der Hillinus-Codex weicht von dem Manchester Evangeliar darin ab, 
daß er auf den beiden ersten Seiten einfache Flachgiebel verwendet,, obwohl 
die betreffenden Kanontafeln vier Interkoluminien haben. Daß das System 
der Manchester Kopie das Ursprünglichere darstellt, wird durch die ent- 
sprechenden Kanontafeln im Aachener Evangeliar bestätigt. 

2) Trotzdem die Breite der einzelnen Interkolumnien in der Manchester 
Handschrift bei den Kanontafeln mit drei Textkolumnen beträchtlich größer 

200 


endgültig bestätigen, daß die Verwendung von zwei verschiedenen 
Bekrönungssy Sternen ein ursprüngliches Merkmal der Kanonta- 
felserie des Gebälktypus darstellt, das die beiden ottonischen 
Kopien letzten Endes von der spätrömischen Vorlage fertig über- 
nommen haben. Bei der Rekonstruktion des Oberbaues der 
dritten bis zwölften Kanontafel haben wir also nicht von der 
Aachener Kopie, sondern von 'derjenigen in Manchester aaszu- 
gehen; ja, es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß auch die beiden 
ersten Kanontafeln des Aachener Evangeliars (Taf. 162), deren 
unvergleichlicher Quellenwert im Übrigen ohne weiteres ein- 
leuchtet, in der Formtmg der das Gebälk krönenden Aufsätze 
weniger zuverlässig sind als die entsprechenden der Manchester 
Handschrift (Taf. 164), bedeutet doch die Einführung von Gie- 
beln an den Ecken eine weniger exakte Beziehung der Aufsätze 
auf die Interkolumnien der Säulenzone. Ich glaube auch, daß 
die vegetabilen mid figürlichen Bekrönungsmotive der Manches- 
ter Kanontafeln bestimmte Rückschlüsse auf die spätrömische 
Vorlage erlauben, wenn auch viele Details auf Rechnimg des 
mittelalterlichen Kopisten zu setzen sind. Daß z. B. die Engel, 
die auf der siebenten Kanontafel die Aufsätze flankieren^), in 
der spätrömischen Vorlage vorgebildet waren, ist nicht unwahr- 
scheinlich, da eine Seite im Filocaluskalender eine ähnliche Bekrö- 
nung des Rahmenwerkes zeigt^^. Dementsprechend können auch 
die hornblasenden Seekentauren auf den Kanontafeln des Reim- 
ser Evangeliars der Pariser Nationalbibliothek lat. 17968, fol. 6b 
(Taf. 168) zu den Aufsatzmotiven der spätantiken Vorlage gehört 
haben, die ihrerseits das Motiv den Zierformen der antiken 
Sarkophagplastik entlehnte^). Endlich haben auch der Adler 


ist als bei denen mit vier, gehen sie letzten Endes auf eine Vorlage zurück, in 
der die Interkolumnienbreite konstant war: die Gesanitbreite der dreispal- 
tigen Kanontafeln bleibt nämlich gleichzeitig kleiner als die der vierspal- 
tigen. 

^) Abb. bei M. R. James, A descriptive Catalogue of the Latin Manu- 
sripts in the John Rylands lihrary, Manchester 1921, Taf. 26. 

2) J. Strzygowski, Die Calenderbilder des Chronographen vom Jahre 354 
( Jahrb. Deutsch.Arch.Inst., Erg. heft I) Berlin 1888, Taf. IX. 

^) Vgl. z. B. W. Amelung, Die Sculpturen des Vaticanischen Museums 
ir, Berlin 1908, Taf. 18 : 68, S. 167. fi. Esperendieu, Receuil general de Bas- 
reliefs, statues et bustes de la Gaule romaine I, Paris 1907, Nr. 133, 316, 

201 


und das einer Vase entsprießende Rankenwerk, die im Manches- 
ter Evangeliar die Giebelaufsätze der fünften und sechsten Ka- 
nontafel füllen (Taf. 165a — b), einen antiken Grundcharakter, 
der ihren Ursprung aus 'der spätrömischen Vorlage wahrschein- 
lich macht. 

Dieser spätrömische Gebälktypus, dessen verschiedene Formen 
wir mit Hilfe der beiden Evangeliare zu Aachen und Manchester 
rekonstruieren können, bedeutet stilistisch eine radikale 
Tektonisierung der Kanontafel. Er tritt da- 
durch nicht nur zu dem lateinischen Bogentypus, der ihn ablöst, 
in Gegensatz, sondern vor allem zu den Kanonbögen des euse- 
bianischen Archetypus, die ihm zeitlich vorausgehen. Während 
bei diesen die Säulen oben und unten durch Rahmenstreifen 
verbunden werden, die — für sich betrachtet — reine Grund- 
rißformen darstellen^), erscheint im lateinischen Gebälktypus 
alles Grundrißhafte so gut wie vollständig ausgeschaltet. Der 
bandförmige Bodenstreifen der griechischen Kanontafel ist in 
ein profiliertes Postament umgewandelt, die halben Kreisrahmen 
der Umfassungsbögen sind durch einen tektonisch gegliederten 
Architrav ersetzt. Sogar bei den Giebel- imd Bogenaufsätzen 
überwiegt der Eindruck des Aufrechtstehens. Durch diese Um- 
formung hat sich auch das Verhältnis des Kanonbogens zur Grund- 
fläche grundsätzlich verändert. Während bei den griechischen 
Kanontafeln die reine Grundrißstruktur des Basisstreifens und 
der Umfassungsbögen eine Bindung des Rahmenwerkes an die 
Buchseite bewirken, die von den entgegengesetzten Kräften der 
tektonischen Säulen nur teilweise aufgehoben wird, richtet sich 
der lateinische Kanonbogen vom Gebälktypus als Ganzes frei 
empor. Erinnert der griechische Kanonbogen gewissermaßen an 
den Griuidriß einer Basilika mit mehreren beigeordneten Absi- 
den, siQ ist der lateinische ganz Fassade. 


615 u. 617). G. Wilpert, / sarcofagi cristiani antichi I, Rom 1929, Taf. 
XVI, 2. Von Reims ist das Motiv in die Metzer Buchmalerei übergegangen, 
vgl. das Evangeliar der Veste Coburg, fol. 15b (G. Swarzenski, Die karolin- 
gische Malerei und Plastik in Reims, Jahrb.Preuß.Kunstsamml. XXIII, 1902, 
S. 98, Abb. 9). 

1) Vgl. oben S. 78. * 

202 


Die itektonische Neuorganisierung des Kanonbogens, deren 
Hauptmerkmal die Ersetzung der offenen Umf assungsbögen durch 
einen massiven Architrav mit Giebel- oder Bogenaufsätzen bildet, 
hätte nicht ohne eine entsprechende Veränderung des Schriftbil- 
des vollzogen werden können. Der griechische Kanonbogen 
besteht als Rahmenwerk aus zwei Hauptteilen: aus Säulenöff- 
nungen für die Tabellen und aus Bogenöffnungen für 'die Über- 
schriften. Mit dem Fortfall der Umfassungsbögen blieben in 
der lateinischen ICanontafel vom Gebälktypus nur die Säulen- 
öffntmgen übrig. Es fehlt denmach ein besonderer Raum für 
die Überschriften, Ein solcher war aber auch gar nicht von 
nöten, da die Behandlimg der Kanontitel in der lateinischen 
Übersetzung eine andere war als in der griechischen Origiiial- 
version. 

Das spätantik-lateinische Buchtitelwesen unterscheidet sich 
bekanntlich von 'dem gleichzeitigen griechischen vornehmlich in 
zweierlei Hinsicht. Erstens pflegen in den lateinischen Hand- 
schriften die Anfang- xmd Schlußtitel mit einem besonderen 
Anführungswort Incipit, bzw. Explicit oder Finit verbunden zu 
werden. Zweitens ist es die Regel, daß der Anfangstitel eines 
neuen Abschnittes von diesem losgelöst mid mit dem Sohlußtitel 
des vorangehenden zu einem kombinierten Explicit- 
Incipit-Titel zusammengesetzt wird. Bei den latei- 
nischen Kanontafeln hatte nun dies zur Folge, daß die Anfangs- 
titel, die in den griechischen Kanontafeln als Überschriften in 
die Umfassungsbögen eingetragen waren, den Kanontabellen am 
Ende angehängt wurden. Sie gelangten auf diese Weise in die 
Basiszone der Interkolunmien, während oben zwischen den 
Kapitellen nur die Spaltentitel — die Namen der betreffenden 
Evangelisten — traten^). Ein besonderes Rahmenwerk für die 
Titel war folglich weder notwendig noch erwünscht. Es ent- 
sprach der Struktur des Schriftbildes, daß es als Ganzes in die 
Säulenzone aufgenommen wurd'e^\ Der Übergang vom Bogen- 


^) Vgl. Taf. 165a — b, wo jedoch die kombinierten Explicit-Incipittitel 
von dem mittelalterlichen Kopisten wieder aufgelöst worden sind. 

2) Daß die spätrömischen Kanontafeln darin an eine ältere lateiniche 
Tradition anschlössen, zeigen die Becher aus Vicarello (Abb. 7), wo wir 
eine genau entsprechende Anlage der Titel beobachten können. 

203 


''■iSLv-i^ y 



Abb. 24: Fragment einer Glasschale mit Darstellung des Diocletianus(?) 

Rom, Antiquarium. 


zum Gebälktypus bedeutet also in erster Linie eine Anpassung 
des Rahmenwerkes an das neue Schriftbild. 

Das Explicit-Incipit-System ist auch in den lateinischen Kanon- 
tafeln des Bogentypus erhalten geblieben (Taf. 49 — 51). Wenn 
aber hier die nach griechischem Muster auf die Säulen gesetzten 
Umfassungsbögen außerdem besondere Kanontitel enthalten, so 
bedeutet dies streng genommen eine Tautologie, die bestätigt, 
daß der Bogentypus eine sekundäre Entwicklungsstufe der klei- 
neren lateinischen Kanonfolge darstellt. Das Gleiche gilt von 
den Übersohrifttiteln, die im Aachener Evangeliar (Taf. 162 — 
163) oberhalb des Kanonbogens an den Rand eingetragen wor- 
den sind. Es ist klar, daß sie bei der Rekonstruktion der spät- 
römischen Vorlage als Interpolationen des Kopisten auszuschei- 
den haben^\ 

Der spätrömische Buchmaler, der um die Wende des IV. Jahr- 
hunderts den Gebälktypus in die Geschichte des Kanonbogens 
einführte, hat selbstverständlich diesen Rahmentypus nicht frei 
erfunden. Der Aedicularahmen, um den es sich hier im Prinzip 
handelt, hat ja in der antiken Kirnst seit der klassischen Zeit 
reichste Verwendung gefunden. Mit ihren aufgereihten Säulen 
dürften aber die Kanonbögen nicht unmittelbar von fertigen 
Rahmenformen angeregt worden sein. Die vollständigsten Pa- 


^) Die Kanontafeln der Aachener Kopie weichen von der spätrömischen 
Vorlage auch darin ab, daß sie die Evangelistennamen in die Bogen-, bzw. 
GieBelaufsätze eingeschrieben zeigen. Die ursprüngliche Disposition bewah- 
ren aber die Evangeliare zu Manchester und Köln (Taf. 164 — 66). 

204 



Abb. 25 : Terrakotta mit Darstellung einer römischen Bühne. 
Rom, Museo Nazionale. 


rallelen bilden vielmehr die besonders in der Plastik der Kaiser- 
zeit .häufigen Abbildungen prunkvoller Schau- 
f a s s a d e n. Unzählige Darstellungen römischer Tempelfronten 
können den Kanonbögen mit einfachem Flachgiebel (Taf. 
164a — b) als Vorstufen gegenübergestellt werden^); eine Tem- 
pelfassade auf einer Münze des Oommodus (Abb. 26) hat wie 
die fünfte Kanontafel des Manchester Evangeliars (Taf. 164a) 
einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln als Giebelfüllung. Für 
den Typus mit einfachem Segmentbogen (Taf. 165b) sei als 
Parallele besonders auf -das im Antiquarium zu Rom aufbe- 
wahrte Fragment einer flachen Glasschale mit Gravierung ver- 
wiesen, in der man eine Darstellung des Diocletianus vermutet 
hat (Abb 24)^). Endlich erinnert der Typus mit kleineren 
Giebeln oder Bögen über jedem Interkolumnium (Taf. 162) an 
die bekannte Darstellung einer römischen scenae frons auf dem 


^) Vgl. z. B. E. Strong, La scultura Romana da Augusto a Costantino, 
Florenz 1926, I, S. 71, Fig. 44—45 u. II, S. 211, Fig. 123 u. S. 255, Fig. 163. 

^) L. Bruzza, Frammento di un disco di vetro che rappresenta i vicen- 
nali di Diocleziano (Bull. comm. XII 1882, S. 180—90, Taf. XX) u. A. Mimoz 
u. A. M. Colini, Antiquarium, Rom 1929, Taf. LXXII 

205 


bemalten Tonrelief aus dem Grabe des P. Nxunitorius Hilarus, 
jetzt im Thermenmuseum zu Rom (Abb. 25), wo sogar die 
ionischen Kapitelle wiederkehren^). Dassielbe Relief zeigt auch, 
daß es alte römische Tradition war, das Gebälk mit figürlichen 
Aufsätzen zu schmücken. 

Wie diese Parallelelen deutlich zeigen, sind die lateinischen 
Kanontafeln des Gebälktypus in nahem Anschluß an den For- 
menschatz der römischen Bildkunst gestaltet worden. Es ist 
keine Frage, daß wir in der von den Reimser Kopisten benutzten 
spätantiken Vorlage ein typisches Denkmal jener großen Renais- 
sance-Bewegung zu erkennen haben, welche die römische Malerei 
und Plastik unter Theadosius I. (378 — 95) und Honorius (395 — 
423) kennzeichnet^). Eine nähere Datierung der Vorlage inner- 
halb dieser Zeitspanne ist bei dem heutigen Standpunkt der 
Forschung kaum möglich. Einen festen Terminus a quo gibt 
allein das Jahr 384, in dem die Evangelienrezension des heil. 
Hieronymus veröffentlicht wurde. Die spätrömische Vorlage 
kann in diesenx Jaihr, kann auch einige Jahrzehnte später ent- 
standen sein; im letzteren Falle besteht aber die Möglichkeit, 
daß ihre Kanontafeln einen "hieronymianischen" Archetypus 
wiederholen. An sich widerspricht also nichts der Annahme, 
daß der Gebälktypus der lateinischen Ka- 
nontafeln und mit ihm der Archetypus der 
kleineren lateinischen Kanon folge auf 
die Urausgabe des Hieronymus zurückzu- 
führen sind. Das Widmungsexemplar, in dem die Ausgabe 


^) G. E. Rizzo, Theaterdarstellung und Tragödienscene, Tonrelief des P~ 
Numitorius Hilarus. (Jahresh.Österr.Arch.Inst. VIII, 1905, S. 203 — 229, Taf . 
V). H. Rohden u. H. Winnefeld, Architektonische römische Tonreliefs der 
Kaiserzeit (Die antiken Terrakotten, hrsg. von R. Kekule v. Stradonitz IV)' 
Berlin u. Stuttgart 1911, S. 143—44, Taf. LXXXI). M. Bieber, Die Denkmä- 
ler zum Theaterwesen im Altertum, Berlin — ^Leipzig 1920, S. 111 — 112, Taf. 
LVI. 

2) Mit der spätrömischen Renaissance um die Wende des IV. Jahrhun- 
derts hat sich die Forschung gerade in der letzten Zeit eifrig beschäftigt. 
Eine Übersicht über die wichtigsten Denkmäler bietet A, Haseloff, Die vor- 
romanische Plastik in Italien, Florenz — ^Berlin 1930. 

206 


dem kunstliebenden Papst überreicht wurde, wird eine Pracht- 
handschrift gewesen sein. Die Kanontafeln vom Gebälktypus 
stimmen gut zu der Vorstellung, die wir uns a priori von der 
Ausstattung einer solchen Prachthandschrift machen können^). 



Abb. 26: Münze des Commodus. 


^) In dem vorkarolingischen Evangelienbuch aus Echternach, Paris, Bib- 
liotheque Nationale, lat. 9389, sind die Kanones ohne Rücksicht auf die Sei- 
teneinheiten in stetiger Folge geschrieben, eine Anordnung, die mir aus keiner 
anderen Handschrift bekannt ist. Dem entspricht, daß Kanonbögn im eigent- 
lichen Sinne fehlen; die einzige Einrahmung der Tabellen bildet ein rostar- 
tiges Fachwerk von vertikalen und horizontalen Farbstreifen. Nun enthält 
die Echternacher Handschrift am Ende (fol. 222b) eine Subscriptio, die 
besagt, d£d3 ihre Vorlage nach einem Codex verbessert worden ist, der dem 
heil. Hieronymus gehört haben soll (abgedruckt u. a. bei bei E. H. Zim- 
mermann, Vorkar olingische Miniaturen, Berlin 1916, S. 276). Es könnte 
unter diesen Umständen verlockend erscheinen, statt von den Kanontafehi 
des Gebälktypus von dem aufgelösten Kanonsystem des Epternacensis auf 
die hieronymianische Urausgabe ziurückzuschließen. Ohne diese Möglichkeit 
gänzlich abweisen zu wollen, möchte ich es doch für bedeutend wahrschein- 
licher halten, daß die Anordnung des Epternacensis in Wirklichkeit nur eine 
vorkarolingisch-primitive Reduktionserscheinung darstellt, die mit der 
erwähnten Vorlage aus dem Besitz des Hieronymus nichts zu schaffen hat. 

207 


IL DIE ERSTE GRÖSSERE KANONFOLGE 


A. Die textliche Verteilung. 


Die erste größere Kanonfolge unterscheidet sich von der klei- 
neren dadurch, daß die Kanones statt auf zwölf auf sechzehn 
Seiten verteilt sind. Die Erweiterung des Schriftraumes um 
vier Seiten hatte eine neue Gliederung der Kanontabellen zur 
Folge. Bei der Mehrzahl der Handschriften sind gegenüber der 
kleineren Serie die folgenden Veränderungen zu beobachten 
(vgl. Beilage C). Kanon I wird statt auf zwei auf drei Seiten 
verteilt, Kanon II statt auf drei auf vier, Kanon V statt auf einer 
auf zwei und Kanon VI bis VIII statt auf einer auf zwei, wobei 
Kanon VI allein die erste, Kanon VII und VIII zusammen die 
zweite Seite erhalten. Die Kanones III und IV werden wie in 
der kleineren Folge auf je eine Seite geschrieben; dasselbe gilt 
für Kanon IX— X^t, Kanon X^k—XLk ^nd Kanon X^K Auf der 
letzten Seite erscheint allerdings Kanon XJ^^ statt in drei in vier 
Kolumnen gegliedert. 

Nur durch eine Einzelheit scheiden sich die Handschriften in 
zwei Gruppen. In der einen Gruppe, deren ältester Vertreter 
das Book of Lindisfarne (London, Brit. Mus. Cotton MS 
Nero D. IV) ^) ist, wird Kanon V auf vier Textkolumnen (zwei 
auf jeder Seite) verteilt, in der anderen dagegen, an deren 
Anfang das sog. Krönungsevangeliar Karls des 
Großen in Wien-) steht, wird dieser Kanon in drei 


^) E. G. Miliar, The Lindisfarne Gospels, London 1923, Taf. IV — ^XIX. 

2) J. Ritter von Arneth, Über das Evangeliarium Karls des Großen in 
der K. K. Schatzkammer (Denkschr.Akad.Wien philo.-hist. Kl. XIII, 1864, 
S. 85—134). Die Trierer Ada-Handschrift, Leipzig 1889, Tal. 18—19. J. v. 
Schlosser, Die Schatzkammer des A. H. Kaiserhauses in Wien, Wien 1918, 
Taf. IL — Nach einer Mitteilung der Tagespresse sind die deutschen Reichs- 
kleinode (und folglich wohl auch das Krönungsevangeliar) im September 
dieses Jahres von Wien nach Nürnberg übergeführt worden, wo sie im Ger- 
manischen Museum aufbewahrt werden sollen. 

208 


Kolumnen gegliedert, was — da für den ganzen Kanon zwei Seiten 
zur Verfügung stehen — eine Spaltung der zweiten Textkolumne 
auf zwei getrennte Seiten zur Folge hat (vgl. Beil. C). Daß 
von diesen beiden Lösungen die erste die ursprüngliche ist, 
dürfte ohne weiteres einleuchten. 

Wie das Book of Lindisfame wird also der Archetypus der 
ersten größeren Kanonfolge die folgende Kanonverteilung auf- 
gewiesen haben: 

1. Seite: Kanon I 

2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 

11. 
12, 
13. 
14. 
15. 
16. 

An diese Kanonfolge ist nun auch das spätantike Evangeliar 
in London, British Museum, Harl. 1775 
anzuschließen^), obwohl seine Kanones (fol. 6a — 14b) von der 
Grundredaktion darin abweichen, daß sie statt auf sechzehn auf 
achtzehn Seiten verteilt sind (Taf. 84 — 101)^). Diese Er- 
weiterung des Schriftraumes wurde vor allem durch die Aus- 



I 


I 


II 


II 


II 


II 


III 


IV 

V 

V 

V 

V 

VI 

VI 

VII 

VIII 

IX 

X(2)Mt 

X(l)Mk X(3)Lk 

X(4)Jh 


^) Catalogue of Ancient Manuscripts in the British Museum, Part II 
(Latin) London 1884, S. 14 — 15. F. Kenyon, Fascimiles of Bihlical Manu- 
Script in the British Museum, London 1900, Taf. IX. E. A. Lowe, Codices 
latini antiquiores TL, Oxford 1935, Nr. 197 (mit Anführung weiterer Litera- 
tur). 


^) 


Vgl. Beilage C. 


14 


209 


dehnung von Kanon II auf fünf Seiten bedingt. Dazu kommen 
weitere Verschiebungen gegen das Ende der Kanonfolge hin; 
Kanon VII und VIII nehmen zusammen nur eine halbe, Kanon 
X dagegen vier ganze Seiten ein. Andererseits dürften aber die 
eindeutigen Übereinstimmtmgen mit der Grundredaktion der 
ersten größeren Kanonfolge Grund genug sein anzmiehmen, daß 
das Harley-Evangeliar mamittelbar oder mittelbar auf eine Vor- 
lage mit sechzehnseitiger Kanonverteilimg zurückgeht. So nimmt 
wie in der Grundredaktion der ersten größeren Reihe Kanon I 
drei, Kanon V zwei und Kanon VI eine Seite ein, so ist Kanon 
X^^ in einer, Kanon X^'^ in drei und Kanon X^*^ in vier Kolum- 
nen £Uigeordnet. 

Auch im Livinus-Evangeliar des Kathedral- 
archivs von St. Bavo in Gent, das wahrschein- 
lich um 800 in St. Omer entstanden ist, begegnet eine acht- 
zehnseitige Kanonfolge (fol. 27a— 35b, Taf. 103— 113) ^>. Da 
diese Handschrift ersichtlich eine spätantike Vorlage kopiert, ist 
man zunächst versucht, ihre Kanonredaktion mit derjenigen des 
Harley-Evangeliars zu einer spätantiken Sondergruppe zusam- 
menzustellen. Die Gliederung der Kanones in den beiden 
Handschriften ist aber zu verschieden, tun eine solche Grup- 
piertmg zu rechtfertigen. Kanon II ist zwar in beiden Hand- 
schriften auf fünf Seiten verteilt, die Tabellenabschnitte der 
Seiten fallen aber nicht zusammen. Von Kanon VII ab gehen 
die beiden Handschriften in der Seiten- und Kolumnenglie- 
derung völlig auseinander. Unter diesen Umständen besteht 
kein Grund anzunehmen, daß die Kanonfolge des Genter Evan- 
geliars auf eine dem Harley-Codex nahverwandte spätantike Vor- 
lage mit achtzehn Kanontafeln zurückgehe. Wahrscheinlicher 
ist es, daß erst der raittelalterliche Kopist die Abweichung von 
der Grundredaktion der ersten größeren Kanonfolge verursacht 


^) W. Köhler, Die Denkmäler der karolingischen Kunst in Belgien (Bel- 
gische Kunstdenkmäler, hrsg. v. P. Giemen I, München 1923, S. 11 — 26) mit 
Anführung weiterer Literatur. Köhler gibt S. 15 die Zahl der Kanontafeln 
unrichtig an. Bei einer früheren Gelegenheit (Vier Kanonestafeln eines 
spätantiken Evangelienbuches, Göteb.Vitt.Samh.Handl., Folge V, Ser. A, Bd. 
V: 5, Göteborg 1937) habe ich den Heiligen irrtümlich als Lebuinus ver- 
zeichnet. 

210 


hat. Unter diesen Umständen haben wir in der Vorlage des 
Genter EvangeHars einen normaler Vertreter der sechzehnseiti- 
gen Kanonfolge zu erblicken^). 


B, DieKanonbögen. 

1. Die struktive Gestaltmig des Rahmenwerkes. 

Der Versuch, das struktive Rahmenwerk der Kanontafelu im 
Archetypus der ersten größeren Kanonfolge zu rekonstruieren, 
führt zu einer völligen Umkehrung des Quellenwertes der Kopien. 
Die Handschriften, welche die ursprüngliche Seitenredaktion 
bewahrt haben, sind in ihren Kanonbögen mehr oder weniger 
mittelalterliche Schöpfungen, die von ihren mittelbaren oder 
unmittelbaren spätantiken Vorbildern höchstens die einfachsten 
Grundzüge der Gesamtanlage und versprengte omamentale Ein- 
zelheiten bewahrt haben können. Wirkliche Kopien nach spät- 
antiken Kanontafeln findet man imter den frühmittelalterlichen 
Handschriften nur im Livinus-Evangeliar des Genter Domschatzes 
(Taf. 103 — 113), dessen Kanonfolge aber, wie wir gesehen haben, 
von der Gnmdredäktion der ersten größeren Folge in gewissen 
Beziehungen abweicht. Wir sind bei der Rekonstruktion der 
Kanonbögen des Archetypus gezwungen, von ihm xmd von dem 


^) Der spätantike Ursprung der ersten größeren Kanonfolge läßt sich 
allerdings nur aus ihrer Zuordnung ziu der Harley- und der Genter Handschrift 
erschließen, die aber beide von der normalen sechzehnseitigen Redaktion 
abweichen. Theoretisch besteht unter diesen Umständen auch die Mög- 
lichkeit, daß die sechzehnseitige Kanonfolge erst im Frühmittelalter aufge- 
stellt worden ist. Die Harley-Handschrift und die spätantike Vorlage des 
Livinus-Evangeliars wären dann von beiden Kanonfolgen abweichende 
Stücke, deren Verschiedenheit von der sicher spätantiken zwölfseitigen Nor- 
malfolge darin eine Erklärung finden könnte, daß die Kanones bei ganz 
kleinem Handschriftenforniat — der Harley-Codex mißt nur 177X120 mm 
— eine Erweiterung der Seitenzahl erfordert hätten. Sollte diese Alterna- 
tive die richtige sein, sind die Schlüsse hinfällig, die unten für die Rekon- 
struktion des Archetypus der ersten größeren Kanonfolge aus dem Harley- 
Evangeliar und dem Genter Codex gezogen werden. 

211 


— ebenfalls redaktionstechnisch unregelmäßigen — spätantiken 
Evangeliar in London (Taf. 84 — 102) auszugehen. 

Vergleichen wir aber die Kanontafeln dieser beiden Hand- 
schriften miteinander, so sind schon im struktiven Rahmen- 
werk erhebliche Verschiedenheiten festzustellen. Beide haben 
einen das ganze Schriftbild umspannenden großen Umfassungs- 
bogen, der den Kanontitel einrahmt. Während aber im Genter 
Evangeliar die einzelnen ZifFernsp alten von Säulen eingefasst 
werden, die oben durch kleinere Bögen verbunden sind (Taf. 
103 — 113), fehlen die Zwischensäulen in der Londoner Hand- 
schrift (T'af. 84—102) vollständig. Dem kombinierten m-n-Ty- 
pus der Genter Kanonbögen steht im Londoner Evangeliar der 
einfache n-Typus gegenüber. Welche von diesen Strukturformen 
für die Rekonstruktion des Archetypus allein in Frage kommt, 
lehren die mittelalterHchen Kopien, von denen keine den 
n-Typus, die meisten aber den kombinierten m-n-T!ypus auf- 
weisen'^^ 

Von der struktiven Gestaltung des Rahmenwerkes im Arche- 
typus der ersten größeren Kanonfolge geben uns also die Kanon- 
bögen des Genter Evangeliars zweifellos die zuverlässigste Vor- 
stellung. Wie treu in dieser Beziehung diese Handschrift ihre 
alte Vorlage wiedergibt, lehrt vor allem der Umstand, daß ihre 
Kanonbögen noch deutlich das spätantike Proportionssystem 
erkennen lassen: die dreiteiligen Kanonbögen (Taf. 105 — 108) 
sind im allgemeinen wesentlich schmäler als 'die vierteiligen 
(Taf. 103—104, 109—113)2). 

Nur darin, daß die Kanonbögen der Ausdehnung der Tabellen 
über' achtzehn Seiten angepasst sind, ergibt sich eine grundsätz- 
liche Abweichmig von dem Rahmensystem des Archetypus. 
Bei diesen müssen die vierte bis neunte Seite dreiteilige, die 
übrigen Seiten vierteilige Kanonbögen aufgewiesen haben, so 
daß, wenn die Kanonfolge mit einem Recto einsetzte, idurch- 


1) So z. B. das Book ot Lindisfarne, die "merovingischen" Kanontafeln 
eines altchristlichen Evangeliars in Würzburg (Mp. theol. fol, 66), Wien, 
Schatzkanimer-Evangeliar u. a, 

2) Vgl. dazu C. N., Vier Kanonestafeln eines spätantiken Evangelien- 
buches (Cöteh.Vitt.Samh.Handl., Folge V, Ser. A. Bd. VI: 5, Göteborg 1937), 
S. 23—24. 

212 


gehend Kanonbögen mit gleicher Säulenzahl einander paarweise 
entsprachen^^ 

Auch in der Aufrißstruktur bewährt sich die Treue der Gen- 
ter Kopie: die horizontalen Trenntmgsstriche der Tabellen sind 
zwischen den Säulen eingespannt, so daß -das Schriftbild nach 
spätantikem Prinzip in dem Rahmenwerk gleichsam aufgehängt 
erscheint^). 

Vergleichen wir nun die Genter Kanontafeln mit denen jenes 
vatikanischen Fragments, in dem wir zuverlässige Wiederhol- 
ungen des Archetypus der kleineren Kanonfolge erkannt haben 
(Taf. 48 — 51), so ergibt sich, daß sie in der struktiven Gestalt- 
ung des Rahmenwerkes in allem Wesentlichen vollständig über- 
einstimmen. Was wir von den Kanonbögen des Archetyptis der 
kleineren Folge festgestellt haben, läßt sich mutatis mutandis 
auch auf das Rahmenwerk des Archetypus der ersten größeren 
Folge beziehen. Die Aüfstelltmg einer neuen Kanonredaktion 
ist also nicht mit der Schöpfung eines neuen Kanonbogentypus 
verbmaden gewesen. Man hat sich damit begnügt, die Rahmen- 
form der kleineren Kanonfolge der neuen Textverteilung anzu- 
passen, ohne sie sonst zu verändern. 


2. Die dekorative Ausstattimg des Rahmenwerkes. 

Die Kanontafeln des Genter Evangeliars (Taf. 102 — 112) 
zeigen als Binnenfüllung des großen Umfassungsbogens eine 
koloristische Massenoinamentik derselben Art, die wir bereits 
von den griechischen und lateinischen Kanontafeln der kleine- 
ren Folge her kennen. Daß sie für den Archetypus der ersten 
größeren Folge bezeichnend war, wird dadurch bestätigt, daß 
sie auch in den Kanontafeln des spätantiken Evangelienbuches 
in London zu finden ist (Taf. 84 — 101). 


^^ Die Ausdehnung des zweiten Kanons auf fünf Seiten hat im Genter 
Evangeliar zur Folge gehabt, daß auf fol. 31b — 32a Kanon taf ein mit unglei- 
cher Säulenzahl einander gegenüberstehen. 

. ^) Allerdings lag, wie in Göteb.Vitt.Samh.handl., Folge V, Ser. A, Bd. 6: 5, 
S. 27 dargelegt wurde, eine in jeder Bezeichung stilgetreue Durchfühnung 
dieses Prinzips außerhalb der Fähigkeit des Kopisten. 

213 


Die Onianientmotive verteilen sich in den Genter und Lon- 
doner Handschriften auf folgende Weise: 



Gent, 
St. Bavo 

London, 
Harl. 1775 


1 Einfacher Mäander I , 

1 


Taf. 104a 


2 . Einfacher Mäander II 

10 


„ 108 


3. VX-Muster 

2 


„ 103 


4. Gefälteltes Band 

3 

2,14 

„ 104b, 85, 97 


5. Flechtwerk 

4 


„ 105a 


6. Kleinzack. Blattkranz 

5 


„ 105b 


7. Einf. Mäander mit Füllmo- 
tiven 

6 

7,17 

„ 106a, 90, 100 

8. Regenbogen 

7 


„ 107b 


9. Blumen und Rauten 

8 

4, 9, 13 

„ 107a, 87, 92, 96 


10. Dopp. Mäander m. Füllmo- 
tiven I 

9,17 

6 

„ 107b, 113,89 

11. Dopp. Mäander m. Füllmo- 
tiven II 


1 

„ 84 

12. Halbkreise u. Quadrate 

11,15 


„ 109,111b 

13. Tupfenmuster 

12 

12,16 

„ 110a, 95,99 


14. Fruchtguirlande 

13 

3,10 

„ 110b, 86, 93 


15. Blumenguirlande 


5,15 

„ 88, 98 


1 6. Palmettenbogen 

14 

8,19 

„ lila, 91, 102 


17. Schuppenmuster 

16 

11 

„ 112a, 94 


18. Wellenband 

18 


„ 112b 


19. Chevronmuster 


18 

„ 101 





214 


Wie diese Übersicht zeigt, weisen die achtzehn Kanontafehi 
des Genter Evangeliars im Ganzen sechzehn verschiedene Orna- 
nientmotive auf. Nur zweimal wiederholt sich das gleiche 
Motiv auf zwei verschiedenen Seiten (Nr. 10 und 12). Da wir 
aber angenommen haben, daß die Vorlage des Genter Evan- 
geliars eine Handschrift mit normaler sechzehn&eitiger Kanon- 
folge gewesen ist, erklären sich die beiden Verdoppelimgen 
zwanglos durch die Erweiterung der Kanonfolge der Vorlage um 
zwei Tafeln, Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß die 
spätantike Vorlage des Genter Evangeliars bei jeder Kanontafel 
eine neue Ornamentfüllung verwendete imd zwar diejenigen 
sechzehn Motive, die uns in der Genter Handschrift überliefert 
sind^). 

Das Londoner Evangeliar enthält, obwohl es am Ende der 
Kanonfolge noch eine zusätzliche leere Arkade hat, im Ganzen 
nur elf verschiedene Borten. Sechs Motive (Nr. 4, 7, 13, 14, 15 
imd 16) sind je zweimal verwendet worden^ \ ein siebtes (Nr 9) 
sogar dreimal. 

Welche von den beiden Handschriften in den Füllornamenten 
der Umfassungsbögen dem Archetypus am nächsten steht, kann 
nicht zweifelhaft sein. Die Verwendung eines neuen Ornament- 
motivs für jeden Kanonbogen, wie wir sie für die spätantike Vor- 
lage des Genter Evangeliars bezeichnend gefunden haben, hat 
den Charakter des Ursprünglichen. Ob sämtliche oder nur 


^) Die Ornamentfüllungeii der Genter Kanontafeln sind im allgemeinen 
ungewöhnlich treue Kopien spätantiker Vorbilder. Nur in einem Falle ist 
eine mittelalterliche Umbildung wahrscheinlich: das Flechtwerk der vierten 
Kanontafel (Taf. 105a) geht durch das fortlaufende Knotenmuster der Band- 
führung über alles hinaus, was wir an rein spätantiken Bandgeflechten ken- 
nen (über die Stilentwicklung des Flechtwerkes siehe vor allem E. Lexow, 
Hovedlinierne i entrelac-ornamentikkens Historie, Bergens Museums Aarbok 
1921 — 22, Historisk-Antikvarisk Raekke, Bergen 1923, S. 1—92). Doch haben 
wir keinen Grund zu bezweifeln, daß schon die Vorlage das Motiv des 
Flechtwerkes als solches enthielt. 

-) Die Grenzen zwischen den einzelnen Ornamenttypen sind in der Har- 
ley-Handschrift teilweise schwer zu ziehen. Ich habe in der oben gegebenen 
Übersicht die Ornamentfüllung der dritten Kanonseite (Taf, 86) zu den 
Fruchtguirlanden gerechnet, weil sie im Scheitel des Bogens einen Apfel als 
Füllung hat und die farbige Behandlung der Blätter mit der der vollstän- 
digen Fruchtguirlande der zehnten Seite (Taf. 93) zusammengeht. 

215 


die meisten Motive dieser Vorlage aus dem. Archetypus herstam- 
men, ist hei der Spärhchkeit des Vergleichsmaterials nicht zu 
entscheiden. 

Von den sechzehn Omamentmotiven des Genter Evangeliars 
kehren zehn im zweiten Archetypus der kleineren Folge wieder^). 
Wir finden also, daß die kleinere Kanonfolge auch in der 
Füllomamentik den unmittelbaren Ausgangspunkt für die erste 
größere gewesen ist. Von den neu hinzugekommenen Oma- 
mentmotiven können wir einige in griechischen und syrischen 
Handschriften belegen. Die Palmettenbögen (Taf. lila) 
kehren im griechischen Evangeliarfragment der Berliner Staats- 
bibliothek Ham. 246, fol. 50a (Taf. 5) wieder. Das einfache 
Wellenband (Taf, 112b) ist in der syrischen Handschrift zu 
Paris, Bibl. Nat., syr. 341, fol. 46a^) und im Pariser Psalter^), 
besonders ähnlich aber auf den italo-byzantinischen Kanontafeln 
in Wien (Taf. 41 und 44) zu belegen. Im Wiener Fragment 
kommt auch der "Regenbogen" vor (vgl. Taf. 106b mit Taf. 43). 

Das Londoner Evangelienbuch und das Livinus-Evangeliar 
stinrtnen darin überein, daß sie beide auf Besatzomamente ganz 
verzichten (Taf. 84 — 102, 103 — 113). Da solche auch im Book 
of Lindisfame fehlen, ist es sehr wahrscheinlich, daß sie schon 
im Archetypus der ersten größeren Kanonfolge ausgefallen 
waren. Wir können das Fehlen von Besatzorna- 
menten als ein Merkmal des Archetypus der ersten größeren 
Kanonredaktion im Gegensatz zu dem der kleineren Kanonfolge 
ansehen. 

C. Datierung und Lokalisierung des 
Archetypus. 

Der Archetypus der ersten größeren Kanonfolge muß vor dem 
Ausgang des VI. Jahrhunderts entstanden sein, da idie älteste 
der erhaltenen Kopien, das Londoner Evangeliar Harl. 1775, 


1) Vgl. oben S. 185. 

2) jj, Omont, Peintures de V Anden Testament dans un manuscrit syria-' 
que du VW ou du VllI^ siede ^(Mon. Piot XVII, 1909, Taf. VI: 5). 

^) H. Buchthal, The Miniatures of the Paris Psalter (Studies of the War- 
burg Institute II) London 1938, Taf. XI. 

216 


nach dem Urteil der Paläographen^^ noch diesem Jahrhundert 
angehört. Aus demselben Jahrhundert stammt auch, wie Köhler 
nachgewiesen hat^), die spätantike Vorlage des Genter Evan- 
geliars. Andererseits kann die erste größere Folge aus dem 
gleichen Grunde wie der Bogentypus der kleineren Folge nicht 
vor dem VI. Jahrhundert angesetzt werden: die übergreifende 
Bogenform ihrer Kanontafeln stellt eine architektonische Bil- 
dung dar, die erst in diesem Jahrhundert typisch wird^^. Wir 
haben also in der ersten größeren Kanonfolge wie in der klei- 
neren eine Schöpfung des VI. Jahrhunderts zu 
erblicken. Daß, wie wir schon oben vorausgesetzt haben, der 
kleineren Folge die Priorität zukommt, läßt sich allerdings 
nicht strikt beweisen, muß aber als in hohem Maße wahrschein- 
lich bezeichnet werden. Denn abgesehen davon, daß es dem 
Gefühl widerstreitet, den vorherrschenden lateinischen Kanon- 
tafeltypus von einer spärlicher vorkommenden Variante abzu- 
leiten, steht der Bogentypus der kleineren lateinischen Folge in 
der Bewahrung der Besatzornamentik dem griechischen Vorbild 
näher als derjenige der ersten größeren Folge. 

Die erste größere Kanonfolge Übertrift nun aber die kleinere 
nicht nur an Seitenzahl, sondern auch in der Anzahl der den 
Kanones vorgesetzten Prologe. Wie schon am Anfang dieses 
Kapitels hervorgehoben wurde, haben wir allen Grund anzu- 
nehmen, daß Hieronymus auf eine wörtliche Übersetzung des 
Eusebius-Briefes an Karpianus verzichtete, da er in den Wid- 
intmgsbrief an Damasus ein hinreichend ausführliches Referat 
der im griechischen Prolog mitgeteilten Gebrauchsanweisungen 
aufnahm*). Daher benutzen die ältesten bewahrten Hand- 
schriften der kleineren Kanonfolge nur den Brief an Damasus 
als Kanonprolog imd ergänzen ihn höchstens mit dem (nicht 
hieronymianischen tmd eigentlich überflüssigen) Prolog Seien' 


^,) E. A. Lowe, Codices latini antiquiores II, Oxford 1935, Nr. 197. 
^) W. Köhler, Die Denkmäler der karolingischen Kunst in Belgien C Bel- 
gische Kunstdenkmäler hrsg. v. P. Giemen I, München 1923, S. 21 — 23). 

3) Vgl. oben S. 131. 

4) Vgl. oben S. 168. 

217 


dum etiam^K Die Handschriften mit Kanones der ersten 
größeren Folge dagegen enthalten regelmäßig außer dem hiero- 
nymianischen Widmungsbrief eine wörtliche Übersetzung des 
Eusebiusprologes-^ Wir können aus diesem Befund nur einen 
Schluß ziehen: die wörtliche Übertragung des griechischen Ka- 
nonprologs wird für den Archetypus der ersten größeren Kanon- 
folge vorgenommen worden sein. 

Damit gewinnen wir eine allerdings hypothetische Handhabe 
für die Lokalisierung des Archetypus der ersten größeren Kanon- 
folge. Die an sich überflüssige Hinzufügung des Eusebius- 
Prologs bedeutet eine Annäherung des lateinischen 
Evangelien buch es an das griechische. Sie wird 
in einem Zentrum zustande gekommen sein, wo die griechische 
Buchkunst einen maßgebenden Einfluß ausübte. Welches dieses 
Zentrum war, können wir leider nicht entscheiden. In erster 
Linie wird man an R a v e n n a zu denken haben. Die erste 
größere Kanonfolge könnte hier jene aus dem Griechischen 
übernommene achtseitige Folge ersetzt haben, die, wie das 
Münchener Evangeliar Clm. 6212 lehrt, zur Zeit des Bischofs 


^3 über die Vorreden der lateinischen Evangelienhandschriften handeln 
St. Beissel, Geschichte der Evangelienbücher in der ersten Hälfte des Mit- 
telalters (Stimmen aus Maria-Laach, Erg. heft 93 — 93) Freiburg i. Br. 1906, 
S. 332 — 34 und S. Berger, Les prefaces jointes aux livres de la Bible dans 
les manuscrits de la Vulgate (Mem.AcadJnscr., Ser. I, Bd. XI: 2, Paris 1904, 
S. 1 — 78). Nur den Brief an Damasus als Kanonprolog haben die folgenden 
Handschriften mit Kanones der kleineren Folge: 
London, Brit. Mus., Add. 5463 La Puy, Kapitelbibl., Bibel 
Trier, Dombibl. 61/134 Paris, Bibl. Nat., lat. 9380 

Vatikan, Vat. lat. 5465 Aachen, Domschatz, Kärol. Evangeliar 

Paris, Bibl. Nat., lat. 8850. 
Die Ergänzung Sciendum etiam kommt in Paris, Bibl. Nat., lat. 256 vor. 

2) Als Beleg seien angeführt: 

Gent, St. Bavon, Livinus-Evangeliar, Wien, Schatzkaminer-Evangeliar, 
London, Brit. Mus., Nero D. IV Wien, Nationalbibl. 1229 

Paris, Bibl. d'Arsenal 599 München, Staatsbibl. Clm. 5250. 

In dem spätantiken Harley-Evangeliar sind leider die Einleitungsstücke 
unvollständig erhalten. Die Handschrift beginnt jetzt mitten im Prolog 
Plures fuisse, auf den die Kanontafeln folgen, ohne daß wir mit Sicherheit 
sagen können, welche weiteren Vorreden die Handschrift ursprünglich am 
Anfang hatte. 

218 


Ecclesius (521 — 34) gebraucht wurde^^. Eine Stütze erhält 
diese Annahme durch die Titelseiten mit Schleifenkranz im 
Genter Evangeliar (Abb. 21), deren Verwandschaft mit den ent- 
sprechenden Zierseiten der vermutlich revannatischen Handschrift 
Wien 847 wir schon in einem früheren Kapitel hervorgehoben 
haben^). 


D. London, British Museum, H a r 1. 1775. 

Es ist bei der Rekonstruktion des Archetypus klar geworden, 
daß die Kanontafeln der spätantiken Harley-Handschrift einen 
Sondertypus vertreten. Ihr Hauptmerkmal liegt darin, daß der 
Kanonbogen nur aus zwei Säulen besteht, die oben durch einen 
breiten, leicht hufeisenförmigen Umfassungsbogen, unten durch 
einen Miniumstreifen verbunden werden (Taf. 84 — 101). Die 
Kanonbögen haben alle annähernd die gleiche Breite, gleichviel 
ob die Tabellen vier, drei oder nur zwei Ziffernspalten enthalten. 
Da auch die Ziffernspalten konstante Breite bewahren, ver- 
mögen nur die vierspaltigen Tabellen das Literkolumnium ganz 
auszufüllen. Bei den Kanontafeln, die weniger Ziffemsp alten 
haben, wird für die fehlenden der Platz einfach offen gelassen 
(vgl. Taf. 87—93, 99—101)3). Die Ziffernspalten sind durch 
vertikale Miniumlinien eingerahmt. Die Gliederung der Ta- 
bellen durch Horizontallinien ist dagegen willkürlich. Regel- 
mässig sind nur die Tabellenüberschriften damit eingefasst. 
Das Liniennetz ist merkwürdig locker mit dem struktiven 
Rahmen werk verbunden. Die Vertikallinien sind nicht bis zu 
dem Bodenstreifen hinuntergezogen. Die oberen Horizontal- 
striohe schließen bei Kanontafeln mit weniger als vier Ziffem- 
sp alten oft nur auf der linken Seite an die Säule an. 

In der Auslassung der Zwischensäulen weichen die Londoner 
Kanontafeln nicht nur von denen im Livinus-Evangeliar, son- 
dern von der lateinischen Art überhaupt ab. Interkolunuiien 


1) Siehe oben S. 150. 

2) Vgl. oben S. 158 ff. 

^) Über den stilistischen Sinn dieser Anordnung vgl. unten S. 293 — ^294. 

219 


mit melirsp altigen Tabellen bilden hingegen bei den griechischen 
Kanontafeln die Regel. Griechisch ist auch das Liniennetz 
und die Einführung eines durchgehenden Badenstreifens. Es 
kann unter diesen Umständen nicht zweifelhaft sein, daß sich 
die Sonderstellung des Harleianus durch einen besonders starken 
griechischen Einfluß erklärt. 

Eine nähere Lokalisierung der Handschrift ist von knnst- 
geschichtlicher Seite her nicht möglich. Als Textkritiker haben 
sich Wordsworth und White für Oberitalien ausgesprochen^), 
eine Ansicht, die an Wahrscheinlichkeit gewinnen würde, wenn 
wir mit der Vermutung Recht haben, daß die erste größere 
Kanonfolge in Ravenna entstanden ist. Andererseits hat aber 
Lowe darauf aufmerksam gemacht, daß die von einer gleich- 
zeitigen Hand gemachten Eintragungen an die des Bischofs 
Victor von Capua im Codex Fuldensis erinnern, was eher für 
Süditalien als Heimat der Handschrift spricht^). 


^) J. Wordsworth u. H. J. White, Novum Testamentum Domini nostri 
Jesu Christi latine secundum editionen Sancti Hieronymi, Oxford 1889, S. 705. 
2) E. A. Lowe, Codices latini antiquiores II, Oxford 1935, Nr. 197. 

220 


DRITTES KAPITEL 


DIE SYRISCHEN KANONTAFELN 


ZUR EINFÜHRUNG 


Der syrischen Version der eusebianischen Kanones begegnen 
wir zvun ersten Mal in Evangelienbüchem der Peschitta 
genannten Übersetzung, des syrischen Gegenstückes zur lateini- 
schen Vulgata. 

Die Kanones der Peschitta-Evangeliare unterscheiden sich von 
der griechischen Urredaktion grundsätzlich in zwei Beziehung- 
en^^. Erstens gehen sie von einer neuen Sektionseinteilung 
des Evangelientextes aus, durch welche die Evangelien in eine 
größere Anzahl von Abschnitten gegliedert werden als in der 
eusebianischen Originalversion-\ Matthäus wird in den grie- 
chischen Handschriften meistens in 355 Sektionen gegliedert, 
in den syrischen dagegen in 426, Markus dort in 236, hier in 
290, Lukas in 342, resp. 402, und Johannes in 232, resp. 271 
Sektionen: insgesamt stehen 1389 syrische Sektionen gegen 1165 
griechische. Dementsprechend sind die einzelnen Kanones in 
der syrischen Version immer sektionsreicher als in der ursprüng- 
lichen griechischen. Kanon VH z. B. verzeichnet in den grie- 
chischen Handschriften meistens 13 Parallelstellen zwischen Lukas 
und Markus, in den syrischen dagegen 23^\ 

Zweitens begegnen wir in den syrischen Handschriften zwei 
verschiedenen Arten von Konkor danztab eilen. Außer dem 
gewöhnlichen eusebianischen System mit vollständigen Kanon- 
tafeln zu Beginn des Evangelientextes enthalten die Peschitta- 
Evangeliare sogut wie regelmäßig am unteren Rand der Text- 
seiten besondere Konkordanzen für jede 


^) Eine grundlegende Analys der syrischen. Kanones besitzen wir in dem 
Aufsatz von G. H. Gwilliam, The Ammonian Sections, Eusebian Canons and 
Harmonizing Tahles in the Syriac Tetra-Evangelium (Stud.Bibl.Eccl. II, 1890, 
S. 241—72). 

-) Gwilliam, a. a. O., S. 246. 

^) Eine reichere Sektioziseinteilung haben wir oben S. 140 ff. auch im grie- 
chischen Fragment London, Brit. Mus., Add. 5111 vorgefunden. Die nur 
aus dieser einzigen Handschrift bekannte Kanonredaktion weicht aber auch 
von der syrischen ab. 

223 


K o 1 u m n e^\ Für die kunstgeschichtliche Untersuchung haheu 
diese Marginalkonkordanzen kein besonderes Interesse, da sie 
im Gegensatz zu den vollständigen Kanontafeln sogar in Pracht- 
handschriften keine besondere Einrahmmig erhalten^^. 

Für den praktischen Gebrauch ersetzen die Marginalkonkor- 
danzen die vollständigen Kanontafeln fast gänzlich^). Dies mag 
erklären, daß vollständige Kanontafeln am Anfang der Evan- 
gelien nur in wenigen syrischen Peschitta-Handschriften vorkom- 
men. Ganz oder teilweise sind sie in den folgenden Evangelien- 
büchern erhalten: 

1) Paris, Bibliotheque Nationale, syr. 33 
(olim suppl. syr. 5). 

Die Handschrift, die aus dem Kloster Mar-Anania in 
Mardin stammen soll, geht nach dem Urteil der Paläogra- 
phen zum Teil auf das VI., zum Teil auf das XII. .Jahr- 
hundert zurück*). Zu den älteren Teilen gehören die 
allein erhaltene zweite Hälfte des Briefes an Karpianus 
(fol. 2a) mid die bis auf zwei Blätter gewahrten Kanon- 
tafeln (fol. 2b— 9b, Taf. 114—128), deren Ausstattung 
stilistisch eher auf die erste als auf die zweite Hälfte des 
VI. Jahrhunderts hinweist. 


1) Vgl. die Abbildungsprobe am Anfang der Stud.Bibl.Eccl. II, 1890. 

-) Schließlich unterscheiden sich die syrischen Kanones von den grie- 
chischen und lateinischen auch darin, daß sie der Richtung der syrischen 
Schrift entsprechend von rechts nach links laufen. (Im Tafelband ist dieser 
Anordnung überall Rechnung getragen, wo zwei Kanonseiten auf einer Tafel 
zusammen abgebildet sind.) 

3) Der inhaltliche Unterschied zwischen den Vorsatz- und Marginalkon- 
kordanzen besteht darin, daß bei Sektionen, ziu denen mehrere Evangelien 
Parallelstellen aufweisen, die Vorsatztabellen sämtlich, die Marginalkonkor- 
danzen dagegen nur eine Parallele verzeichnen ; vgl. Gwilliam, a. a. O., S. 254. 

*) J. C. Adler, Novi Testamenti versiones syriacae simplex, Philoxeniana 
et Hierosolymitana, Kopenhagen 1789, S. 14 — 15. Gwilliam, a. a. O., S. 254. 
D. Ainalow, Ellinistitscheskia osnovy wisantiiskago iskusstwa (Zap.Riissk.Ark. 
XII) St. Petersburg 1901 mit Farbtafel (vgl. O. Wulff in Rep. Kunstw. XXVI 
1903, S. 39 — 40). A. Munoz, Monumenti d'arte delle provincie Romane, Rom 
1913. O. Wulff, Altchristliche und byzantinische Kunst I (Handb.d. Kunstw.) 
Potsdam 1914, S. 293 — 295. G. Millet, Recherches sur Viconographie de 
l'Evangile aux XIV ^, XV ^ et XVI^ siecles (Bibliotheque des ßcoles frangaises 
d'Athenes et de Rome fasc. CIX) Paris 1916, S. 4—5, 69—70 u. 555—556. 

224 


2) Florenz, Biblioteca Laurentiana, Plut. 

I , cod. 5 6. 

Die laut dem Kolophon im Jahre 897 der Seleuciden, 
d. i. 586 n. Chr. von dem Kalligraphen Rabula im Johan- 
neskloster der Stadt Beth-Zagba in Mesopotamien geschrie- 
bene Handschrift enhält auf fol. 2a ein Autorenbild mit 
Darstellungen von Ammonius und Eusebius (Abb, Vor- 
satztafel), auf fol. 2b — 3 a die syrische Version des Briefes 
an Karpianus (Taf. 129) und auf fol. 3b — 12b eine voll- 
ständige Serie von Kanontafeln (Taf. 130 — 148) ^\ 

3) London, British Museum, A d d. 17.213. 

Die im VI. Jahrhundert entstandene Handschrift, ent- 
hält am Anfang (fol. lb-^2b) drei stark verstümmelte 
Kanontafeln (Abb. 2iy-\ 

4) London, British Museum, Add. 14.45 0. 

Die aus dem VII. Jahrhundert stammende Handschrift 
hat vier teilweise beschädigte Kanontafeln (fol. la — 2b, 
Taf. 159a— b) 3). 


1) Aus der unendlich reichen Literatur über die Rabula-Handschrift seien 
die folgenden Veröffentlichungen angeführt: S. E. Assemani u. A. F. Gori, 
Bibliotecae Mediceae Laurentianae et Palatinae codicum MSS orientalium 
catalogus, Florenz 1742, S. 1 — 25. A. M. Biscioni, Bibliothecae Mediceae 
Laurentianae catalogus I: Codices orientales complectens, Florenz 1752, S. 
169 — 199. R. Garrucci, Storia delVarte cristiana nei primi otto secoli della 
chiesa III, Prato 1874, S. 54—56, Taf. 128—140. G. Millet, Uart hyzantin 
(A. Michel, Histoire de l'art I, Paris 1905, S. 228—229). S. Beissel, Geschichte 
der Evangelienbücher in der ersten Hälfte des Mittelalters (Stimmen aus 
Maria Laach Erg. heft 92—93) Freiburg i/Br. 1906, S. 59—67. O. Wulff, 
Altchristliche und byzantinische Kunst I, (Handbuch der Kunstwissenschaft) 
Potsdam 1914, S. 293 — ^296. G. Biagi, Riproduzioni di manoscritti miniati 
dei codici della R. Biblioteca Medicea-Laurentiana, Florenz 1914, S. 7. G. 
Millet, Recherches sur Viconographie de l'Svangile, Paris 1916, S. 4 — 5, 44, 
57, 555 — 557 et passim. F. Macler, Raboula-Mlqe (Melanges Charles Diehl, 
II, Paris 1930, S. 81 — 97). J. Strzygowski, L'ancien ort chretien de Syrie, Paris 
1936, S. 31, 74, 108 u. 171. 

^) Gwilliam, a. a. O., S. 254. 
3) Gwilliam, a. a. O., S. 251. 

1.5 225 



Abb. 27: London, British Museum, Add. 17.213, fol. Ib (Kanon I) 
Syrien, VI. Jahrh. 


5) Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Phil- 
lip p s 13 8 8. 

Die Handschrift, die den Eintragungen auf fol. 201a 
zufolge auf Veranlassung des Presbyters Thomas und des 
Aquilinus aus Haddadin vermutlich am Ende des V. Jahr- 
hunderts für das Isaakkloster in Gabbula hergestellt wurde, 
kam im Jahre 988 der Seleuciden, d. i. 677 n. Chr., zur Zeit 
des Presbyters Bacchus in den Besitz der Kirche in Beth- 
Bisho im ägyptischen Natrontale^^. Wahrscheinlich nicht 
allzu lange vorher ließ ein Bruder Stephanus durch einen 
Schreiber Jacob die Handschrift ergänzen und binden, 
wobei ein in Kreise emgefasstes Lektionen- Verzeichnis den 


1) E. Sachau bei L. Stern, Die orientalischen Meerman-Handschriften des 
Sir Thomas Phillipps in der königlichen Bibliothek zu Berlin, Berlin 1892, 
S. 1 — 4. A. Allgeier, Cod. syr. Phillipps 1388 und seine ältesten Perikopen- 
vermerke (Or.Crist. Ser. II, Bd. VI, 1916, S. 147—152). Derselbe, Cod.Phil 
lipps 1388 in Berlin und seine Bedeutung für die Geschichte der Peschitta 
(Or. Christ. Ser. III, Bd. VII, 1932, S. 1—15). 

226 


Evangelien vorangestellt wurde (fol. IIa). Diesem Ver- 
zeichnis sind der Brief an Karpianus (fol, Ib — 2a) und 
die bis auf die beiden letzten Seiten erhaltenen Kanon- 
tafeln (fol. 2b— 10b, Taf. 149—159) in ihrem Schrift- und 
Stilcharakter nahe verwandt; aller Wahrscheinlichkeit 
nach wurden sie also gleichzeitig mit dem Lektionen- 
Verzeichnis, d. h. vermutlich kurz vor 677 hinzugefiigs. 
Von den erhaltenen Peschitta-Evangeliaren mit Kanontafeln 
stammen also drei aus dem VI. tmd zwei aus dem VII. Jahrhtm- 
dert. Die syrische Übersetzung der eusebianischen Kanones ist 
aber wesentlich älter. Sie wird in der Form, die ims in den 
angeführten Handschriften überliefert ist, gleichzeitig mit der 
Pesohitta-Revision des syrischen Evangelientextes gemacht worden 
sein. Wann diese Textverbesserung zustande gekommen ist, läßt 
sich ziemlich genau feststellen. Einerseits hat der hl. Ephräm, 
der 373 starb, sie noch nicht gekannt, andererseits muß sie vor 
dem Konzil von Nicäa (431) bekannt geworden sein, da die 
Nestorianer sie sonst nicht aufgenommen hätten^). Da es nun 
bezeugt ist, daß innerhalb dieser Zeitspanne eine Revision des 
syrischen Evangelienbuches durch Bischof Rabbula von Edessa 
(411 — 35) veranstaltet wurde, ist es, wie Burkitt zuerst hervorge- 
hoben hat, in hohem Maße wahrscheinlich, daß die Peschitta 
mit der neuen Evangelienausgabe des Rabbula gleichzusetzen 
ist-). Wir haben dann auch in der syrischen Kanonübersetzung 
ein Werk Rabbulas zu sehen. Der Archetypus der syrischen 
Kanones läßt sich daher rund auf den Anfang des V. 
Jahrhunderts datieren. Wir haben zu imtersuchen, wie 
weit wir mit Hilfe der erhaltenen Kopien diesen Archetypus 
rekonstruieren können. 


^^ L. Vaganay, Initiation ä la critique textuelle neotestamentaire (Bihlio- 
theque catholique des sciences religieuses XIV) Lyon 1934, S. 110. 

2) F. Burkitt, St. Ephraim's Quotations from the Gospel (Text and Studies 
ed. by J. Armitage Robinson VII: 2), Cambridge 1901, S. 28ff. G. Greßmann, 
Studien zum syrischen Tetraevangelium 2 (Zs.Neutest.Wiss. VI: 2, 1905, S. 
135—40). F. Burkitt, Evangelion-da-Mepharreshe, Cambridge 1906, II, S. 
160—67. 

227 


I. DER ARCHETYPUS 


A. Die textliche Verteilung der Kanone s. 


Von den angeführten Kopien enthält allein das Rabula-Evan- 
geliar in Florenz eine vollständige Kanonfolge. Sie besteht ins- 
gesamt aus neunzehn Kanontafeln (Taf. 130 — 148). Auch 
die Berliner Handschrift, die heute siebzehn Kanontafeln enthält 
(Taf. 149 — 58), wird ursprünglich neunzehn gehabt haben, da 
am Ende der Kanonfolge ein Blatt verloren gegangen ist. Im 
Pariser Evangeliar sind fünfzehn Kanontafeln erhalten (Taf. 
114 — 128) ; da aber nach fol. 2b imd 8b je ein Blatt ausgefallen 
ist, kommen wir auch hier auf die ursprüngliche Anzahl von 
neunzehn Seiten. Von den Kanontafeln der beiden Londoner 
Handschriften endlich sind nur kleinere Bruchstücke erhalten, 
so daß man heute unmöglich mit Sicherheit sagen kann, wie 
viele Seiten die Kanones in diesen beiden Codices ursprünglich 
eingenommen haben. Die ältere von ihnen, Add. 17.213, bewahrt 
auf fol. Ib den Anfang von Kanon I und auf fol. 2a — 2b den 
Anfang von Kanon H. Da diese Bruchstücke ihrem textlichen 
Umfange nach mit den entsprechenden Seiten der Florentiner, 
Berliner und Pariser Evangeliare genau übereinstimmen (vgl. 
Beilage B), ist es durchaus möglich, daß auch diese Kopie einst 
neunzehn Kanontafeln besaß. Das jüngere Londoner Evangeliar, 
Add, 14.450, enthält auf vier Seiten, fol. la — 2b, Fragmente der 
Kanones V bis VIII (Taf. 159a — 'b). Die Verteilung der Kanones 
V bis VI auf drei Seiten stimmt mit den entsprechenden Kanon- 
seiten der drei vollständiger erhaltenen Kopien überein, die 
Kanones VII und VIII sind aber im Gegensatz zu dem sonst 
gewöhnlichen System auf einer einzigen Seite zusammengestellt, 
so daß anzunehmen ist, daß die Kanones in dieser Kopie weniger 
als neunzehn Seiten einnahmen. Bis auf diese Abweichung sind 
aber die Kanones in allen Kopien völlig übereinstimmend ver- 

228 


teilt. Die Rekonstruktion der textlichen Gliederung im Arche- 
typus bereitet unter diesen Umständen keine Schwierigkeit. Sie 
wird folgendermaßen ausgesehen haben: 


1. 

2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 


Seite 


Kanon 


I 

11. 

Seite 

Kanon V 

I 

12. 

99 

,9 VI VI 

I 

13. 

99 

: „ VII 

II 

14. 

99 

: „ VIII 

II 

15. 

99 

IX 

II 

16. 

99 

„ X(3)Mt 

II 

17. 

99 

„ X(l)Mk 

III 

18. 

99 

„ X(3)Lk 

IV 

19. 

99 • 

„ X(3)Jh 


V 


V 


Den sieben- oder zehnseitigen griechischen und den zwölf- oder 
sechzehn&eitigen lateinischen Kanonfolgen läßt sich also eine 
neunzehnseitige syrische gegenüberstellen. 

Wenn auch die reichere Sektionseinleilung der syrischen Kon- 
kordanz die Gesamtlänge der Kanontabellen nicht unwesentlich 
vermehren mußte, so kann sie allein doch kaum deren Ausbreitung 
über neunzehn Seiten erklären. Diese Ausbreitung beruht viel- 
mehr in erster Linie auf der Unfähigkeit oder Unlust des syrischen 
Redaktors, bei der Seitenverteilung einen konsequenten Ausgleich 
zwischen verschieden langen Kanones durchzuführen. Wie die 
Übersicht sofort erkennen läßt, ist es ein Grundprinzip der syri- 
schen Kanonredaktion, niemals zwei verschiedene Kanontabel- 
len auf derselben Seite zusammenzustellen. Auch der nur eine 
Ziffernspalte betragende Kanon X^* hat seine eigene Seite (Taf. 
146 u. 158). Eine Gruppierung von zwei oder mehreren Text- 
kolumnen auf einer Seite kommt außer in den Kanons X^*, 
X^k umj XJ\ wo jede Textkolumne bloß aus einer Ziffernspalte 
besteht, nur zweimal vor: auf der zehnten Seite, wo die beiden 
ersten Textkolumnen von Kanon V (Taf. 121, 139, 154a u. 159a), 
und auf der zwölfen, wo die beiden Textkolumnen von Kanon 
VI (Taf. 123, 141, 155a u. 159b), zusammengestellt sind. Die 
elfte Seite dagegen ist von der aus lediglich zwei Ziffernspalten 
bestehenden dritten Textkolumne von Kanon V allein einge- 
nommen (Taf. 122, 140 u. 155b). 


229 


Die Ausbreitung der Tabellen über eine größere Anzahl von 
Seiten ihaben wir schon bei d'en lateinischen Kanonfolgen kennen 
gelernt^). Besonders die erste größere lateinische Folge steht 
ja in der Zahl der verwendeten Seiten der syrischen nur wenig 
nach. Bei den lateinischen Kanones ist aber stets dafür gesorgt, 
daß die einzelnen Seiten ungefähr gleich viel Text bekommen: 
jeder von ihnen werden entweder drei oder vier Ziffernspalten 
zugeteilt. In der syrischen Kanonfolge dagegen ist die Forderung 
eines einheitlichen Umfangs des Schriftbildes dem primitiveren 
Prinzip der Auseinanderhaltung des textlich Verschiedenen 
geopfert. Die Folge ist, daß die Seiten nicht nur vier oder drei, 
sondern auch zwei oder eine Ziffernspalte aufweisen können. 

Von allen Kanonredaktionen ist also die syrische diejenige, 
welche am wenigsten eine kompositionelle Zusammenfassung des 
Schriftbildes erstrebt. Der kunstvollen Gruppierung der 
Kanones auf sieben Seiten in dem griechischen Archetypus steht 
in dem syrischen eine einfache Aneinanderreihung 
auf fast dreimal so großem Raum gegenüber. 


1) Vgl. oben S. 171 ff. .und 208 ff. 

230 


B. Die K a n o n b ö g e n. 


1. Die struktive Gestaltung des 
Rahinenwerk.es. 


a. Die Kanontafeln als Grundrißform. 

Im Gegensatz zu den griechischen Kanontafeln, bei denen die 
Interkolumnien mehrere ZifFernsp alten enlhalten^\ weisen die 
syrischen für jede Ziffernspalte ein Inter- 
kolumnium (Taf. 114 — 159) auf. Es ist dasselbe System, 
das wir bereits bei den lateinischen Kanontafeln angetroffen, 
haben; wie bei diesen ist es durch den Übergang zu einer geringen 
Anzahl von Ziffernspalten pro Seite bedingt-^ 

Da in der syrischen Kanonfolge die Zahl der Ziffernspalten 
pro Seite zwischen vier und eins wechselt, waren Kanonbögen 
von vier verschiedenen Typen erforderlich: einer mit fünf (Taf. 
114, 121, 12,3 etc.), einer mit vier (Taf. 115—20, 127—28 etc.), 
einer mit drei (Taf. 122, 124 — 26 etc.) und einer mit zwei Säulen 
(Taf. 146 u. 158). 

Im Pariser Evangeliar (Taf. 114 — 128), in der Phillip ps-Hand- 
schrift zu Berlin (Taf. 149—158) und in London Add. 14.450 
(Taf. 159a — b) sind die Säulen nach dem m-Typus durch eine 
Reihe koordinierter Umfassungsbögen verbunden, von denen 
jeder ein Interkolumnium überspannt. In London Add. 17.213 
sind die Kanontafeln so fragmentarisch erhalten, daß die Bogen- 
zone nirgends bewahrt ist (Abb. 27). Da aber das Seitenformat 
der Handschrift eine Rekonstruktion der Kanontafeln mit 
großem übergreifendem Umfassungsbögen nicht gestattet, muss 
man annehmen, daß auch hier die Kanonbögen den m-Typus 
vertraten. Die gleiche Rahmenform kommt auf der elften Ka- 
nonseite des Rabula-Evangeliars vor (Taf. 140). Bei den übri- 
gen Kanontafeln dieser Kopie werden dagegen die Verbindungs- 


1) Vgl. oben S. 75—76. 

2) Vgl. oben S. 178—179. 


231 


bögen idurch einen großen Umfassungsbogen überspannt (^Taf. 
130 — 139, 141 — 148). Wie bei den lateinischen Kanontafeln 
handelt es sich hier also tun einen kombinierten m-n-Typus. 

Beim m-n-Typus des Rabula-Codex tritt, sobald weniger als 
vier Ziffernspalten vorhanden sind, fast immer ein fühlbarer 
Gegensatz zwischen der Gesamtbreite des Schriftbildes lind der 
Spannweite des Umfassungsbogens hervor, der die Einführung 
von zusätzlichen Ecksäulen ohne unmittelbare Rahmenfunktion 
veranlasst hat (Taf. 133—135, 138, 144—145 u. 147—148). Der 
einfache m-Typus dagegen kann sich ohne Schwierigkeit der 
variablen Gesamtbreite des Schriftbildes anpassen^^ Schon aus 
diesem Grunde dürfte es ohne weiteres einleuchten, daß wir im 
m-Typus die ursprüngliche Rahmen form der 
syrischen ICanonfolge zu erblicken haben. Während 
also die Kanontafeln der Pariser und Berliner Evangeliare und 
diejenigen der beiden Londoner Fragraente im Wesentlichen die 
Grimdrißform ides Archetypus wiedergeben, müssen wir, um die 
Kanontafeln des Rabula-Codex zu erklären, das Hineinspielen 
einer der syrischen Tradition fremden Vorlage annehmen, deren 
Ursprxmg noch erforsoht werden muß. 

Dessen ungeachtet bewahren die Kanontafehi des Rabula- 
Evangeliars einen unverkennbaren Zusammenhang mit denen der 
übrigen Kopien. Auf den Seiten mit drei oder zwei Scbrift- 
sp alten bildet der übergreifende n-Rahmen meistens nur eine 
lose Schale, innerhalb deren die m- Arkade als selbständiger Kern 
besteht (Taf. 133—35, 138, 142—145 u. 147—148). Die formale 
Übereinstimmung dieser Kemrahmen mit den Kanonbögen der 
übrigen Kopien ist schlagend. Sie gehören alle einem einzigen 
Grundtypus an, in dem wir ohne Zweifel die Rahmenform 
der Urausgabe erkennen dürfen. Am treuesten hat die Pariser 
Kopie diesen Grundtypus bewahrt (Taf. 114 — 128). Seine Ka- 
nonbögen bestehen nur aus zwei Elementen: dünnen lattenähn- 
lichen Säulen und breiteren hufeisenförmigen Verbindtmgsbögen. 
Horizontale Rahmenleisten fehlen gänzlich. Die Hinzufügung 
von Bodenstreifen als untere Abgrenzung der Interkolumnien 


^) Eine gewisse Ausnahme bedeutet allerdings die einspaltige Kanontafel 
XMk; vgl. darüber das auf der folgenden Seite Gesagte. 

232 


ts^A 


in Add. 17.213 und auf einigen Kanontafeln im Rabula-Evangeliar 
(Taf. 130, 143 — 148) wird den syrischen Kanonbögen ursprüng- 
lich fremd gewesen sein. Auch in der Verlängerung der Kapi- 
tellplatten zu zusammenhängenden Architravstreifen in der Phil- 
lipps-Handsohrift (Taf. 149—158) und in Add. 14.450 (Taf. 159) 
haben wir eine (vermutlich erst im VII. Jahrhundert erreichte) 
spätere Entwickltuigsstufe zu erkennen^ \ 

Einen Sonderfall stellt der Kanonbogen der siebzehnten Seite 
dar, dessen Inhalt (Kanon X^*^) nur aus einer einzigen Ziffem- 
spalte besteht. Leider hat sich diese Kanonseite nur in zwei 
Kopien, im Rabula-Evangeliar (Taf. 146) und in der Berliner 
Phillipps-Handschrift (Taf. 158) erhalten. Beide Kanontafeln 
stimmen darin überein, daß die Weite des Interkolunmiums 
nicht (wie sonst gewöhnlich) der ZifFernspalte, sondern dem 
wesentlich breiteren Schlußtitel cingepa&st ist: natürlicherweise 
hat man eine einzige Arkade von gewöhnlicher Breite als eine 
allzu knappe Ausfüllung der Seite empfunden. Der obere 
Abschluß des Interkolumniums gestaltet sich in den beiden 
Kopien verschieden. Während er im Rabula-Codex aus einem 
breiten Hufeisenbogen besteht, tragen die Säulen in der Phillipps- 
Handschrift einen Flachbogen mit einem rechteckigen, oben in 
eine Spitze ausgezogenen Aufsatz. Es ist kaum anzunehmen, 
daß dieser Aufsatz, der die durchgehende Scheitelhöhe der 
Kanontafehi unterbricht, im Archetypus vorgebildet war. Wahr- 
scheinlich waren die Säulen hier nur durch einen Flachbogen 
verbunden. 

Im großen gemzen läßt sich die ursprüngliche Grundrißform 
der syrischen Kanontafeln, wie wir sie am treuesten in der Pariser 
Kopie bewahrt sehen, als eine Anwendung des ältesten 
griechischen Rahmenschemas auf die neun- 
zehniseitigeT'abellenredaktion kennzeichnen. Auch 
die Hufeisenform der Verbindungsbögen bedeutet — wenn unsere 


^) Einen durchgehenden Architravstreifen zeigen auch die Kanonbögen 
des 757 datierten, philoxenisch-heraklensischen Evangeliars in Florenz, Bibl. 
Laur. Plut. I, 40. Eine Vorstufe bilden die Kanontafeln im Rabula-Evan- 
geliar mit durchgezogenem Scheidestrich zwischen Säulen- und Bogenzone 
(Taf. 130, 143—144 u. 146—147). 

233 


Rekonstruktion des eusebianischen Archetypus zutrifft — nichts 
grundsätzHch Neues. Nur ist die Rahmenfunktion der Bögen 
eine andere geworden. Auf den griechischen Kanontafeln dien- 
ten die Verhindungsbögen dazu, sämtliche Überschriften der 
Kanontabellen einzurahmen. Mit der Beschränkung des Textes 
auf eine Ziffernspalte pro Interkolumnium konnten die Verhin- 
dungsbögen der syrischen Kanontafeln nichts anderes enthalten 
als die Spaltenüberschriften — die Namen der betreffenden 
Evangelisten. Der eigentliche Kanontitel mußte als freie Zeile 
über den Kanonbogen gesetzt werden (Taf. 130 ff.)^). Auch bei 
den Kanontafeln des kombinierten n-m-Typus (Taf. 130 — 139, 
141 — 148), wo die Kanontitel in den großen Schildbogen hätten 
aufgenommen werden können, bleiben diese 'oberhalb des Kanon- 
bogens — ein weiteres Zeichen dafür, daß dieser Rahmentypus 
nicht für die syrische Kanonfolge ursprünglich entworfen sein 
kann. 


b. Die Kanontafehx als Aufrißform. 

Die statische Verbinidung der Kanontabellen mit dem Rahmen- 
werk wurde bei den griechischen Kanontafeln durch ein Linien- 
netz hergestellt, dessen Vertikale die einzelnen Ziffernspalten 
von einander trennen (vgl. Taf. 2 — 4). Es ist klar, daß diese 
Scheidelinien überflüssig werden mußten, sobald jede Ziffem- 
spalte, wie in den lateinischen und syrischen Kanontafeln, ihr 
eigenes Interkolumnium erhielt. Während aber die lateini- 
schen Kanontafeln die Horizontalstriche des Netzes beibehielten, 
die die Ziffemspalten in Gruppen einteilten, und diese unmittel- 
bar mit den Säulenschäften verbanden, verzichten die syrischen 
Kanontafeln auch darauf. Die Sektionsnummern der Ziffem- 
spalten folgen einander in imunterbrochenen Reihen, die höch- 


1) Die Kanontitel sind in der syrischen Kanonfolge ausführlicher als in 

den griechischen und lateinischen; vgl. die folgende (in deutscher Überset- 
zung mitgeteilte) Probe: 

griech.-lat. syrisch 

Kanon II, worin drei Kanon II, worin drei Evangelisten 

[Evangelisten vertreten sind]. sprechen und übereinstimmen. 

234 


stens durch einen Wechsel in der Tintenfarbe zu Gruppen zu- 
sammengefasst werden können. Keine Hilfslinien verbinden 
sie mit dem Rahmenwerk. Das Schriftbild erscheint nicht wie 
bei den griechischen und lateinischen Kanontafeln in den Säu- 
lenöfifnungen aufgehängt. Es tritt in keine statische Beziehung 
zum Rahmenwerk. 

Dieser Veränderung entspricht eine Verminderung der 
plastischen Stabilität des Rahmenwerkes. 
Abgesehen von den ornamentgefüllten Schäften (Taf. 130 — 148), 
von denen man annehmen kann, daß sie ebenso wie die übergrei- 
fenden Umfassungsbögen einer fremden Vorlage entnommen sind, 
haben die Säulen der syrischen Kanontafeln eine aujffallend 
schmale Stabform (Taf. 114—128, 149—159, Abb. 27). Mit 
ihren bandartig ausgezogenen Schäften stehen sie auf der Grenze 
zur Eindimensionalität, bei der der Begriff der tektonischen Sta- 
bilität überhaupt ausscheidet. 

Im Gegensatz zu den griechischen Kanonbögen^^ haben die syri- 
schen keinen Bodenstreifen als Unterlage. Eigentümlicher Weise 
wird die Säiden-Basis öfters verdoppelt, was die Standfes- 
tigkeit des Kanonbogens noch weiter abschwächt (Taf. 115 — 119, 
122 — 123, 135 — 139 etci; Abb. 27). Bei solchen Arkaden werden 
die Tabellenspalten in der Regel nicht tiefer geführt als bis zur 
oberen Basisreihe. Wo die Doppelbasis fehlt, kommt es gele- 
gentlich vor, daß die Basen abwechselnd höher und tiefer anset- 
zen (Taf. 114, 120—121, 127 u. 142), wieder ein Mittel, die natür- 
liche Stabilität des Kanonbogens aufzuheben. 

Wie weit diese Einzelheiten im Archetypus der syrischen Ka- 
nonfolge vorgebildet waren, entzieht sich imserer Beurteilung. 
Im Großen gesehen dürften aber die Kanontafeln der Pariser 
und Berliner Kopien die Aufrißform des Archetypus unverändert 
bewahrt haben. Die Abschwächung des statischen Zusammen- 
hanges, die in der Ausscheidung der Hilfslinien, in der stab arti- 
gen Bildung der Säulen und in der Verdoppelung der Basen zum 
Ausdruck kommt, wird von Anfang an ein Wesensmerkmal der 
syrischen Kanontafeln dargestellt haben. 


1) Vgl. oben S. 75. 

235 


2. Die dekorative Ausstattung des 
Rahmenwerkes. 

Der Versuch, das struktive Rahmenwerk im Archetypus der 
syrischen Kanonfolge zu rekonstruieren, lässt die Kanontafeln 
der Berliner und Londoner Evangeliare, vor allem aber die der 
Pariser Handschrift als die zuverlässigsten Wiedergaben erschei- 
nen. Die spröden Arkaden, in denen wir die Grundform der 
syrischen Kanonbögen erblicken dürfen, können niemals für eine 
reichere omamentale Ausstattung geeignet gewesen sein. Auch 
ist die Verzierung der genannten Kopien außerordentlich spär- 
lich. Der ornamentale Reichtum der Kanonbögen im Rabula- 
Evangeliar verdankt sein Dasein dem neuen Rahmentypus und 
wird mit diesem in der Hauptsache einer fremden Vorlage ent- 
lehnt sein. 

Eine dekorative Gliederung des Rahmenwerkes wird in den 
syrischen Kanontafeln des m-Typu& vornehmlich durch rhyth- 
mischen Farbenwechsel erreicht. Im. Pariser Evan- 
geliar z. B. sind auf der ersten Kanontafel (Taf. 114) die beiden 
äußeren Verbindungsbögen blaugrau, die beiden mittleren dage- 
gen bräunlich rot. Die Säulenschäfte wiederum alternieren 
zwischen Gelb und Blaugrau im Rhythmus a-b-a-b-a. Bei ande- 
ren Kanonbögen kommt es vor, daß die Säulen eine vertikale 
Gliederung in abwechselnd blauen, gelben und roten Teilstücken 
aufweisen^). An der lebhaften Farbwirkung dieser Verzierungs- 
weise, die gewissermaßen dem sog. Inkrustationsstil der antiken 
Wanddekoration entspricht, nehmen öfters auch die Schrifttabel- 
len teil, deren Kolumnen gerne mit abwechselnd roter und 
schwarzer Tinte geschrieben sind. Auch im Rabula-Evangeliar 
spielt abgesehen von den interpolierten Massenomamenten die 
hier beschriebene "Inkrustations-Ornamentik", eine hervor- 
ragende Rolle. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sie zu den 
ursprünglichen Merkmalen der syrischen Kanontafeln zu rech- 
nen ist. 

Was die Kopien mit Ausnahme des Rabula-Evangeliars an 
wirklicher Füllomamentik aufweisen, ist sehr bescheiden. 


1) So z. B. in Paris, syr. 33, fol. 3a (Taf. 115). 
236 



31 

■ 

1 R 


T? 




T 


C^ 






^ 



Abb. 28: Paris, Bibliotheqüe Nationale, syr. 33. 
Füllornamente der Kanonbögen. 

Im Pariser Evangeliar bestehen die Füllomamexite der Kanon- 
bögen zum größten Teil aus einfachen Punkt- und Linienmus- 
tem, die gemeinsam mit dem Farbenwechsel eine rhythmische 
Gliederung der Säulenschäfte und Verbindungsbögen ergeben 
{Taf. 114 — 128). Von den hier verwendeten Motiven (Abb. 28) 
ist das Zopfband auch in London Add. 14,450, fol. 2b zu belegen^). 
Aber auch in dem reichen, in der Hauptsache einer fremden 
Quelle entlehnten Ornamentenschatz des Rabula-Evangeliars 
(Taf. 130 — 148) gibt es eine kleine Gruppe von Linienmotiven, 
die denen des Pariser Evangeliars entweder genau entsprechen 
oder sehr nahe stehen^). In diesen linearen Mustern haben wir 
die ursprüngliche Füllornamentik der ICanonbögen im Archety- 
pus der syrischen Folge zu erblicken, wenn auch eine genauere 
Rekonstruktion der ursprünglichen Verteilung der Motive nicht 
möglich ist. 

Diese Füllornamentik ist nun deswegen von Interesse, weil sie 
geeignet ist, die. Zurückführung der Pariser Kanonbögen auf 
einen Archetypus aus dem Anfang des V. Jahrhunderts zu erhär- 
ten. Ihre nächste Parallele bietet nämlich eine Gruppe von 
germanischen Beschlägen und Fibeln mit Stempelverzierung aus 
Untersiebenbrunn (bei Wien), Sösdala (Schonen) u. a., die in 


1) Die übrigen Fragmente, wie auch diejenigen in Add. 17.213, ent- 
behren jeder Füllornamentik. 

2) Vgl. außer den Abbildungen des Tafelbandes die Strichzeichnungen 
bei R. Garrucci, Storia delVarte christiana III, Prato. 1881, Taf. 130 — 138. 


237 




1^ 


WB 


Abb, 29: Oriiamentmotive auf germanische Schmucksachen. 
Vornehmlich um 400 n. Chr. 

der Hauptsache im IV — V. Jahrhundert entstanden sind^). Wir be- 
gegnen auf diesen einer meistens bortenförmigen Verzierung aus 
Punkten, kurzen Strichen und Wellenlinien, die stilistisch und 
z. T. auch motivisch mit den Füllornamenten der Pariser Kanon- 
tafeln nahe übereinstimmen (Abb. 29). Forssander, der zuletzt 
eine zusammenfassende Bearbeitung dieser stempelverzierten 
Schmucksachen veröffentlicht hat, hat den Nachweis geliefert, 
daß sie südöstlichen (pontischen) Impulsen ihre Entstehung 
verdanken^). Unter diesen Umständen werden wir nicht über- 
rascht sein, auf weitere Analogien in der syrischen Buchmalerei 
zu stossen^^ 


^) N. Äberg, Den germanska stjärnornamentiken ( Antikvarisk tidskrift 
för Sverige XXI: 3, 1919). R. Norberg, Moor- und Depotfunde aus dem 5. 
Jahrhundert nach Chr. in Schonen (Acta arch. II, 1931, S. 104 — 111). J. E. 
Forssander, Provinzialrömisches und Germanisches. Stilstudien zu den scho- 
nischen Funden von Sösdala und Sjörup (K. Humanistiska V etenskapssam- 
fundets i Lund ärsberättelse 1936—1937, VII, Lund 1937, S. 183—272). 

2) Forssander, a. a. O., S. 194 ff. 

3) Zu der gleichen Stilgruppe im weiteren Sinne gehören die Füllorna- 
mente des Filocalus-Kalenders (J. Strzygowski, Die Calenderbilder des Chro- 
nographen vom Jahre 354, Jahrb. Arch.Inst., Erg.-heft 1, Berlin 1888 und 
unsere Abb. 7) und die provinzialrömischen Kerbschnittbronzen. 


238 


Die Randminiaturen. 


Die Berliner, Londoner und Pariser Evangeliare, in denen sich 
die Grundform der syrischen Kanontafeln erhalten hat, stimmen 
darin überein, daß die Verbindungshögen der Ar- 
kaden keinerlei Besatzornamentik aufwei- 
sen (Taf. 114 — 128, 149 — 159). Die Anbringung der Kanontitel 
als "Gesims" über der Archivoltenzone, die sicher ursprüngKch 
ist, macht es auch von vornherein unwahrscheinlich, daß dieser 
Rahmentypus eine dekorative obere Ausschmückung der Ver- 
bindungshögen besessen hat. Wenn im Berliner Evangeliar die 
Einführung eines seitlich hinausragenden Architravstreifens eine 
Bereicherimg der Bogenzone durch verschiedene Pflanzen- oder 
Vogelmotive ermöglicht hat (Taf. 149 — 157) ^^ so haben diese bei 
der Rekonstruktion des Archetypus als offenbare Interpolationen 
auszuscheiden. Entsprechend ist im Rabula-Evangeliar (Taf. 
130 — 148) die formenreiche Besatzomamentik der übergreifen- 
den Umfassungsbögen wie diese selber auf besondere Quellen 
zurückzuführen. 

Außer den nur in diesen Kopien vorkommenden, von fremden 
Vorbildern übernommenen festen Besatzornamenten kennen aber 
die syrischen Kanontafeln eine andere freiere Art von Zusatz- 
motiven. Es sind die Randminiaturen, die wir im Pari- 
ser Evangeliar und in der Rabula-Handschrift in den seitlichen 
Marginalen angebracht finden (Taf. 114 — 128 u. 130 — 148). Sie 
stellen eine Eigentümlichkeit der syrischen 
K a n o n t a f e 1 n, dar, die als solche mit großer Wahrschein- 
lichkeit auf den Archetypus zurückzuführen ist. 


1) Während die vegetabilen Motive (Blattstauden, Halbpalmetten ,und 
Blumenkörbe) erhalten geblieben sind, sind die Vögel der Bilderfeindlichkeit 
eines späteren Besitzers zum Opfer gefallen. Auf einigen Seiten lassen die 
erhaltenen Farbspuren die ursprünglichen Darstellungen noch erkennen. So 
waren auf fol. 7b (Taf. 155b) auf der rechten Seite des Kanonbogeus ein 
Watvogel, auf fol. 9a (Taf. 156a) rechts ein Steinhuhn(?) und auf fol. 9b 
(Taf. 157b) rechts und links Vögel mit langen schmalen Schwanzfedern 
(wahrscheinlich Fasanen) gemalt. 

239 


Im Pariser Evangeliar befinden sich die Randminiaturen bei 
sämtlichen Kanontafeki in mittlerer Höhe der Säulenzone (Taf. 
114 — 128). Sie bestehen abwechselnd aus Evangelien- 
szenen imd dekorativen Motiven. Die Evange- 
lienszenen, die meistens mit (schwer lesbaren) Beischriften ver- 
sehen sind^\ verteilen sich folgendermaßen: 

fol. 3b — 4a (ursprünglich die fünfte und sechste Kanontafel) : 
die Verkündigung Mariae (Taf. 116 — 117). Über dem Engel 
Gabriel am äußeren Rand der linken Seite liest man: 

Gabriel maVahä kad masqarf?) läh la-btültä mariam, 
d. h. "Der Engel Gabriel, indem er sie, die Jungfrau Maria, streng 
anschaut". Über Maria steht im äußeren Rand der rechten Seite: 

['e]mrat mariam [l^maiyalia ^aikan tehue [häd]e d^hauia-nä 
b^tültä . . . w^gahrä lä h'^fcTm (IT) . . . 

d. h. "Maria sagte dem Engel: wie soll dies geschehen, da ich 
Jungfrau bin. . . . tuid ein Mann von mir nicht gekannt ist?". 

fol. 4b — 5a (ursprünglich die siebente und achte Kanonseite) : 
die Heilung des krummen Weibes (Taf. 118 — 119), Rechts am 
äußeren Rand Christus mit der Überschrift: 

^em.ar läh iisö^ ''attf'^tjä sariä-tt(i) m,en kurhärie'kfij, 
d. h. "Jesus sagte ihr: Weib, du bist deiner ICrankheit ledig". 
Links am äußeren Rand das krumme Weib mit der durch 
Abreibung rnid Beschneidung schwer entstellten Überschrift: 

häi ^att('^t)ä d'^s\^ariä\ (h^Jwät kad q[aii'^Tnah] iisö' wa- 
mfaiiäf?) d'^ri..., 

d. h. "Das Weib, das geheilt wurde, als Jesus es aufrichtete, und 
eszierte(?) "2)_ 

fol, 5b (ursprünglich die neunte Kanonseite) : die Heilung des 
blutflüssigen Weibes (Taf. 120). Unterschrift: 

^attf'^tjä d^räde [(h'^)w^^ä d^m-äh s^nin {tarta^ '^esre kad qerttat 
[l'^qarn]ä (oder [l'^kenf]ä) d^martöteh [ ] w^mehdä [iehsat] 

m^'^inä da-dm.äh w-etdakk'^iat. 


^) Transkription lund Übersetzung dieser Beischriften verdanke ich der 
Liebenswürdigkeit von Professor H. S. Nyberg, Upsala. 

2) Der Schluß der Inschrift ist nicht klar deutbar. Es bleibt infolgedes- 
sen unsicher, was mit dem letzten Zeitwort gemeint war. 

240 


d. h. "Das Weib, dessen Blut geflossen war zwölf Jahre lang, als 
es den Zipfel seines Mantels berührte, sofort vertrocknete die 
Quelle seines Blutes und es wurde rein". 

fol. 6a (ursprünglich die zehnte Kanonseite) : der gute Hirt 
(Taf. 121). Die Miniatur ist. zur Hälfte abgeschnitten und stark 
abgerieben. Man erblickt den vorderen Teil eines Lammes und 
den Oberkörper eines Mannes mit Heiligenschein, der es auf 
den Armen trägt^). Eine Beischrift fehlt. Die Szene ist von 
Ainalow als Scheidung der Böcke und Schafe gedeutet worden-), 
was kaum berechtigt erscheint, da außer dem von Christus getra- 
genen Lamm keine weiteren Tiere dargestellt sind. 

fol. 6b (ursprünglich die elfte Kanonseite) : die Hochzeit zu 
Kana (Taf. 122). Am äußeren Rand steht nach rechts gewen- 
det Christus und streckt die Hand gegen einige vor ihm aufge- 
stellte Gefäße aus, von denen infolge der Beschneidung des Blattes 
nur die linken Ränder erhalten sind. Man hat in dieser Szene 
eine Darstellung der wunderbaren Vermehrung der Fische und 
Brote sehen wollen^). Die richtige Deutung gibt die Überschrift: 

[pä]röqan kad harrefi al {mau\ä wa-hwau hamrä, 

d. h. "unser Heiland als er das Wasser segnete und es zu Wein 
wurde". 


^) Allerdings pflegt bei den Darstellungen des guten Hirten Christus das 
Lamm auf den Schultern zu tragen, während er es hier vor der Brust hält. 
Dieser ungewöhnliche Typus des Chriophoros läßt sich aber gerade in der 
syrischen Kunst ein zweites Mal belegen: in einer palmyrenischen Skulptur 
aus dem Jahre 229 n. Chr. in der Sammlung Sarre zu Berlin, vgl. F. Sarre, 
(Studien zur Kunst des Ostens Josef Strzygowski zum 60. Geburtstage von 
seinen Freunden und Schülern dargebracht, Wien 1923, S. 69 — 71) ; zur Da- 
tierung H. Seyrig, Antiquites syriennes XXI (Syria XVIII, 1937, S. 40 — 43). 
F. Saxl macht mich darauf aufmerksam, daß der Typus auf die altorienta- 
lische Kunst zurückgeht, vgl. O. Weber, Altorientalische Siegelbilder (Der 
alte Orient Jg. 17 — 18) Leipzig 1920, Abb. 431, 439 etc. und eine elamitische 
Bronzefigiur im Louvre, abgebildet in Gaz. B.-A. 1906: 1, S. 17. Auch in der 
frühgriechischen Plastik ist er, sogar in kolossalem Maßstabe, zu belegen, 
siehe Ch. Picard, Fouilles de Thasos (Bull.Corr.Hell. XIV, 1921, S. 113—127). 

^) D. Ainalow, Die hellenistischen Grundlagen der byzantinischen Kunst 
(Zap.Russk.Arch. XII) St. Petersburg 1900 (Referat von O. Wulff, Rep. 
Kunstw. XKYI, 1903, S. 40). 

^) N. Kondakow, Histoire de l'art byzantin I, Paris-London 1886, S. 134. 
Ainalow, a. a. O. (Wulff, Referat a. a. O., S. 40). 


16 


241 


fol. 9b (ursprünglich die neunzehute Kanonseite) die Frauen 
am Grabe (Taf. 128). Auf der rechten Seite des Kanonbogens 
sitzt der Engel, auf der linken stehen die Frauen. Über dem 
Engel liest man: 

^''nä maVakä vcemar linessß: 'allen lä ledh^län [iäd^a^-nä ger 
da-l-iiso^d-ezd^qef bä^iäfn 'a)tten lä h'^wä l^nän, qämleh \_ge^r 
'aikanä d-emar. laen h'^zaen dukkHä d^sTm (h'^)wä bäh märui, 
d. h. "Der Engel antwortete und sagte den Frauen: Fürchtet 
euch nicht! Denn ich weiß, daß sie Jesus, der gekreuzigt wurde, 
suchen. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt 
hat. Kommet, schauet den Platz, wohin der Herr gelegt worden 
ist". Über den Frauen: 

Tnariam'amt[ä] (oder 'amf[e/t]^ d^märan w^niärt[ä^ kad'etai 
(h^)wai d^n&ht^män qabr[ä] d^märan, 

d. h. "Maria, die Dienerin des Herrn, tmd Marta(?), als sie 
gingen, um das Grab des Herrn fertig zu machen". 

Die zweite Gruppe von Randminiaturen, die dekorativen 
Motive, hat folgende Zusammensetzung : 

fol. 2b: Fruchtkorb (Taf. 114) 

„ 3a: Ibis(?) und Blumenkorb (Taf. 115) 

„ 7a: Hahn (Taf. 123) 

„ 7b: Fasan(?) und Blumenstaude (Taf. 124) 

„ 8a: „ „ „ (Taf. 125) 

„ 8b: Springbrunnen (Taf. 12,6 ) 

„ 9a: schlangentötender Watvogel (Taf. 127) 

Da nach fol. 2b und 8b je ein Blatt fehlt^\ kommt es nur ein- 
mal — fol. 7b — 8a — vor, daß zwei Kanontafeln mit dekorati- 
ven Randminiaturen ein ursprüngliches Paar bilden. Sie zeigen 
beide im äußeren Rand in symmetrischer Zusammenstellung das 
gleiche Ziermotiv (Taf. 124 — 25). Damit ist nicht bewiesen, daß 
die dekorativen Randminiaturen durchgehend dem Prinzip der 
symmetrischen Entsprechung untergeordnet waren. Farbenab- 
drücke am inneren Rand von fol. 9a (Taf. 127) verraten, daß die 
ursprünglich gegenüberliegende Verso-Seite im Gegensatz zu der 
erhaltenen Recto-Seite Randminiaturen auf beiden Seiten des 
(nur aus einem Interkolumnium bestehenden, und infolgedessen 

242 


ungewöhnlich schmalen) Kanonbogens hatte. Vielleicht war hier 
wie auf der letzjten Kanonseite (Taf. 128) eine durch den Kanon- 
bogen halbierte Evangelienszene dargestellt. Andererseits ist es 
aber wahrscheinlich, daß die Randminiaturen des nach fol. 2b 
ausgefallenen Blattes zu der Gruppe der dekorativen Motive 
gehörten, da der Evangelienzyklus auf fol. 3b — 4a mit der Ver- 
kündigung Mariae anfängt. 

Denmach wird das Pariser Evangeliar ursprünglich die folgende 
Serie von Randminiaturen enthalten haben: 

Fruchtkorb (Taf. 114) 
dekoratives Motiv ( ? ) 

Ibis und Blumenkorb (Taf. 115) 


1. 

Kanonseite 

(fol. 2b) 

2. 

77 

(fehlt) 

3. 

?? 

( „ ) 

4. 

115 

(fol. 3a) 

5. 

79 

( „ 3b) 

6. 

77 

( „ 4a) 

7. 

^^ 

( „ 4b) 

8. 

?5 

( „ 5a) 

9. 

5? 

( „ 5b) 


Verkündigung (Taf. 116—17) 

I Heilung des krummen Weibes 

I Taf. 118—19) 

Heilung des blutflüssigen Weibes 

(Taf. 120) 

der gute Hirt (Taf. 121) 
6b) : Hochzeit zu Kana (Taf. 122) 
Hahn (Taf. 123) 

Fasan(?) u. Blumenstaude (Taf. 124) 
Fasan(?) u. Blumenstaude (Taf. 125) 
Spriaigbrunnen (Taf. 126) 
dekoratives Motiv(?) 
Evangelienszene ( ? ) 
schlangentötender Vogel (Taf. 127) 
Frauen am Grabe (Taf. 128) 

Im Rabula-Evangeliar existiert eine wesentlich reichere Serie 
von Randminiaturen. Auf den ersten zwölf Seiten (Taf. 130 — 
141) sind die Darstellungen, in drei übereinander geschichteten 
Reihen zu beiden Seiten des Kanonbogens angeordnet. Auf 
gleicher Höhe mit den Umfassungsbögen stehen die Gestalten 
alttestamentlicher Autoren, in mittlerer Höhe 
der Säulenzone folgen Evangelienszenen tmd auf 
gleicher Linie mit der Basis, erscheinen dem Tier- und Pflanzen- 


10. 

95 

( 9, 6a) 

11. 

?5 

( 99 6b) 

12. 

97 

( 9, 7.a) 

13. 

99 

( ,9 7b) 

14. 

99 

( 99 8a) 

15. 

99 

( „ 8b) 

16. 

99 

(fehh) 

17. 

97 

( 77 ) 

18. 

99 

(fol. 9a) 

19. 

99 

(■97 9b) 


243 


reiche entnommene dekorative Motiv e^\ Auf der 
dreizehnten und vierzehnten Seite, auf denen die Kanones 
VIlMt— jh und Vlll^k— Lk stehen, fehlen die Randminiaturen voll- 
ständig; statt dessen werden die Tabellen flankiert von Darstell- 
ungen der betreffenden Evangelisten in eigenen Arkadenrahmen, 
die wieder mit dem. Kanonbogen verbunden sind (Taf. 142 — 143). 
Von der fünfzehnten Seite ab setzt das frühere Schema von Rand- 
miniaturen wieder ein, nur fehlt jetzt die obere Reihe mit den 
alttestamentlichen Autorenbildnissen (Taf. 144 — 148). Die 
Evangelienszenen bilden von der ersten bis zur zwölften und 
von der fünfzehnten bis zur neunzehnten Seite eine fortlaufende 
chronologische Reihe, die mit der Verkündigung Zachariae be- 
ginnt und mit dem Verhör Christi vor Pilatus endet (Taf. 130 — 
141, 144 — 148). Dann folgen die Schlußphasen des Evangelien- 
zyklus auf besonders hinzugefügten Bildseiten-). 

Im Einzelnen haben die Randminiaturen im Rabula-Codex 
folgende Zusammensetzung : 

links : rechts : 

oben: Moses, das Gesetz Aaron mit dem Zweig 
empfangend 

Seite 1 Mitte : Vase mit Vögeln Verkündigmig Zacha- 

(Taf. 130) riae 

unten: weidender Hirsch Hindin und Blumen- 
staude 


^) Kleinere Abweichungen von diesem Verteilungsschema erscheinen auf 
den folgenden Seiten: Bei der ersten Kanontafel (Taf. 130) wird die Evan- 
gelienszene des linken Randes durch ein Dekorationsmotiv ersetzt, dessen 
Bestandteile — eine Vase mit zwei darauf hockenden Vögeln — den Besatz- 
ornamenten des Umfassungsbogens entnommen sind. Auf der zweiten Ka- 
nontafel (Taf. 132) tritt an die Stelle der Dekorationsmotive eine zweite 
Reihe von Evangelienszenen. Bei der zwölfen Kanontafel (Taf. 141) fehlt 
die untere Reihe der Randminiaturen ganz. Bei der siebenten bis zehnten Ka- 
nontafel (Taf. 136 — 139) endlich sind die Evangelienszenen und Dekorations- 
motive im inneren Rand der Seiten nachträglich ausgelöscht, um Texteintra- 
gungen Platz zu machen. 

2) Abbildungen bei R. Kömstedt, Vormittelalter liehe Malerei, Augsburg 
1929, S. 99—100, Abb. 111—112. 


244 


Seite 2 
(Taf. 131) 

Seite 3 
(Taf. 132) 

Seite 4 
(Taf. 133) 

Seite 5 
(Taf. 134) 


links: rechts: 

oben : Samuel mit Salb- J'osua, der Sonne 

hörn fehlend 

Mitte: Verkündigung Mariae 


be- 


Blumenstaude 
David mit der Harfe 
Geburt Christi 
den Kindermord 
Joel 


Seite 6 
(Taf. 135) 

Seite 7 
(Taf. 136) 

Seite 8 
(Taf. 137) 


Seite 9 
(Taf. 138) 


Ob ad ja 

HeilxMig d. Lahmen 

Blum:enstaude 
Jonas und Ninive 
Heilung d. krummen 
Weibes 

Antilope (Ziege) 
Nahum 


unten: Blumenstaude 
oben: Salomo thronend 
Mitte: Taufe Christi 
unten : Herodes befiehlt 
oben : Hosea 

Mitte: Hochzeit zu Kana 

unten : Blumenstaude Blumenstände 

oben : Arnos 

Mitte: Heilung der Blut- 
flüssigen 
unten: Blumenstaude 
oben : Micha 
Mitte: Christus u. Samari 

terin 
unten: Antilope (B'ock) 
oben: Zephanja 

Mitte: Heilung des Sohnes der Witwe zu Nain 
unten: [Schaf] (entfernt) Schaf 
oben: Jesaja Hiob 

Mitte: Verklärung Christi (?) 
unten: schwarzes Schaf [Schaf?] (entfernt) 

oben : Haggai Habakuk 

Mitte: entfernt Heilung des Wasser- 

süchtigen^^ 
unten: entfernt Blumeustaude tuid 

( Hirsch 

^) S. Assemani (Bibliotecae Mediceae Laurentianae et Palatinae codicum 
MSS orientalium catalogus, Florenz 1742, S. 2) und A. Biscioni (Bibliotecae 
Mediceae Laurentianae catalogus I, Florenz 1752, S. 187) sahen in der Szene 
die Heilung des Blinden; J. Reil, Die altchristlichen Bildzyklen des Leben 
Jesu (Studien über christliche Denkmäler N. F. X) Leipzig 1910, S. 102 
dachte an die Heilung des Aussätzigen. Da aber Christus den Kranken bei 
der Hand fasst, dürfte am ehesten die Heilung des Wassersüchtigen (Luk. 
XIV, 4) gemeint sein. 


245 


Seite 10 
(Taf. 139) 


Seite 11 
(Taf. 140) 


Seite 12 
(Taf. 141) 

Seite 13 
(Taf. 142) 

Seite 14 
(Taf. 143) 


Seite 15 
(Taf. 144) 


Seite 16 
(Taf. 145) 

Seite 17 
(Taf. 146) 


Seite 18 
(Taf. 147) 


Seite 19 
(Taf. 148) 


links: rechts: 

oben: Jeremia trauernd Sacharia die Sichel er- 
blickend 

Mitte: Christus heilt [die Tochter Jairi?] 

unten : Blumenstaude entfernt 

oben: Daniel in babylon. Ezechiel 

Tracht 
Mitte: Heilung der beiden Besessenen 

unten: Blattstaude Blattstaude 

f oben: Elisa Maleachi 

} Mitte: Petrus findet den Zinsgroschen 

unten: leer leer 

( statt Randminiaturen : 

I Johannes Matthäus 

I statt Randminiaturen: 

Lukas Markus 


r oben: 
I Mitte : 

unten : 


oben : 
Mitte : 
unten : 

oben : 
Mitte: 
unten : 

oben : 
Mitte : 


leer leer 

Hauptmann v. Ka- Vermehrung der Brote 

pernaum u. Fische 

traubennaschender traubennaschender 

Hase Hase 

leer leer 

Heilung von Blinden xuid Krüppeln 

Blumenstaude Blumenstaude 


leer 

Abendmahl 

entfernt 

leer 

Selbstmord des 
Judas: 


leer 

Einzug in Jerusalem 

entfernt 

leer 

Gefangennahme 

Christi 


unten : Füllhorn und Vogel Blumenstaude 

oben : leer leer 

Mitte: Christus vor Pilatus 

unten: Blumenstaude Blumenstaude 


246 


Eine vergleichende Betrachtung der Miniaturenzyklen in den 
beiden Evangeliaren zu Paris und Florenz mag jetzt entscheiden, 
welche von ihnen die zuverlässigere Wiedergabe der Randbil- 
der ist. 

Was ztmächst die alttestamentlichen Autorenbilder betrifft, 
die im Rabula-Codex die oberste Bildzone einnahmen, so haben 
diese kein Gegenstück in der Pariser Handschrift. Daß sie auch 
keinen ursprünglichen Bestandteil der Ausstattung darstellen, 
beweist schon der Umstand, daß sie nur für die zwölf ersten Seiten 
ausreichten. Sie werden den Kanontafeln des Rabula-Evange- 
liars aus einer Nebenquelle hinzugefügt worden sein. 

Erst in den Evangelienszenen kommt es zu näheren motivischen 
Übereinstimmungen zwischen den beiden Kopien. Mit Aus- 
nahme jener halb ausgewischten Szene, in der wir eine Dar- 
stellung des guten Hirten erkannt haben (Taf. 121), kehren 
sämtliche im Pariser Evangeliar vorkommenden Darstellungen 
auch im Rabula-Codex wieder, die Frauen am Grabe allerdings 
erst hinter den Kanones auf einer der ergänzenden Bildseiten. 
Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich daraus folgern, daß der 
Archetypus der syrischen Kanonfolge einen Zyklus chris- 
tologischer Randminiatiiren hatte, in dem 
wenigstens die in beiden Kopien überlieferten Szenen enthalten 
waren. 

Damit latellt sich die Frage, welche der beiden Kopien den 
ursprünglichen Miniaturenzyklus treuer bewahrt hat. Was das 
Rabula-Evangeliar angeht, so müssen wir in der Ausdehnung des 
Evangelienzyklus über die Kanontafeln hinaus eine Eigenheit 
sehen, die jedenfalls nicht auf den Archetypus zurückgeführt 
werden kann. Aber auch wenn wir von dieser Besonderheit 
absehen, die mit der Einschaltung der Evangelistenbildnisse auf 
der dreizehnten imd vierzehnten Kanonseite zusammenhängen 
könnte, macht die kompositionelle Verbindung der Evangelien- 
szenen mit den Kanontafeln im Rabula-Evangeliar einen 
weniger ursprünglichen Eindruck als in der Pariser Hand- 
schrift. Während in jenem die Miniaturen die Kanontafeln auf 
beiden Seiten umgeben, sind sie in dieser in der Regel nur am 
äußeren Rand jeder Seite angebracht. Dabei sind die Figuren 
auf den Pariser Kanontafeln so groß, daß in Szenen mit zwei 

247 


gleichwertigen Gegenspielern jede Gestalt ihre eigene Randfläche 
beansprucht; das war nur in der Weise zu lösen, daß für sie die 
Außenränder zweier gegenüberliegender Seiten genommen wur- 
den (Taf. 116—117, 118—119)^). Nur auf der verlorenen sieb- 
zehnten Seite, deren Kanontafel aus einem einzigen ünterkolum- 
nium bestand und folglich ungewöhnlich breite Ränder hatte, 
und auf der letzten Seite, deren Kanontafel kein Gegenstück 
erhielt (Taf. 128), empfahl es sich, den Kanonbogen auf beiden 
Seiten mit Randminiaturen zu umgeben. 

Daß die Miniaturen vornehmlich den Außenrändern vorbehalten 
wurden, erklärt sich offenbar aus buchtechnischen Rücksichten. 
Denn da die Innenränder bei dem Einbinden der Blätter ver- 
kürzt im.d gebogen wurden, waren sie als Ratim für Miniaturen 
wenig geeignet. Diese Tatsache wird eine Rolle gespielt haben, 
als die Kanontafeln zum ersten Mal mit Randminiaturen aus- 
gestattet wurden. Es ist also kaum zu bezweifeln, daß die knap- 
pere Fassung des Evangelienzyklus im Pariser Evangeliar die 
ursprünglichere ist. Wahrscheinlich hat der Wunsch, den Evan- 
gelienzyklus in Übereinstimmung zu bringen mit dem seit der 
Entstehung des Archetypus erweiterten ikono graphischen Reper- 
toriums des VI. Jahrhunderts den Künstler des Rabula-Codex 
veranlasst, unter Hintansetzung buchtechnischer Bedürfnisse die 
Randminiaturen an beiden Seiten des Kanonbogens anzu- 
bringen. In dieser Erweiterung, die eine weitgehende Benutzung 
einer fremden Bildvorlage voraussetzt, haben wir eine sekundäre 
Entwicklungsstufe zu erblicken. 

Es kommt ein zweiter Unterschied hinzu. In der Pariser Hand- 
schrift stehen die Gestalten meistens wie einsame Statuen am 
Rand, ohne Boden unter den Füssen und ohne Andeutung der 
Umgebung. Gerade diese Isolierung verbindet sie mit dem Ka- 
nonbogen: die Rahmenarchitektur bildet gleichsam das räum- 
liche Medium, durch welches die Randfiguren aufeinander bezo- 
gen sind. Diese Zusammenwirkung von Kanonbögen und Rand- 
miniaturen hat den Stempel des Ursprünglichen. Im Rabula- 


^) Bei der Darstellung der Heilung der Blutflüssigen (Taf. 120) konnten 
die beiden Gegenspieler deswegen nicht auf verschiedene Randflächen ver- 
teilt werden, weil es zum Inhalt der Darstellung gehörte, daß die Kranke 
das Kleid Christi mit der Hand berührte. 

248 


Evangeliar dagegen erscheint der Zusammenhang der Randfigu- 
ren mit den Kanonbögen schon durch die Verschiedenheit des 
Maßstabes gelockert. Jede Randminiatur besteht in der Regel 
aus einer Mehrzahl kleiner Figuren, die auf einer besonderen 
Bodenfläche auftreten. Die Szenen haben ihre eigene räum- 
liche Einheit und könnten ohne größere Veränderungen auch 
in anderem Zusammenhang verwendet werden: es ist kein reiner 
Zufall, daß die Schlußszenen des Evangelienzyklus jeden Zusam- 
menhang mit den Kanontafeln verloren haben, indem sie zu 
freien Bildseiten ausgebaut worden sind! So finden wir aber- 
mals bestätigt, daß der Evangelienzyklus des Rabula-Evangeliars 
eine spätere Entwicklungsstufe darstellt. Für die Rekonstruk- 
tion der christologischen Randminiaturen im Archetypus der 
syrischen Kanonfolge hat die Pariser Kopie den größeren Quel- 
lenwert. 

Während die Pariser und die Florentiner Kanontafeln in den 
figürlichen Randminiaturen motivische Übereinstimmungen 
zeigen, gehen sie im Hinblick auf die dekorativen Mo- 
tive völlig auseinander. Es ist eine überraschende Tatsache, 
daß von den im Pariser Evangeliar bewahrten Dekorationsmo- 
tiven kein einziges in der Rabula-Handschrift wiederkehrt. Aber 
nicht nur in den Typen, auch in der Stellung sind die Dekora- 
tionsmotive der Pariser und Florentiner Kopien ganz verschie- 
den. Während sie im Rabula-Codex auf der Grundlinie der 
Kanontafeln unterhalb der Evangelienszenen stehen, befinden sie 
sich in der Pariser Handschrift auf der gleichen mittleren Säu- 
lenhöhe wie die Evangelienszenen, mit denen sie abwechseln^). 
Es lassen sich folglich zwei verschiedene Verteilungsprinzipen 
unterscheiden. Erstens bilden die dekorativen Motive eine den 
figürlichen Motiven parallele Miniaturenserie. Zweitens sind sie 
mit diesen zu einem einzigen Zyklus vereinigt. Daß von diesen 
Alternativen nur die letztere ursprünglich sein kann, lehrt ein 
Blick auf die figürlichen Randminiaturen im Pariser Evangeliar, 
die die entsprechenden Motive im Archetypus am treuesten wie- 


^) Das einzige Mal, wo auch im Rabula-Evangeliar ein dekoratives Motiv 
in der mittleren Säulenzone erscheint (Taf. 130), handelt es sich um einen 
zufälligen, der Befcröniungsornamentifc des Umfassungsbogens entlehnten Lüc- 
kenbüsser; vgl. oben S. 244, Anm. 1. 

249 


derholen (Taf. 116 — 122, 128) : die statuarischen Gestalten und 
ihre Beischriften nehmen so viel Platz ein, daß für eine weitere 
Randausstattung in der Basiszone kein rechter Platz übrig bleibt. 
Auch liegt es auf der Hand, daß ein Motiv wie der Springbrun- 
nen der fünfzehnten Kanonseite (Taf. 126) niemals unterhalb 
einer figürlichen Szene gestanden haben kann; es wäre der 
unglückliche Eindruck entstanden, als werfe er diese auf seinem 
Strahl in die Höhe. 

Wir gelangen also zu dem Ergebnis, daß die Kanontafeln des 
Pariser Evangeliars nicht nur im struktiven Rahmenwerk imd 
in der FüUomamentik, sondern auch in den Randminiaturen 
das ursprüngliche Ausstattungsschema der syrischen Kanontafeln 
am treuesten bewahrt haben. Wie in der Pariser Kopie dürften 
im Archetypus die Randminiaturen einen einzigen Zyklus 
abwechselnd figürlicher und dekorativer Motive gebildet haben, 
der hauptsächlich die Außenränder der Kanontafeln an der 
Seite der Säulenzone geschmückt hat. Figürliche Darstellungen 
und dekorative Motive können aber nur dann eine ur- 
sprüngliche Einheit gebildet haben, wenn beide eine auf 
das Leben Christi hinzielende Bedeutung gehabt haben. Die 
dekorativen Motive müssen wenigstens 
ursprünglich als symbolische Darstell- 
ungen a u f g e f a s s t worden sein. Und in der Tat 
erlauben verschiedene im Pariser Evangeliar überlieferte Motive 
zwanglos eine solche Deutung. Der Hahn ist schon von Ainalow 
als eine Anspielung auf die Verleugnung Petri aufgefasst wor- 
den^^, der Springbrunnen könnte die Ausgießung des Blutes 
Christi, der schlangentötende Vogel den Sieg Christi über die 


1) D. Ainalow, Die hellenistischen Grundlagen der byzantinischen Kunst, 
(Zap.Russk.Ark. XII) St. Petersburg 1900 (Referat von O. Wulff in Rep. 
Kunstw. XXVI, 1903, S. 39). Eine ähnliche Abkürzung der Evangelienszenen 
zu dekorativen Formeln begegnet im Etschmiadzin-Evangeliar, wo als Rand- 
illustration zu den betreffenden Textstellen u. a. die Taufe Christi durch 
Gotteshand lund Taube und der Einzug Christi in Jerusalem durch eine Palme 
dargestellt wird (siehe F. Macler, Uivangile armenien, Edition phototypique 
du manuscrit No. 229 de la bihliotheque d'Etschmiadzin, Paris 1920, fol. 12b, 
49b, 72b, 96a, 119b, 161a und 205b). 

250 


Mächte des Todes versinnbildlichen^). Daß auch die übrigen 
Vögel und die Frucht- und Blumenkörbe eine symbolische Ne- 
benbedeutung haben können, ist mit Hinblick auf das Vorkom- 
men ähnlicher Motive in der frühchristlichen Gräberkujast^) 
nicht von der Hand zu weisen, wenn es auch wahrscheinlicher 
ist, idaß wir es hier mit Interpolationen aus der Besatzomamentik 
der griechischen Kanontafeln zu tun haben^). Jedenfalls haben 
wir im Pariser Evangeliar mit Unklarheiten zu rechnen, die im 
Laufe der Überlieferung entstanden sind. Eine ganz folgerich- 
tige Deutung der syrischen Randminiaturen gestattet aber immer- 
hin die Annahme, daß sie wenigstens in ihrer ursprünglichen 
Fassung einen einheitlichen Zyklus chrigtolo- 
gi sehen Inhaltes gebildet haben, dessen Zusammen- 
stellung mit den Kanontafeln als eine Illustration der 
Evangelien Synopsis zu erklären ist. 

Es ist aber von vornherein klar, daß ein solcher Illustrations- 
zyklus nicht unmittelbar für die Kanontabellen erfunden sein 
kann. Diese bilden ja abstrakte Zahlenreihen, die als solche 
zur Illustrierung keineswegs geeignet sind. Auch lassen die 
erhaltenen Kopien überhaupt keinen festen Zusammenhang 
zwischen Ziffer und Bild erkennen. Die Verkündigung z. B. steht 
im Pariser Evangeliar auf der zweiten und dritten Seite von 
Kanon II (Taf. 116 — 117), im Rabula-Codex dagegen auf der 
zweiten Seite von Kanon I (Taf. 131). Weder der erste, noch 
der zweite Kanon verzeichnet aber die Stelle (Luk. XI, 26fF), die 
von der Verkündigung berichtet. Daß nicht nur in diesem Falle, 
sondern durchgehend die Randminiaturen jeden spezielleren 
Zusammenhang mit den Sektionsnummem der Kanontabellen 
vermissen lassen, ist schließlich letzten Endes auf die Tatsache 
zurückzuführen, daß der Evangelienzyklus der Randminiaturen 


^) Die wesentlichen Zeugnisse für den allegorischen Sinn dieses Motivs 
hat R. Wittkower, Miraculous birds (Journ.Warh.lnst. I, 1938, S. 253—54) 
zusammengestellt. 

-) J. Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms, Freiburg i.Br. 1903, 
Taf. 3, 9, 12, 26 etc. 

3) Das Motiv des Blumenkorbes (Tab. 115) kennen wir von dem euse- 
ijianischen Archetypus her(vgl. Taf. 20 — ^21), die Gruppe Vogel + Blütenstaude 
(Taf. 124 — 125) kommt nicht unähnlich auf lateinischen Kanontafeln vor 
(Taf. 48—51). 

251 


im Prinzip chronologisch^^ die Kanontabellen dagegen systema- 
tisch nach der Übereinstimmung der Evangelisten xintereinan- 
der geordnet sind. Da der Evangelienzyklus folglich nicht für 
den Archetypus der syrischen Kanones erfunden sein kann, muß 
er einer älteren Quelle entlehnt sein. Er wird ursprünglich 
einen Texit illustriert haben, in dem die in den vier Evangelien 
mitgeteilten Ereignisse in chronologischer Abfolge dargestellt 
waren. 

Einen solchen Text hat es auf syrischem Boden in der D i a - 
t e s s a r o n genannten Evangelienharmonie des Tatianus auch 
gegeben. Ursprünglich wohl in griechischer Sprache verfasst, 
ist das Diatessaron nach der Rückkehr Tatians in die Heimat 
im Jahre 172 wahrscheinlich von ihm selbst auch syrisch heraus- 
gegeben worden und hat in idieser Fassung seine größte Bedeu- 
tung erlangt-). Obwohl keine einzige Handschrift der syrischen 
Version auf uns gekommen ist, wissen wir mit Sicherheit, daß 
das Diatessaron bald zum maßgebenden Evangelienbuch der 
syrischen Kirche wurde und daß es als solches bis um 400 in 
Gebrauch blieb^). Die äußeren Voraussetzungen für die Ent- 
stehxmg einer künstlerisch ausgeschmückten Diatessaron-Ausgabe 
waren also durchaus vorhanden. Daß es illustrierte Diatessaron- 
Handschriften gegeben hat, lassen gerade die christologischen 


^) Im Pariser Evangeliar ist allerdings die chroiiogische Ordnung der 
Szenen teilweise verunklärt, indem das Wunder der Hochzeit zu Kana nach 
der Heilung des krummen und der des blutflüssigen Weibes erscheint. Es 
ist aber anzunehmen, daß im Archetypus die Szenen in lumgekehrter Ord- 
ung standen, wie es auch wahrscheinlich ist, daß die Verkündigung ursprüng- 
lich am Anfang der Kanonfolge angebracht war. 

2) F. Kenyon, The Story of the Bible, New York o. J., S. 94—98. Das 
neugefundene Fragment einer griechischen Diatessaron-Handschrift aus der 
ersten Hälfte des HI. Jahrhunderts ist von C. Kraeling, A Greek Fragment 
of Tatian's Diatessaron (Studies and Documents, hrsg. v. K. u. S. Lake III) 
London 1935 mit Angaben der älteren Literatur veröffentlicht worden. Vgl. 
auch M. J. Lagrange, Deux nouveaux textes relatifs ä l'tvangile I. Un frag- 
ment grec du Diatessaron de Tatien (Rev.Bibl. XLIV, 1935, S. 321 — 27). Daß 
das Diatessaron ursprünglich griechisch abgefasst w^orden war, wird von A. 
Baumstark, Das griechische "Diatessaron" -Fragment von Dura-Europos (Or. 
Christ., Ser. III, Bd. 10, 1935, S. 244—52) bestritten. 

•^) F. Burkitt, Urchristentum im Orient, Tübingen 1907, S. 25 — 51. 

252 


Randminiaturen der syrischen Kanontafeln vermuten. Denn wir 
können diese nicht besser erklären, als mit der Annahme, daß 
sie die Reste einer ursprünglich für das 
Diatessaron geschaffenen Randillustra- 
tion darstellen. 

Wir haben, wenn diese Annahme das Richtigie trifft, den 
Ursprung des betreffenden Bilderzyklus im IV., vielleicht sogar 
im III. Jahrhundert zu suchen. Und wirklich läßt eine ikono- 
graphische Würdigung der Randillustration der Pariser Kanon- 
tafeln vermuten, daß sie auf einen Archetypus von solch ehr- 
würdigem Alter zurückgehe. Schon die Vereinigung von illustra- 
tiven und dekorativ-symbolischen Motiven ist an sich für die 
älteste Phase der christlichen Bildkunst — die Zeit der Kata- 
komben mid der frühesten Basiliken — bezeichnend^). Beach- 
tenswert ist weiter die Vorliebe für Wunderszenen tmd die 
Außerachtlassung der später vorherrschenden Hauptthemen der 
christlichen Bildkunst, wie Geburt, Anbetung der Könige, Taufe 
und Kreuzigung. Typisch für den ältesten christlichen Bilder- 
schatz ist auch das Vorkommen einer Darstellung des guten 
Hirten (Taf. 121).^\ Endlich hat Baumstark aus der Tatsache, 
daß die Darstellmig der Frauen am Grabe (Taf. 128) noch 
keine Andeuttuig der konstantinischen Grabesaedicula zu Jeru- 
salem gibt, geschlossen, daß sie auf einen vorkonstantinischeu 
Bildtypus zurückgeht^^ So findet die Ableitung der Randminiatu- 
ren der syrischen Kanontafeln von einer illustrierten Diatessaron- 


^) Der Übergang zu einer rein illustrativen Bildkunst dürfte im Osten, 
wie der oft zitierte Brief des l\l. Nilus an Olynipiodonus (Choricii Gazaei 
orationes, declamationes, fragmenta, ed I. Boissonade, Paris 1846, S. 91 — 98) 
beweist, in die Zeit um 400 fallen. 

-) Über diese Darstellung vgl. H. Achelis, Altchristliche Kunst (Zs.Neu- 
test.Wiss. XVI, 1915, S. 1—16, bes. S. 13) und F. Saxl, Frühes Christentum und 
spätes Heidentum in ihren künstlerischen Ausdrucks formen (Wien.Jahrh. 
Kunstg. II, 1923, S. 88—100). 

^) A. Baumstark, Ein vorkonstantinischer Bildtyp des Myrophorenganges? 
(Röm.Quart. XXXI, 1923, S. 5 — 20). Allerdings ist Baumstarks Interpreta- 
tion der Darstellung nicht die einzig mögliche, denn es ist durchaus denkbar, 
daß für die Auffassung des syrischen Malers der Kanonbogen die Darstellung 
der Grabesaedicula ersetzte. 

253 


Ausgabe auch imter ikono graphischem Gesichtspunkt ihre Bestä- 
tigung^). 

Die Annahme eines formalen Zusammenhanges zwischen den 
Kanontafehi der Peschitta und Diatessaron-Illustrationen bedeu- 
tet von kirchengeschichtlichem Standpunkt keine Überraschung. 
Wir wissen, daß Bischof Rabbula mit der Einführung der neuen 
Evangelienübersetzung eine endgültige Unterdrückxmg des bis 
dahin in Gebrauch gebliebenen Diatessaron beabsichtigte und 
erzielte^). Für diesen Zweck war es von besonderer Wichtigkeit, 
daß die neue Evangelienausgabe mit einer Übersetzung der euse- 
bianischen Keuiones einsetzte, die ja einen wissenschaftlichen 
Ersatz für die Harmonisierung der Zeugnisse im Diatessaron 
darbot. Die Kanones konnten die Idee des tatianischen Evan- 
gelienbuches in veränderter Form weiterführen. Es bedeutete 
schließlich nur eine Anerkennung dieses Zusammenhanges, daß 
man die Randillustration des Diatessaron auf die Kanontafeln der 
Peschitta übergehen ließ. 


1) Für die Ableitung der Kanonillustration aus dem Diatessaron dürfte 
ebenfalls sprechen, daß wir änhliche Randminiaturen auch im Etschmiadzin- 
Evangeliar antreffen (vgl. oben S. 250, Anm. 1). Demi da die älteste arme- 
nische Evangelienübersetzung nach der einleuchtenden Annahme von P. St. 
Lyonnet (siehe oben S. 111, Anm. 5) einen aus dem Syrischen übertragenen 
Diatessarontext darstellte, werden auch die armenischen Randminiaturen in 
letzter Linie auf die syrische Diatessaronillustration zurückzuführen sein. 

-) F. Burkitt, Urchristentum im Orient, Tübingen 1907, S. 50. 

254 


IL DAS RABULA-EVANGELIAR 


Von einer erschöpfenden Behandlung der Kanontafeln des 
Rabula-Codex, die eine Stellungnahme zu verschiedenen Haupt- 
problemen der frühchristlichen Bildkunst erfordern würde, muß 
in dieser Untersuchung abgesehen werden. Sie soll jener end- 
gültigen Ausgabe des Codex vorbehalten bleiben, auf welche die 
Forschtoig seit der Erfindung der photo graphischen Reproduk- 
tion wartet. An dieser Stelle können nur einige wenige Hinweise 
gegeben werden. 

Die Rekonstruktion des Archetypus der syrischen ICanonfolge 
hat Tins in der Pariser Handschrift (Taf. 114 — 128) die treueste 
Kopie erkennen lassen. Den in dieser Handschrift erhaltenen 
Grundtypus bewahren im großen und ganzen auch die Kopien in 
Berlin (Taf. 148—158) und London (Taf. 159). Im Gegensatz 
zu (diesen Handschriften weist das Florentiner Evangeliar eine 
Fülle von neuen Motiven auf, die nur durch die Annahme eines 
starken fremden Einflusses zu erklären sind. 

Die Sonderstellung des Rabula-Codex tritt schon bei dem Prolog 
zutage. Ähnlich wie die Evangeliare in Berlin und Paris verteilt 
das Florentiner Evangeliar den Brief an Karpian auf zwei Seiten 
zu je zwei Kolumnen^). Während aber die Prologseiten in den 
Pariser und Berliner Kopien jeder besonderen Ausstattung ent- 
behren (tmid (Sicherlich auch im Archetypus der syrischen Kanon- 
folge nicht ausgeschmückt waren), weist der Prologtext im Ra- 
bula-Evangeliar eine reiche künstlerische EinrahraiTxng auf (Taf. 
129). Jede Schriftspalte wird von einem ihr angepassten 
rechteckigen Grundrißrahmen eingefasst, der aus einem goldenen 
Streifengerüst mit Eckblättem und farbiger Ornamentfüllung 
besteht. 


^) In der Pariser Handschrift ist nur die zweite Prologseite mit der 
letzten Hälfte des Briefes an Karpiamis erhalten geblieben. Über die syri- 
sche Übersetzung dieses Brieles siehe G. H. Gwilliani, The Ammonian Sec- 
tions, Eusebian Canons and Harmonizing Tables in the Syriac Tetraevangelium 
(Stud.Bihl.Eccl. II, 1890, S. 255—259). 

255 


Wir haben gesehen, daß der Brief an Karpian in den ältesten 
griechischen Handschriften in einen architektonischen Arkaden- 
rahmen eingefasst war^). Spätestens im VI. Jahrhundert ist 
aber, wahrscheinlich in Konstantinopel, eine andere Rahmenform 
aufgekommen, die sich nicht als Aufrißform den Kanonbögen, 
sondern als Grundrißform dem Schriftspiegel anpasst^). Den 
ältesten Vertreter dieser Rahmenform stellt die erhaltene Pro- 
logseite im Codex Rossanensis (Taf. 47) dar. An diesen "moder- 
neren" Rahmentypus schließt sich die Einfassung des Prologs 
im Rabula-Evangeliar an. Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, 
daß ein griechisches Evangelienbuch des VI. 
J ahrhunderts die Vorlage lieferte. Nur hat der syrische 
Kopist die Anregung insofern selbständig verarbeitet, als er an 
der alten Aufteilung des Prologtextes auf zwei Spalten pro Seite 
festhielt und folglich für jede Spalte einen besonderen Rahmen 
malte. Allerdings erscheint damit die im Godex Rossanensis 
gewonnene Vereinheitlichung von Schriftspiegel und Seiten- 
fläche wieder aufgehoben. 

Dieselbe griechische Vorlage, die dem Künstler des Rabula- 
Evangeliars idie Kenntnis des neuen Prolograhmens vermittelte, 
wird die Anregung zur Einführung des neuen Kanonbogentypus 
mit übergreifendem Umfassungsbogen geliefert haben. Wie die 
Grxmd'rißform des Prolograhmens ist diese Kanonbogenform 
wahrscheinlich eine Neuschöpfimg der Buchnaalerei des VI. 
Jahrhunderts in KonstantiniopeP). Daß im Rabula-Codex trotz 
der Aufnahme der übergreifenden Arkade die alte Rahmenform 
des m-Typus immer noch zur Geltung kommt, läßt wiederum 
die Stärke der syrischen Tradition mit paradigmatischer Deut- 
lichkeit erkennen. 

Mit dem neuen Rahmentypiis wird das Rabula-Evangeliar von 
der griechischen Vorlage eine bedeutende Anzahl von Besatz- 
und Füllornamenten übernommen haben. In erster Linie ge- 
hören die unendlichen Muster der Schildbogenfelder und die 


1) Vgl. oben S. 94 ff. 

2) Vgl. oben S. 163—164. 
. 3) Vgl. oben S. 180. 

256 


Massenomamente der großen Umfassungsbögen und Sätilen- 
schäfte hierher. Welche von den oberen Besatz- und Randoma- 
menten aus derselben Quelle abzuleiten ist, entzieht sich vor- 
läufig einer genaueren Beurteilung. Bei der ganzen Dekora- 
tion wird man mit einem weitgehenden Einfluß der syrischen 
Tradition auf Auswahl und Ausdeutiuig der Motive zu rechnen 
haben. Daß, wie oben hervorgehoben wurde, ein kleinerer Teil 
der alten linearen Füllornamente beibehalten worden ist, ist ein 
weiteres Zeichen dieser Tendenz. 

Endlich ist auch die starke Erweiterung des Bildzyklus mit 
der gleichen griechischen Vorlage in Verbindung zu bringen. 
Doch ist es hier ebenfalls schwierig, den Umfang der Abhängigkeit 
genau zu erfassen. Die bekannte Übernahme einer griechischen 
Figurenüberschrift auf dem Kreuzigungsbilde macht die Ver- 
wertung eines griechischen Vorbildes wenigstens für diese Dar- 
stellung zur Gewißheit. Morey hat überzeugend auf die Typen- 
verwandschaft der zugrxmdeliegenden Vorlage mit dem Codex 
Kossanensis hingewiesen^). Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt 
sich demnach als mittelbare oder unmittelbare Quelle ides Rabula- 
Codex eine griechische Pracht handschrift mit 
V o r s a t z b i 1 d e r n annehmen. Von dem Bildzyklus dieser 
Vorlage wird auch die Anregung zur ikonographischen und 
szenischen Erweiterung der Randminiaturen der Kanontafeln 
ausgegangen sein. Es ist schließlich daran zu erinnern, daß die 
Hinzufügung von alttestamentlichen Autorenbildem, die mit 
der eusebianischen Evangelienkonkordanz gar nichts zu schaffen 
haben, ebenfalls im Codex Rossanensis eine Parallele findet, wo 
eine Vierfalt von Propheten mit "typölogischen" Zitaten die 
Evangelienszenen begleiten^^ Bezeichnenderweise ist aber bei 
der Formung der einzelnen Gestalten im Rabula-Codex die 
syrische Bildtradition maßgebend gewesen^). 


^) CR. Morey, The Painted Panel front the Sancta Sanctorum (Fest- 
schrift Paul Giemen, Düsseldorf 1926, S. 164 — 65). 

2) A. Haseloff, Codex purpureus Rossanensis, Berlin-Leipzig 1898 und 
A. Munoz, II codice purpureo dt Rossano e il frammento Sinopense, Rom 
1907. 

3) Vgl. die Autorenbilder in Paris, Bibl. Nat., syr. 341 (H. Omont, Pein- 
tures de l'Ancien Testament dans un manuscrit syriaque du VII^ ou du VIII^ 


17 


257 


Trotz ider Fülle der oben angedeuteten Beziehungen zu einer 
griechischen Purpurhandschrift vom Typus des Codex Rossa- 
nensis ist das Quellenproblem der Rabula-Handschrift mit der 
Annahme einer solchen Vorlage nicht befriedigend gelöst. Die 
syrische Handschrift bringt als Autorenbilder zu den Kanones 
VII imd VIII je zwei Evangelisten, zuerst die beiden aposto- 
lischen Matthäus xuid Johannes, dann die beiden Aposteljünger 
Markus und Lukas, jene in sitzender, diese in aufrechter Stellung 
(Taf. 142, — 43). Diese Evangelistenbilder, die wahrscheinlich doch 
auch der griechischen Evangelienvorlage entstammen^), gehören 
einer anderen Typenserie an als die im Codex Rossanensis 
erhaltene Darstellung. Die einzige überzeugende Parallele bietet, 
wie Friend in seiner grundlegenden Untersuchung über die Evan- 
gelistentypen dargelegt hat, das armenische Evangeliar der 
Königin Mike, das ebenfalls zwei sitzende und zwei stehende 
Autoren aufweist-). Es ist eine anspreohende Annahme, daß 
Antiochia die Heimat dieser Evangelistenbildserie gewesen sein 
könnte^). Wenn sie richtig ist, gestattet sie uns, die griechische 
Vorlage der Rabula-Handschrift näher zu lokalisieren. Sie wird 
ein von der (vermutlich konstantinopolitanischen) Schule 
der Pur pur Codices beeinflusstes, aber in 
Antiochia geschaffenes Pracht evangeliar ge- 
wesen sein. Mit diesem hypothetischen Ergebnis müssen wir uns 


siele, Mon.Piot XVII, 1909, S. 85—98, Taf. V— IX). Die Datierung Omonts 
ist bei der nahen Stilverwandschaft dieser Miniaturen mit denen des Rabula- 
Codex, die am stärksten hellenistisch beeinflusst sind, schwer annehmbar. 
Es fragt sich, ob wir nicht die alttestamentliche Handschrift eher etwas vor 
dem Rabula-Codex zu setzen haben. 

^) Es ist von vornherein ausgeschlossen, daß die Evangelisten einer syri- 
schen Vorlage entnommen sein könnten. Die Peschitta-Evangeliare enthalten 
nach dem Zeugnis sämtlicher Kopien keine Evangelistenbilder, und eben- 
sowenig können solche im Diatessaron vorhanden gewesen sein. 

2) A. M. Friend, The Portraits of the Evangelists in Greek and Latin 
Manuscripts I (Art.Studies V, 1927, S. 115 — 150). In der armenischen Hand- 
schrift sind es jedoch Matthäus und Markus, die sitzen. 

2) Friend, a. a. O. Im Gegensatz zu Friend, der die sitzenden Evange- 
listen der beiden Handschriften zu einer ursprünglich vollzähligen Serie zu- 
sammenstellt, halte ich die Differenzierung in stehende und sitzende Paare 
für ursprünglich. Vgl. dazu auch E. Weigand, Byz.Zs. XXXVII, 1937, S. 170. 

258 


einstweilen zufrieden geben. Es bleibt zu hoffen, daß die Aus- 
grabimgen in Antiochia neues Material zutage fördern werden, 
das eine weitere Aufklärung des komplizierten Quellenproblems 
des Rabula-Codex ermöglichen wird. 


259 


VIERTES KAPITEL 


DIE GOTISCHEN KANONTAFELN 


DIE GOTISCHEN KANONTAFELN 


Die Goten haben, nachdem sie von 349 an auf der Balkan- 
halbinsel festen Fuß gefasst hatten, durch ihren zweiten Bischof 
Ulfilas (t 383?) eine Übersetzung der Evangelien und anderer 
Teile der Bibel erhalten, die in einer ad hoc erfundenen Schrift 
aufgezeichnet wurde^^. Im V. Jahrhundert wurde die gotische 
Übersetzung nach dem Einbruch der Westgoten in Italien und 
vor allem nach der oberitalienischen Reichsgründung der Ost- 
goten mit den lateinischen Versionen verbunden. Es wurde in 
diesem Jahrhundert eine doppelsprachige Ausgabe des Neuen 
Testaments geschaffen, die auf den Verso-Seiten den gotischen, 
auf den Recto-Seiten den lateinischen Text enthielt; ein Fragment 
eines solchen zweisprachigen Evangelienbuches ist in Ägypten 
zutage gekommen-^ Spätestens seit dem Anfang des VI. Jahr- 
hunderts wurden die Evangelientexte dieser Doppelredaktion 
auch einzeln abgeschrieben. Dies ist der Fall bei zwei nahe ver- 
wandten Purpurcodioes, von denen der eine, der Codex Ar- 
ge nteus der Universitätsbibliothek zu 
U p s a 1 a^) nur die gotische, der andere wiederum, der C « d e x 
Brixianus (cod. f) derBiblioteca Queriniana 
zu B r e c i a, nur die lateinische Version enthält. 

Der Upsaliensis und der Brixianus stimmen darin überein, daß 
sie beide am unteren Rand jeder Seite eine Teilkonkordanz zu 
dem darüberstehenden Evangelientext enthalten (Taf. 160). Es 


1) W. Streitberg, Die gotische Bibel, Heidelberg 19122. G. W. S. Fried- 
richsen, The Gothic Version of the Gospels, Oxford 1926. 

2) Gießen, Universitätsbibliothek, cod. 651/20. P. Glaupe u. K. Helm, 
Das gotisch-lateinische Bibelfragment der Großherzoglichen Universitätsbiblio- 
thek Gießen (Zs. Neutest.Wiss. XI, 1910, S. 38). Zur Datierung: Friedrich- 
sen, a. a. O., S. 166. 

^) Codex argenteus Upsaliensis iussu senatus universitatis phototypice 
editus, Upsala o. J. (1928) O. von Friesen u. A. Grape, Om Codex Argenteus, 
dess tid, hem och öden (Skrifter utgivna av svenska litteratursällskapet 
XXVII) Uppsala 1928. 

263 


ist das gleiche Kanonsystem, das wir bereits von den Peschitta- 
Handschriften her kennen^), v Friesen ist geneigt, die Rand- 
synopsis für eine syrische Erfindung zu halten und ist der Meinung 
daß sie durch Vermittlung griechischer Handschriften, in denen 
sie ebenfalls gelegentlich vorkommt, erst im V. Jahrhundert dem 
gotischen Evangelienbuch einverleibt wurde^\ Sie kann unter 
dieser Voraussetzung nicht zur ursprünglichen Ausstattung der 
gotischen EvangeUenübersetzung gehört haben. Es besteht aber 
auch die Möglichkeit, daß die Randsynopsis griechischen Ur- 
sprunges ist und schon im IV. Jahrhundert von den Goten über- 
nommen wurde. 

Im Gegensatz zu den syrischen und griechischen Handschriften 
werden die Marginalkonkordanzen sowohl im Upsaliensis wie im 
Brixianus in kleine Kanonbögen eingeschlossen (Taf. 160^). Die 
Gestaltung der Kanonbögen im Einzelnen ist aber in den beiden 
Purpurcodices verschieden. 

Im Codex Argenteus (Taf. 160a) werden die vier Evangelien- 
siglen mit den darmiterstehenden Kanonnummern von vier freien 
Arkaden in Goldsilhouette eingeschlossen. Durch Bogenansätze, 
die von den Ansatzstellen der Archivolten abzweigen, schwingt 
sich der Rhythmus von Arkade zu Arkade, so daß man fast den 
Eindruck einer fortlaufenden Bogenreihe erhält, auf der die 
Schriftkolumne des Evangelientextes wie eine "monotone Ziegel- 
mauer" (v, Friesen) lastet. Unwillkürlich denkt man an die 
Wandstruktur des Mittelschiffes einer altchristliohen Basilika. 

Im Codex Brixianus (Taf. 160b) dagegen hat sich die archi- 
tektonische Festigkeit des Schriftbildes aufgelockert. Die latei- 
nische Unziale wirkt als solche lockerer, gitterähnlicher als die 
gotische, die lateinisch geschriebenen Zeilen lassen mehr Luft 
zwischen den Buchstaben. Ganz entsprechend hat sich die 


1) Vgl. oben S. 223—224. 

-) Codex Argenteus Upsaliensis, S. 58 — 60. v. Friesen ni. Grape, Om Codex 
Argenteus, S. 81 — 84. 

3) Randkonkordanzen in Arkaden kommen auch in einer späteren latei- 
nischen Evangelienhandschrift zu Breslau (Stadtbibliothek, Codex Rehdi- 
gerianus) vor, deren Text Beeinflussung durch die gotische Evangelien- 
übersetzung erkennen läßt (siehe die Abbildungen bei E. H. Zimmermann, 
Vorkarolingische Miniaturen, Berlin 1916, Taf. 25 — 30). 

264 


Zeichnung der Synopsisarkaden geändert. Während im. Codex 
Argenteuis die Bögen von gleicher Struktur sind wie die Buch- 
staben, haben sie sich im Brixianus vom Schriftcharakter eman- 
zipiert und ein stärkeres Eigenleben gewonnen. Säulenschäfte 
und Umfassimgsbögen sind in parellele Umrißlinien aufgelöst, 
und die Bögen haben in der Mitte ein fortlauf endes . Punktmotiv 
aufgenomnxen. Zugleich ist der "trochäische" Rhythmus der 
Interkolumnien, der im Codex Argenteus nur als leiser Unterton 
mitklingt, dadurch markant geworden, daß die schmäleren 
Zwischenräume von Spitzgiebeln überdeckt werden, die mit den 
Rundbögen w^irkungsvoU abwechsehi. Die Arkade wird weniger 
zum Tragen des Schriftspiegels herangezogen. Eine unbedeu- 
tende Erhöhung der Textkolumne hat genügt, um den Eindruck 
eines freien Schwebens des Textes über der Arkade zu erzielen. 
Die letzten Herausgeber des Codex Argenteus haben den Unter- 
schied zwischen den Kanonbögen der beiden Purpurhandschrif- 
ten so gedeutet, daß sie in den von einander getrennten Arkaden 
des Codex Argenteus eine frühere, in den vereinten des Brixianus 
dagegen eine spätere Entwicklungsstufe des Rahmenwerkes sehen 
wollten^ \ Die Frage wird aber dadurch erschwert, daß die 
gleiche Arkadenfol*m wie im Codex Brixianus auf einigen weite- 
ren Denkmälern nachzuweisen ist, die in diesem Zusammenhang 
nicht beachtet worden sind. Das wichtigste von ihnen ist ein 
liturgischer Elfenbeinkamm, der jetzt im Domschatz zu Nancy 
aufbewahrt wird, wohin er- aus der ehemaligen Abtei Bouxieres- 
aux-Dames in der Nähe von Toul gekommen ist; der Tradition 
nach soll dier Kamm zusammen mit anderen Kunstgegenständen 
gleicher Provenienz dem hl. Gauzelin gehört haben, der 922 — 962 
Bischof von Toul war und in dem genannten Nonnenkloster beige- 
setzt wurde (Abb. 30) ^\ Die Fläche dieses Kammes wird durch 
eine dreiteilige Arkade gegliedert, deren Übereinstimmung mit 
dem Rabmenwerk der Randkonkordanzen im Codex Brixianus 


^) Codex Argenteus Upsaliensis, S. 60. v. Friesen u. Grape, Om Codex 
Argenteus, S. 85. 

2) E. Aniguin, Monographie de la Cathedrale de Nancy, Nancy 1882, S. 
327 — ^30. M. Laurent, Les ivoires pregothiques conserves en Beigigue, Brüs- 
sel 1912, S. 85 — 88. A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit 
der karolingischen und sächsischen Kaiser I, Berlin 1914, Taf. XL VI, Fig. 101. 

265 



Abb. 30: Nancy, Domschatz, Liturgischer Kamm (Ausschnitt). 
Oströmisch, VI. Jahrh.(?). 


sofort in die Augen fällt. Die Zusammenstellung eines breiteren 
Rundbogens mit zwei schmäleren Spitzgiebeln und das Piinkt- 
motiv als Bogenverzierung sind gemeinsame Merkmale der Hand- 
schrift und des Kamms. Die Ähnlichkeit ist so schlagend, daß 
sie die Frage nahelegt, ob nicht der Kamm genau wie die Hand- 
schrift ein spätantifces Erzeugnis darstellt, wofür auch die Wein- 
rankenornamentik des Elfenbeins sprechen könnte^ \ Die glei- 
chen Motive wie auf dem Kamm kehren auf einer spätantiken 
Knochenpyxis im Beuth-Schinkel-Museum zu Berlin wieder, nur 
daJß hier die Giebel etwas breiter sind als die Bögen und einen 
kielbogenartigen Schwung haben (Abb. 31)-). Endlich gehören 


^) Vgl. z. B. die Ornamentstreifen der Rücklehne der Maximinianskathe- 
dra zu Ravenna (H. Peirce u. R. Tylor, L'art byzantin II, Paris 1934, Taf. 3). 
A. Goldschmidt, a. a. O., S. 54 — 55 hat den Kamm als eine spätkarolingische 
Schnitzerei den Ausläufern seiner zweiten Metzer Gruppe zugerechnet. Für 
eine spätantike Datierung des Kamms hat sich schon M. Laurent, a. a. O. 
ausgesprochen. 

2) J. Strzygowski, Mschatta C Jahrb. Preuß.Kunstsamml. XXV, 1904), S. 343, 
wo auch der Gauzelin-Kamm erwähnt wird. P. O. Rave, Die Kunstsamm- 
lung Beuths (Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft II, 
1935, S. 483, Abb. 6). 

266 



Abb. 31: Berlin, Beuth-Schinkel-Museum, Pyxis (entwickelte Mantelfläche). 
Oströmisch, VI — ^VlI. Jahrb. 


in diesen Zusammenhang eine Anzahl ägyptischer Schnitzereien 
auf Röhrenknochen im Kaironer Nationalmuseum (Nr. 8865 — 67) 
und im Kaiser- Friedrich-Museum zu Berlin (Nr. 463 — 492), an 
denen ebenfalls Weinranken und kielförmige Giebel mit Punkt- 
reihenfüllung — jedoch ohne tragende Säulen — wiederkehren 
(Abb. 32a — b)^). Diese Schnitzereien lassen vermuten, daß 
auch die KJaochenpyxis und — weniger sicher — der Elfenbein- 
kamm in den östlichen Mittelmeerländern entstanden sind-\ 

Wenn aber die Kleinplastik die Heimat der Pmiktreihenarkade 
im östlichen Kunstkreis bezeugt, erscheint es zweifelhaft, ob wir 
berechtigt sind, die Ausstattung der Randkonkordanzen mit Ka- 
nonbögen als eine italienische Neuerxing anzusprechen^^ Daß 


^) J. Strzygowski, Hellenistische und koptische Kunst in Alexandria (Bul- 
letin de la Societe archeologique d'Alexandrie V, 1902, S. 89 — 91). Derselbe, 
Koptische Kunst (Catalogue general du Musee du Caire XII) Kairo 1902, 
S. 200, Abb. 263 — 65. Ders., Mschatta C Jahrb. Preuß.Kunstsamml. XXVI, 
1904, S. 306—07, Abb. 85). 

2) Strzygowski hat in Mschatta, S. 306, seinen damaligen Sympathien 
entsprechend, in der Berliner Pyxis "einen wertvollen Beleg für die halbper- 
sische Kunst, die in der Provinz Mesopotamien oder im gegebenen Falle 
eher sogar bei den Christen im sassanidi sehen Mesopotamien geherrscht hat" 
erkennen wollen. 

2) Codex Argenteus Upsaliensis, S. 60. v. Friesen u. Grape, Om Codex 
Argenteus, S. 84. 

267 





Abb. 32: Ägyptische Knochenschnitzereien. 

a-b: Berlin, Kaiser-Friedrich-Miuseum, c: Kairo, Nationalniuseum. 

VI— VII. Jahrh. 

die griechischen Handschriften mit ähnlichen Synopsistabellen 
im unteren Marginal die Tabellen nicht besonders einrahmen, ist 
als Argument nicht entscheidend, da die erhaltenen Handschrif- 
ten alle verhältnismäßig spät imd künstlerisch unbedeutend sind. 
Es ist auch unsicher, ob das für den Codex Brixianus bezeich- 
nende Rahmenschema, dessen östlichen Ursprung wir festgestellt 
haben, eine spätere Entwicklungsstufe darstellt als dasjenige des 
Codex Argenteus. Der Unterschied hängt in erster Linie mit der 
Schriftverschiedenheit der beiden Denkmäler zusammen. 

Trotzdem besteht kein Grund zu bezweifeln, daß die beiden 
Purpurcodices am selben Ort, vielleicht sogar in iderselben Schule 
geschaffen worden sind. Beide sind Denkmäler der ostgotischen 
Kultur um die Wende des V. Jahrhunderts. Die einfache Über- 
legung, wo zu dieser Zeit ein gotischer Prachtcodex wie der 
Argenteus in Upsala /hat geschrieben werden können, führt in 
erster Linie auf die Hauptstadt des ostgotischen Reiches, Raven- 
na. Auch die text- und schriftkritischen Merkmale sprechen 
nach V. Friesens gründlicher Untersuchung für diese Lokalisier- 
ung^^. Beachtenwert ist endlich die schon durch v. Friesen her- 
vorgehobene Tatsache, daß das Arkadenschema des Brixianus, 
die Vereinigung von Spitz- und Rmidgiebeln, auf einer Seite des 


1) Codex Argenteus Vpsaliensis, passim. v. Friesen u. Grape, Om Codex 
Argenteus, passim, bes. S. 110 — 121. 


268 


griechischen Kanonfragmentes in Wien (Taf. 44) wiederkehrt, 
dessen Entstehung in Ravenna aus anderen Gründen wahrschein- 
lich ist. 

Ob idie gotische Evangelienversion wie die syrische der Pe- 
schitta außer der Randsynopsis noch die vollständige Folge von 
Kanontafeln gekannt hat, wissen wir nicht, da die ersten Bogen 
des Codex Argenteus nicht erhalten sind^^. Der Codex Brixianus 
enthält am Anfang eine besondere Art von Kanontabellen, (bei 
denen zu jeder Ziffemzeile eine kurze Inhaltsangabe der betref- 
fenden Stellen hinzugefügt ist. Es ist dies ein Kanonsystem, 
das auch in anderen lateinischen Handschriften vorkommt tuid 
ursprünglich vielleicht für eine altlateinische Evangelienrezen- 
sion geschaffen worden ist^). Für die Kunstgeschichte ist es von 
luitergeordnetem Interesse, da die Hinzufügung der Inhaltsan- 
gaben zur Fortlassung der Kanonbögen geführt hat. 


^) V. Friesen macht a. a. O., S. 87 auf die Tatsache aufmerksam, daß die 
Bogenzählung im Codex Argenteus mit dem Matthäusevangelim angefangen 
hat. Wenn dies auch nicht die Möglichkeit ausschließt, daß die Handschrift 
einst mit einer vollständigen Kanonfolge eingesetzt hat, — die Bogenzählung 
hätte die Anfangsstücke nicht unbedingt mit einschließen brauchen — so 
macht es sie doch wenig wahrscheinlich. 

2) Dom D. de Bruyne, La preface du Diatessaron latin avant Victor de 
Capoue (Rev.Bened. XXXIX, 1927, S. 9—11). Vgl. auch unten S. 168, Anm. 2. 

269 


RÜCKBLICK AUF DIE 
ERGEBNISSE 


I. DIE ENTWICKLUNG DER SPÄTANTIKEN 
KANONTAFELN 


Zusammenfassung und Ergänzungen. 


Die ältesten Kanontafeln wurden in der Schreibschule zu Cae- 
sarea xmter Eusebius' eigenen Augen angefertigt. Wir wissen 
nicht genau in welchem Jahre. Es war aber jedenfalls vor dem 
Tode ihres Verfassers (339/40), wahrscheinlich schon vor der 
großen Handschriflenbestellung Konstantins für die Kirchen 
Konstantinopels im Jahre 331. 

Wir haben Anlaß zu vermuten, idaß ein in der Schule von 
Caesarea angefertigtes Evangelienbuch mit Kanontafeln nach 
Armenien kam und dort im V. oder VI. Jahrhundert der arme- 
nischen Evangelienübersetzung als Vorlage diente. Die Arme- 
nier werden bei der Übertragung des Textes die künstlerische 
Ausstattung der Vorlage mit übernommen haben. Auf diese 
Weise wird die ursprüngliche Rahmenform der eusebianischen 
Kanones in die armenische Buchkunst übergegangen sein. So 
erklärt es sich, daß das sog. Etschmiadzin-Evangeliar — im 
Jahre 989 nach einer alten Handschrift der armenischen Evan- 
gelienübersetzung angefertigt — Kanontafeln enthält, in denen 
wir die treueste erhaltene Wiedergabe des eusebianischen Arche- 
typus erkennen können (Taf. 15 — 2,4). 

Die grundlegenden Kennzeichen dieser ältesten Kanonfolge 
sind die folgenden. Die Tabellen (vgl. Beilage A) waren auf 
sieben, der Brief an Karpianus auf zwei Seiten aufgeteilt. Die Pro- 
logseiten (Taf. 15 — 16) hatten einfache, die Kanonseiten (Taf. 
17 — ^23) zwei- oder dreiteilige Arkadenrahmen. Die Tabellen- 
kolumnen waren, nach dem Vorbild der astronomischen Zeitta- 
feln der Antike, in der Säulenzone der Kanonbögen in einen 
besonderen netzartigen Hilfsrahmen eingespannt, dessen Hori- 
zontallinien die Ziffemspalten in Gruppen einteilten. Die Über- 
schriften standen im Binnenfeld der vermutlich hufeisenförmigen 
Umfassungsbögen. Die Verso-Seite des letzten Kanonblattes 


18 


273 


endlich nahm eine nach dem antiken Tholos-Motiv geformte 
Kanonbogen-Paraphrase (Taf. 24) ein. 

Die eusebianischen Kanones sind uns fast ausschließlich in 
Evangelienbüchem überliefert, xind ohne Zweifel war der 
ursprüngliche Entwurf für diese Verwendung bestiramt. Es ist 
desungeachtet nicht ausgeschlossen, daß sie schon früh auch in 
ganze Bibelhandschriften Aufnahme fanden. Zwar enthalten 
heute die drei großen griechischen Bibeloodices, der Sinaiticus, 
der Vaticanus und der Alexandrinus keine Kanontafeln. Die 
neuesten Forschungen haben es aber wahrscheinlich gemacht, 
daß sie im Codex Alexandrinus ursprünglich vorhanden waren 
und daß wenigstens die Absicht bestand, sie auch im Codex Sinai- 
ticus kurz nach der Vollendung der Handschrift auf einem beson- 
deren Bogen nachzutragen^). 

Das nächste feste Datum in der Geschichte der eusebiemischen 
Kanones gibt ihre Übertragung durch Hieronymus für die im 
Jahre 383 oder 384 veröffentlichte Revision des lateinischen 
Evangelienbuches. Eine um 400 entstandene Prachthandschrift 
des hieronymianisohen Evangelienbuches befand sich zu Beginn 
des IX. Jahrhunderts in Reims und wurde hier nachgebildet. Aus 
den beiden ersten ICanontafeln eines in Reims geschriebenen 
Evangelienbuches des Aachener Domschatzes (Taf. 162) und aus 
den Tafeln einer ottonischen Handschrift der John Rylands 
Bibliothek zu Manchester (lat. 10), die ein verlorenes Reimser 
Evangeliar kopiert (Taf. 164 — 66), können w"ir uns eine Vor- 
stellung von dem hieronymianischen Archetypus bilden. 

Dieser unterschied sich weitgehend von der eusebianischen 
Urausgabe. Eingerahmt waren nur die I^anontabellen, die statt 
auf sieben auf zwölf Seiten verteilt waren (vgl. Beilage B). Die 
Kanonbögen hatten nur eine allgemeine Ähnlichkeit mit den 
eusebianischen. Kräftige Säulen standen auf einem plastisch 
gegliederten Postament und trugen einen durchgehenden Archi- 
trav, der von einem großen Dreieckgiebel (bzw. einer Reihe 


1) H. J. M. Milne u. T. C. Skeat, Scribes and Correctors of the Codex 
Sinaiticus, London 1938, S. 7 — 9. Allerdings ergibt die Rekonstruktion, daß 
im Codex Alexandrinus zwischen dem Alten und dem Neuen Testament sech- 
zehn bis achtzehn Seiten fehlen: diese Zahl ist für die Kanonfolge einer 
spätantik-griechischen Handschrift eigentlich viel zu hoch. 

274 


kleiner Giebel) oder von einem großen Segmentbogen (bzw. einer 
Reihe kleiner Halbkreisbögen) gekrönt war. Die Säulen trenn- 
ten nicht wie bei den griechischen Kanontafeln die ganzen Text- 
kolunmen, sondern die einzelnen ZifFernsp alten. Die Anfang- und 
Schlußtitel der einzelnen Kanones waren als Explicit-Incipit- 
Titel abgefasst tuid in der Säulenzone unterhalb der Tabellen 
angebracht. 

Diese ältesten lateinischen Känonbögen waren also keine un- 
mittelbaren Kopien der griechischen. Es hat sich nachweisen 
lassen, daß sie auf ältere Typen der römischen Architekturdar- 
stellimg zurückgreifen (vgl. Abb. 24 — 26). Sie gehören jener 
großartigen Renaissance-Bewegung an, die die westliche Kunst 
der zweiten Hälfte des IV. Jahrhunderts auszeichnet. Die Eigen- 
art und Selbständigkeit der lateinischen Stilbildung dieser Zeit 
wird durch den Vergleich der "hieronymianischen" Kanontafeln 
mit den eusebianischen aufs eindringlichste veranschaulicht. 

Am Anfang des V. Jahrhunderts wurden die eusebianischen 
Kanones mit der syrischen Evangelienübersetzung des Bischofs 
Rabbula von Edessa (411 — 35), der sog. Peschitta, verbunden. 
Man begnügte sich jedoch nicht mit einer wortwörtlichen Über- 
setzung, sondern führte eine neue Sektionseinteilung der Evan- 
gelien durch, die den Umfang der Kanontabellen nicht unwesent- 
lich vermehrte. Zugleich erweiterte man das gewöhnliche Ta- 
bellensystem durch eine Randsynopsis zu jeder Textseite. Es 
ist unsicher, ob diese Anordnung für die Peschitta erfunden oder 
von griechischen Handschriften fertig übernommen wurde. 

Die Randsyn'opsis wurde ohne künstlerische Ausstattung gelas- 
sen; nur die vollständigen Tabellen zu Beginn der Evangelien 
erhielten Kanonbögen. Im Ganzen sind uns fünf syrische 
Peschitta-Evangeliare mit Kanontafeln ganz oder teilweise erhal- 
ten, drei aus dem VI. und zwei aus dem VII. Jahrhundert. Das 
älteste von ihnen, das Pariser Evangeliar Bibl. Nat., syr. 33, ist 
zugleich dasjenige, dessen Kanontafeln (Taf. 114 — 128) die 
ursprüngliche Formgebung am treuesten bewahrt haben. 

Die Tabellen waren im Archetypus auf neunzehn Seiten ver- 
teilt und zwar in der Weise, daß keine Seite mehr als einen 
Kanon enthielt (siehe Beilage B). Die Kanonbögen folgten in 
ihrer Grundrißform dem mehrteiligen "eusebianischen" Typus 

275 


— eine Ausnahme bildete nur die siebzehnte Kanontafel, deren 
Text aus einer einzigen Ziffernspalte bestand. In Übereinstim- 
mung mit den lateinischen Kanontafeln (aber wahrscheinlich 
unabhängig von ihnen) hatte jede einzelne Ziffernspalte ihr 
eigenes Interkolumnium. Die Kanonbögen bestanden aus 
schmächtigen Stabarkaden mit einem Minimum von 'ornamenta- 
ler Ausstattung. Dafür war am Rand neben der Säulenzone eine 
Serie von abwechselnd figürlichen und dekorativen Miniaturen 
christologischen Inhaltes als eine Art Illustration angebracht. 
Mit großer Wahrscheinlichkeit gehen diese Randminiaturen auf 
eine wesentlich ältere illustrierte Ausgabe des tatianischen Dia- 
tessarons zurück. 

Während der lateinische Kanonbogen (Taf. 162) das griechische 
Vorbild (Taf. 19) durch einen neuen, dem antiken Formeiaschatz 
entlehnten Rahmentypus ersetzt, dessen Klassizität derjenigen 
des griechischen Kanonbogens in keiner Weise nachsteht, bedeu- 
tet der syrische Kanonbogen im wesentlichen eine Verdünnung 
und Verarmung des griechischen Rahmenschemas. Im Unter- 
schied zum lateinischen Kanonbogen macht der syrische den 
Eindruck einer provinziellen Variante des griechischen. Daß 
dieser Provinzialismus seine Wurzel in der orientalischen Kunst 
hat, is-t a priori wahrscheinlich. Die Umsetzung der plastischen 
und räumlichen Werte ins Flächenhafte, die den syrischen Ka- 
nonbogen im Vergleich mit dem griechischen kennzeichnet, ist 
eine allgemein orientalische Tendenz. 

Im V. Jahrhundert wird die oströmische Hauptstadt die wich- 
tigste Rolle in der Entwicklung der griechischen Kanontafela 
gespielt haben. Dort war die Erfindung des Eusebius vielleicht 
schon durch die Bücherschenkung Konstantins im Jahre 331 
bekannt geworden. Die Tatsache, daß wir der .siebenseitigen 
Kanonfolge in stadtbyzantinischen Handschriften des X. Jahr- 
hxmderts (Paris, Bibl. Nat., gr. 70 u. Coislin gr. 20, Wien, Natio- 
nalbibl., theol. gr. 240) begegnen (vgl. Beil. A), spricht dafür, 
daß die konstantinopolitanische Buchmalerei sich eine Zeitlang 
damit begnügte, die caesarenische Kanonredaktion zu kopieren. 
Einen weiteren Anhaltspunkt in dieser Richtung geben vielleicht 
die Kanontafeln eines in Konstantinopel in der ersten Hälfte des 
X. Jahrhunderts geschriebenen Evangeliars der Pariser National- 

276 



Abb. 33 : Paris, Bibliotheque Nationale, Coislin gr. 195, f ol. 4b — 5a. 

(Prologseiten). 
Konstantinopel, X. Jahrh. 


bibliothek, Coisliii gr. 195, falls diese, wie man vermviten kann, 
eine Vorlage des V. oder gar des IV. Jahrhunderts wiederspie- 
geln. Nur ist das Bild, das sie von dieser Vorlage geben, durch 
die Willkür des Kopisten so stark entstellt, daß eine sichere 
Rekonstruktion nicht möglich ist. Da die Handschrift erst hier 
zur Sprache gebracht wird, empfehlt es sich, etwas ausführlicher 
auf sie einzugehen^). 

Sie enthält auf fol. 4a — 5a den Brief an Karpianus, auf jeder 
Seite von einer n-förmigen Arkade eingerahmt (Abb. 33). Die 
darauf folgenden sieben Kanontafeln — fol. 5b — 8b — zeigen 
einen merkwürdigen Mangel an Übereinstimmung zwischen Text 
und Rahmenwerk. Die Verteilung der Kcuiontabellen auf den 
sechs ersten Seiten steht derjenigen der größereu griechischen 


^) Vgl. auch H. Bordier, Description des peintures et aiitres ornenients 
contenus dans les manuscrits grecs de la Bibliotheque Nationale, Paris 1883, 
S. 123^ — 25 und K. Weitzniann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. und 10. 

277 


Folge (siehe Beilage A) recht nahe^\ Für dieses Schema reich- 
ten aber sieben Kanonbögen nicht aus. Es hat dem Schreiber 
nichts genützt, daß er auf der letzten Seite-) Kanon VI bis IX in 
ein einziges Interkolumnium zusammenpresste : den letzten Kanon 
hat er doch nicht unterbringen körmen. Außerdem hat er sich 
nicht gescheut, auf der fünften Kanonseite (Abb 34) die mittle- 
ren Säulen zu entfernen und dadurch nachträglich einem drei- 
jöchigen Kanonbogen die beiden Textkolumnen von Kanon III 
und IV einzupassen. Diese Mißverhältnisse deuten darauf hin, 
daß die sieben Kanonbögen nach einer alten Vorlage kopiert 
wurden, deren siebenseitige Textverteilung gewaltsam in die im 
X. Jahrhundert zeitgemäße zehnseitige umgewandelt wurde. Für 
diese Annahme spricht auch, daß die Kanonbögen dem eusebia- 
nischen "m-Typus" (mit mehreren koordinierten Umfassungsbö- 
gen) angehören. Es kommen sogar zweimal Kanonbögen mit drei 
Interkolumnien (Abb. 34) vor. Doch haben wir damit zu rech- 
nen, daß auch bei der Gestaltung der Kanonbögen die Vorlage 
weitgehend verändert wurde. Der Bodenstreifen wurde fortge- 
lassen, ein Architravstreifen eingeschoben und im Zusammen- 
hang damit die Umf assungsbögen unpräzis über den Säulen ange- 
bracht. Diese und andere Einzelheiten des Aufbaues müssen auf 
Rechnung des Kopisten geschrieben werden. Als Bogenfüllung 
kommen neben spätantiken Massenornamenten Flächenmuster 
vor, die dem Formenschatz der mittelbyzantinischen Buchmalerei 
entnommen sind'^). Besatzornamente fehlen ganz, was für die 
spätantike Vorlage kaum anzunehmen ist. 

Jahrhunderts, Berlin 1935, S. 11 — 12 mit weiteren Literatnran gaben. H. Tik 
kanen. Die byzantinische Buchmalerei der ersten nachikonoklastischen Zeit 
mit besonderer Rücksicht auf die Farbgebung (Festschrift für J. Schlosser, 
Wien 1927, S. 77) macht auf die tnerkwürdige Tatsache aufmerksam, daß die 
Kanonbögen und die Evangelistenbilder der Handschrift, obwohl stilistisch 
sehr nahe verwandt, in verschiedener Technik ausgeführt sind, jene in Gouache, 
diese in Wachstempera. 

^) Fol. 5b: Kanon I fol. 7a: Kanon II II 

„ 6a: „ I „ 7h: „ III IV 

„ 6b: „ 11 II „ 8a: „ V V V 

-) Vgl. die Abbildung bei Weitzinann, a. a. O., Taf. XI: 57. 
•^) Vgl. besonders fol. 7b — 8a (Abb. 34) mit den Füllmotiven der Kanon- 
tafeln in Athos Staurouikita 43. 

278 



Abb. 34: Paris, Bibliotheque Nationale, Coislin gr. 195, foL 7b — 8a 

(Kanon III— V). 
Konstantinopel, X. Jahrb. 


Von den stadtbyzantinischen Handsohritten mit sieben Kanon- 
tafeln weist keine die SchlulBseite mit dem Sanctuarium auf. Mit 
Ausnahme der Wiener Handschrift lassen sie die Kanontafeln 
statt auf einer Recto-, auf einer Verso-Seite beginnen, wasj zur 
Folge hat, daß die letzte Kanontafel die "überflüssige" Verso- 
Seite 'des Schlußblattes einnimmt. Gleichzeitig gestattet diese 
Verschiebung der Kanonfolge, dem Prologtext eine Ausdehnung 
über drei Seiten zu geben. Diese Anordniuig, der wir auch in 
Coislin gr. 195 begegnen, gehört wahrscheinlich zu den ersten 
Neuerungen, die die Buchmalerei Konstantinopels der eusebia- 
nisohen Kanonserie hinzufügte. 

Spätestens zu Beginn des VI. J ahrhmiderts, wahrscheinlich 
aber etwas früher, hat man eine andere Lösung des betreffenden 
buchtechnischen Problems gefunden : die achtseitige Variante der 
kleineren Kanonfolge (siehe Beilage A). Diese ermöglichte es, 
daß die Kanontafeln auf einer Recto-Seite anfingen und auf einer 
Verso-Seite endeten. Da man allem Anschein nach die dreiseitige 

279 


Aufteilung des Prologs beibehalten hat, blieb dadurch wiederum 
die Recto-Seite des ersten Blattes leer. Wahrscheinlich ihat dies 
die Einführung jenes dekorativen Titelmotivs — Kreuz mit 
Schleifenkranz (Abb. 18 — 21) — veranlasst, das wir in unmittel- 
barer oder mittelbarer Verbindung mit der achtseitigen Variante 
der kleineren Kanonfolge gefunden haben. 

Von größerer Tragweite für die -Zukunft war aber eine 
Neuerung, die im VI. Jahrhimdert den griechischen Kanonbogen 
veränderte, ohne notwendigerweise die Seiten- und Kolumnen- 
redaktion des Textes zu berühren: die Einführung des übergrei- 
fenden Umfassungsbogens. 

Im eusebianischen Archetypus war die Grundrißform des 
Rahmenwerkes der Gliederung des Schriftbildes unmittelbar 
angepasst. Aber weder das Schriftbild noch das Rahmenwerk 
nahmen Rücksicht auf die Einheit der Buchseite. Dieselbe Sei- 
teneinheit enthielt bald zwei, bald drei Textkolumnen und 
dementsprechend abwechselnd zwei- oder dreiteilige Kanonbögen. 
Kurz: die ältesten Kanontafeln waren so gestaltet, als wären 
sie auf eine unbegrenzte Schreibfläche ausgebreitet. Wir erken- 
nen in dieser Anordnung eine Nachwirkung des Stilprinzips der 
Buchrolle. 

Der erste Versuch, die Kanontafeln der Einheit der Buchseite 
anzupassen, wird durch Veränderung der textlichen Gliederung 
erfolgt «ein. Das spätantike Fragment in London, British 
Museum, Add. 5111, fol. 10—11 (Taf. 1—4) lehrt, daß — als 
spätere Entwicklungsstufe — auf die Kanonredaktion des Arche- 
typus (in der den Seiten bald drei, bald zwei Textkolumnen 
zugeteilt waren) eine Textverteilung folgte, die jeder Tabellen- 
seite nur zwei Hauptkolumnen einräumte. Dadurch war die 
Durchführung eines einheitlichen zweijöchigen Kanonbogen- 
typus ermöglicht. Dieser Entwicklungsstufe gehörte, obwohl die 
erhaltenen Kopien eine Rekonstruktion im Einzelnen nicht 
gestatten, vermutlich auch der Archetypus der achtseitigen 
Variante der kleineren Kanonfolge an. Jedenfalls muß die 
Erweiterung des Schriftraumes um eine Seite der Häufung der 
Textkolumnen entgegengewirkt haben. 

Aber auch bei dieser Lösung stand die Zweiteilung der Kanon- 
tafel der Ungeteiltheit der Buchseite gegenüber. Diese Diskre- 

280 


panz wurde erst endgültig aufgelioben, als man im VI. Jahr- 
rundert die koordinierten Umfassungsbögen der Interkoluinnien 
einem großen die ganze Säulenzone überspannenden Umfassungs- 
bögen unterordnete und damit zum ersten Mal einen ganz 
einheitlichen Kanonbogentypus schuf. 

Wie schon die mehrjöchige Urform des Kanonbogens nicht für 
die eusebianische Konkordanz frei erfunden, sondern einer in 
der Architektur herausgebildeten Arkadenform nachgebildet 
wurde, so wird auch der übergreifende Umfassungsbögen dem 
Formenschatz der Baukunst fertig entlehnt sein. Da aber in der 
Geschichte der Baukunst idie übergreifende Arkade mit Sicher- 
heit erst im VI. Jahrhundert nachzuweisen ist und dann als ein 
Hauptmerkmal jenes neuen Stiles hervortritt, in dem die Pracht- 
bauten Kaiser Justinians aufgeführt wurden, so können wir nicht 
annehmen, daß sie in der Buchmalerei vor dieser Zeit zur An- 
wendung gekomraen wäre. Leider hat keines der erhaltenen 
spätantik-griechischen Evangeliare Kanontafeln mit übergreifen- 
dem Umf assuaigsbogen. Aus mittelalterlichen Kopien können 
wir aber mit Gewißheit darauf schließen, daß es solche gegeben 
hat. Am wichtigsten sind in dieser Beziehung die Kanontafeln 
des Mike Evangeliars, cod. 1144 der armenischen Klosterbiblio- 
thek auf San Lazzaro bei Venedig (Taf. 35), die mit den 
Ornamentfüllungen ihrer Tympanonf eider auf eine spätantike 
Vorlage zurückweisen, die kaum später entstanden sein kann als 
im frühen VI. Jahrhundert^). 

Vermutlich gleichzeitig mit dem Übergang zu Kanontafeln 
mit übergreifendem Umfassungsbögen hat die griechische Buch- 
malerei auch für id^ti Prologtext einen neuen Rahmentypus 
geschaffen. Im eusebianischen Archetypus waren die Prolog- 
rahmen den Kanonbögen nachgebildet (Taf. 15 — 16). Das 
rechteckige Schriftbild des Prologtextes konnte aber den Arka- 
denrahmen — und damit auch die Buchseite — nur zur Hälfte 


^) Dies bedeutet nicht, daß die Kanontafeln des Mike Evangeliars durch- 
wegs exakte Kopien dieser spätantiken Vorlage darstellen. So läßt die Art, 
wie auf der zweiten Kanontafel (Taf. 35a) die kleinen Verbindungbögen in 
den großen Umfassungsbögen hineinschneiden, vermuten, daß hier die Drei- 
teilung der Kanontafel auf die Rechnung des armenischen Kopisten geschrie- 
ben werden muß. 

281 


ausnützen. Das Tynipanonfeld des Umfassungsbogens blieb 
ohne Funktion. Eine wirkliche Vereinheitlichung von Buch- 
seite, Rahnxenwerk und Schriftbild war hier nicht möglich, ehe 
man nicht von dem tektonischen Aufrißrahmen mit Bogen- 
krönung zu einem rechteckigen Grundrißrahmen überging. Daß 
dies schon im VI. Jahrhundert erfolgte, wissen wir durch den 
Codex Rossanensis, in dem sich eine Prologseite mit einem dem 
Schriftbild 'unmittelbar angepassten Rechteckrahmen erhalten 
hat (Taf. 47). Vermutlich .haben wir in dieser Rahmenfoirm, 
wie in der Kanontafel mit übergreifendem Umfassungsbogen, 
eine Neuerung der Konstantinopolitaner Buchmalerei zu er- 
blicken. 

Als das Motiv des übergreifenden Umfassungsbogens im 
Westen bekannt wurde, ging auch die lateinische Buchmalerei 
unter Bewahrimg der zwölfseitigen Textredaktion zu dem neuen 
griechischen Rahmentypus über. In Anlehnung an die grie- 
. chische Vorlage wurde auch eine neue Füll- und Besatzoma- 
mentik gebildet. Von dem Rahmentypus mit durchlaufendem 
Architrav, den die römische Buchmalerei am Ende des IV. 
Jahrhunderts für die hieronymianische Kanonübersetzung ge- 
schaffen hatte, wurde nur die Struktur mit abwechselnden 
Säulen und Ziffemspalten beibehalten. 

Zur Rekonstruktion der ursprünglichen Gestalt dieser neuen 
Kanonbogenserie sind wir in der glücklichen Lage, außer einer 
Anzahl frühmittelalterlicher Kopien (Taf. 52 — 83) ein vermut- 
lich um die Mitte des VI. Jahrhunderts entstandenes Fragment 
in der Biblioteca Vaticana, Vat. lat. 3806, fol. 1—2 (Taf. 48—51) 
heranziehen zu können, das vielleicht in derselben Malerschule 
hergestellt Avorden ist wie der Archetypus. Die " außerordentlich 
hohe Qualität dieses Fragments läßt uns in ihm ein Werk der 
stadtrömischen Buchmalerei vermuten. A priori haben wir 
auch die Entstehung des neuen, für die Zukunft maßgebenden 
Kanonbogen typus in Rom zu suchen. 

Derselbe Rahmentypus gelangte zur Anwendung, als man 
wahrscheinlich bald darauf eine zweite Kanonfolge aufstellte, 
bei der die Tabellen statt auf zwölf, auf sechzehn Seiten verteilt 
wurden (siehe Beilage C). Unverändert hat sich diese Text- 
redaktion nur in frühmittelalterlichen Kopien (Beispiel: Book 

282 


of Lindisfarne) erhalten. Auch die Rekonstruktion des Rahmen- 
werkes beruht in erster Linie auf einer mittelalterlichen Hand- 
schrift, dem sog. Evangeliar des hl, Livinus im Schatz von St. 
Bavo zu Gent, tdas eine Vorlage aus dem VI. Jahrhundert mit 
bemerkenswerter Treue kopiert (Taf. 103 — 113). 

Die sechzehnseitige Kanonfolge hat die zwölfseitige nicht 
ersetzt, sondern beide haben nebeneinander bestanden. Wahr- 
scheinlich haben wir in der längeren Folge die Sonderredaktion 
eines nichtrömischen Kulturkreises zu erblicken. Die nähere 
Lokalisierung bleibt hypothetisch. Die Tatsache, daß die sech- 
zehnseitige Kanonfolge mit einer eigentlich überflüssigen wört- 
lichen Übersetzung des griechischen Kanonprologes versehen 
wurde, scheint auf einen Zusammenhang mit dem griechischen 
Sprachgebiet hinzuweisen. Es liegt imter diesen Umständen 
nahe, an Ravenna als den mutmaßlichen Ursprungsort der sech- 
zehnseitigen Kanonredaktion zu denken. Einen starken griechi- 
schen Einfluß verraten durch die Weglassung der Zwischensäu- 
len auch die gegen das Ende des VI. Jahrhunderts entstandenen 
Kanontafeln der Londoner Handschrift British Museum Harl. 
1775 (Taf. 84 — 102). Obwohl achtzehn an Zahl, lassen sie in 
der Kolumnenverteilung Abhängigkeit von einer Vorlage der 
sechzehnseitigen Kanonfolge vermuten (vgl. Beilage C). 

Ravenna war zu Beginn des VI. Jahrhunderts als Hauptstadt 
der Ostgoten zugleich der Sitz einer Schreibschule gewesen, die 
vermutlich im Auftrag Theoderichs lateinische und gotische 
Prachtevangeliare mit Silbertinte auf Purpurpergament herstell- 
te. Von diesen sind zwei erhalten geblieben, ein lateinisches 
in der Biblioteca Queriniana zu Brescia und ein gotisches in 
der Universitätsbibliothek zu Upsala. Beide Handschriften zei- 
gen ähnlich wie die syrischen Evangelienbücher die eusebiani- 
schen Kanones in der Form einer fortlaufenden Synopsis am 
unteren Rand jeder einzelnen Textseite, ein System, das die 
gotische Evangelienübersetzung möglicherweise schon im IV. 
Jahrhundert aufgenommen hatte. Im Gegensatz zu den Margi- 
nalkonkordanzen der syrischen Evangeliare sind aber diejenigen 
der Purpurhandschriften zu Brescia und Upsala mit Bogenrah- 
men versehen (Taf. 160). Dieser Typus von Kanontafeln, der 
vielleicht eine Schöpfung der gotischen Buchmalerei darstellt, 

283 


weist in der von dem Brescianer Evangeliar überlieferten Variante 
einen deutlichen Zusammenhang mit östlichen Elfenbeinen (Abb. 
30—32) auf. 

Die gleichzeitige orthodoxe Buchmalerei Ravennas hat sich in 
den Kanontafeln 'der achtseitigen Variante der kleineren griechi- 
schen Folge bedient. Wir wissen dies durch eine frühkärolin- 
gische Handschrift in München, Bayer. Staatsbibliothek,, Clm. 
6212, Kopie eines in Ravenna unter Bischof Ecclesius (521 — 34) 
geschriebenen Evangelienbuches. Leider hat der frühmittelalter- 
liche Buchmaler die Kanonbögen seiner Vorlage in einer ver- 
einfachten, seinem eigenen Stilgefühl angepassten Ausführung 
wiedergegeben, die nur ganz allgemeine Rückschlüsse auf die 
Vorlage erlaubt (Abb. 17) i). 

Wenn es richtig ist, daß die sechzehnseitige Kanonfolge raven- 
natischen Ursprimges ist, wird sie etwa um die Mitte des Jahr- 
hunderts die achtseitige des Münchener Evangeliars ersetzt haben. 
Von dieser lateinischen Textredaktion wurden natürlich die grie- 
chisch geschriebenen Kanontafeln nicht beeinflusst. In dem ver- 
mutlich in Ravenna oder im Ravennatischen gegen das Ende des 
VI. Jahrhunderts entstandenen griechischen Fragment der Wiener 
Nationalbibliothek cod. 847 begegnen wir einer Kanonredaktion, 
die sich als eine Weiterentwicklung der achtseitigen Variante der 
kleineren griechischen Folge charakterisieren läßt. Die Kanon- 
tafeln dieses Fragments (Taf. 40 — 46) sind insofern altertüm- 
lich, als sie das Motiv des übergreifenden Bogens nicht verwen- 
den. Einfache B'ogenstellungen wechseln mit zweiteiligen Arka- 
den ab. Einmal kommt eine Vereinigung von Bogen- und Giebel- 


^) Die kleinere griechische Kaiionserie wird außer im Münchener Evan- 
geliar noch in einer zweiten lateinischen Handschrift angetroffen: im Codex 
Amiatinus der Biblioteca Laurentiana zu Florenz (cod. Amiat. 1, fol. 798a — 
801a) j hier sogar in einer ursprünglicheren siebenseitigen Form. Wir wissen 
nicht, welcher Vorlage die (in ihrer künstlerischen Gestaltung recht einfachen) 
Kanontafeln dieser vorkarolingisch-insularen Bibel entnommen wurden (Abb. 
einer Kanontafel bei H. Quentin, Memoire sur V etahlissement du texte de la 
Vulgate (Coll.Bihl.Lat. IV) Rom-Paris 1922, S. 442, Abb. 75). Sollte es der 
Codex graridior Cassiodors gewesen sein, nach deni die Vorsatzminiaturen 
der Bibel kopiert wurden, so wäre damit erweisen, daß die Schreibstube in 
Vivarium die eusebianischen Kanones nach griechischem Muster redigierte. 

284 


Jochen vor (Taf. 45), die an die Arkaden des gotischen Evange- 
hars in Brescia (Taf. 160b) erinnert. 

In dem 586 datierten EvangeHar des KalHgraphen Rabula aus 
Beth-Zagba, jetzt Florenz, Biblioteca Laurentiana Plut. I, 56, 
finden wir den übergreifenden Bogen auf die syrische Kanon - 
folge übertragen (Taf. 130 — 148) ^). Eine griechische Vorlage 
muß die Kenntnis des Motivs vermittelt haben. Mit dem über- 
greifenden Bogen hat der Künstler die breite Säulenform und 
den größeren Teil der Füll- und Besatzornamente übernommen. 
Die griechische Vorlage wird ein Evangelienbuch mit einem 
christologischen Bildzyklus nach Art des Codex Rossanensis gewe- 
sen sein. Dieser Bildzyklus hat eine thematische und szenische 
Erweitertuig der Randminiaturen der syrischen Kanontafeln 
ermöglicht, die jetzt in zwei oder drei Reihen auf beiden Seiten 
der Kanonbögen angeordnet sind. Die dekorativen Motive sind 
von den figürlichen Szenen getrennt worden. Diese bilden einen 
christologischen Vollzyklus, der unmittelbar nach der letzten 
Kanontafel in ganzseitigen Miniaturen zu einem prunkvollen 
Abschluß gelangt. In Analogie zum Codex Rossanensis, in dem 
Propheten mit typologisch gewählten Schriftzitaten die Evange- 
lienszenen begleiten, sind im Rabula-Codex auf den zwölf ersten 
Kanonseiten alttestamentliche Autoren über den christologischen 
Randbildern dargestellt. Endlich weisen auch die Rahmen des 
Prologtextes (Taf. 12.9) auf eine dem Codex Rossanensis ver- 
wandte Vorlage zurück. Die Evangelistenbilder, die im Rabula- 
Codex als Autorenbilder zu den Kanones VII und VIII verwertet 
worden sind, verraten aber, daß die griechische Vorlage bei aller 
Verwandschaft mit dem Codex Rossanensis nicht zu der Gruppe 
der (wahrscheinlich aus Konstantinopel stammenden) Purpur- 
handschriften gehörte. Man hat in ihnen Ableger einer anti- 
ochenischen Evangelistenbildseri« vermutet. Es ist auch eine a 
priori ansprechende Annahme, daß die griechische Vorlage des 
Rabula-Codex ein um die Mitte des VI. Jahrhunderts in Anti- 
ochia geschaffenes Prachtevangeliar war. 


^) Ausnahmen bilden die elfte Kanontafel (Taf. 140), deren Rahmenwerk 
den m-Typus bewahrt und die siebzehnte (Taf. 146), die nur aus einem Joch 
besteht. 

285 


Die syrischen Kanonbögen, deren Archetypus die griechische 
Urvorlage in einen orientalisierenden Provinzstil übertragen 
zeigte, erscheinen im VI. Jahrhundert in der Rabula-Handschrift 
wiederum hellenisiert. Darin bilden sie eine Parallele zu den 
lateinischen Kanonbögen, die s-ich, wie wii; gesehen haben, im 
VI. Jahrhundert ebenfalls unter Aufnahme des übergreifenden 
Umfassungsbogens dem griechischen Rahmenschema annähern. 
Während aber die "Hellenisierung" der Kanonbo genform im 
Westen eine grundlegende Bedeutung für die weitere Entwick- 
lung erhält, bleibt sie auf syrischem Gebiet Episode. Die syri- 
schen Kanontafeln, die uns aus dem VII. Jahrhundert erhalten 
sind — London, British Museum Add. 14.450, fol. la — 2b. nad 
Berlin, Preuß. Staatsbibliothek, Phillipps 1388, fol. 2b— 10b — , 
vertreten wieder das einfachere Rahmenschema des Archetypus 
der Peschitta-Übersetzung (Taf. 149 — 159) ^\ Einen Zusammen- 
hang mit den griechischen Kanontafeln des VI. Jahrhunderts 
verrät nur der zwischen den Kapitellen und den Umfassungsbö- 
gen eingeschobene Architravstreifen, zu dem wir in der Rabula- 
Handschrift den Ansatz finden (Taf. 130, 143—44 u. 146 — 47) 
und der nach dem Zeugnis der mittelbyzantinischen Kanontafeln 
(vgl. Taf. 10 u. 12) ursprünglich sicher eine Neuerung der grie- 
chischen Buchmalerei darstellte. Mit diesem Architravstreifen 
haben die Berliner Kanontafeln Motive der griechischen Besatz- 
ornamentik mit übernommen, von denen die zoomorphen aller- 
dings wieder einem strengen Ikonoklasmus zum. Opfer gefallen 
sind (Taf. 149—158). 

Die "eusebianische" Rahmenform mit gereihten Umfassungs- 
bögen ist aber auch in der griechischen Kunst mit der Erfindung 
des übergreifenden Umfassungsbogens nicht aus der Mode gekom- 
men. In den fragmentarisch erhaltenen Blättern einer der bedeu- 
tendsten Prachthandsohriften, welche die griechische Buchma- 
lerei gegen Ende der Spätantiken überhaupt geschaffen haben 
wird, in dem wahrscheinlich im VII. Jahrhundert entstandenen 
Fragment London, British Museum, Add. 5111, fol. 10 — 11 (Taf. 
1 — 4), finden wir den altertümlichen Rahmentypus dem moder- 


1) Wir finden diesen Kanonbogentypus auch in einem philoxenisch- 
heraklensichen Evangeliar aus dem Jahre 757 in Florenz (Bibl. Laur., Plut, 
I, 40, fol. 10b— 16a). 

286 


neren vorgezogen. In der Forniibehändlung kommt aber eine 
völlig neue Stiltendenz zum Durchbruch. An die Stelle der Mas- 
senomamentik, die im eusebianischen Archetypus und noch in den 
Kanontafeln des VI. Jahrhunderts die Umfassungsbögen füllte, 
tritt eine neue gitterartige Gliederornamentik, die auch die 
Säulenschäfte einnimmt. In dieser radikalen Ausscheidung der 
plastisch-tektonischen Elemente haben wir wahrscheinlich eine 
griechische Parallele zu jener "neuarchaischen" Stilstufe zu erblic- 
ken, die wir in der Geschichte der westlichen Kunst mit dem 
Namen des "Vorkarolingischen" belegen. Eine genaue Stilparal- 
lele zu dem Londoner Fragment hat sich aber bis jetzt nicht 
nachweisen lassen. Auch textlich steht die Handschrift völlig 
allein, da ihre Kanones auf einer Sektionseinteilung aufbauen, 
die sich weder in älteren, noch in jüngeren Handschriften hat 
wiederfinden lassen. Es hat den Anschein, als ob die Entwick- 
lung, die in den Londoner Kanontafeln einen glänzenden Anlauf 
nimmt, nach kurzer Dauer im Bilderstreit ein jähes Ende gefun- 
den hätte. 


287 


IL DIE EIGENART DER SPÄTANTIKEN 
RAHMEN STRUKTUR 


Vorbemerkung. 

Im Verlaufe der Untersuchung ist bei der Rekonstruktion der 
spätantiken Archetypen die Frage nach dem principiellen Unter- 
schied zwischen den spätantiken und den mittelalterhchen ICa- 
nontafeln gelegentlich diskutiert worden. Es empfiehlt sich, sie 
zum Schluß noch einmal zusammenfassend zu erörtern. Gibt 
es, so haben wir zu fragen, ein Ges'taltungsprinzip, das für die 
spätantiken Kanontafeln im allgemeinen bezeichnend ist? 

Wir dürfen von der Tragweite einer solchen Fragestellung 
nicht zu viel erwarten. Die Eigenart der spätantiken Kanonta- 
feln wird kein Geheimnis dargestellt haben, das dem mittelalter- 
lichen Kopisten unter allen Umständen unverständlich geblieben 
wäre. Wir wissen ja, daß es mittelalterliche Kopien gibt^ die 
ihre spätantiken Vorlage mit erstaunlicher Treue wiedergeben. 
Ein Vergleich solcher Kopien mit den erhaltenen spätantiken 
Originalen wird unter diesen Umständen für die Frage nach der 
Eigenart der .spätantiken Rahmenstruktur wenig ergiebig sein^^. 
Anders verhält es sich mit den Kanontafeln, die keinen retro- 
spektiven Charakter haben. Denn bei diesen besieht a priori 
die Möglichkeit, Gestaltungsprinzip en nachzuweisen, die den 
spätantiken Kanontafeln noch fremd gewesen sind. Wir fragen 
deshalb zunächst nicht nach dem, was die spezifisch spätantiken 
Kanontafeln von allen mittelalterlichen, sondern umgekehrt 
nach dem, was die spezifisch raittelalterlichen Kanontafeln von 
allen spätantiken unterscheidet. 


^) Allerdings lässt auch bei den treuesten Wiedergaben immer diese oder 
jene Einzelheit den mittelalterlichen Kopisten erkennen. Eine in jeder 
Beziehung einwandfreie Nachahmung eines spätantiken Vorbildes — das Ideal 
des modernen Fälschers — dürfte außerhalb der Möglichkeiten des mittel- 
alterlichen Buchmalers gelegen haben. 

288 


Die Gefahr eines Trugschlusses ist allerdings bei dieser Frage- 
stellung unvermeidlich; sie liegt darin, daß uns aus vormittel- 
alterlicher Zeit nur eine sehr begrenzte Anzahl von Denkmälern 
erhalten ist. Eine etwa neu auftauchende spätantike Handschrift 
mit Kanontafeln kann uns lehren, daß Merkmale, die heute als 
spezifisch mittelalterlich gelten dürfen, schon in der Spätantike 
vorgebildet waren. Doch dürfte diese Möglichkeit nicht allzu 
groß sein. Die Kanontafeln, die uns die Spätantike hinterlassen 
hat, sind untereinander so verschieden, daß sie im Durchschnitt 
sicher ein hinreichendes Bild von dem geben, was die Zeit im 
allgemeinen gekonnt ;und gewollt hat. Ein neugefimdenes Denk- 
mal kann die Entwicklung von einer neuen Seite her beleuchten. 
Aber es ist nicht wahrscheinlich, daß es das Grundsätzliche unserer 
heutigen Kenntnisse in Frage stellen wird. 

Wir vergleichen nun die Kanontafeln zuerst im Hinblick auf 
ihre Grundrißform, xmd dann im Hinblick auf ihre Aufrißform, 
wobei im ersten Teil die Denkmäler nach den drei Haupttypen 
■des Kanonbogens, dem m-, n- und dem m-n- Typus, unterschieden 
werden müssen. 


A. Die Grundrißfor 


Als Beispiel der mittelalterlichen Gestaltungsweise sei für den 
m - T y p u s das griechische Fragment der Berliner Staatsbiblio- 
thek Harn. 246 (T'af. 6 — 7) und das karolingische Evangelien- 
buch in Aachen (Taf. 163) angeführt. In beiden Handschriften 
bewahren die Kanontafeln trotz wechselnder Anzahl der Inter- 
kolumnien durchgehend die gleiche Breite. So ist im Berliner 
Fragment die dreiteilige Kanontafel (Taf. 6) nicht breiter als 
die zweiteilige (Taf. 7) und im Aachener Evangeliar die drei- 
teilige Kanontafel (Taf, 163a) nicht schmäler als die vierteilige 
(Taf. 163b) Dafür wechselt die Breite der Säulenöffnungen mit 
der Kolumnenzahl: je mehr Kolumnen desto schmälere Säulen- 
öffnunsen. Konstante Breite der Kanonta- 


19 


289 


fein bei variabler Breite der Interko- 
1 u m n i e n ist das Diraensionierungsprinzip dieser Kanon- 
tafeln. 

Diese Rahmenstruktur läßt sich in keiner der erhaltenen spät- 
antiken Handschriften mit Kanonbögen des m-Typus belegen. 
In der syrischen Handschrift in Berlin Phillipps 1388 herrscht 
vielmehr genau das umgekehrte Gestaltungsprinzip (Taf. 149 — 
157). Hier bewahren die Säulenöffnungen durchgehend die- 
selbe Breite, ohne Rücksicht auf die Anzahl der Kolunmen^). 
Die vierteiligen Kanontafeln sind infolgedessen doppelt so breit 
wie die zweiteiligen (vgl. z. B. Taf. 155) . Variable Brei- 
te der Kanontafeln bei konstanter Breite 
der Interkolumnien ist das Dintiensionierungsschema 
der Kanontafeln dieser Handschrift. Dieselbe Gestaltungsweise 
ist für die syrischen Kanontafeln in London (Add. 14450 und 
17213), soweit sie erhalten sind, bezeichnend. 

Die Kanontafeln des Pariser Evangeliars syr, 33 (Taf. 114 — 
128) unterliegen nur teilweise dem gleichen Gestaltungsprinzip. 
Die Interkolumnien der dreiteiligen Kanonbögen sind im allge- 
meinen nur imbedeutend, die der zweiteiligen wiederum beträcht- 
lich breiter als die vierteiligen. Eine ähnliche Dimensionierung 
ist für das italo-griechische Fragment der Wiener Nationalbiblio- 
thek cod. 847 bezeichnend. In diesem gehören drei Kanonta- 
feln dem m-Typus an (Taf. 42 — 44). Alle haben die gleiche 
Anzahl von Interkolumnien. Doch ist die Kanontafel auf fol. 4a 
(Taf. 44) merklich schmäler als die beiden anderen, da hier die 
rechte Schriftkolumne, die nur aus einer Ziffernspalte besteht, 
von einem Giebel gekrönt wird, dessen Spannweite wesentlich 
schmäler ist als die der Umfassungsbögen. Variable Breite 
der Kanontafeln bei variabler Breite der 
Interkolumnien ist die dem syrischen EvangeHar in 
Paris und dem griechischen in Wien gemeinsame Dimensio- 
nierun gsf ormel. 

Nur in dem griechischen Fragment British Museum Add. 5111 
(Taf. 2 — 4) ist (oder richtiger war) die Gesamtbreite der Ka- 


1) Einen Sonderfall bildet allerdings die einspaltige Kanontafel fol, 10b 
(Taf. 158). Über diesen vgl. oben S. 233. 

290 


nontafeln konstant. Dies hängt jedoch damit zusammen, daß 
hier jede Kanontafel die gleiche Anzahl von Interkolumnien 
und alle Interkolumnien dieselbe Breite haben. Konstante 
Breite der Kanontafeln bei konstanter 
Breite der Interkolumnien. 

Den erhaltenen spätantiken Kanontafeln vom m- Typus ist es 
also eigentümlich, daß sie konstante Gesamtbreite nur bei kon- 
stanter Interkolumnienbreite (Add. 5111) und variable Interko- 
lumnienbreite nur bei variabler Gesamtbreite (Paris syr. 33 und 
Wien 847) aufweisen. Das mittelalterliche Dimensionierungs- 
prinzip : konstante Gesamtbreite bei variabler Interkolumnien- 
breite ist ihnen unbekannt. 

Zu einem entsprechenden Ergebnis gelangen wir bei der Be- 
trachtung des m-n-Typus. Die mittelalterliche Gestaltungsweise 
sei durch das karolingische Evangelienbuch Harl. 2795 (Taf. 
64 — 71) und das armenische Mlke-Evangeliar San Lazzaro cod. 
114 (Taf. 35) veranschaulicht. In beiden Handschriften bleibt 
die Gesamtbreite der Kanontafeln und damit auch die des über- 
greifenden Umfassungsbogens konstant^\ Die Breite der Säulen- 
öffnimgen dagegen wechselt mit der Anzahl der Interkolumnien. 
Es ist genau dasselbe Dimensionierungsprinzip, das wir bei dem 
m-Typus in dem Berliner Fragment Ham. 246 und im Aachener 
Evangeliar kennen gelernt haben. 

Aus spätantiker Zeit sind uns nur zwei Handschriften mit 
Kanontafeln des m-n-Typus erhalten, eine lateinische, Vat. lat. 
3806 (Taf. 48—51) und eine syrische, Florenz, Plut. I, 56 (Taf. 
130 — 148)-\ In dem lateinischen Fragment ist die Breite der 
SäulenöfiFnungen durchwegs konstant. Die dreiteilige Kanonta- 
fel (Taf. 51) ist deshalb um ein Viertel schmäler als die vier- 
teilige (Taf. 48—50)^). Variable Breite der Ka- 
nontafeln bei konstanter Breite der In- 


^) Die rechte Kanontafel auf Taf. 35 ist leider in der Reproduktion ein 
wenig zu klein ausgefallen. 

-) In dem Florentiner Evangeliar gehört eine Kanontafel (Taf. 140) dem 
ni-Typus an. 

^) Da der Radius des übergreifenden Umfassungsbogens von der Breite 
der Kanontafel abhängig ist, ist die schmälere Kanontafel auch beträchtlich 
niedriger als die übrigen. 

291 


t e r k o 1 u m n i e n ist das Dimensionierungsprinzip dieser 
Kanontafeln. Der syrische Künstler hat bei zwei KanontafeLi 
mit drei Kolumnen (Taf. 136 — 137) fast ganz das gleiche Prinzip 
befolgt; nur hat er um der Verkleinerung der dreiteiligen 
Kanontafeln etwas entgegenzuwirken, die Interkolumnien um 
einige Millimeter breiter gemacht als bei den vierteiligen Kanon- 
tafeln. Auf den meisten Kanontafeln mit weniger als vier 
Kolumnen begegnet aber eine andere Rahmenstruktur; als Trä- 
ger des übergreifenden Umfassungsbogens sind in entsprechen- 
dem Abstand zwei extra Randsäulen hinzugefügt worden (Taf. 
133—35, 138, 144—145, 147— 148) i). Auf diese Weise ist es dem 
Künstler gelungen, bei wechselnder Kolumnenanzahl konstan- 
te Gesamt breite der Kanontafeln mit kon- 
stanter Interkolumnienb reite zu vereinigen. 

Wir finden also, daß die in mittelalterlichen Handschriften 
vorkommende Rahmenstruktur, die konstante Breite der Kanon- 
tafeln mit variabler Breite der Interkolumnien vereinigt, den 
spätantiken Kanontafeln weder bei dem einfachen m- Typus, 
noch bei dem kombinierten m-n-Typus eigen gewesen ist. Es 
ist schwer zu glauben, daß dies auf der zufällig erhaltenen Aus- 
wahl des Materials beruhen könnte. Gerade der künstliche 
Ausweg, den der Maler der Rabula-Handschrift gewählt hat, um 
den Kanontafeln mit weniger als vier Interkolumnien die gleiche 
Gesamtbreite zu sichern wie denen mit vier, verrät, daß die viel 
näher liegende Lösung der mittelalterlichen Rahmenstruktur der 
spätantiken Auffassung zuwider war. 

In Wirklichkeit liegt der mittelalterlichen und der spätanti- 
ken Gestaltungsweise eine grundsätzlich verschiedene Vorstellxmg 
von der Rahmenstruktur des Kanonbogens zugrunde. Für den 
mittelalterlichen Buchmaler war die Breite der Interkolumnien 
das Ergebnis einer Division der Gesamtbreite der Kanontafel 
durch die Zahl der Interkolumnien. Die Dimensionierung des 
Interkolumniums war im Verhältnis zu derjenigen der Kanon- 


^) Auf zwei Kanontafeln (Taf. 142 — 143) sind die Randsäulen gegen 
kleine Arkadenrahmen für Evangelistenbilder ausgetauscht, was die Gesamt- 
breite der Kanontafel über das Normale erweitert. 

292 


tafel sekundär. Für den spätantiken Künstler dagegen war 
die Breite des Interkolumniums stets eine primäre Größe, 
welche die Gesamtbreite der Kanontafel bestimmte oder jeden- 
falls davon xmabhängig blieb. 

Der Vergleich zwischen der Gesamtbreite der Kanontafeln und 
der Breite der Interkolumnien, die uns bei dem einfachen m- 
und dem kombinierten m-n-Typus ermöglicht hat, das spätan- 
tike Dimensionierungsprinzip von dem mittelalterlichen zu 
unterscheiden, kommt bei dem n- Typus nicht in Frage, da hier 
jede Kanontafel aus einem einzigen Interkolumnium besteht, 
dessen Breite von demjenigen der Kanontafel unmittelbar be- 
stirmnt wird. Problematisch ist bei dem n-Typus nur das Ver- 
hältnis des Kanonbogens zu der variablen Breite des eingerahm- 
ten Schriftbildes. In den mittelalterlichen Beispielen dieses 
Rahmentypus (vgl. Taf. 11, 12, 14b u. 37) ist die Breite des 
Kanonbogens unabhängig von der Breite der Schriftfüllung 
immer durchgehend konstant. Es verrät eine spezifisch spät- 
antike Gesinnung, wenn im Wiener Fragment die Kanontafel 
mit drei Ziffernspalten (Taf. 45) wesentlich schmäler ist als die 
mit vier (Taf. 40-^1 u, 46). Doch ist auch in der Spätantike 
die einheitliche Dimensionierung des n-förmigen Kanonbogens 
üblich gewesen. Den Beweis liefert das Londoner Evangeliar 
Harl. 1775, bei dem sämtliche Kanonbögen die gleiche Breite 
haben unabhängig von der Anzahl (oder dem Fortfall) der 
Ziffernspalten (Taf. 84 — 102). Aber auch diese Handschrift 
gestattet uns, eine Wesensverschiedenheit zwischen spätantiker 
und m.ittelalterlicher Rahmenauffassung festzustellen. Bei den 
mittelalterlichen Kanontafeln wird stets das ganze Interkolum- 
nium wenn nicht von Ziffernspalten so doch von dem Linienneta 
des graphischen Hilfsrahmens ausgefüllt. In der Londoner Hand- 
schrift dagegen wird die Säulenöffnung nur bei viersp altigen 
Textkolumnen ganz in Anspruch genommen. Bei den Kanon- 
tafeln mit drei oder zwei Ziffernspalten dagegen wird das Inter- 
kolumnium nur zu drei Vierteln, bzw. zur Hälfte ausgefüllt 
(Taf. 87—93, 98—101). Dabei wird das Schriftbild nicht einmal 
auf die Mittelachse des Kanonbogens bezogen. Die Ziffernspalten 
setzen bei der linken Säule an und zwischen der letzten Ziffem- 

293 


spalte und der rechten Säule bleibt eine unausgefüUte Lücke^^. 
Das Dimensionierungsschema des Schriftbildes bleibt also im 
Cil^runde imabhängig von dem des Rahmenwerkes. Die konstante 
Breite der Kanontafeln ist mit dem Verlust des organischen 
Zusammenhanges zwischen Rahmenwerk und Schriftbild erkauft 
worden. Es ist eine Gestaltungsweise, die im Prinzip an die- 
jenige erinnert, die wir bei dem m-n-Typus in der Rabula-Hand- 
schrift beobachtet haben-). 

Bei allen Haupttypen des Kanonbogens lassen sich also be- 
stimmte Gegensätze zwischen der spätantiken und der spezifisch 
mittelalterlichen Gestaltungsweise beobachten. Letzten Endes 
gehen sie alle auf den gleichen Unterschied hinaus: auf eine 
grundsätzlich verschiedene Auffassung von dem Verhältnis zwi- 
schen Schriftbild, Rahmenwerk und Buchseite. Bei der spezi- 
fisich mittelalterlichen Auffassung bildete die Buchseite den 
eigentlichen Ausgangspunkt für die Dimensionierung der Ka- 
. n'ontafeln. Im Anschluß an das Seitenformat wurde die Gesamt- 
breite der Kanontafeln durchweg konstant gehalten. Innerhalb 
der damit fixierten Rahmenöffnung wurden die Textkoluinnen 
und damit auch die Scheidesäulen bei größerer Anzahl in enge- 
ren, bei kleinerer Anzahl in weiteren Abständen verteilt. Das 
Schriftbild wurde als eine elastische Masse empfunden, 
die sich seitlich zusammendrücken und ausdehnen ließ. 

Ein solches bedingungsloses Anpassen der Dimensionen des 
Schriftbildes an die der Buchseite war der Spätantike, soviel 
wir sehen können, grundsätzlich fremd. Die spätantiken Kanon- 
tafeln haben die Schriftstruktur der antiken Buchrolle — die 
kontinuierliche Aufreihung der Textkolumnen in gleichmäßigen 
Abständen — nie völlig aufgegeben. Infolgedessen blieb die 
Gesamtbreite des Schriftbildes immer von der Anzahl der Kolum- 
neneinheiten abhängig. Wenn diese mit den Seiten wechselte, 
rnußte die Beibehaltung einer konstanten Gesamtbreite der 
Kanontafeln mit einer Lockerung des organischen Zusammen- 
hanges zwischen Rahmenwerk und Schriftfüllung erkauft werden 
(Rabula-Codex und London, Harl. 1775). 


1) Bei der Kanoiitafel toi. 13b (Taf. 99) fällt die Lücke zwischen die 
erste und die zweite Schriftspalte. 

2) Vgl. Taf. 133—35 etc. 

294 


Konstante Gesamtbreite der Kanontafeln bei vollständiger 
Anpassmig des Rahmenwerkes an das Schriftbild konnte in der 
Spätantike nur erreicht werden, wenn es möglich war, die Kano- 
nes so aufzuteilen, daß jede Seite die gleiche Anzahl von Kolum- 
neneinheiten erhielt. Bei den syrischen und lateinischen Ka- 
nontafeln, die mit wenigen Schriftspalten pro Seite arbeiteten, 
war dies von vornherein ausgeschlossen: das Schriftbild mußte 
bei dem vierspaltigen Kanon I breiter ausfallen als bei dem 
dreispaltigen Kanon II usw. Dem griechischen Textsystem war 
es aber möglich. In der am Ende der Spätantike entstandenen 
Prachthandschrift London Add. 5111, fol. 10 — 11 war es, wenn 
imsere Rekonstruktion richtig ist, dem Redaktor gelungen, die 
Kanones so aufzuteilen, daß jede Seite in der Hauptsache nur 
zwei Kolumneinheiten zeigte^). Vermutlich war die griechische 
Buchmalerei auch bei der achtseitigen Variante der kleineren 
Kanonfolge zu dieser Lösung des Dimensioniervmgsproblems 
gekommen. Die restlose Vereinheitlichung von Schriftbild, 
Rahmenwerk und Buchseite, die auf diese Weise erreicht wurde, 
kommt der mittelalterlichen Auffassung sehr nahe. Die letzte 
Konsequenz, die Unterordnung des Schriftbil- 
des unter die Buchseite auch bei wech- 
selnder Kolumnenanzahl, hat aber, soviel wir 
sehen können, erst das Mittelalter gezogen. 

Das Problem der Dimensionierung des Rahmenwerkes ist aber 
nicht nur von der Buchseite und dem Schriftbild, sondern auch 
von der Konstruktion des Kanonbogens selbst abhängig. Denn 
•da der Halbmesser der Umfassungsbögen von der Breite des 
überspannten Interkolumniums bedingt wird, zieht das ästhe- 
tische Bedürfnis, alle Kanontafeln gleich hoch zu machen, auch 
die Forderung einer konstanten Breiten-Dimensionierung der 
Joche nach sich. Bei dem m-Typus bedeutet dies, daß die spät- 
antike Dimensionierungsformel "konstante Breite der Interko- 
lumnien bei variabler (oder konstanter) Gesamtbreite der Ka- 
nontafeln" für das Rahmenwerk selbst am besten geeignet ist. 
Die mittelalterliche Dimensionierungsformel "variable Breite 


1) Vgl. oben S. 131—132. 

295 


der Interkolumnien bei konstanter Gesamtbreite der Kanonta- 
feln" konnte dagegen nicht ohne Eingrijffe in den Aufbau des 
Kanonbogens angewandt werden. Im Berliner Fragment (Taf. 
6 — 7) ist die Einheitlichkeit der Säulenhöhe preisgegeben wor- 
den. Bei den Kanontafeln des Aachener Evangeliars (Taf. 162 — 
63) wiederum hat der Künstler sich dadurch aus der Verlegen- 
heit gezogen, daß er die breiteren und die schmäleren Inter- 
kolumnien mit verschiedenen Bogen- oder Giebelformen bekrönte 
— ein Ausweg, zu dem schon der Maler der "italo-byzantini- 
schen" Kanontafeln in Wien (Taf. 40 — 46) gegriffen hat. Die 
Schwierigkeit, den m-Typus der spezifisch mittelalterlichen 
Dimensionierungsweise anzupassen, erklärt, warum diese Urform 
des Kanonbogens in nachantiken Handschriften verhältnismäßig 
selten vorkommt, während er in vormittelalterlicher Zeit nach 
dem Zeugnis der erhaltenen Denkmäler stark vorherrscht. 

. Sobald man aber zu dem Rahmentypus mit einem einzigen, 
das ganze Schriftbild überspannenden Umfassungsbogen über- 
ging, konnten die Kanontafeln bei einheitlicher Bbgenform nur 
dann, gleich hoch gehalten werden, wenn zugleich ihre Breite 
konstant blieb. Dieser Bedingung kam die mittelalterliche 
Dimensionierungsweise "variable Breite der Interkolumnien bei 
konstanter Gesamtbreite der Kanontafeln" am besten entgegen; 
so kann es auch nicht überraschen, daß die überwiegende Mehr- 
zahl der mittelalterlichen Kanontafeln diesen Typus vertreten. 
Die Antike dagegen hat das Dimensionierungsproblem des 
Rahmentypus mit großem Umfassungsbogen nur unvollkommen 
bewältigt. Entweder hat sie wie in der Rabula-Handschrift fol. 
6b — 7a (Taf. 136 — 37) und im lateinischen Fragment der Vati- 
cana (Taf. 51) die konstante Gesamthöhe der Kanontafeln opfern 
müssen, oder wie im Rabula-Codex (Taf. 133 — 35, 138, 142 — 145 
u. 1-47—48) und in Harl. 1775 (Taf. 87—93, 98—101) die genaue 
Kongruenz zwischen Rahmenwerk und Schriftbild. Eine durch- 
gehend konstante Dimensionierung des Rahmenwerkes bei Ka- 
nontafeln mit übergreifendem Umfassungsbogen wird in der 
Spätantike nur der griechischen Buchmalerei möglich gewesen 
sein und zwar bei einer Textverteilung, die jeder Seite die gleiche 
Anzahl von Haxiptkolumnen sicherte. Leider können wir aber 

296 


keinen Beweis dafür liefern, da uns aus vormittelalterlicher Zeit 
keine einzige griechische Kanontafel dieses Rahmentypus erhal- 
ten gebliehen ist. 


B. Die Aufrißform. 


Eine spezifisch mittelalterliche Gestaltungsweise läßt sich bei 
der Aufrißform der Kanontafeln weniger eindeutig nachweisen 
als bei der Grundrißform. In der griechischen Buchmalerei 
wird im Mittelalter die Bogenzone der Kanontafeln in der Regel 
durch einen schmalen Architravstreifen von der Säulenzone 
getrennt, und dadurch ein Fortlassen der mittleren Scheidesäu- 
ien ermöglicht (Taf. 10, 12 u. 14b). In der Hauptsache ist aber 
diese Anordnxm.g in den Prolograhmen des eusebianischen Arche- 
typus vorgebildet (Taf. 15 — 16) und auch die Übertragung des 
durchgehenden Architravstreifens auf die Kanonbögen kann in 
der Spätantike belegt werden (Taf. 149 — 157). 

Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der spätantiken und 
der spezifisch mittelalterlichen Gestaltungsweise läßt sich aber 
bei den lateinischen Kanontafeln in der Behandlung der Schei- 
destriche zwischen den Ziffergruppen der Schriftspalten beob- 
achten. Bei den spätantiken Kanontafeln (Taf. 48 — 56) und 
einigen der ältesten frühmittelalterlichen Kopien (Taf. 58 — 59 
u. 103 — 113) sind die Querlinien zwischen den Säulen wie die 
Sprossen einer Leiter eingespannt. Dadurch kommt eine reale 
statische Verknüpfung zwischen Rahmenwerk xuid Schriftbild 
zustande. Es ist, als ob die Ziffernspalten durch die Querstriche 
im Kanonbogen aufgehängt wären^\ 


^) Im Londoner Codex Harl. 1775 (Taf. 87 — 101), in dem die griechische 
Struktur der Kanontafeln mit vertikalen Hilfslinien statt Mittelsäulen auf- 
genommen ist, werden die Ziffernspalten nur gelegentlich durch Scheide- 
striche aufgeteilt. Ea kommt auch vor, daß das ganze Liniensystem nur auf 
der linken Seite mit dem Kanonbogen verbunden ist. Es handelt sich aber 
bei diesen Abweichungen offenbar nicht um ein neues statisches Prinzip, 
sondern nur um eine gewisse Abschwächung der für die Spätantike regulären 
Statik. 

297 


In den spezifisch mittelalterlichen Kanontafeln dagegen (vgl. 
Taf. 60 — 73) sind die Querstriche nicht bis zum Rand der Säulen 
durchgezogen. Meistens wird die Selbständigkeit der Linien 
sogar durch kleine Absatzstriche besonders hervorgehoben. Die 
rationale statische Verknüpfung zwischen dem Schriftbild und 
dem Rahmenwerk, die wir bei den spätantiken Kanontafeln 
beobachtet haben, ist damit durch eine irrationale ersetzt worden. 
Die Querstriche scheinen mit den Ziffernspalten in der Säulen- 
Öffnung frei zu schweben. Eine gewisse Parallele zu dieser 
Gestaltungsweise bieten in der östlichen Buchmalerei die Ka- 
nontafeln des armenischen Evangeliars zu Jerusalem (Taf. 26b — 
30), wo die graphischen Rechtecknetze ebenfalls von dem strtdc- 
tiven Rahmenwerk losgelöst sind, so daß sie mit ihrer Schrift- 
füllung zwischen den Säulen schweben. Der Spätantike ist diese 
Gestaltungsweise, soviel wir sehen können, grundsätzlich fremd 
gewesen. Man darf die syrischen Kanontafeln (Taf. 114 — 159) 
nicht als Gegenbeweis heranziehen, da bei diesen die graphischen 
Hilfslinien vollständig fehlen. Es handelt sich bei ihnen nicht 
um Bejahung einer irrationalen Statik, sondern um ein vollstän- 
diges Ignorieren des statischen Verhältnisses zwischen Rahmen- 
werk und Schriftbild. 


298 


VERZEICHNISSE 


I. VERZEICHNIS DER HANDSCHRIFTEN 

Die Nummern geben die Seiten des Textbandes an, die kleinen hochge- 
schriebenen Niummern die Anmerkungen auf den betreffenden Seiten. Die 
kursiv geschriebenen Seitennummern bedeuten, daß die betreffende Seite eine 
Abbildung des verzeichneten Gegenstandes enthält. 


AACHEN, Domschatz, 

Karolingisches Evangeliar. . 195ff., 218i, 274—75, 289, 296, Beil. B, Taf. 

162—163 
ADYSH, Kirchenschatz, 

Georgisches Evangeliar aus d. J. 897 113^116, 114, 115 

ATHEN, Nationalbibliothek, 

cod. 56, griech. Evangeliar, sec. X 58, Beil. A 

„ 641, griech. Handschrift aus d. J. 914 60^ 

ATHOS, Lawra, Klosterbibliothek, 

cod. A. 23, griech. Evangeliar, sec. IX. . 61, 66ff., 149ff., 159, 278^, Beil. A, 

Taf. 161 
ATHOS, Stauronikita, Klosterbibliothek, 

cod. 43, greich. Evangeliar, sec. X 58—59, 141i, 192^, Beil. A 

BERAT, Koimesiskirche, 

Codex purpureus, sec. VI 162^ 

BERLIN, Preuß. Staatsbibliothek, 

gr. 4° 39, griech. Evangeliar, sec. XI Beil. A 

Harn. 246, Fragm. griech. Evang., sec. IX. . 59—60, 66ff., 216, 289, 296, Beil. A, 

Taf. 5—7 

Phill. 1388, syr. Evangeliar, sec. V— VII. . 226—227, 228ff., 239, 286, 290, 

Beil. B, Taf. 149—158 

theol. lat. 2° lat. Evangeliar, sec. IX Beil. C 

BERN, Stadtbibliothek, 

cod. 219, Hieronyniis Chronicon aus d. J. 699 175 

BRESCIA, Biblioteca civica Queriniana, 

Codex Purpureus, sec. VI 263ff., 283, Taf. 160b 

BRESLAU, Stadtbibliothek, 

Rehdigeraaus 169, lat. Evangeliar sec. VIII 264^ 

COBURG, Schloßbibliothek, 

Karolingisches Evangeliar 196, 201'' 

DARMSTADT, Hessische Landesbibliothek, 

cod. 746, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

EPERNAY, Bibliotheque de la ville, 

cod. 1, Ebo-Evangeliar, sec. IX 195, Beil. B 

ETSCHMIADZIN, Patriarchalbibliothek, 

cod. 229, armen. Evangeliar aus d. J. 989.. 61, 66ff., 142^, 250^, 254^, 273— 

274, Beil. A, Taf. 15—24 

300 


FLORENS, Biblioteca Laurentiana, 

Amiat. 1, Codex Amiatinus, sec. VII^VIII 2841^ 

Plut. I, cod. 40, syr. Evangeliar aus d. J. 757. 233i, 286i 

„ I, cod. 56, syr. Evang. aus d. J. 586.. 106, 216, 225, 228ff., 255—259, 

285, 291—292, 296, Beil. B, Taf. 129—148 

„ LXXIV, cod. 7, ApoUonius v. Kitium, sec. X 18 7^ 

Conv. soppr. 159, griech. Evaugeliar, sec. X 72^ 

FULDA, Ständische Landesbibliothek, 

cod. 1, Codex Fuldensis, sec. VI 220 

GENT, Archives de la cathedrale St. Bavon, 

Evangeliar des hl. Vivinus, sec. VIII— IX. . . . 158ff., 159, 210ff., 2182, 283, 

Beil. C, Taf. 103—113 
GIESSEN, Universitätsbibliothek, 

cod. 651/20, Fragment eines gotisch-latein. Evangeliars, sec. VI 263 

JERUSALEM, Armenisches Patriarchalbibliothek, 

cod. 2555, armen. Evangeliar, sec. X.. 62, 66ff., 150, 298, BeiL A, Taf. 25— 30 

u. 33b 
KÖLN, Dombibliothek, 

cod. 12, lat. Evangeliar des Hillinus, sec. X— XI. . 196ff., Beil. B, Taf. 167 
KOPENHAGEN, Det Kongl. Bibliotek, 

GL KongL SammL 1325 4° BeiL C 

KUNSTHANDEL, 

Aethiopisches Evangeliar aus d. J. 1402 63, 66ff., Beil. A, Taf. 36—38 

LENINGRAD, Öffentliche Bibliothek, 

Codex purpureus Caesareensis, sec. VI 162^ 

F. V. N. Nr. 2, Regula S. Basili, sec. VII— VIII 140^ 

gr. 275, Codex purpureus, sec. VI 162^^ 

LAWRA, siehe Athos. 

LE PUY, Bibliotheque du Chapitre, 

Theodulf-Bibel, sec. IX. . . . 176, 181ff., 191^, 193, 218i, Beil. B, Taf. 60—61 
LONDON, British Museum, 

Add. 5111—5112, Fragm. griech. Evang., sec. VII.. 57, 63—64, 66ff., 127ff., 

128, 133, 2233, 280, 286—87, 290—291, 295, Beil. A, Taf. 1—4 

„ 5463, lat. Evangeliar, sec. VIII. . 168^, 177—178, 180ff., 218i, Taf. 52—57 

„ 14450, syr. Evangeliar, sec. VII.. 225, 228ff., 286, 290, Beil. B, Taf. 150 

„ 17213, syr. Evangeliar, sec. VI.. 225, 226, 228ff., 290, Beil. ß 

„ 43725, Codex Sinaiticus, sec. IV 50, 77, 274 

Cotton Nero, D. IV, Book of Lindisfarne 208ff., 2182, 283, BeiL C 

„ Titus C. XV, Codex purpureus, sec. VI 162^ 

Harl. 1775, lat. Evangeliar, sec. VI. . 84i, 168—169, 209ff., 218^, 219—220,283, 

293—294, 296, 297^, Beil. C, Taf. 84—102 

„ 2790, lat. Evangeliar, sec. IV Beil. C 

„ 2795, lat. Evangeliar, sec. IX. . 176, 181ff., 191^, 291, Beil. B, Taf. 64—71 
Reg. I. D. V — VII, Codex Alexandrinus, sec. V 274 

301 


MAESEYGK, Kirchenschatz, 

Insulares Evangeliarfragnient, sec. VII — VIII 179^, 180^ 

MAILAND, Biblioteca Ambrosiana, 

C. 39 inf., lat. Evangeliar, sec. VI 148 

MANCHESTER, The John Rylands Library, 

lat. 10, lat. Evangeliar, sec. X.... 196ff., 274—275, BeiL B, Taf. 164—166 

MÜNCHEN, Bayerische Staatsbibliothek, 

Clm, 5250, lat. Evangeliar, sec. IX 2182, Beil. C 

„ 6212, lat. Evangeliar, sec. IX 150ff., 151, 218, 284, BeiL A 

„ 21586, lat. Evangeliar, sec. X— XI 196* 

„ 23631, lat. Evangeliar, sec. IX Beil. C 

NEW YORK, The Pieront Morgan Library, 

cod. 728, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

x\ÜRNBERG, Germanisches Museum, 

Krönungsevangeliar, sec. IX 208^ 

PARIS, Bibliotheque de 1' Arsenal, 

cod. 599, lat. Evangeliar, sec. VIII— IX 2182, BeiL C 

„ 1171, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

PARIS, Bibliotheque Nationale, 

Coislin gr. 20, griech. Evangeliar, sec. X 60, 66ff., 276, Beil. A, TaL 11 

„ 21, griech. Evangeliar, sec. X— XI 192* 

„ „ 195, griech. Evangeliar, sec. X 277 — 279 

gr. 70, griech. Evangeliar, sec. X. . 60, 66fL, 141i, 1422, 276, Beil. A, Taf. 12a 

„ 139, griech. Psalter, sec. X 216 

„ 510, Gregor v. Nazianz, sec. IX 1872 

lat. 256, lat. Evangeliar, sec. VII— VIII. . 174, 181ff., 191i, 193, 218i, Taf. 59 

„ 323, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

„ 324, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

„ 8850, lat. Evangeliar, sec. IX.. 104, 105i, 175—176, 179ff., 193, 218i, 

Beil. B, Taf. 39b, 72—73 
„ 9380, Theodulf-Bibel, sec. IX.. 176, 179ff., 191i, 193, 218i, BeiL B, 

Taf. 62—63 

„ 9383, lat. Evangeliar, sec. IX 196 

„ 9389, lat. Evangeliar, sec. VII— VIII 207^ 

„ 11553, Codex Sangermanensis, sec. VIII — IX 168" 

„ 17968, lat. Evangeliar sec. IX 195, 201, Beil. B, Taf. 168 

nouv. acq. lat. 1203, Godescalc-Evangelistar 104, 105i, Taf. 39a 

syr. 33, syr. Evangeliar, sec. VI.. 192, 224, 228ff., 275, 290, Beil. B, Taf. 

114—128 

„ 341, Altes Testament, sec. VI(?) 92^, 216, 2573 

suppl. gr. 75, griech. Evangeliar, sec. X 58 

„ „ 1286, Codex Sinopensis, sec. VI 162^ 

PATMOS, Johanneskirche, 

cod. 67, Codex purpureus, sec. VI 162- 

302 


REIMS, Bibliotheque, Municipale, 

cod. 7, lat. Evangeliar, sec. IX 195 

ROSSANO, Domschatz, 

Codex purpureus, sec. VI.. 92\ 139i, 161ff., 162, 256—257, 282, 285, Taf. 47 
SAN LAZZARO bei Venedig, Klosterbibliothek, 

cod. 196, armen. Evangeliar, sec. XII. . 632, ßgi, 672, 681, 76i, 942, ggi^ 931, 

981, 991 
„ 1144, Mlke-Evangeliar aus d. J. 902(?).. 62, 76ff., 258, 281, 291, Beil. zi, 

Taf. 34—35 
TIFLIS, Kirchl. Museum Zion, 

das sog. Koridethi-Evangeliar, sec. IX 110 

TOURS, Bibliotheque de la Ville, 

cod. 22, lat. Evangeliar, sec. IX Beil. C 

TRIER, Dombibliothek, 

cod. 61/134, lat. Evangeliar, sec. VIII.. 175, 179ff., 218^, Beil. B, Taf. 74— 83 
UPPSALA, Kungl. Universitetsbiblioteket, 

Codex purpureus, got. Evangeliar, sec. VI 263ff., 283, Taf. 160a 

VALENCIENNES, Bibliotheque Municipale, 

cod. 495 (455) Eusebii et Hieronymi Chronica 140^ 

VATIKAN, Biblioteca Apostolica, 

Barb. lat. 2154, Kopie des Filocalus-Kalenders 119, 120, 201, 238» 

Pal. gr. 220, griech. Evangeliar, sec. X.. 60, 66ff., 150ff., 159, Beil. A, Taf. 

13—14 

Reg. lat. 317, Missale Gothicum 140^ 

Vat. gr. 364, griech. Evangeliar, sec. X— XI. . 58, 141i, 142^, 192i, Beil. A, 

„ „ 1209, griech. Bibel, sec. IV. 50^, 77, 274 

„ „ 1291, Ptolemäus, astron. Schriften, s. IX 117, 118 

„ „ 3875, Codex purpureus, sec. VI 162^ 

„ lat. 3806, Fragm. lat. Evang., sec. VI.. 168—169, 173—174, 179ff., 193, 

194, 282, 291, 286, Beil. B, Taf. 48—51 

„ „ 4929, Miczellen-Handschrift, sec. IX 177 

„ „ 5465, lat. Evangeliar, sec. VIII— IX. . 175, 193, 218i, Beil. B, Taf. 58 

„ „ 8523, lat. Evangeliar, sec. IX Beil. C 

VENEDIG, Biblioteca Marciana, 

gr. I, 8, griech. Evangeliar, sec. X.. 61, 66ff., J04, 141i, 142^, 150ff., Beil. A, 

Taf. 8—10 
VERONA, Biblioteca capitolare, 

cod. VI, lat. Evangeliar, sec. V 168^ 

WIEN, Bibliothek der Mechitaristen, 

cod. 697, armen. Evangeliar, sec. X— XI 62, 66ff., Beil. A, Taf. 31— 33a 

WIEN, Nationalbibliothek, 

Lambeck 2, Codex purpureus, sec. VI 162^ 

lat. 847, Rufinus mit Evang. fragm., sec. VI. . 57, 147ff., 159, 216, 219, 268— 

269, 284, 290, 293, 296, Beil. A, Taf. 40—46 
„ 1229, lat. Evangeliar, sec. IX 2182 

303 


med. gr. 1, Wiener Dioseunides, sec. VI 92^ 

suppl. gr. 50*, griech. Evangeliar, sec. X— XI 58, 192i, Beil. A 

theol. gr. 31, Wiener Genesis, sec. VI 162^, 190i 

„ 240, griech. Evangeliar, sec. X. . 61, 66ff., 276, Beil. A, Taf. 12b 

WIEN, Schatzkammer, 

Krönungsevangeliar, sec. IX 208ff., 2182, ßeil. C 

WÜRZBURG, Universitätsbibliothek, 

mp. theol. fol. 66, lat. Evangeliar, sec. VIII 212^, Beil. C 


304 


IL VERZEICHNIS DER ZUM VERGLEICH HERANGE- 
ZOGENEN KUNSTDENKMÄLER 


AOSTA, Domschatz, 

Probus-Diptychon 199^ 

BERLIN, Beuth-Schinkel-Museum, 

Elf enbeinpyxis 266, 267 

BERLIN, Kaiser-Friedrich-Museum, 

ägyptische Knochenschnitzereien 267, 268 

BERLIN, Preuß. Staatsbibliothek, 

Probianus-Diptychon ■ . . 199^ 

BERLIN, Samml. Sarre, 

palmyrenische Skulptur 241^^ 

BETHLEHEM, Geburtskirche, 

Bodenmosaik 97^ 

BOBBIO, Kirchenschatz, 

palästin. Oelampullen 107, 115 "^ 

DARMSTADT, Landesmuseum, 

Asturius-Diptychon 199^ 

DURA-EUROPOS, 

bemalte Schilder 92- 

DURA-EUROPOS, Synagoge, 

Wandmalereien 92^ 

EL HAMMAN (Palästina), 

Bodenmosaik mit Monatsbildern 187^ 

ET TAGBA (Palästina), 

Brotvermehrungskirche, Bodenmosaik 192 

FLORENZ, Museo Nazionale, 

Kaiserin-Diptychon 145" 

GRANEJOULS (Nordfabrika), 

Bodenmosaik 92- 

GENUA, Palazzo Bianco, 

"hellenistisches" Relief (Fälschung) 131- 

HIPPONE (Nordafrika), 

Bodenmosaik 92- 

JERUSALEM, Grabeskirche, 

Säulenbaldachin 107, 108^, IIS^ 253 

JERUSALEM, 

jüdisches Ossuarium 123 

KAIRO, Nationalmuseum, 

ägyptische Knochenschnitzereien 267, 268 


20 


305 


KARTHAGO, 

Bodenmosaik 187- 

KONSTANTINOPEL, 

Apostelkirche 143 

KONSTANTINOPEL, Ottomanische Museum, 

Reliefplatte aus Kleinasien 145, 146 

KOPENHAGEN, Ny Carlsbergs Glyptotek, 

Bodenmosaik aus der Via Praenestina bei Rom 187^ 

LEPTIS MAGNA (Nordafrika), 

Forum des Septimiius Severus, 122, 123 

LIVERPOOL, Museum, 

Asklepibs-Hygiea-Diptychon 199^ 

LONDON, British Museum, 

Bodenmosaik, aus Halicarnassus 97-^ 

LONDON, British Museum, 

Bodenmosaik aus Karthago 97^ 

LONDON, British Museum, 

Elfenbeinplatte mit dem hl. Michael 156- 

LONDON, British Museum, 

"Goldreliquar aus Bimaran 123® 

MAILAND, Samml. Trivulzio, 

Diptychon mit den Frauen am Grabe 197^ 

MANCHESTER, John Rylands library, 

Elfenbein mit Kreuzigung 196* 

MONZA, Domschatz, 

Stilicho-Diptychon 199- 

MONZA, Domschatz, 

palästin. Oelampullen , 107, 115^ 

MÜNCHEN, Bayer. Staatsbibliothek, 

Elfenbeinplatte mit Kreuzigung 196^ 

NANCY, Domschatz, 

liturgischer Elfenbeinkamm 265, 266 

PARIS, Louvre, 

elamitische Bronzefigur eines lamnitragenden Hirten 241^ 

PETRA, EL CHASNE, 

Felsentempel 107 

RAVENNA, Mausoleum der Galla Placidia, 

Wandmosaiken 187^ 

RAVENNA, Museo, 

Maximianskathedra 266^ 

RIMINI, 

Bodenmosaik 192- 

ROM, Antiquarium, 

Glasschale mit Gravierung 204, 205 

306 


ROM, Kolumbarium an der Via Ostiense, 

Wandmalerei ". 192- 

ROM, Miuseo Nazionale, 

Bodenmosaik aus Genazzano • 92- 

ROM, Maiseo Nazionale, 

SUberbecher aus Vicarello 120, 121, 203^ 

ROM, Maseo Nazionale, 

Terrakotta mit Nillandschaft 123, 12i 

ROM, Museo Nazionale, 

Terrakotta mit Darstellung einer römischen Bühne 204, 205 

ROM, Santa Costanza, 

Umgangsmosaiken 192- 

ROM, Villa Borghese, 

Hercules-Sarkophag 123'' 

SALONIKI, Demetriuskirche, 

Wandmosaiken 143' 

SOUSSE (Nordafrika), 

Bodenmosaik 92- 

SPALATO, 

Kaiserpalast 123 

TABARCA (Nordafrika), 

Bodenmosaik 92- 

THASOS, 

Kolossalfigur eines Hermes Chriophoros 241"'^ 

THUBURBO MAJUS (Nordafrika), 

Bodenmosaik 187- 

TIMGAD (Nordafrika), 

Bodenmosaik 92^ 

VATIKAN, Museo, 

Bodenmosaik aus Palazzo Sora 92- 

VATIKAN, Museo, 

Bodenmosaik aus Roma Vecchia fuori Porta Maggiore 97^ 

VATIKAN, Museo Cristiano, 

Seidenstoffe aus Sancta Sanctorum 144, 145 

VATIKAN, Peterskirche, Schatzkammer, 

Reliqiuienkreuz Justinus II 144 


307 


III, PERSONENVERZEICHNIS 


Äberg, N 25, 238^ 

Achelis, H 25, 2532 

Adler, J. C 25, 224* 

Ainalow, D 25, 224*, 2412,3, 250 

Allgeier, A 25, 26, 226^ 

Amelung, W 26, 201^ 

Ammonius aus Alexandria, 46 — 47, 
48, 117, 225 

Angilbert, Abt v. Soissons 176 

Aquilinus aus Haddadin 226 

Armenier 112 

Arneth, J. v 26, 2032 

Assemani, S. E 26, 225% 245^ 

Ato, Abt V. S. Vincenzo al Volturno 

177 

Auguin, E. 26, 2652 

Avi-Yonah, M 26, 822 

Bachhofer, L 26, 1236 

Bacchus, syr. Presbyter 226 

.Bardenhewer, O... 26, 46^, 49% SQi 

Bastard, A. de 26, 175^ 

Baumstark, A 26, 252^, 253 

Beer, R 26, 1482 

Beissel, S 26, 218% 225^ 

Bellinger, A 27, 922 

Berchem, M. v 27, 187^ 

Berger, S 27, 218^ 

Biagi, G 225^ 

Bieber, M. 27, 206i 

Bing, G 16 

Bischoff, B 16, 150'' 

Biscioni, A. M 27, 225% 245^ 

Blake, R. P 27, 110% 111% 113^ 

Bodurian, M 27, 622 

Boeckler, A 16 

Boethius, A 16, 1232 

Boinet, A. 27, 176i,3, 195 

Boissonade, 1 27, 253^ 

BoU, F 27, 117, 1181 

Bordier, H 27, 602,3, 277^ 


Brockhaus, H 27, 143^ 

Bruyne, R. de 27, 1682, 269^ 

Bruzza, L 27, 205i 

Buberl, P 16, 28, 92% 163% 190^ 

Buchthal, H 28, 2163 

Burgon, J 28, 51 - 

Burkitt, F 28, 227, 252^, 254^ 

Cassiodorug 284i 

Cavallera, F 28, 167^ 

Celi, S 28, 107* 

Chatelain, £ 28, 148i 

Clark, A 28, 53i 

Clouzot, £ 27, 1871 

CoUon, G 16 

Colwell, E. C 28, 1122, i263 

Commodus 205, 297 

Cornell, H 15 

Corssen, P 28 

Dalton, O. M 29, 127% 156' 

Damasus I, Papst 167—168, 207 

Delbrueck, R., 29, 1233, 1453, 1733, 

1991, 2 
Delisle, L....... 29, 144% 175^, 176^ 

De Waal, A 29, 144^ 

DeWald, E 29, 82^ 

Diehl, Ch 29, 143* 

Diocletianus 204, 205 

Dobschütz, E. V 29, 502 

Dvorak, M 29, 84i 

Ebersolt, J 29, 59\ 6O2, 3, 1632 

Ecclesius, Bischof v. Ravenna, 150, 

219, 284 

Ephräm v. Edessa 227 

Erdmann, K 29, 123% 1232 

Esperendieu, £ 30, 201« 

Eusebius, Bischof v. Caesarea.. 30, 
46ff., 50, 1211, 225, 273 

Falke, O. V 30, 1442 

Filocalus, Furius Dionysius, römi- 
scher Kalligraph, 119 


308 


Fleury, £. 30, 176i, 2 

Focillon, H 30, 126i 

Forssander, J. E 30, 238 

Frankl, P 30, 137i 

Friedrichsen, G 30, 263^, - 

Friend, A. M 16, 30, 582, 258 

Friesen, O. v., 30, 263^, 264, 265^. 
2673, 268, 2691 

Gardthausen, V 30, 50^ 

Garrucci, R., 30, 107*, 162^, 225i, 2372 

Gauzelin, heil. Bischof 265 

Gebhardt, O. v 30, 161^ 

Gerstinger, H... 30, 61», 127i, 147^ 

Giovanni, G 31, 123^ 

Glaupe, P 31, 263^ 

Goldschmidt, A... 16, 31, 176i, 196*, 

265^ 

Gori, A. F 225^ 

Grabar, A 31, 145-^ 

Grand, Dom G 16 

Grape, A., 31, 263^, 264^, 265^, 267% 

2681 
Greene, Belle da Costa. ... 16, 195^ 
Gregorius, griech. Schreiber. ... 127 

Gregory, C. R 31, 1272 

Greßmann, H 31, 2272 

Grützmacher, G 31, 167^ 

Gurlitt, C 31, 107* 

Gwilliam, G. H., 31, 223^,2^ 2242,*, 
2252,3, 2551- 

Hamburger, K 16 

Harnack, A. v., 31, 45^, 46^—3, 49^, 

1611 
Haseloff, A., 16, 31, 127i, I6I1, 2062, 

2572 

Heikel, I. A 32, SQi 

Helm, K 32, 2632 

Henry, F 32, 187i 

Hermann, H. J., 32, 147i, 148, 1522 

Herzog, R 32, 5Öi 

Hieronymius, 32, 167ff., 206—207, 271 

Hilarus, P. Numitorius 206 

Hillinus, Erzbischof v. Köln.... 196 

Hinks, R 16, 32, 922, 973 

Hipparchus 117 


Honorius 206 

Hopkins, C 32, 92^ 

Isacson, W 17 

Jacob, syr. Schreiber 226 

Jacob Bar-Salibi 1122 

James, M. R 32, 196*, % 201i 

Janitschek, H 13, 32 

Jorgensen, E 16 

Justinianus 1 110, 143, 281 

Justinus II 144 

Karl d. Gr 176 

Karlsson, H 17 

Karpianus 48 — 49 

Kautzsch, R 32, 1453 

Kekule, R. v. Stradonitz 32 

Keller, 32, 871, 189i 

Kenyon, F 33, 78i, 209i, 2522 

Köhler, W., 16, 33, 156i, 158, 1603, S 

1643, 2101, 2172 
Kömstedt, R. . . . 33, 147i, 156i, 2442 

Kondakofi, A 33, 2413 

Konstantin d. Gr... 50, 143, 273, 276 

Kraeling, C 33, 262= 

Kroon, J 17 

Kubitschek, W 33, 1202, 121i 

Kmtz, O 33, 1461 

Lagrange, M. J 33, 2522 

Lake, K 33, 110*, 111, 113i 

Lamprecht, K 33 

Lantier, R 33, 1872 

Lauer, Ph 16 

Laurent, M 33, 2652 

Lehmann, P 16 

Lexow, E 34, 215i 

Little, A 34, 1073 

Livinus, heil. Bischof 210 

Lowe, E. A., 16, 34, 156i, 175*, 1772, 

2091, 2171, 2202 

Lüdtke, W 34, 623 

Ludwig d. Fromme 176 

Lupus, lat. Schreiber 177 

Lupus von Ferrieres 177 

Lyonnet, S 34, III2, *, 254i 

Macler, F., 16, 34, 61^, 622, 531, 69i, 

110, 2251, 2501 


309 


Maddan, F 34, 127i, 143 

Mancini, G 922 

Marchi, G 34, 1202 

Marucchi, 34, 107* 

Mendel, G 35, 1452 

Menzel, IC. 35 

Merk, A 35, 63\ 111^, -i 

Michel, A 35, 225^ 

Miliar, E. G 35, 176*, 208^ 

Millet, G... 16, 35, 622, 224*, 225^ 

Milne, H. J. M 35, 274^ 

Mike, armen. Königin 62 

Morey, C. R 35, 107*, 257 

Munoz, A., 35, 161% 163i, 205^, 224*, 

2572 

Müfid, A 35, 822 

Müller, M 36, 48i 

Nelson, A 16 

Nerses, Katholikos von Armenien 125^ 

Nersessian, S. der.... 36, 61^5, 61\ 2^ 

631,2, 661, 661, 672, 681, 701,2^ 761, 

942,3, 961, 981, 991^ 1071, 1251 

Nesüe, E 36, 51—52, 140^, I672 

Nestorianer 227 

New, S 36, 1104, Uli, 1131 

Nilus, Heiliger 253i 

Noack, F 36, 1252 

Nogara, B 36, 922, 973 

Norberg, R 36, 238i 

Nordenfalk, C, 36, 119i, 1382, 169i, 
1742, 1931, 2122 
Numitorius, siehe Hilarus. 

Nyberg, /H. S 16, 240i 

Omont, H., 36, 92i, 163i, 1872, 2162, 

2573 

Olympiodoms 253i 

Origenes 110 

Pamphilius, Bischof v. Caesarea, 49, 

50 

Panofsky, E 37, IO71 

Paribeni, R 37, 1202 

Patricius, ravennatischer Kleriker, 

150-' 

Paulsson, G 15 

Peirce, H 37, 144i, 145i, 2, 266i 


Peradse, G 37, 110^ 

Picard, Ch 37, 241i 

Ptolemäus 117 

Quentin, Dom H 37, 176^, 284i 

Rabbula, Bischof v. Edessa, 227, 254, 

275 

Rabula, syr. Schreiber 225 

Rave, P. 37, 2662 

Reichard, K 16 

Reil, J 37, 2451 

Richmond, E. T 37, 97^ 

Riegl, A 37, 1372 

Rizzo, G. E 37, 1312, 206i 

Rohden, H. v 37, 1235, 206i 

Romdahl, A 15 

Rostovtzeff, M 37, 922 

Rowland, B 38, 123^ 

Rudberg, A 38, 53^ 

Rufinus 147 

Sachau, E 226i 

Sarre, F 38, 241i 

SaxI, F 16, 38, 241i, 2532 

Schapiro, M 16, 822 

Schlosser, J. v 38, 2082 

Schmaltz, K 38, 1262 

Schneider, A 38, 192^ 

Schnütgen, A 38 

Schöne, H 38, 187i 

Schubart, W 38, 78i 

Schwartz, E., 38, 49i, 50i, 1082, 118^ 

Sedimayr, H 38, 131 

Seyrig, H 38, 241i 

Shaw, H 39, 127i, 143i, - 

Skeat, T. C 39, 274i 

Soden, H. v., 14, 38, 482, 521, 571 

Sofia, Kaiserin 144 

Stephanus, syr. Mönch 226 

Stern, L. 39, 226i 

Streitberg, W 39, 263i 

Strong, E 39, 1236,. 2051 

Strzygowski, J., 39, 61^, 105i, 110% 
1191, 1201, 125, 1271, 1924, 2012, 2251, 
2383, 2662, 2671, 2 
Swarzenski, G., 16, 40, 1313, 1962, 201" 
Sybel, L. v 40, 1312 


310 


Tatianus 45—46, 48, 252 

Theoderich 283 

Theodosius 1 206 

Theodulfus, Bischof v. Orleans, 176, 

191^ 
Theophilus, Bischof v. Antiochia, 46^ 

Thomas, lat. Schreiber 174 

Thomas, syr. Presbyter 226 

Thompson, E. M 40, 139 

Thomsen, P 40, 121i 

Tikkanen, H 40, 277i 

Tischendorf, C 14 

Trajanus 120- 

Traube, L 40, 177^ 

Tylor, R 40, 1U\ 145^, 2, 266i 

Ulfilas 263 

Usener, H 40, 112i, 2, 117^ 

Vaganay, L 40, 227^^ 

Watzinger, C 40, IO72, 123* 

Weber, L 41, 196i 

Weber, 41, 241^- 

Weicherl, C 41, 197= 

Weigand E., 41, 822, 341, 131^, 1642, 

2583 


Weitzmann, K., 16, 41, 58i, 2, 59^, 60, 

61, 621,2^ 63^ 751, 841, JOO, 104^, 

1433, 151, 1521, 1582, 2771 

Welles, C 41, 92= 

White, H. J 41, 1681, 220 

Wicfchoff, F., 41, 122, 1231, 1471, 1483, 

1571 

Victor von Capua 220 

Willoughby, H. R 41, 1263 

Wilmart, Dom A 16 

Wilpert, J 41, 1922, 201^, 2512 

Winnefeld, H 41, 206i 

Wittkower, R 41, 251i 

Vöge, W 42, 1963 

Vogels, H. J 42, 53i, 167i, 2 

Wordsworth, J 42, I681, 220 

Wormald, Fr 16 

Wulff, 42, 224* 

Zahn, R 42, 192* 

Zahn, Th 42, 46i, 3 

Zimmermann, E. H., 42, 140i, 174, 
1751,3, 1793^ 1801, 2071, 2643 


311 


IV. ORTS- UND SACHVERZEICHNIS 


Ada-Schule 176 

Aedicularahmen 204 

Ägypten 263 

Architekturornamentik, antike 197ff. 

Architravstreifen 96, 233 

Armenien, 61—63, 70, 943, 112, 273 

Antiochia 258 — 259 

Athos 143 

Balkan 263 

Basilika 264 

Beschläge mit Stempelverzeinung, 

237—238 

Beth-Bisho 226 

Beth-Zagba, Johanneskloster. . . . 225 
Bilderfeindlichkeit, Bilderstreit, 
siehe Ikonoklasmus. 

Bobbio 148 

Bouxieres-aux-Dames 265 

Buchtitelwesen 203 — 204 

Bühne, römische 205 

Bühnenmalerei, hellenistische. . lO?'^ 

Cadiz 120, 121^ 

Caesarea, 49—50, 109—112, 125, 273 

Chriophoros 241^ 

Diatessaron, 45 — 46, 48, 115, 252—254, 

276 

Doppelbasis 235 

Ferrieres 177, 191^ 

Fibeln mit Stempelverzierung ,237 — 

238 
Flachbogen, siehe Segmentbogen. 

Fleury 175, 177, 191i 

Freising 150 

Gabbula, Isaakkloster 226 

Gandhara-Plastik 123 ' 

Georgien. 1110—111, 113—116 

Giebel 155, 198ff., 265ff. 

Gnosticismus 46 

Gouache 277^ 

Halbkreisbogen 79—82, 131, 155 

312 


Handtafeln, astornomische. . 117, 273 

"Heiliger Bogen" 125 

Hufeisenbogen 79, 82, 155, 232—233 
Ikonoklasmus.. 138, 239^, 286, 287 

Imposten 198 

Initialornamentik 194^ 

Inkrustationsstil 236 

Itineraria 120, 121 

Kalender vom J. 354, 119, 201, 238^ 

Kappadokien 60^ 

Kerbschnittbronzen 238^ 

Kleinasien 61, 145 

Konstantinopel, 50, 58, 60—60, 143— 

146, 150—152, 162—164, 256, 273, 

276ff., 285 

Lüttich 1964 

Manichäische Buchmalerei .... 120^ 

Mar-Anania 224 

Medaillonporträts 132—134, 144, 179^ 

Mesopotamien 267- 

Metz 196, 266^ 

Naturalismus 138^ 

Nicäa 227 

Oberitalien 220 

Onomastiken des Eusebius .... 121 ^ 

Orleans 17, 177, 191^ 

Peschilta. . 223ff., 227, 254, 258^, 275 
Prologe 48—49, 94ff., 128, 217—218, 

255—256 

Provinzialismus 276 

Purpurcodices 162i, 258, 263ff. 

Ravenna.. 150—152, 218—219, 266% 
268—269, 283—285 

Reichenau 196 

Reims 195ff. 

Renaissance, spätrömische 206, 275 

Rom 175, 194, 282 

Sanctuarium 103 

Säulensarkophage 123 

scenae frons 205 


Schleifenkranz .. 157—161, 219, 280 

Schmelzarbeit 136 

Seekentauren 201 

Segmentbogen 155, 233 

Serienproduktion 190 

Siegelbilder, altorientalische... 241^ 

Silhouette 264 

Soissons 175 — 176 

Sösdala 237 

Stabarkaden 235 

St. Denis 195^ 

St. Omer 210 

S. Vincenzo al Volturno 177 

Süditalien 220 

Symbolik des Kanonbogens 125 — 126 
Symbolische Darstellung. . . 250 — 251 
Taron o2 


Terrakotta mit Relief darstellung 

123—24, 205—206 

Tholosmotiv 107, 274 

Toul 265 

Triumphbogen 125 

typologische Darstellung 257 

übergreifender Bogen 131, 193 — 194, 

217, 280 

Untersiebenbrunn 237 

Wachstempera 277^ 

Warag 62 

Weihnachtsfest 112 

Vicarello 120, 121 

Vivarium 284^ 

Vulgata 167 

Zierseite 157—11, 219, 280 


313 


V. TERMINOLOGISCHES VERZEICHNIS 


Aufrißform 74 

Besatzornamentik 85 — 86 

Bogentypus 173—174, 175ff. 

Dimensionierung der Kanontafeln 

289—297 

Evangelienharmonie 45 — 46 

Evangelienkonkordanz 47ff . 

Evangeliensynopsis 46 — ^47 

Explicit-Incipit-Titel 203 

Füllornamentik 85 — 86 

Gebälktypus 173—174, 195ff. 

Gliederornamentik (135), 287 

Grundrißform 74 

Inkrustationsornamentik 236 

Itemzeichen 193 

Kanonbogen 73 

Kanontafel 73 

Kolorismus 137 

Kolumnengruppe 65^ 

Kreuzzeichen 193 

Leiterstruktur 182—183 


Liniennetz, siehe Rechtecknetz. 
Marginalkonkordanz 223—224, 263ff. 

Massenornament 91 — 93 

m-Typus 77, 154—155, 231—234 

m-n-Typus 77, 180, 212, 231—234 

n-Typus 77, 154—155, 212 

Paarkoniposition 87 — 88 

Polychromie- 137 

Prologseite 94ff. 

Randminiaturen 239ff. 

Rechtecknetz 74—75, 83—84, 182—183 

Redaktionsanalyse 52 — 54 

Schlußseite 102ff . 

Sektionen 47 

Sektionseinteilung .... 140 — 142, 223 

struktiv 137 

textil 137 

Textkolumne 65^ 

übergreifender Bogen.. 131, 193 — 194 

Zierseite 157 — 161 

Ziffernspalte 65^ 


314 


VI. IKONOGRAPHISCHES VERZEICHNIS 


Aaron 244, Taf. 130 

Abendmahl 246, Taf. 146 

Ammonius Vorsatztafel 

Arnos 245, Taf. 134 

Anbetung der Könige 253 

Apostel 133, 134, 1793, Taf. 1—4, 7, 

74—83 

Christogram in Arkade 126 

Daniel 246, Taf. 140 

David 245, Taf. 132 

Deesis Taf. 6 

Einzug in Jerusalem 246, 250^, Taf. 

146 

Elisa 246, Taf. 141 

Engel 201 

Eusebiius Vorsatztafel 

Evangelisten 115, 162, 246, 258, Taf. 

142—143 
Evangelistensymbole 170, Taf. 72—73 

Ezechiel 246, Taf. 140 

Frauen am Grabe 242, 247, 253, Taf. 

128 
Geburt Christi 245, 253, Taf. 5, 132 
Gefangennahme Christi 246, Taf. 147 
guter Hirt.. 241, 247, 253, Taf. 121 

Habakuk 245, Taf. 138 

Haggai 245, Taf. 138 

Heilung d. Aussätzigen 245' 

Heilung d. Blinden 245^ 

Heilung d. Blinden u. Krüppeln 246, 

Taf. 145 

Heilung d. blutflüssigen Weibes 240, 

245, 2481, Taf. 120, 134 

Heilung d. Dieners d. Hauptmannes 

v. Kapharnaum 246, Taf. 144 

Heilung d. krummen Weibes, 240, 

245, 2521, Taf. 118—119, 135 

Heilung d. Lahmen 245, Taf. 134 

Heilung d. Sohnes d. Witwe v. Na In 
245, Taf. 136 


Heilung d. Tochter Jairi 246, Taf. 139 
Heilung d. Wassersüchtigen 245, Taf. 

138 

Hiob 245, Taf. 13" 

Hochzeit zu Kana 241, 245, 252i, Taf. 

122, 133 

Hosea 245, Taf. 133 

Jeremia 246, Taf. 139 

Jesaja 245, Taf. 137 

Joel 245, Taf. 133 

Johannes 162, 246, Taf. 142 

Jonas 245, Taf. 135 

Josua 245, Taf. 131 

Kindermord 245, Taf. 132 

Kreuz in Arkade 216 

Kreuz in Schleifenkranz 157—161, 280 

Kreuzigung 253, 257 

Lukas 162, 246, 258, Taf. 143 

Maleachi 246, Taf. 141 

Marcus 161, 246, 258, Taf. 143 

Matthäus.... J6J, 246, 258, Taf. 142 

Micha 245, Taf. 135 

Moses 244, Taf. 130 

Nahum 245, Taf. 136 

Obadja 245, Taf. 134 

Sacharia 246, Taf. 139 

Salomo 245, Taf. 132 

Samariterin 245, Taf. 135 

Samuel 245, Taf. 131 

Selbstmord des Judas 246, Taf. 147 
Taufe Christi 245, 250^, 253, Taf. 132 
Verhör Christi vor Pilatus 244, 246, 

Taf. 148 

Verklärung Christi 245, Taf. 137 

Verkündigung Mariae 240, 245, 250^, 
253, Taf. 5, 116—117, 131 
Verkündigung Zachariae 244, Taf. 130 
Verleugnung Petri, 250, Taf. 123 (?) 
Vermehrung der Fische u. Brote, 

Taf. 144 

315 


VIL VERZEICHNIS DER ORNAMENTMOTIVE 


Adler 201—202, Taf. 165a 

Akanthus 87, 138, 1453, Taf. 1 — t, 
15—30 etc. 

Amphora Taf. 135 

Antilope 245, Taf. 135 

Blattfries 89, Taf. 22—23, 35b 

Blattguirlande 89, 922 Taf. 14b, 20— 
21, 28, 30, 35b, 42, 131 
Blumenguirlande. . 214, Taf. 88, 98 
Blumenkorb 87, 239^, 242, 251, Taf. 
8, 20—21, 25—30, 47, 115 
Blumenvase 100, Taf. 11, 16—17, 31, 

130 

Blumen und Rauten 185, 187^, 214, 

Taf. 48, 54, 70, 87, 92, 96, 107a 

Chevronmuster 214, Taf. 101, 138 

Doppelaxtmuster 185 

Eierstab 197—198, Taf. 162, 163, 164 

Ente 189—192, Taf. 24, 35a, 39, 47, 

56, 64, 66, 73, 76, 141, 144—145 

Facettenmuster 185, 1872, Taf. 67, 72, 

78 

Fasan 189—192, 239i, 242, Taf. 39, 

67, 81, 124— 125(?) 

Flamingo 189—190, Taf. 78 

Fisch 135, Taf. 3, 35a 

Fruchtguirlande 185, 187^, 214, 215^, 

Taf. 49, 52, 68, 86, 93, 110b 

Fruchtkorb.. 242, 251, Taf. 114, 152 

Füllhorn 246 

gedrehtes Band 185, 187i, Taf. 64, 73, 

79, 132 

Geflechtmuster 89, 134, 214, 215^, Taf. 

36, 38, 58, 105a, 129b, 136, 147 

gefälteltes Band, 185, 187i, 214, Taf. 

50, 57a, 83, 85, 97, 104b, 134 

Gemmenborte 198, Taf. 130, 163b 

Granatäpfelstaude 87, 100, Taf. 16—17, 
20—21, 25—30 

316 


Hahn, 189—192, 242, Taf. 39, 65, 74, 

123, 147 
Halbkreise und Quadraten 214, Taf. 

109, 111 

Hase 246, Taf. 144 

Herzblatt 135, Taf. 3—4 

Herzmuster Taf. 42, 59b 

Hindin 244, Taf. 39a, 130 

Hirsch.... 244, Taf. 38. 39, 130, 138 

Ibis 242, Taf. 115 

Kandelaberranke 135, Taf. 3 

kleinzackiger Blattlcranz 185, 1872, 214, 

Taf. 51, 55, 105b 

Knotenmotiv 215, Taf. 105a 

Korb Taf. 3, 42, 139 

Kranich 87, Taf. 22—23, 26b— 30(?), 

33b, 35b, 39, 142 
Kreissegmentmuster, Taf. 131, 140, 

141 
Kreis- und Kreuzmuster, Taf. 133, 140 
Kymation 197—198, Taf. 162, 166b 

Laubsägeornamentik 89 

Leopard Taf. 12a, 35b 

lesbisches Kymation 197 — 198, Taf. 

162, 166b 
lineare Ranke.. 156, Taf. 29a, 45, 73 

Lorbeerwulst Taf. 2 

Mäander, einfacher 185, 214, Taf. 66, 

104a, 108 

Mäander, einf. mit Einlagen 185, 214, 

Taf. 71, 80, 90, 100, 106a 

Mäander, doppelter m. Einl. 185, 214, 

Taf. 33b, 56, 57b, 84, 89, 107b, 113, 142 

Muschelreihe 97, 134, Taf. 1 

Palmettenbögen 185, 214, 216, Taf. 5, 

74, 91, 102, lila 
Palmettenranke.... 98, Taf. 15, 33a 

Papagei 189—190, Taf. 82 

Perlenschnur 197—198, Taf. 162 


Pfau 99, 157, 189—192, Taf. 8, 11, 13, 

15, 25— 26a, 31, 34, 38, 39, 49—50, 61, 

69, 140 

Phantasievogel Taf. 71 

pistillförmige Zacken 156, Taf. 40 — 46 
Punktmuster ... 265—268, Taf. 16Öb 
Punkt- und Strichmuster 237, 238, Taf. 

114—128 
Quadraten und Rhomben 98, Taf. 15, 
(25), (34), 36, 134 
Rabe 87, Taf. 9, 20—21, 142, 146, 148 
Rautenband mit Füllmotiven 185, Taf. 
28, 76—77 
Rautenmuster, mosaikartiges 156, Taf. 

40, 46 
Rautenmuster, spektralfarbiges 97, 
1872, Taf. 5—7, 13, 15, 25, 31— 32a, 

34, 143 
Regenbogen 214, 216, Taf. 43, 106b 
Reiher.... 189—192, Taf. 68, 72, 80 

Rosetten 134, Taf. 1—2 

Schaf 245, Taf. 136, 137 

schlangentötender Vogel 242, 250, 251, 

Taf. 127 
Schraubstrichmuster 98, 238, Taf. 31, 

79, (114) 
Schuppenmuster 90, 185, 214, Taf. 14a, 

16, 29, 32b, 60, 62, 69, 94, 112a, 129a, 

143, 148 

Schwan Taf. 33b 

Seckentaiuren 201, Taf. 168 

Springbrunnen... 242, 250, Taf. 126 


Steinhuhn 87, 189, 239i, Taf. 9, 18— 
19, 27—28, 30, 79, 136, 137 

Stempelornamentik 237, 258 

Storch Taf. 39b 

Taube 87, 159, Taf. 10, 16—17, 32b, 

39b, 134(?), 138, 148 

Trappe 189—192, Taf. 14a, 48, 51, 

75, 83 

Treppenmuster Taf. 135, 139 

Tulpenstaude, 89, 92^, 185, 214, Taf. 

9, 10b, 14b, 15, 18—19, 22—23, 24. 

32b, 33, 35b, 47, 133, 144—147 

Tupfenmuster 89, 922, 135, 114, Taf. 

18—19, 65, 75, 95, 99, 110a 

Vase mit Vögeln auf den Rand 244^ 

"Watvogel, schlangentötender 239i. 

242, Taf. 127 

Wellenband, 89, 922, 214, 216, Taf. 17, 

26, 40, 41, 43, 44, 112b, 139, 147 

Wellenlinie mit zwickelfüllenden 

Kreisen Taf. 25, 130 

Vierblattrosetten 185, Taf. 53 

Wirbelscheiben 134, Taf. 2 

Vogel + Blütenstaude, 192, 253^, Taf. 
48—51, 60, 64—71 

Vogelkäfig 87, Taf. 18 

Wolkenband .... 185, Taf. 81, (143) 
V-X-Muster 185, 1872, 214, Taf. 70, 103 

Zahnschnittfries 199, Taf. 166a 

Zopfband 185, 237, 238, Taf. 27, 35a, 
41, 44, 58a, 59b, 82 


317 


VIII. VERZEICHNIS DER TEXTABBILDUNGEN 


Vorsatztafel: Eusebius und Ammonius. Florenz, Biblioteca Laurentiana, 
Plut. I, 56, fol. 2a. Nach Photo der CoUection des Hautes fitudes. 
Abb. Seite 

1. Athos, Stauromkita, Klosterbibliothek, cod. 43, fol. 8b. Kanontafel 
der größeren griechischen Folge. Nach Photo der Athos-Prince- 

ton Expedition 1935 59 

2. Venedig, Biblioteca Marciana, gr. I, 8, fol. 3a. Titelseite zu den 
Kanones. Nach K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des 

9. und 10. Jahrhunderts, 1935, Taf. XVII, Abb. 92 104 

3. Darstellung des heil. Grabes auf palästinensiclien OelampuUen. 
Zeichnungen nach O. Marucchi, Handbuch der christlichen Archäo- 
logie, Fig. 14 — 15 u. Festschrift Paul Giemen, S. 155, Fig. 4 107 

4. Adysh, Kirchenschatz, Evangeliar, fol. 4b. Kanon VI — IX. Nach 
Mater ialy po archeologii Kavkaza XIV, 1916, Taf. 4 114 

5. Adysh, Kirchenschatz, Evangeliar, fol. 5b. Schlußseite zu den Ka- 
nones. Nach Materialy po archeologia Kavkaza, XIV, 1916, Taf. 5 115 

6. Vatikan, Biblioteca Apostolica, Vat. gr. 1291, fol. 22b. Astrono- 
mische Tabelle einer Ptolemäus-Handschrift. Nach Photo des Verf. 118 

7. Vatikan, Biblioteca Apostolica, Barb. lat. 2154, fol. 7a. Kopie nach 
dem römischen Kalender vom J. 354. Nach J. Strzygowski, Die 
Calenderbilder des Chronographen vom Jahre 354, 1888, Taf. IX 119 

8. Silberbecher mit Itinerarium Cadiz-Rom. Rom, Museo Nazionale. 
Zeichnung nach Corp. Inscr. Lat. XI : 1, S. 497 121 

9. Leptis Magna, Forum des Septimius Severus. Zeichnung nach 
Palladio I, 1937, S. 10, fig. 8 122 

10. Jerusalem, Deckel eines jüdischen Ossuariums. Zeichnung nach 

C. Watzinger, Denkmäler Palästinas 11, 1935, S. 75, Abb. 6 123 

11. Terrakotta mit Nillandschaft in Arkade. Rom Museo Nazionale. 
Zeichnung nach Die antiken Terrakotten IV: 2, 1911, Taf. XXVII 12 t 

12. London, British Museum, Add. 5111, fol. IIb. Rekonstruktions- 
Zeichnung nach einer Aufnahme des British Museums 128 

13. London, British Museum, Add. 5111, fol. 10b. Vergrößerung nach 
einer Aufnahme des Birtish Museums 133 

14. Reliquienkreuz des Kaisers Justinus II (565 — 578). Vatikan, Schatz 
von St. Peter. Zeichnung nach H. Peirce u. R. Tylor, L'art byzan- 

tin II, 1934, fig. 199b 144 

15. Borte eines Seidenstoffes aus Sancta Sanctorum. Vatikan, Museo 
Christiano. Zeichn. n. Peirce u. Tylor L'art byzantin, II, fig. 181 145 

16. Borte einer Reliefplatte aus Kleinasien. Konstantinopel, Ottoma- 
sches Museum. Zeichn. n. Peirce u. Tylor, L'art byzantin II, fig. 19a 146 

318 


17. München, Staatsbibliothek, Clm. 6212, fol. 12b. Kanon II. Kopie 
nach einer ravennati sehen Vorlage. Nach einer Aufnahme des 
Verfassers 151 

18. Wien, Nationalbibliothek, cod. 847, fol. la. Zierseite mit Schleifen- 
kranz. Zeichnung nach H. J. Hermann, Die frühmittelalterlichen 
Handschriften, 1923, Taf. VII ..... 157 

19. Wien, Nationalbibliothek, cod. 847, fol. 7a. Zierseite mit Schlei- 
fenkranz. Zeichnung nach H. Gerstinger, Die griechische Buch- 
malerei, 1926, Taf. VIII: b 159 

20. Athos, Lawra A. 23, fol. 7b. Zierseite mit Schleifenkranz. Zeich- 
nung nach K. Weitzmann, Die byzantinische Buchmalerei des 9. 
und 10. Jahrhunderts, 1935, Taf. II, Abb. 6 159 

21. Vatikan, Biblioteca Apostolica, Pal. gr. 220, fol. la. Zierseite mit 
Schleifenkranz. Zeichnung nach K. Weitzmann, Die armenische 
Buchmalerei des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts, 1933, Taf. 

V, Abb. 14 . 159 

22. Gent, St. Bavo, Livinus-Evangeliar, fol. 144b. Titelseite mit Schlei- 
fenkranz. Zeichnjung nach Belgische Kunstdenkmäler I, 1923, Abb. 11 159 

23. Rossano, Domschatz, Codex Purpureus, fol. 5a. Titelseite zu den 
Kanones. Zeichnung nach A. Muiioz, II codice purpureo di Ros- 
sano, 1907, Taf. IX 162 

24. P'ragment einer Glasschale mit Darstellung des Diocletianus(?). 
Rom, Antiquariuni. Zeichnung nach Bull. Comm. XII, 1882, Taf. XX 204 

25. Terrakotta mit Darstellung einer römischen Bühne. Rom, Museo 
Nazionale. Zeichn. n. Die antiken Terrakotten IV: 2, 1911, Taf. 81 205 

26. Münze des Commodus. Nach Österr. Jahresh. VII, 1904, S. 26, 

fig. 26 207 

27. London, British Museum, Add. 17213, fol. Ib. Kanon I. Nach 
einer Aufnahme des Verfassers 226 

28. Paris, Bibliotheque Nationale syr. 33. Füllornamente der Kanon- 
bögen. Zeichnungen nach Aufnahmen des Verfassers 237 

29. Ornamentmotive auf germanische Schmucksachen. Zeichnungen 
nach J. E. Forssander, Provinzialrömisches und Germanisches, 1937, 
Abb. 1, 3, 4, 17, 27, 238 

30. Nancy, Domschatz, Liturgischer Kamm (Ausschnitt). Zeichniung 
nach A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen I, Taf. XL VI, fig. 101 266 

31. Berlin, Beuth-Schinkel-Museum, Pyxis (entwickelte Mantelfläche). 
Zeichnung nach Zs.d.Deutsch. Ver.f.Kunstw. II, 1935, S. 483, Abb. 6 267 

32. Ägyptische Knochenschnitzereien. a-B : Berlin, Kaiser-Friedrich- 
Museum, c: Kairo, Nationalmuseum, Zeichnungen nach Aufnahmen 

u. nach J. Strzygowski, Koptische Kunst, 1902, S. 200, Abb. 264 268 

33. Paris, Bibliotheque Nationale, Coislin gr. 195, fol. 4b — 5a. Prolog- 
seiten. Nach einer Aufnahme des Verfassers 277 

34. Paris, Bibliotheque Nationale, Coislin gr. 195, fol. 7b — 8a. Kanon 

III — ^V. Nach einer Aufnahme des Verfassers 279 

319 


D Ruc: 


S. 21, Zeile 15 von oben: 

S. 23, Zeile 13 von oben: 
S. 33, Zeile 4 von unten: 
S. 49, Zeile 12 von unten: 
S. 57, Zeile 2 von unten: 
S. 61, Zeile 3 von unten: 
S. 75, Zeile 4 von unten: 
S. 89, Zeile 13 von oben: 

S. 92, Zeile 1 von unten: ] 

S. 97, Zeile 18 von oben: 
S. 97, Zeile 8 von unten: ] 

S. 111, Anm. 5, Zeile 3 von oj 

S. 175, Zeile 1 von oben: li 

S. 183, Zeile 7 von oben: ] 

S. 198, Zeile 198, Zeile 2 vor 

S. 207, Anm. 1, Zeile 4 von o 

S. 211, Zeile 2 von oben: lie 

S. 255, Anm. 1, Zeile 3: lies 

S. 300, Zeile 18: lies griech. 

S. 300, Zeile 18: lies Hieron; 

S. 301, Zeile 11: lies Livinus 

S. 301, Zeile 16: lies sec. XI 


320 


DRUCKFEHLER 


oben: lies altkirchlichen statt altkirk- 

lichen. 

lies franQaise statt franQaises.. 

lies l'Afrique statt l'Arique. 

lies Anschluss statt Auschluss. 

lies A statt A und B. 

lies enthält statt enhält. 

lies Einrahmung statt Einramung. 

lies Konstantinopolitaner statt Koa- 

stantinopelitaner, 

lies Es dürfte auch, wenn 

statt Es dürfte, auch wenn. 

lies Oberbaus statt Oberhaus. 

lies gerechnet statt berechnet, 
^e 3 von oben: lies erschienenen statt erschie- 
nen. 

1 oben: lies schrift- statt text-. 
1 oben : lies griechischen statt grieschisohen. 
eile 2 von unten: lies Bogen statt Bogen-. 
le 4 von oben: lies Kanonbögen statt Kanon- 

bögn. 
oben: lies normalen statt normaler, 
ile 3: lies Briefes statt Brieles. 
3S igriech. statt greich. 
3S Hieronymi .statt Hieronymis. 
58 Livinus statt Vivinus. 
iis sec. XI(?) statt sec. X. 


i oben: 
|i unten; 
unten : 
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oben : 
unten: 


DIE KLEirSERE GRIECHI 



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Paris gr. 70 


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Paris Coislin 20 



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Wien ^heol.gr. 240 


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Berlin Harn. 24-6 

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III IV 

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London Add. 5111 



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Kunsfhandel Aej^hiop-Evang 


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III IV 


San Lazzaro 1144 


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III IV 

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Efschmiadzin 229 


II II II 

II III 


Wien Mechi^. 697 


II ii II 

III IV 



Jerusalem 2555 j ' ' 

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II ii 

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ili IV 

Vahkan Pal. gr. 220 

1 1 

1 II 

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Venedig gr. L8 

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A^hos Lawra A23 1 

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II Ili 

Wien cod 847 1 

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II Ili 

München Clm. 6212 \ 1 1 

II 11 

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DIE GROSSERE GRIECHIN 


A^hos Steuronikil^a 4-3 

1 1 

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II II 

II III 

IV 

Vafikan Va^. gr. 364 

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Paris suppl gr 75 

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Wien suppl. gr. 50 

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Mhen qr. 57 

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Berlin gr. 4§ 39 

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BEILAGE A 


lECHISGHE KAINOINFOLGE 



3 


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III 

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GRIECHISCHE KANOM FOLGE 


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Paris syr. 33 

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II 

II 

II 

III 


Florenz Pluf.1,56 

1 

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II 

II 

II 

II 

111 


London Add. 17213 

1 

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II 

II 




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Berlin Phillipps 1388 

1 

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II 

II 

II 

II 

III 


London Add. 144-50 




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DIE KLEINERE LATEIINI* 


Aachen Domschafz 

1 
1 

2 

3 

II 

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II 

5 
II 

Lperna3' 1 

1 


II 

II 

II 

Paris U 17968 

1 


II 

II 

II 

Manchester \di 10 

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II 

II 

1 Köln Dombibl. 12 

1 


II 


II 

Vahkan Vaf. Iaf,3806 

1 








Paris laf. 256 

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II 


II 

Trier Domschafz 61/134 

1 


II 


II 

VahkanVaüaf.5465 

1 


II 


II 

Paris laf. 8850 

1 


II 


II 

Lepuj Domschafz 

1 


II 


11 

Paris laf. 9380 

1 


II 


II 

London Marl. 2795 1 


II 


II 


BEILAGE B 


iE KAINONFOLGE 


10 11 


13 14 


16 


18 


19 


II 

III 

IV 

V V 

V 

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VII 

VIII 

IX 

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III 

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rEIINISCHE KAINOrSFOLGE 



5 

6 

7 


8 

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10 

11 

12 


II 

III 

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III 

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DIE ERSTE GRÖSSERE LATi 


London Nero D. IV 




11 




Würzburg fh.fol.66 




II 




Paris Arsenal 599 




II 




München Clm. 23631 




II 




\^ien Schatz kämm er 




II 




VahkanVaüaU523 




1! 




München Clm. 5250 




II 




1 2 3 

4-5678 

London Harl. 1775 

1 

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II 

II 

II 

II 

II 

Genf Sf. Bavo 

1 

1 

1 

II 

II 

II 

II 

II 

DIE ZWEITE 

1 2 3 

GRÖSSERE LAT 

4-567 

Tours 22 

1 

1 

11 

II 

11 

III 

IV 

London Harl. £790 

1 

I 

II 

II 

11 

111 

IV 

Berlin <^h. Iah fol. 3 

1 

1 

11 

II 

II 

III 

IV 

Kopenhagen gl. kgl.S. 1525 4? 

1 

1 

II 

II 

11 

HI 

IV 


=: LATEI^rSCHE KAINONFOLGE 



6 


7 

6 

9 

10 

II 

12 

13 

14 


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16 

11 

11 

III 

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V V 

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VI VI 

VII VIII 

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IV 

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VI VI 

VII VIII 

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